Die ruhige und geschützte See nördlich von Tromsø haben wir nun hinter uns gelassen, von der Barentssee ist aber nicht viel zu spüren. Kurz vor Havøysund bin ich wach und gehe an Deck: Ruhige See, schöner Himmel und kein entgegenkommendes Schiff: Die vier Schiffe von Havila fahren noch nicht, was Lücken im Fahrplan hinterlässt.
Havøysund
Havøysund erreichen wir planmäßig gegen 8:30 – ein guter Zeitpunkt, um zu frühstücken. Die anschließende Fahrt durch den Magerøyasund verbringe ich teils an Deck und teils mit der Reiseleitersprechstunde auf Deck 4. Das nächste Ziel ist Honningsvåg um 10:55 mit gut viereinhalb Stunden Aufenthalt: Von hier starten die Ausflugsbusse zum Nordkapp. Zwei oder drei fahren hin, es können also nicht mehr als 200 Passagiere an Bord sein.
Bis es soweit ist, gilt es, die Anfahrt zu genießen: Ein karges Land, das in den Herbstfarben aber noch nicht so trostlos ist wie im November. Bei meiner nächsten Tour im Dezember ist hier schon Polarnacht, dafür liegt dann hoffentlich auch schon Schnee. Aktuell präsentiert die Gegend sich noch durchaus hübsch.
Honningsvåg
Die Wolkenlücken machen Hoffnung für den Abend…
Dreimal Nordkap(p)
Ich fahre wieder nicht zum Nordkapp, sondern mache meinen üblichen Spaziergang durch den Ort. Es gibt einige neue Baustellen und erfreulich wenig Geschäftsaufgaben. Direkt am Kai sind nun die MS Nordkapp, das Nordkap-Museum (das sich nicht allzusehr lohnt, meiner Meinung nach) und Nordkap-Taxi – allerdings fahren heute keine Taxis zum Nordkap, wo früher einige auf preisbewusste Passagiere warteten. Wahrscheinlich hat der Lockdown dafür gesorgt, dass die Fahrer sich andere Jobs gesucht haben.
Das Souvenirgeschäft am Hafen hat jetzt komplett auf Weihnachten umgestellt, die Kunst im Hafen ist geblieben.
Bei schönstem Wetter gehe ich auf die andere Seite vom Hafenbecken, um unser Schiff zu knipsen, dann geht es über die Kirche hoch zum alten Friedhof. Dort hat man einen schönen Blick auf den Hafen und das Schiff, leider regnet es mittlerweile auch etwas. Den Abstecher zum Denkmal für den örtlichen Regisseur schenke ich mir daher und mache mich auf den Rückweg. Dabei treffe ich Anja: Sie hat Blumen für ihren Garten gesammelt und arbeitet als Reiseführerin zum Nordkap – sobald es wieder Touren gibt. Wir haben ein nettes kleines Gespräch auf Deutsch – richtig ungewohnt, sich im Ausland auf Deutsch zu unterhalten.
Das Weihnachtshaus
Kunst im Hafen
Perleporten
Die Kirche
Blick vom Berg
Alles wird gut!
Da der Wind doch unangenehm ist, mache ich mich auf den Rückweg zum Schiff, wo ich die Sicherheitsübung miterlebe. Viel kriege ich davon aber nicht mit: Die Durchsagen sind auf Norwegisch (außer dem Hinweis, dass Gäste nicht mitspielen dürfen), und die Crew übt wohl Evakuierung – ich kriege im Panoramasalon nicht viel davon mit. Vorher mache ich noch ein paar Aufnahmen vom fast leeren Schiff:
Die Nordkapp von innen.
Das wars dann eigentlich auch schon für mich mit Honningsvåg. Einziges Souvenir: Ich nehme jetzt doch zwei Bücher von Eva Schmutterer mit, die es ans Nordkap verschlagen hat und deren Büchlein mir seit langem empfohlen werden.
Die anschließende Fahrt nach Kjøllefjord ist trotz offener Seestrecke sehr ruhig, wer will, kann sich mit Apfelkuchen und heißer Schokolade versorgen oder den Vortrag über die Sami anhören, den das Schiff anbietet. Er wohl lang, aber gut – ich war stattdessen an Deck. Vielleicht komme ich mal wieder dazu, mir die Schiffsvorträge anzuhören oder beim Gathering des Expeditionsteams zuzuhören. Aber nicht heute – es ist schön draußen!
Kurz vor Kjøllefjord kommt auch die Finnkirche in Sicht, eine nette Felsformation, die aus dem richtigen Blickwinkel an Kirche und Kapelle erinnert. Im Winter wurde sie früher auch beleuchtet, heute gibt es immerhin einen Point of Interest. Zumindest wird sie über die Bordsprechanlage beschrieben, ob an Deck 7 auch etwas stattfindet, weiß ich nicht. Mit Kabine auf Deck 3 und der neuen Inneneinrichtung auf Deck 7 bin ich meist nur auf dem Umlaufdeck 5.
Finnkirche
Blick zurück
Finnkirche
Kjøllefjord ist im Winter, wenn es eingeschneit ist, wunderhübsch, jetzt macht es weniger her. Dafür ist es für die Finnkirche hell genug. Dann bleibt noch ein wenig Zeit bis zum Abendessen: Das berühmte Nordkapp-Buffett mit Schwerpunkt Meeresfrüchte. Hübsch anzusehen ist es ja, auch wenn ich mich lieber an Rentiereintopf und Käsebrote halte. Der letzte Nachtisch-Pudding war dann vielleicht etwas zu viel…
Nordkap-Buffett
Mehamn hat wohl ein Möwenproblem
Anschließend wird es wieder frustrierend: 100% Bewölkung sind angesagt, ich schaue immer wieder raus und sehe, wie die Wolkenlücken immer weniger werden. In Mehamn ist nichts zu sehen (außer einem Möwenproblem, wenn ich mir das Lagergebäude am Kai so anschaue), danach sehe ich zwar immer wieder einzelne Sterne, aber sonst nichts.
Also bin ich die meiste Zeit auf Deck 4 und arbeite etwas, wobei ich immer wieder rausschaue. Anscheinen gab es eine halbe Stunde Polarlicht, die ich aber verpasst habe – und wer sie gesehen hat, hat nicht Bescheid gesagt, sodass es auch keine Durchsage gab.
Ich erfahre es dann aus Deutschland, weil da dieser Tweet aufgefallen war:
Ich verpasse dagegen auch die Schiffsbegegnung nach Berlevåg (angesagt wurde sie nicht) und beobachte die Nordlys nur aus dem Fenster, während ich ein Nordlys trinke. Wenn das sonst schon nichts wird…
Gegen 22:40 schaue ich noch einmal raus und sehe tatsächlich einen blassen Bogen Nordlicht. Halleluja, hoffentlich hält das!
Schnell die Kamera an die Reling geschraubt und zur Rezeption gespurtet – aber die gute Frau telefoniert. Und telefoniert. Und eröffnet mir dann, dass sich das Nordlicht gerade schon wieder verabschiedet hat. Es gäbe in einer Stunde oder so noch eine Chance. Und tatsächlich: Als ich wieder an Deck gehe, ist da nichts mehr, das war keine Minute, nachdem ich im Schiff war, auch weg.
Und in dieser Nacht kommt auch nichts mehr; kurz vor Mitternacht gebe ich endgültig aus.
Was für ein Tag – heute gab es wirklich alle Gefühle, von Freude bis Bangen. Angefangen hat es damit, dass ich früher als geplant wach wurde – in Harstad.
Harstad am Morgen
Die Kong Harald wartet
Der Himmel bot an diesem Morgen wieder alles auf einmal, von klarem Himmel bis dramatischen Wolken und interessanten Lichtern. Am Hafen wird groß gebaut, wir parken neben einer Baugrube. Ich muss in meinen alten Berichten mal schauen, wie es da früher aussah. Der Blick vom Bug war schöner: Links sprüht die Wasserfontaine zur Begrüßung (später wird sie abgeschaltet), links davon ist die alte Steinkirche, die mit dem Vesterålen-Busausflug auf der südgehenden Route besucht wird, und vor uns wartet die Kong Harald darauf, dass wir den Kai frei machen. Soweit sieht es nach einem guten Tag aus.
Ich habe übrigens erstmals eine Kabine mit Ausblick: Normalerweise erhalten wir die Rettungsbootkabinen, haben also Tageslicht, aber nur freien Blick auf die Rettungsboote. Ich sehe also in der Regel nur dann etwas, wenn das Schiff evakuiert wird. Jetzt bin ich auf Deck 3 und muss zwar mehr Treppen steigen, um nach dem Polarlicht zu schauen, aber kann dafür aus dem Fenster sehen.
Die Kong Harald drängelt
Umso ungewöhnlicher ist es, aus dem Fenster sehen zu können und zu sehen, dass wir wohl Verspätung haben: Die Kong Harald drängelt.
Für mich fängt der Arbeitstag heute früh an: Um 10 Uhr, bevor wir Finnsnes erreichen, halte ich meinen dritten Vortrag. Auf diesem ziemlich leeren Schiff war es kein Problem, den Vortragsraum zu guten Zeiten zu kriegen. Der schöne Morgen wurde mittlerweile auch durch Nebel abgelöst, sodass keiner was verpasst. Auch wenn es immer wieder schöne Lichtstrahlen gibt.
Für diesen Vortrag hatte ich mir die Sonne als Thema herausgesucht. Ein bisschen Sonnenflecken, ein bisschen Leben der Sterne, ein bisschen Kernfusion, ein bisschen mit meinem H-alpha-Ansatz angeben – ich versuche, so viele eigene Bilder wie möglich zu zeigen, wobei die NASA-Filme natürlich immer noch besser sind. Bis auf einen Vortrag zum Thema Nordlicht sind wir bei der Themengestaltung auf den Nordlicht-und-Sterne-Touren völlig frei – was auch gut ist, denn wenn man über Themen referiert, die einen nicht interessieren, kommt nichts vernünftiges dabei raus.
Kurs auf Finnsnes
In Finnsnes bleibe ich wie wohl alle anderen an Bord. Das Schiff hat das Treffen mit dem Expeditionsteam (den Bordreiseleitern) auf die Liegezeit im Hafen gelegt, und wir geben parallel noch ein paar Tips zu Tromsø. Eigentlich sind Veranstaltungen im Hafen blöd, aber zurzeit macht es Sinn: Wenn im Hafen wenige von Bord gehen, besteht auch weniger Gefahr, Krankheiten auszutauschen. Dank Corona dürfen in den Häfen keine Besucher an Bord kommen, und noch vor kurzem waren immer wieder einige Häfen gesperrt, sodass dort niemand für einen Spaziergang von Bord durfte. Jetzt hat Norwegen geöffnet und nur noch sporadisch Maskenpflicht; da ist es durchaus sinnvoll, wenn man die Touristen so unter Kontrolle hält – zumindest in den kleinen Häfen, die keine großen Krankenhäuser haben.
Finnsnes
Daher schaue ich mir Finnsnes nur vom Umlaufdeck an. Ist auch hübsch.
Schlechtes Wetter beim Anlauf auf Tromsø
Anschließend Mittagessen und Pause – die Hurtigrute ist keine Erholungstour, und ich gönne mir eine Stunde Schlaf, bevor wir Tromsø erreichen. Beim Rystraumen schaue ich aus dem Fenster: Nebel. Draußen an Deck: Unschön, auch wenn der norwegische Wetterdienst Yr standhaft von Sonnenschein träumt. Oh Mann.
Langsam schält sich Tromsø aus dem Nebel, und Regen tröpfelt vom Himmel. Tromsø gibt sich wettertechnisch echt keine Mühe.
Also kein Besuch auf dem Hausberg Storsteinen, stattdessen gehe ich in die Stadt – etwas verspätet, weil ich das Ende des Regenschauers abwartete. Heute sollen auch unsere Koffer kommen, da kann ich mal entspannt meine üblichen Läden abklappern, ohne nötige Dinge zu suchen. Einige Läden gibt es sogar noch – die Buchhandlung Ark im Stadtzentrum steht leer, Tromsøs Greatest Gift Shop hat jetzt mehr Kleidung und weniger von dem Krempel, der einen da reinlockt, die Norli-Buchhandlung hat umgeräumt, im Nerstranda Einkaufszentrum haben einige Läden gewechselt und in der Fußgängerzone steht einiges leer, dafür gibt es zahlreiche neue Souvenirshops. Das neue Hafenzentrum ist fast komplett verlassen. Der Streifzug hinterlässt ein deprimierendes Gefühl. Ich frage mich, wie Dan von ArcticX und die anderen kleinen Anbieter das überstanden haben – zuletzt haben die großen Busunternehmen Druck gemacht, dann ging gar nichts mehr. Tromsø, das Paris des Nordens, wartet wieder auf Gäste.
Blick vom Anleger in die Stadt
und auf den Anleger
Domkirche
Die ehemalige Buchhandlung
Torget
Die Eismeerkathedrale
Skansen
Koffer!
Mein kleiner Rundgang führt mich entlang der Hauptstraße zum Polaria-Museum und der “Festung” Skansen, bevor ich im Coop Vorräte auffülle. Auf dem Rückweg stoße ich am Hafenbecken noch auf ein Trollmuseum. Auch was neues – ich spare mir den Besuch aber erst einmal. Als ich das Ergebnis von meinem Kaufrausch auf Schiff bringe, sortieren die Damen von der Rezeption gerade einen Berg Koffer – meiner ist auch dabei! Wie wenig einen doch glücklich machen kann!
Duschen, umziehen, stadtfein machen – und irgendwie ist die Kabine auf einmal viel enger, wenn man Gepäck dabei hat. Anschließend noch einmal zum Shoppen in die Stadt, wo es mittlerweile trocken ist und sogar Wolkenlücken gibt.
Das Gute daran, dass ich Tromsø auch als Urlaubsziel habe: Ich kenne die Stadt und komme damit zurecht, dass das Wetter nicht so toll ist – so bin ich früher auf dem Schiff, kann auspacken und bin rechtzeitig zum Abendessen da. Es gibt übrigens zurzeit Menü, wobei man sich aus je drei Vor-, Haupt- und Nachspeisen etwas aussuchen kann. Schmeckt gut und geht deutlich flotter als früher, aber das Schiff ist auch nicht ausgebucht.
So sieht das Abendessen zurzeit mit Vor- und Hauptspeise aus – es gibt nicht nur Fisch:
Zwischendurch immer wieder der Bange Blick aus dem Fenster: Gibt es eine Wolkenlücke? Im Prinzip ja… Nach dem Abendessen verbringe ich die Fahrt von Tromsø (Ablegen 18:15, Abendessen 18:00) bis Skjervøy mit der Kamera an Deck, denn Windy hat eine Wolkenlücke auf der Strecke angekündigt. Ein paar Wolkenlücken, stellenweise ein toller Sternenhimmel, und ein gaaanz schwacher Schimmer, der die Konturen der Wolken umrahmt. Vor Skjervøy packe ich zusammen – und eine Minute, bevor wir den Hafen erreichen und die Lichter vom Schiff angehen, gibt es einen schönen grünen Bogen über dem Schiff. Was ist denn das für ein blödes Timing? Ich glaub’s doch nicht. Diese Enttäuschung darüber, Polarlicht zu sehen und es keinem sagen zu können, ist für mich auch was neues:-(
Als wir Skjervøy verlassen, das selbe Trauerspiel noch einmal: Knappe zehn Minuten zeigt sich die Aurora als blasses (und auf der Kamera deutlich grünes) Band über dem Heck vom Schiff, während sich von allen Seiten Wolken zusammenziehen. Das hat nicht gelangt, um von Deck 7 auf Deck 4 zur Rezeption zu laufen und Bescheid zu sagen. Bis die Durchsage gemacht wäre und die ersten es an Deck geschafft hätten, wäre das kurze Gastspiel der Aurora längst vorbei gewesen. Ich lasse mit Blick auf das Wetter alle Hoffnung für diese Nacht fahren und lasse die Bilder durch meinen Rechner laufen: Zwischen und Tromsø und Skjervøy war nichts brauchbares dabei, die Hafenausfahrt aus Skjervøy sah dann doch ganz gut aus:
Aber es kann doch nicht sein, dass ich der einzige bin, der hier auf der Tour von unsere Gruppe Polarlicht sieht? Immerhin hat der Captain vielleicht nichts davon mitgekriegt und im Logbuch notiert…
Der Tag beginnt viel zu früh: Zwischen 6:30 und 8:30 überqueren wir den Polarkreis. Um das mitzuerleben, muss man also früh aufstehen. Zur Belohnung zeigt sich Norwegen wechselhaft: An steuerbord drohende Wolkenberge, an backbord einiges an blauem Himmel. Was das wohl für den Tag verheißt? Wetterprognosen sind da echt knifflig.
Morgenstimmung – welches Wetter soll’s denn sein?
Der Blick voraus bessert sich, als der Hestmannen und die Insel Vikingen mit dem Polarkreismonument in Sicht kommen. Vielleicht wird’s ja doch noch was? Um 7:41:45 überqueren wir den Polarkreis, und Anfang Oktober ist es auch noch hell genug, dass man die Kugel schön sehen kann.
Am Polarkreis
Die südgehende Nordnorge
Ich bin mal wieder nur auf dem Umlaufdeck 5, Sekt zum Anstoßen gibt es hinten auf Deck 7. Statt Sekt entscheide ich mich nach einem kurzen Blick nach oben und der Begegnung mit der Nordnorge für echtes Frühstück, bevor ich es mir vor dem Restaurant bequem mache – das ist die häufigste “Reiseleiterecke”, am Futtertrog kommen alle vorbei und finden einen. Steckdosen und Blick nach draußen gibt es auch.
Besonders lange halte ich es drinnen aber nicht aus – draußen ist es einfach zu schön. Der erste Hafen nach dem Polarkreis ist das wunderschöne Ørnes, kurz danach erfolgt die Polarkreistaufe. Njørd kreuzt auf, ruft die anderen Götter an, setzt seinen Mund-Nasen-Schutz auf und tauft alle, die erstmals den Polarkreis überqueren.
Ørnes und Polarkreistaufe
Nach Ørnes bliebe Zeit zum Mittagessen, das ich aber schon wieder ausfallen lasse (Menu und feste Zeiten passen irgendwie nicht zu meinem Tagesrhythmus). Stattdessen noch ein bisschen Vortrag, Kontakt mit Hurtigruten (Evas Baustelle, aber ich bin dabei), und Norwegen genießen, bis gegen 13 Uhr Bodø in Sicht kommt. Und unsere Koffer? Einer unsere Gäste witzelt schon, dass sie in Bodø bestimmt auf die Nordnorge verladen worden wären. Tja… Si tacuisses…
Bodø. Am Kai sind nur die Ausflugsbusse zu sehen…
Nun, erst einmal in die Stadt gehen. Am Kai war keine Aktivität in Richtung Gepäck zu sehen, also kaufe ich zur Sicherheit in Bodø noch ein Gorillapod-Stativ. Das größte Modell trägt meine kleine Kamera gerade so… Aber immerhin, nachdem ich jahrelang das Fotohuset Johnson als Einkaufsmöglichkeit empfohlen habe, war ich nun auch mal drin. Dann noch kurz durch das Einkaufszentrum und zum Hafen: Dort liegt die alte Gamle Salten neben der neuen Fähre Salten. Ein paar schöne Fotomotive ergeben aich, auch wenn man nicht mehr in die Dachrestaurants der Scandic- und Radisson-Blu-Hotels kommt. Dann geht es mit Hochspannung zurück zum Schiff, Koffer suchen.
Gamle Salten, Salten und Nordkapp in Bodø
Die natürlich wieder nicht an Bord sind, als ich wieder zurückkomme. Immerhin hat Hurtigruten von KLM die Info erhalten, dass sie morgen in Tromsø wären. Langsam kippt die Stimmung – ich gebe den Tipp, dass Tromsøs Greatest Souvenir Shop auch die großen Sami-Messer verkauft, falls man mit KLM direkt verhandeln möchte. Als handelsübliche Meinungsverstärker.
Nachdem wir in Bodø ablegen, halte ich nach den schlechten Nachrichten meinen zweiten Vortrag über den Sternenhimmel. Anschließend gibt’s eine traumhaft ruhige Überfahrt auf die Lofoten, mit genialem Sonnenuntergang und perfekter Lofotenwand. Und ich muss während Sonnenuntergang zu Abend essen…
Kurs Lofoten
Svolvær
Als wir Stamsund erreichen, ist der Himmel so lala und zieht allmählich zu. Wir konnten mittlerweile unsere Gruppe in die Bar zu einem kleinen Umtrunk einladen. Während der Himmel draußen dicht ist, kommen wir so ins Gespräch und machen uns einen schönen Abend, bis wir Svolvær erreichen. Man quatscht sich fest, und erst als wir den Hafen verlassen, löst die Gruppe sich auf.
Um 23:15 gibt es Norways Coastal Kitchen als Einstimmung auf den Trollfjord, den wir gegen 23:45 erreichen. Ich war echt schon lange nicht mehr auf der Tour: Wir fahren nordgehend natürlich nicht in den Trollfjord, sondern beleuchten nur den Eingang – südgehend, wenn wir bei Tag hier sind, fahren wir hinein. Davon, dass der Trollfjord mit den Schiffsscheinwerfern beleuchtet wird, kriege ich aber nicht viel mit.
Trollfjord
Und das Polarlicht? Gibt es, aber hinter den Wolken. Denen, die an Deck ist, zeige ich das Wölkchen, das schwächer als unsere Schiffsabgase am Himmel zu erahnen ist. Eine Durchsage lohnt sich deshalb nicht, nur die Kamera kann nachweisen, dass es wirklich grün ist.
Da muss sich Norwegen noch etwas mehr anstrengen.
Stattdessen regnet es, als ich gegen 1 Uhr noch einmal rausschaue. Na dann gute Nacht – es war ein langer Tag.
Die erste Nacht auf dem Schiff, nach eineinhalb Jahren. Bei recht ruhiger See habe ich ganz gut geschlafen, wobei es fast zu ruhig war: Ich wache gegen halb sieben auf und muss mich erst davon überzeugen, dass wir wirklich unterwegs sind. Wir sind bereits im Trondheimfjord und tuckern langsam Richtung Trondheim, das wir gegen Viertel vor zehn erreichen werden. Es ist angenehm warm, leider ist der Trondheim Fjord der langweiligste norwegische Fjord, den ich kenne. Aber egal, meine Kameras habe ich ja dabei, also werden sie eingesetzt.
Im Trondheimfjord
Für 9:20 ist der erste Point of Interest angesagt: Die Insel Munkholmen, einst Gerichtsstätte, Kloster (samt Brauerei) und Gefängnis, heute beliebtes Ausflugsziel. In früheren Jahren lägen wir längst im Hafen, mittlerweile wurde die Liegezeit auf drei Stunden verkürzt, was nur noch für einen kurzen Rundgang durch die Stadt langt. Da Sonntag ist, kann man nicht einmal shoppen gehen (die Sache mit Koffer, Sie erinnern sich?) oder Getränke bunkern. An sich kein Problem, da ja Trinkwasser aus dem Hahn kommt, aber etwas mit Geschmack wäre ganz nett auf der Kabine.
Freier Blick dank der Crew!
Der Himmel ist bedeckt, aber dafür ist es warm, als ich zum ersten Mal auf dieser Reise endlich an Deck gehe. Und das an Tag 3 der Reise… Und ich sehe zum ersten mal, wie die Fenster morgens geputzt werden, statt abgekärchert zu werden.
Da Norwegen sich wieder in Normalität übt – Masken sind auf dem Schiff weitestgehend optional, außer im Bereich der Gangway und für das Expedition Team, das mit allen Gästen Kontakt hat; ansonsten wird um Abstand halten und Hände desinfizieren gebeten (“der einzige Alkohol, den es an Bord umsonst gibt – nutzen Sie ihn reichlich!”) – gibt es wieder Frühstücksbuffet. Nur die Getränke werden serviert, ansonsten gilt wieder Selbstbedienung. Für mich heißt das: Endlich wieder brauner Käse. Auch wenn das nicht jeder verstehen kann.
Brunost und Lachs. Lecker. (Zumindest ein paar Mal im Jahr…)
Anschließend ein wenig organisatorisches und gemeinsam mit Eva Sprechstunde vor dem Restaurant anbieten, bis Munkholmen in Sicht kommt. Den POI auf Deck 7 ignoriere ich weitestgehend, sondern gehe für Fotos auf Deck 5, wo weniger los ist (auch wenn das Schiff noch ziemlich leer ist). So bleibt genug Zeit für ein paar Fotos der Insel; dann gehe ich nach vorne für die Schiffsbegegnung. Früher lagen zwei Schiffe gleichzeitig am Kai, und man konnte sich gegenseitig besuchen; heute legt die südgehende Hurtigrute kurz vor uns ab. Nur dass es keine gibt – im Fahrplan stünde jetzt ein Schiff der neuen Rederei Havila, aber das ist noch nicht fertig und wird voraussichtlich erst im Dezember auf Tour gehen. Also haben wir den Kai für uns alleine, und die Nordkapp parkt elegant rückwärts ein.
Von Munkholmen zum Hafen
Bei nur drei Stunden Aufenthalt und gut zwanzig Minuten Fußweg in die Stadt bleibt natürlich nicht viel Zeit zum Rumtrödeln. Auf dem Weg liegen die Fahrradverleihständer von Trondheim Bysykkel/OBOS (benötigt eine App) sowie zahlreiche E-Roller von drei verschiedenen Anbietern, die wohl auch alle per App funktionieren. Ich muss mir die Webseite mal anschauen, für das nächste Mal ist das durchaus eine Option, um den Weg abzukürzen. Auch in der Stadt stehen und liegen fast überall E-Roller herum, und sie werden gut genutzt.
Die neue Mobilität
Erik der Rote starrt sehnsüchtig in die Ferne. war sein Drachenboot auch ohne Gepäck gestartet?
Ich mache den Rundweg über Yachthafen, Bahnhofsbrücke, Munkegata mit königlichem Palast Stiftsgården (Norwegens größtem Holzhaus), den frisch sanierten Torget Marktplatz, die Var Frue Kirke, Nidarosdom, Bakklandet und Nedre Eldrehavn in ziemlich genau zwei Stunden und bin um 12 Uhr wieder auf dem Schiff. Das würde sogar für das Mittagessen reichen. Aber mittags wird Menü serviert, und ich bin sowieso zwei Mahlzeiten am Tag gewöhnt, also lasse ich es ausfallen. Mit dem Ergebnis, dass ich von der Gruppe vermisst werde, die sich nach dem Essen freut, dass ich doch an Bord bin.
Allzu viel hat sich in Trondheim nicht verändert: Der Marktplatz ist fertig saniert und voll mit Verkaufsbuden, dafür gibt es neue Baustellen und geänderte Verkehrsführung. Und natürlich zahllose E-Roller.
Da Sonntag ist, haben natürlich alle Geschäfte zu. Schade – sonst wäre das ideal zum Shoppen. Auch ohne fehlenden Koffer bietet Trondheim je genug Einkaufsmöglichkeiten und nicht die immer-gleichen Kaufhausketten deutscher Innenstädte.
Über Trondheim habe ich eigentlich schon genug geschrieben, dass mir wenig neues einfällt. Daher nur ein paar Impressionen als Galerie. Was man auf alle Fälle sieht ist, dass das Handy wunderschöne Bilder für Twitter macht, aber in groß darf man sie nicht anschauen. Sowas von überbearbeitet… Das erste Bild von Stiftsgården ist vom Handy, die anderen mit der richtigen Kamera.
Stiftsgården
Der Torget und die Var Frue Kirke, dazu ein paar hoffentlich neue Blickwinkel auf Nidarosdom und Gamle BybroTrondheim-Panorama
Der Rückweg über Bakklandet und Nedre Elvehavn
Um 14 Uhr haben wir dann endlich unseren Willkommens-Trunk, an den ich nahtlos mit meinem ersten Vortrag über das Polarlicht anschließe. So sind wir kurzt vor 15 Uhr fertig – rechtzeitig für Kjeungskjærfyr, Norwegens meistfotografierten Leuchtturm. Das Schiff macht wieder einen POI, ergänzt um Norways Coastal Kitchen in Form einer Miesmuschelverköstigung. Ich gehe freiwillig auf Deck 5 an den Bug und überlasse anderen das Muschelschlürfen. (Eine Schokoladenverköstigung wäre mal was…)
Kjeungskjærfyr hat leider kein spektakuläres Licht, aber dafür sehr dramatische Wolken. Macht durchaus was her, es fehlen nur höhere Wellen, die gegen den Leuchtturm branden. Aber man kann nicht alles haben, und ruhige See hat auch was für sich.
Kjeungskjær Fyr
Dann ist erst einmal Ruhe – ich nutze die Zeit, um noch einmal nach meinem Koffer zu schauen: Er könnte morgen in Bodø kommen; sie wissen zumindest, wo er ist. Also gehe ich noch einmal kurz Ersatzkleidung kaufen; ich bin lange genug ohne Koffer, dass ich zuschlagen kann. Der Bordshop wird zumindest eine Outdoor-Hose los, die wiegt wenig und passt für den Rückflug auf alle Fälle noch in den Koffer. Und sie ist winddicht, im Gegensatz zu meiner Jeans. Da kann ich guten Gewissens zuschlagen, wenn ich schon an Deck arbeite.
Anschließend versande ich im Multe auf Deck 7, bei Gesprächen und intensivem Ausnutzen der Kaffee-Flatrate, die in der Reise inbegriffen ist. Ins Gespräch vertieft ignoriere ich das Gathering mit dem Expedition Team (also den Tagesrückblick und die Vorschau auf den nächsten Tag), mein nächster Punkt auf der Tagesordnung ist das Abendessen: Vorspeise Rinderfilet, gefolgt von Lachs und Eis. Auch hier gibt es Menü, wobei man aus drei Vorschlägen auswählen kann. War gut – ich bin nur nicht dazu gekommen, noch ein Foto davon zu machen.
Und dann, um halb acht, ist der Tag eigentlich gelaufen. Für den Abend in Rørvik ist Regen angesagt, also kümmere ich mich um den nächsten Vortrag und die Bilder des Tages.
Rørvik im Regen
Wie angekündigt regnet es in Rørvik – so ein ekelhafter unmotivierter Nieselregen. Die Schiffsbegegnung hier gibt es auch nicht mehr. Die Schiffsbegegnung mit der Richard With verpasse ich. Sie war vor unserem 20-Minuten-Stop in Rørvik und nicht wie ich mir gemerkt hatte danach. Schade, aber auch die Begegnungen auf See stehen nicht auf dem Tagesplan.
Währenddessen gibt es auf Deck 7 übrigens eine Kostprobe mit aktueller norwegischer Musik aus der Region, als Playlist. Das Ganze fängt zehn Minuten vor unserer Ankunft im Hafen an. Ganz schlechtes Timing, was mich angeht – ich schaue mir das Anlegen an.
Und danach mache ich auch fast Feierabend – nur noch Bilder sortieren, Blog vorschreiben, Vortrag vorbereiten, und halbwegs beizeiten ins Bett, weil morgen früh Polarkreisüberquerung ansteht.
Das war wirklich die ruhigste Westkapp-Passage, die ich je hatte. Die einzigen Wellen gestern Abend gab es in der Badewanne meines Hotelzimmers, die ich zur Entspannung benutzte. War auch nötig, nach dem Tag. Spätabends gab es noch die letzten Telefonate mit Hurtigruten; es gibt am Samstagnachmittag doch noch einen Flieger von Amsterdam nach Ålesund. Ich könnte also prinzipiell ausschlafen, statt in aller Herrgottsfrühe morgens einen Flieger nach Bergen zu nehmen, und von da weiter nach Trondheim zu fliegen.
Das Steigenberger im Frühnebel.
Nur dass Eva meint, dass das mit dem Koffer nicht klappt. Also stehe ich doch kurz nach 6 auf, dusche und mache eine kurze Stippvisite im Frühstücksraum des Steigenberger Airporthotels. Ab 6:30 gibt’s hier Frühstück – ideal für Reisende… also kurz meinen Flüssigkeitsspiegel aufgefüllt, zwei Croissants verschlungen und auschecken. Vor dem Hotel wartet auch schon der Transferbus für 7 Uhr.
Also, sagen wir mal: Da steht ein Bus. Einerseits ist der eh wieder viel zu klein – aber das passt ja dazu, dass KLM auch gerne mal Flüge überbucht. Warum sollte es da beim Shuttle anders sein? Andererseits kommt dann die Info, dass es mit dem Bus technische Probleme gibt. Kaputt. Und dann fährt er mit ein paar Reisenden Richtung JFK (?) ab, während uns ein Taxi versprochen wird.
Überraschung: Um 7 kommt dann doch noch der viel zu kleine Bus,der uns gestern ins Hotel gebracht hatte. Ich ergattere sogar einen Sitzplatz und fahre wie geplant zum Flughafen.
Shuttlebus?
Am Airport klappt dann alles: Ich kriege das richtige Bordticket nach Ålesund, und der KLM-Schalter bestätigt mir hoch und heilig, dass mein Koffer umgebucht ist. Ist alles im System, und der Koffer geht ohne mich auch in keinen Flieger. Nur für die anderen Gäste kann ich nichts tun, das müssen die selber veranlassen.
Uff.
Und nun? Habe ich knapp fünf Stunden, bevor ich die üblichen zwei Stunden vor Abflug am Flughafen sein soll. Komoot schlägt mir eine 8km- bzw. 2-Stunden-Wanderung zu irgendwelchen Seen in der Nähe vor, nur finde ich den Ausgang vom Flughafen nicht und stoße stattdessen auf Hinweisschilder zur gut versteckten Panoramaterasse.
Also nutze ich die Gelegenheit, um da an der frischen Luft zu sein, und schaue mir bis kurz vor 11 den Flughafen von oben an. Immerhin ist da wohl keine Maskenpflicht. Nebel zieht auf, Nebel lichtet sich wieder, und langsam wird es frisch da draußen… aber immer noch besser, als irgendwo im Flughafen rumzusitzen.
Auf der Panoramaterrasse steht auch eine alte KLM-Maschine, bei der man einen Blick ins Cockpit werfen kann, und es gibt abseits gelegene, sehr saubere und noble Toiletten.
Gegen elf suche ich dann doch das Warme und eine Gelegenheit, den 15-Euro-Verzehrgutschein von KLM einzulösen. Langt für einen Salat und ein Sandwich. Maskenpflicht gilt übrigens erst, nachdem man mit Boardingpass das eigentliche Terminalgebäude mit der Security-Schleuse betreten hat. Im Gegensatz zur deutschen Flughafensecurity sind die Kollegen hier freundlich und noch schneller, es bleibt sogar Zeit, um über ein paar Dinge in meinem Handgepäck zu reden. Meine Sternkarte erweckt die Neugier – hübsch.
Neuer Flieger, neues Glück
Anschließend sind noch gut zwei Stunden totzuschlagen, bis tatsächlich ein neuer Flieger aufkreuzt und wie nach Ålesund fliegen. Unglaublich!
Der Flug ist voll, aber ereignislos, und ich kann tatsächlich ein bisschen Schlaf nachholen.
Wir landen pünktlich in Ålesund, wo die Einwanderung etwas dauert (statt Personalausweis wollen die Beamten einen Reisepass sehen, außerdem den Covid-QR-Code), dann gibt es einen grünen Zettel, und ich kann nach meinem Gepäck schauen, das nicht neben dem Band steht.
Aha.
Hatte die gute Frau gestern am Flughafen bei T-2 doch recht, dass sie mir mein Gepäck nicht geben kann. Aber dass ich es gar nicht kriege, trotz der Zusicherung von KLM? Meine Meinung über KLM ist jetzt wie der Nachthimmel – voller Sterne:
Diese ****** ****** ** ******* von ********** *******! Können die ************* *** ********* ***********!?!
Naja, hilft ja nichts außer norwegischer Gelassenheit.
Der Flughafen Ålesund
Also gut, wo ist die Baggage Reclaim? Wir werden zu Widerøe geschickt, wo es einen QR-Code zu Scannen gibt, der natürlich auf KLM verweist. Dann finden wir doch noch Menschen (die Flughäfen in Norwegen sind ja weitestgehend automatisiert) und kriegen einen QR-Code von KLM zum Scannen. Durch die Umbucherei findet die KLM-Webseite allerdings weder mich noch meine Buchung. Schließlich finden wir doch noch einen Menschen, und können das Gepäck verlustigt melden – mittlerweile hat sich ein Teil meiner Gruppe zu erkennen gegeben, Gepäck hat keiner. Es soll nachgeliefert werden. Vielleicht morgen in Trondheim, vielleicht übermorgen in Bodø, und nein, wir kriegen vorher keine Info, wann es kommt.
Immerhin kann ich den Gästen ein Taxi zum Schiff anbieten (das wir irgendwann auch kriegen), und Norwegen zeigt sich schon einmal von seiner schönsten Seite. Wie ich auf Twitter schon sehen durfte.
Während der Warterei komme ich immerhin auch erstmals mit unseren Leuten ins Gespräch. Einige saßen auf der linken Seite vom Flieger und hatten wohl Flammen aus dem Triebwerk kommen sehen. Eieiei. Gut, dass bis auf diese Unannehmlichkeiten – und das sind sie letztlich nur, so ärgerlich das auch ist – nichts passiert ist. Trotzdem hätte ich jetzt gerne eine gute Reise, viel Polarlicht, und mein Stativ, das noch im Koffer ist.
Auf der Fahrt nach Trondheim kommen wir noch an der Fridtjof Nansen und der Ex-Midnatsol vorbei (wenn ich das im Vorbeifahren richtig erkannt habe), die ebenfalls in Ålesund an einem anderen Kai liegen. Um den beiden noch einen Besuch abzustatten, langt die Zeit natürlich nicht. Aber immerhin, wir erreichen auch unser Schiff, das schon im Hafen am Skansen-Kai liegt, und am Kai ist eine große Schlange mit Neuankömmlingen, die die Corona-Selbsterklärungen ausfüllen. Und dann bin ich tatsächlich an Bord!
Ist sie nicht schön, die Nordkapp? Wie ein Traum!
Welcome on board!
Eva begrüßt, ich beziehe meine Kabine im dritten Stock, dann eine erste kleine Begrüßungsveranstaltung, dann nahtlos um 20 Uhr Abendessen, dann um 21 die einstündige Begrüßungsveranstaltung und Sicherheitseinweisung, anschließend Treffen bei der Rezeption, um die auch mit der Gepäckverfolgung zu beauftragen, und für mich Coffee und WiFi zu beantragen – ich wurde in den falschen Tarif gebucht.
Uff. Halb elf Abends, und ich war noch nicht einmal draußen an Deck. Stattdessen geht es noch einmal auf Deck 7, Organisatorisches durchsprechen, und gegen Mitternacht in die Kabine. Blog schreiben. Mittlerweile fiebern doch einige Kollegen mit, wie das hier ausgeht.
Und dann Feierabend. Wie schaffen wir das eigentlich immer in Bergen, wo wir auch nicht früher an Bord sind, aber schon um 20:30 regulär in See stechen?
Ach ja, falls sich jemand fragt, um die Bilder so knackig bunt sind: Das liegt an Apple. Bislang habe ich nur mit dem Handy fotografiert und nicht mit der großen Kamera. Aber die habe ich wenigestens im Handgepäck.
Nach einem Jahr Home-Office kommt es mir richtig surreal vor, dass ich heute Abend schon in Bergen auf der Nordkapp sein soll, um wieder zu einer Hurtigrute in See zu stechen. Geändert hat sich in der Zeit einiges: Ich habe keine Ahnung, welche Kabine ich habe (das erfahre ich erst auf dem Schiff). Der Checkin bei KLM endete gestern damit, dass ich eingecheckt bin, aber die Bordkarte erst kriege, wenn ich vor Ort mein Covid-Zertifikat zeige. Ich habe also praktisch nichts als einen gepackten Koffer. Sehr surreal das ganze.
Parken direkt am Terminal
Aber der 1. Oktober ist ein wunderbarer Tag im Ländle, und die Autobahn von Karlsruhe nach Stuttgart ist fast frei. Nur 15 Minuten Stau, und der Flieger geht erst um 11 Uhr – sehr entspannt. So mag ich das. Und weil ich von meinem dank Corona gestrichenen Irlandurlaub letztes Jahr noch einen Parkgutschein hatte, kann ich es mir leisten, direkt am Terminal zu parken. Auf Shuttle-Dienste habe ich aktuell keine große Lust.
So bin ich um kurz vor 9 am Terminal – man soll ja auch zwei Stunden vorher da sein. Bringt nur nichts, wenn der Schalter noch zu hat. Irgendwann macht KLM sogar auf und fertigt gemächlich ab, und nach einer Stunde in der Schlange (Abstand halten. Ja… auch ohne Abstand reicht sie bald bis raus an die frische Luft) habe ich meine Bordkarte und meinen Koffer aufgegeben. Good Bye. Das Covid-Zertifikat wollte keiner sehen, aber immerhin wurde danach gefragt.
Die Schlange am Schalter wächst…
Die Security ging angenehm schnell, wie gewohnt unfreundlich und mit Bombentest (diesmal an der Jacke statt den Kameras), und nach 10 Minuten war ich durch. Noch eine gute halbe Stunde warten, dann eine Viertelstunde Verspätung vom Flieger, und dann sitze ich tatsächlich im Flieger nach Amsterdam.
Kaum zu glauben! Es geht wirklich los.
Eigentlich gehört zu Norwegen ja ein Flug mit SAS, aber seit einiger Zeit nutzt Hurtigruten vor allem KLM. Da geht mein SAS-Vielfliegerstatus dahin… Immerhin gibt es bei KLM kostenloses Essen und Getränke, während bei SAS nur Coffee and Tee are always free. Aber Hauptsache, wir kommen an.
Während des Flugs wird das Wetter im schlechter, vom klaren süddeutschen Himmel wechseln zu immer dichteren Wolken bis hin zu Regen in Amsterdam. Davon abgesehen ist der Flug ruhig. Was neu ist: es gibt Kokos-Bollen zum Essen, und bei der Sicherheitseinweisung wird darauf hingewiesen, dass man die Maske abnehmen muss, bevor man die Sauerstoffmaske aufzieht, die im Notfall von der Decke fällt. Sonst gilt Maskenpflicht.
Ein ruhiger Flug
Das Flugzeug wird nach Sitzreihen verlassen, und ich habe zwei Stunden Zeit, bis mein Anschlussflieger geht. Normalerweise würde man die Zeit nutzen, um was zu essen oder shoppen zu gehen. Aber mit Maske macht das weniger Spaß, und die Außenbereiche sind auch gesperrt. Also irgendwo ein ruhiges Plätzchen suchen und warten.
Pause in Schiphol
Unser Flieger ist da.
Das Boarding ist pünktlich und geht nach Zonen. Erst die Fensterplätze, dann der Gang, möglichst wenig Stau.
Das Ganze geht schön diszipliniert ab, es folgt die Sicherheitsbelehrung samt Datenschutzhinweis (keine Bilder von Passagieren oder Crew, ohne vorher eine Genehmigung einzuholen), und ab geht’s auf Rollfeld.
Ich fliege echt nach Norwegen, und Jackpot: Der Platz zwischen mir und meinem Banknachbar ist frei!
Die Motoren laufen warm, drehen hoch, wir fahren an, es rumst, und Startabbruch.
Okay, das ist neu. Aber besser jetzt als in der Luft… Der Captain hat sich zum Abbruch entschieden, weil es Probleme mit dem linken Triebwerk gab. War es ein Vogel oder ein technisches Problem? Egal, wir müssen zurück zum Gate, das einmal anschauen.
Start ins Ungewisse…
Ein letzter Blick auf unseren alten Flieger
Nach ein paar Minuten ist klar: Wir brauchen ein neues Flugzeug, das wir an Gate D49 finden.
Also ab zu Gate 49. Das im Internationalen Bereich ist. Wohl dem, der einen Reisepass dabei hat. Wobei: Kurz vorher schickt jemand, der kompetent auftritt, alle zurück nach B49. Mitten im Flughafen dann noch mehr Verwirrung: Der Zugang zu Gate D49 ist jetzt frei. Auf der Tafel steht Gate 79. Und wo kommt die Info mit B49 überhaupt her?
Die Flughafenmitarbeiter wissen auch nichts, also auf gut Glück zurück zu D49, mit Reisepass-Kontrolle – wir verlassen die EU. An Gate D49 treffen wir auf die Crew, und folgen ihr zurück in den Schengenraum zu Gate D79.
An Gate D79 warten wir dann auf das Boarding, bis die Durchsage kommt: Flight cancelled. Die Crew ist selbst von der Durchsage überrascht, dass sie ihre Arbeitszeit überschritten hat. Jetzt alle zu Transit T-2, um Alternativen zu finden. Gar nicht so leicht, die Mitarbeiter sind es nicht (mehr) gewohnt, dass die Passagiere ein Schiff in Bergen erreichen muss. Noch am selben Tag. Das um 20:30 abfährt. Hilfreicher Kommentar: “Das ist aber knapp”.
Das wäre unser Flieger gewesen
Die neue Maschine steht an Gate D79. In die Gegend waren wir zurückgekehrt.
Einige Telefonate mit Hurtigruten und unserer Reiseleiterin Eva, die in Bergen wartet, ist klar: Das wird heute nichts mehr, und morgen auch nicht gleich. Ich soll versuchen, am Sonntag in Trondheim dazuzustoßen, vorher fliegt nichts. Oder heute Abend nach Bergen fliegen. Oder morgen früh. Frustrierendes Chaos, und man kann noch nicht einmal jemandem böse sein (außer vielleicht den beiden Damen, die Feierabend machen, als ich zu ihnen wollte): Der Captain hat alles richtig gemacht, als er abgebrochen hat. Die Crew hat uns ans richtige Gate geschickt (soweit sie wusste), und dann zum richtigen Gate gebracht. Die Flugsicherheit eigentlich auch, damit niemand übermüdet am Steuer eines Flugzeugs sitzt. Nur die Kommunikation auf dem Flughafen ist suboptimal gewesen – wo kriegt man Infos her?
Langer Rede kurzer Sinn: Ich kriege am Transit einen Essensgutschein, eine Übernachtung im Steigenberger Airporthotel samt Transferbus, und mein Gepäck kriege ich nicht. Also kurz das nötigste kaufen und ab ins Hotel. Außerdem nochmal Eva in Bergen kontaktieren: Es war wohl unsere ganze Gruppe in dem Flieger, wobei ich nur Individualreisende getroffen hatte. Bei denen machen Gerüchte über eine 9-10-stündige Busfahrt morgen die Runde.
Steigenberger statt Bergenbuffett
Beim Abendessen (Mildes Curryhühnchen auf Reis, Kroketten mit Brötchen oder Nudeln – das Steigenberger Buffett kann mit dem Bergenbuffett der Hurtigrute nicht mithalten) nochmal ein paar Telefonate: Keine Ahnung, wo unsere Gruppe ist, aber letztlich fliegen wir doch nicht morgen früh nach Bergen, sondern morgen Mittag nach Ålesund.
Mal sehen, was morgen früh gilt, und wo mein Koffer derweil landet…
Nur eins ist klar: Das wird die ruhigste Westkapp-Überquerung meiner Karriere!
Und ich glaube immer noch nicht so recht, dass ich auf Hurtigrute gehe.
Ich hatte das Glück, mit einem der ersten SunDancer II H-alpha-Filter „spielen“ zu können und ihn auf Herz und Nieren testen zu dürfen. Auch wenn ich nicht zu den erfahrensten H-alpha-Beobachtern gehöre, konnte ich die Sonne mit den beiden H-alpha-Teleskopen der Heilbronner Sternwarte die Sonne seit über 20 Jahren immer wieder beobachten. Das sind ein 20/20-Ansatz von Wolfgang Lille mit 0,8Å am 150/2250-Refraktor (der einen klassischen Protuberanzenansatz ergänzt), und ein Lunt LS-60 Teleskop. Dabei gebe ich unumwunden zu, dass ich das Konzept des Lunt gerade für die Öffentlichkeitsarbeit überzeugend finde: Ein vollständiges Teleskop, bei dem nichts schief gehen kann. Idiotensicher also, was gerade in einem Verein wichtig ist.
Das hatte ich auch Herrn Baader gegenüber erwähnt, als ich bei einem Besuch vor Ort zufällig einmal die Gelegenheit hatte, durch einen SolarSpectrum-Ansatz zu schauen, der gerade vor dem Verkauf getestet wurde: Sehr schönes Bild, aber mit Energieschutzfilter vor dem Objektiv und Stromanschluss für die Heizung für mich eher uninteressant.
Vielleicht verdanke ich nicht zuletzt dieser Bemerkung die Chance, mir den neuen SunDancer II einmal anzuschauen. Ein Danaer-Geschenk, wenn ich das mal so sagen darf – H-alpha macht eh schon süchtig…
“Meine” H-alpha-Geräte: Der 6″-Refraktor der Heilbronner Sternwarte, mein ED80/600 mit SunDancer II, und das Lunt 60 der Sternwarte
Verwenden des SunDancer II
Der SunDancer II hat nämlich mit meinen Vorbehalten gegenüber beheizten Filtern gründlich aufgeräumt. Er braucht zwar Strom, aber das hat sich in der Praxis als irrelevant erwiesen: Da ich bei der Sonnenbeobachtung ohnehin mit Nachführung arbeite, ist sowieso Strom vorhanden, und mein PowerTank hat ausreichend Ampere, um neben dem Teleskop auch noch die Heizung des H-alpha-Filters zu betreiben. Der Aufwand für den beheizten Filter beschränkt sich also darauf, ein Y-Kabel zwischenzuschalten und die Stromkabel zu verbinden. Den Rest übernimmt die Elektronik, die den Filter auf die Betriebstemperatur hochheizt; die H-alpha-Linie muss also nicht wie bei den anderen Geräten über ein Drehrad eingestellt werden. Das ist vor allem bei längeren Beobachtungssessions interessant, wenn sich durch Temperaturschwankungen das Durchlassfenster des Filters verschieben kann. Gerade bei einer öffentlichen Führung schaut man nicht nach jedem Gast selbst durch das Teleskop um zu sehen, ob das Objekt noch zentriert und optimal dargestellt wird; da ist es Gold wert, wenn man sich um nichts weiter kümmern muss.
Der SunDancer II besteht aus zwei mit dem üblichen T-2-Gewinde verbundenen Teilen, die am Stück bleiben können: Das eine ist die 3x-Telezentrik mit integriertem Blockfilter, das andere ist das Etalon (also der eigentliche H-alpha-Filter) mit seinem “Ofen”. Dazu kommen noch die kleine Elektronikbox, die Temperatur regelt, und Netzteil bzw. optionales Akkupack.
Der SunDancer II und die Kontrolleinheit für die Temperatursteuerung.
Kurz zur Funktionsweiße von H-alpha-Filtern: Das Etalon ist ein Interferenzfilter, der die H-alpha-Linie bei 656nm durchlässt, ebenso wie Vielfache davon. Die exakte Wellenlänge, die durchgelassen wird, hängt dabei von der Filterdicke ab, und die Heizung regelt die Filterdicke – Wärme dehnt ja bekanntlich aus. Bei unserem alten Filter von Wolfgang Lille wird die Durchlasslinie durch Verkippen des Filters geregelt: Wenn der Filter schräg steht, legt das Licht einen längeren Weg durch den Filter zurück, und andere Wellenlängen werden durch Interferenz ausgelöscht. Das erklärt auch die hohen Ansprüche an die Oberflächengenauigkeit und den stolzen Preis.
Damit der Interferenzfilter funktioniert, muss das Lichtbündel zwingend aus parallelen Lichtstrahlen bestehen und idealerweise ein Öffnungsverhältnis von etwa f/30 erzeugen – dafür sorgt die Telezentrik, die anders als eine Barlow nicht nur das Öffnungsverhältnis verändert, indem sie den Brennpunkt verschiebt, sondern auch für ein parallelen Strahlengang sorgt. (Deshalb kann ich den Filter auch nicht ohne Telezentrik an meinem 125/3500 f/28 Schiefspiegler verwenden – das Öffnungsverhältnis würde passen, aber das Licht ist trotzdem in einem Brennpunkt gebündelt statt parallel. Außerdem bräuchte ich immer noch einene Blockfilter und müsste mir überlegen, wo ich einen Energieschutzfilter platzieren könnte.)
Der hartvergütete Blockfilter des SunDancer II sitzt vor dem Etalon und sogar noch vor der Telezentrik. Er blockiert nicht nur die unerwünschten Nebenlinien, sondern auch fast alles andere, was den H-alpha-Filter an Sonnenstrahlung erreicht. Dadurch sieht er aus wie ein Spiegel und schützt das empfindliche Etalon davor, dass die Sonnenstrahlung eingebaute Polarisatoren oder seine Ölfügung einfach verdampft. Bis 80mm Öffnung langt beim SunDancer II dieser Blockfilter als Schutz, für größere Geräte ist ein zusätzlicher Energieschutzfilter vor dem Teleskop zwingend notwendig. Der einziger Nachteil bei der Arbeit ohne Blockfilter am kleinen Teleskop: Man darf nicht von vorne in das Teleskop schauen, da die am Blockfilter reflektierte, gebündelte Sonnenstrahlung durch das Objektiv hindurch zurückgeworfen wird. Darauf muss geachtet werden, wenn Teleskop und Sonne recht niedrig stehen und man zum Beispiel Öffentlichkeitsarbeit macht, wo doch immer wieder jemand neugierig in das Teleskop blicken kann. Auf einer hohen Montierung oder beim Blick vom Balkon spielt das keine Rolle. Natürlich kann auch bei kleineren Teleskopen ein Energieschutzfilter sinnvoll verwendet werden.
Der SunDancer II am Teleskop
An meinem ED80/600 habe ich es daher so einfach wie es nur geht: Ich muss lediglich den SunDancer II an den Strom anschließen, in den Zenitspiegel stecken und ein Okular hineinstecken. Nach vielleicht zwei Minuten zeigt das Display keine Temperaturänderung mehr an, und er ist vollständig einsatzbereit.
Für das Finetuning der H-alpha-Linie kann man den Filter über eine Mikrometerschraube leicht verkippen und so den Dopplereffekt ausgleichen: Wenn sich eine Materiewolke auf der Sonne in unsere Richtung bewegt, verschiebt sich die H-alpha-Linie in den blauen Flügel des Spektrums. Mit der Mikrometerschraube kann man schnell überprüfen, ob es gerade Ereignisse gibt, die eine Verschiebung der H-alpha-Linie erforderlich machen. So lässt sich die Durchlasslinie schnell und einfach verschieben, wenn der voreingestellte Wert nicht passt.
Über die Temperaturregelung der Steuerbox kann die H-alpha-Linie ebenfalls verschoben werden. So vermeidet man die Filterkippung, was für höchste Ansprüche interessant sein mag, und kann den Filter bei Bedarf auf das eigene System finetunen, falls die Werkseinstellung der Temperatur nicht optimal ist.
Die Mikrometerschraube dient dazu, schnell einen Blick in den blauen Flügel der H-alpha-Linie zu werfen
Optimal arbeitet der Etalon ab f/30, die eingebaute Telezentrik hat den Faktor drei. Perfekt ist er daher an Teleskopen mit f/10; bei schnelleren Teleskopen kann eine Temperaturanpassung für das Finetuning sinnvoll sein. Mein ED80/600 mit f/7,5 ist eigentlich zu schnell (der Filter arbeitet so bei f/22,5), aber das Bild war trotzdem hervorragend – das ist eindeutig ein Vorteil des von der Telezentrik parallelisierten Strahlenbündels. Eine 4x Telezetrik hat Baader in Vorbereitung, aber aktuell kann niemand sagen, wann sie endgültig verfügbar ist. Corona sei Dank sind ja schon existierende Produkte nur schwer erhältlich…
Zuletzt noch wichtig für das Handling: Die Fokuslage unterscheidet sich mit der 2″-Steckhülse kaum von der eines üblichen Okulars, wenn die Sonne im Weißlicht mit Astrosolar-Folie beobachtet wird. Er sollte also (entweder mit 1,25″ oder 2″ Steckhülse, beides ist vorhanden) an praktisch jedem Teleskop in den Fokus kommen, auch an Newtons.
Beobachten
Der SunDancer II ist ein vollständiger H-alpha-Filter mit rund 0,6 Å Durchlassbreite, der kaum größer ist als ein Okular und auch nicht aufwändiger zu bedienen: An Teleskopen bis 80mm ist kein Energieschutzfilter nötig, damit passt er ohne Aufwand an meinen ED80/600. Als Zenitspiegel habe ich einen alten dielektrischen Baader MaxBright 2“ Zenitspiegel.
Allerdings habe ich ein kleines Problem: Durch die Telezentrik arbeite ich bei 1800mm Brennweite, und mein Standard-Okularpark macht einen Sprung vom 36mm 2″ Hyperion Aspheric zum 9mm Morpheus. Also in diesem Fall von 50x auf 200x. Da sind 80mm Öffnung natürlich überfordert. Aber im Schrank habe ich noch einen Satz Baader Classic Orthos; mit dem 32mm Plössl (56x) und dem 18er Ortho (100x) kann ich gut arbeiten.
Auch das 36mm 2″-Hyperion lässt sich verwenden und bietet einen angenehmeren Einblick als 1,25″-Okulare
Sehr schön: Ich sehe mit 600mm Teleskopbrennweite die ganze Sonne! Und was für ein Bild: Mit 0,6Å zeigt er Protuberanzen und Scheibe gleichzeitig mit schön ausgewogenem Kontrast. Mein erster Eindruck: Der SunDancer II raucht die beiden H-alpha-Filter auf der Sternwarte in der Pfeife. Aber ohne Probleme. Sehr, sehr chic.
Die H-alpha-Linie wurde auf Anhieb getroffen, ich habe noch nichts nachgeregelt. Ganz wichtig bei der Sonnenbeobachtung: Schatten! Seitliches Streulicht ruiniert den Kontrast, schon eine gute Augenmuschel bringt mehr als ein besseres Okular. Die beste Kontraststeigerung erziele ich durch das Astrogarten Beobachtungstuch, das ich mir vor einiger Zeit geleistet hatte. Das ist wohl das wichtigste Zubehörteil für die H-alpha-Beobachtung, falls man dabei nicht im Schatten sitzen kann. (Prinzipiell funktioniert auch eine Jacke – aber unter der wird es sehr schnell sehr stickig).
Nach dem ersten Wow-Effekt müssen natürlich ein paar Dinge ausprobiert werden, um zu sehen, was alles geht. Kriege ich mein 36mm-Hyperion an den SunDancer? Ja – entweder mit einer 2″/T-2-Okularklemme (die ich nicht in meinem Fundus habe), oder dem Gewindering M48 auf T-2 (T-2 Bauteil #29) # 2458110, den ich für irgendein anderes Projekt noch rumfahren hatte. Damit kann ich das Okular direkt auf den H-alpha-Filter schrauben: Sehr chic. Das Bildfeld scheint sogar etwas größer zu sein als im 32er Classic Plössl, und der Einblick ist auf jeden Fall entspannter als im 1,25“-Okular. Die Kombination entwickelt sich später zu meiner Standard-Kombi am SunDancer II – mit einem T-2-Schnellwechsler kann ich zwischen dem 36er Hyperion und der 1,25″-Okularklemme aus dem Lieferumfang wechseln und spare mir die Schrauberei bzw. eine 2″ Okularklemme.
Ebenfalls zum ständigen Begleiter ist ein normaler Sonnenfilter geworden: Wenn die Sonne nicht perfekt zentriert ist, ist sie auch mit einem einfachen Sonnensucher kaum zu finden. Also vorher kurz einen Blick auf die Sonne im Weißlicht, bevor der Herschelkeil durch den SunDancer ersetzt wird.
Bino
Und dann mache ich einen großen Fehler: Ich schließe ein Bino an – das Großfeldbino von unserem Verein, mit einem Satz Eudiaskopischen Okularen. Das haut mich wirklich von den Socken. So beeindruckend habe ich die Sonne wirklich noch nicht gesehen, auch nicht im kleinen Lunt, an dem ich das Bino schon ein paar mal verwendet hatte. Fokus ist auch kein Problem: Durch die Telezentrik ist der Strahlengang ja schon perfekt parallel, und alle Fokussierprobleme lösen sich auf einmal in Luft auf. Sogar der Glaswegkorrektor kann entfallen, und ich muss trotzdem nur rund drei Zentimeter näher ans Teleskop als ohne Bino. Das macht deutlich mehr Spaß als am Lunt mit 1,6x Glaswegkorrektor.
Der SunDancer II mit Bino-Ansatz. In dem Moment war klar: Haben will!
Und warum war das ein Fehler, das Bino anzuschließen? Weil das der Moment war, als klar war, dass der SunDancer II bei mir bleiben muss. Zum Glück waren letztes Jahr fast alle Urlaube ins Wasser gefallen, und es war noch etwas Geld in meinem Portemonnaie. Aber das heißt auch, dass ein Bino her muss, sobald das MaxBright II wieder lieferbar ist. Und passende Okulare. Diese Leihgabe wurde wirklich zum Danaer-Geschenk – aber wie ich immer zu sagen pflege: Solange es nur einmal weh tut – beim Bezahlen – und danach nicht mehr, ist es das wert. Und dank freiberuflichem Schaffen im Homeoffice ist der schnelle Blick auf die Sonne für mich kein Problem, da wird er noch öfter benutzt werden. Kein billiger Spaß, aber ein großer (und der Filter soll alterungsbeständig sein, über die Jahre rechnet sich das).
Einige Zeit später konnte ich dann auf unserer Sternwarte noch ein paar Vergleiche anstellen. Ich betreibe ihn ja eigentlich an einem viel zu schnellen Teleskop, also blendete ich meinen ED80/600 auf 60mm ab. Der Effekt war vernachlässigbar: Auf den ersten Blick ist da kein großer Unterschied zu sehen, wahrscheinlich gleicht der Auflösungsverlust den Kontrastgewinn aus – der Sprung von 80 auf 60mm ist zumindest bei der Deep-Sky-Beobachtung schon spürbar, schließlich sagt die Faustregel, dass man sich mindestens um die halbe Öffnung verbessern sollte, um den Unterschied zwischen zwei Teleskopen zu merken. Das Abblenden hat mir jedenfalls keinen für mich ersichtlichen spürbaren Vorteil gebracht.
Nächstes Teleskop: Ein alter Vixen 90/1000 mit Baader Clicklock-Zenitspiegel. Hier arbeitet der Filter bei f/33 etwa mit dem optimalen Öffnungsverhältnis, und der Kontrast ist noch ein gutes Stück besser. Bei 90mm und fehlendem Energieschutzfilter mache ich das aber nur kurz, auch wenn die Energiebelastung aus dem Bauch heraus kaum größer sein dürfte als am lichtstärkeren ED80. Bei nur einem Zentimeter mehr Öffnung geht das bessere Bild wohl eindeutig auf das optimalere Öffnungsverhältnis zurück.
Was mir bei 1000mm Brennweite negativ auffällt: Der Filter hat intern eine 19mm-Blende, bei effektiv 3m Brennweite passt die Sonne also nicht mehr vollständig ins Bild. Die 600mm sind ziemlich genau der Sweet Spot, bei dem die Sonne noch ganz durch den Filter passt. Das passt wunderbar zu den vielen kleinen, feinen APOs, die grad auf dem Markt sind, und größere Filter kosten natürlich mehr Geld. Aber das ist nur ein kleiner Wermutstropfen: Die Zunahme der Bildqualität mach das eingeschränkte Bildfeld mehr als wett. Wenn ich höher vergrößere, um Details zu beobachten, passt die ganze Sonne ohnehin nicht mehr ins Okular.
Wetterbedingt konnte ich auf der Sternwarte nur einen weiteren Test machen: Wie war denn das Bild im kleinen Lunt? Zugegeben, die komplette Sonnenscheibe erschien gar nicht so viel schlechter, und das Bild war heller. Nur mit Vergrößern ist nicht viel: Da geht den 60mm des Lunt doch rasch die Luft aus. Damit ist es immer noch nett, aber – ja, eben nur nett. Vor allem im Bino fehlt der Wow-Effekt, der mich beim SunDancer II von den Socken gehauen hat (abgesehen davon, dass das Lunt dafür einen Glaswegkorrektor braucht).
Nur zum Vergleich mit dem Ansatz von Lille bin ich noch nicht gekommen. Aber: Hier hängt ein ähnlich großer Filter mit 0,8Å an einem auf 10cm abgeblendeten 150/2250-Refraktor, bei 4,5m Brennweite. Also ist nur ein noch kleinerer Ausschnitt der Sonnenscheibe zu erkennen, in einem Filter mit größerem Durchlass und okularbedingt (1,25″) bei 140x Minimalvergrößerung – den Test kann ich mir eigentlich schenken.
Fotografie
Dann gibt’s natürlich noch den Wunsch nach dem perfekten Foto… bei 1800mm Brennweite würde die Sonne noch auf eine Vollformatkamera passen; in meinem Fundus ist aber nur eine DSLR mit APS-C: Da fehlt der Sonnenrand. Spaßeshalber probiere ich einmal aus, ein Kameraobjektiv an das Okular anzuschließen: Prinzipiell bekomme ich so die gesamte Sonne sogar mit einer Micro-Fourthirds-Kamera aufs Bild, aber durch einen noch größeren Linsenstapel und immer noch nur mit einer Farbkamera – also eine für die Sonnenfotografie denkbar ungeeignete Kombination.
Erster Test: Die partielle Sonnenfinsternis mit MFT-Farbkamera und Telekompressor
Was dagegen wunderbar funktioniert, nachdem die Adaptionsfrage einmal geklärt ist: Der SolarSpectrum Research Grade H-alpha 0.4x Telekompressor 2″ # 2459260. Er hat bei der starken Kompression zwar nur noch ein Bildfeld von 16mm, aber da der Filter selbst nur 19mm hat, ist das kein Problem, und ich bekomme die komplette Sonnenscheibe sogar auf meiner MFT-Kamera formatfüllend auf den Sensor. Chic. Auch der Kompressor muss also bei mir bleiben. Mein erster Schnappschuss mit etwas Nachbearbeitung in Lightroom und Photoshop ist zwar weit von dem entfernt, was der Filter kann, aber ich mache ja schließlich Astrofotografie für Anfänger (So viel Eigenwerbung muss sein, wenn Sie schon bis hierher durchgehalten haben: Das Buch gibt‘s jetzt schon in zweiter Auflage!). Und wenn ich mir die Youtube-Tutorials anschaue, die eine Dreiviertelstunde Bildbearbeitung zeigen, bleibe ich wohl auch erstmal dabei.
Als Schwarz-Weiß-Kamera habe ich ohnehin nur die kleine ZWO ASI Mini, die ich als Guider einsetze. Prinzipiell funktioniert sie wunderbar, aber sie zeigt die Streifen, die bei vielen H-alpha-Setups zu sehen sind und wohl auf die Kamera zurückgehen. Zumindest ist das die gängige Erklärung, vor allem weil nicht jede Kamera am selben Gerät den Effekt zeigt. Eventuell ist es durch Kippen von Kamera oder Filter zu beseitigen – oder durch ein Flatframe, aber mach mal ein Flatframe für H-alpha…
Mit Telekompressor passt die Sonne sogar auf einen MFT-Sensor. Die Farbkamera macht natürlich bei weitem nicht so schöne Bilder wie man sie visuell sieht.
Im Fall meiner ASI Mini hilft Kippen aber nicht: Die Streifen sind von der Verkippung unabhängig und ändern sich auch weder in Position noch Form, wenn ich den Filter vor der Kamera drehe oder kippe – es muss also an der Kamera liegen. Aber: Wenn ich mit nicht perfekter Nachführung auf Protuberanzenjagd gehe und die Bilder stacke, mitteln die Streifen sich wohl auch raus. Zumindest bin ich mit meiner ersten Aufnahme einer Protuberanz ganz zufrieden – 10 Sekunden Aufnahmesequenz, gemittelt und bearbeitet in Registax, mit dem ED80/600 und der integrierten Telezentrik bei effektiv 1800mm Brennweite. Für den Erstling passt das schon ganz gut:
Eine hübsche Protuberanz am 2. September 2021. Nicht schlecht für meine erste Aufnahme einer Protuberanz mit einer monochromen Kamera:-)
Fazit
Mein Teleskop wird nun noch häufiger genutzt.
Das Fazit ist einfach: Der Filter muss bleiben, obwohl ich das gar nicht wollte. Einfach zu geil, salopp gesagt. Für das Geld eines Lunt H-alpha-Teleskops kriege ich zwar nur den Filter, aber an einem kleinen 80er-Refraktor schlägt er das vertraute 60er Lunt von unserem Verein um Längen, und ein Teleskop habe ich ja eh schon. Jetzt hat sich seine Nutzungszeit auch vervielfacht – ich hätte nicht gedacht, dass ein Filter mit Elektronik so leicht zu bedienen ist und so viel Spaß macht. Vor allem binokular…
Diesen Beitrag hatte ich ursprünglich für die Vereinszeitschrift der Heilbronner Sternwarte geschrieben. Da ich schon ein paar Mal in Foren und Diskussionen darauf verweisen wollte, stelle ich ihn nun auch auf meine Webseite. Dank Corona, Ausgangssperren, meiner mittlerweile seltenen Anwesenheit in Heilbronn und weil das Gerät doch öfter ausgeliehen wird, habe ich seitdem leider nicht mehr mit ihm gearbeitet. Ich brauche Zeit…
Der RASA 8 auf der CGEM-Montierung der Heilbronner Sternwarte
Neue Möglichkeiten für die Astrofotografie
Astrofotografie war schon immer eine Herausforderung. Sogar aus der Zeit vor der Zerstörung Heilbronns im zweiten Weltkrieg sind Berichte überliefert, dass der erste Zeiss-Refraktor der Sternwarte mit Kameras ausgestattet war – und die überlastete Montierung nur eiförmige Sterne lieferte. Die alten Beobachtungsbücher aus der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts zeigen einige schöne Mondbilder, und eine analoge Olympus Spiegelreflex ruht immer noch in unserem Schrank.
Bis weit in die 90er Jahre war Diafilm das Mittel der Wahl. Wer damals mit dem Auge am Fadenkreuz geguidet hat, weiß, was das für eine Qual ist – selbst, wenn die Montierung etwas taugt, sodass man bequem am C14 sitzen konnte und nur die Tasten der Handsteuerung drücken musste.
Ein großer Schritt nach vorne war die Digitalisierung. Bei uns machte eine Starlight Express CCD-Kamera den Anfang – mit 320-Pixel-Chip und Bildausgabe auf einem Fernsehmonitor. Gesteuert wurde sie über einen eigenen Steuerungskasten. Dementsprechend selten war sie im Einsatz, auch wenn M 57 im C14 fast bildfüllend war.
Der nächste große Schritt war dann zweigeteilt: Einerseits wurden Videomodule für die Planetenfotografie eingeführt. Den Anfang machte bei uns wie so oft eine Philipps ToU Webcam, heute haben wir eine DMK Farbkamera, die wesentlich bessere Ergebnis liefert. Mit diesen Kameras wird ein Video aufgenommen, aus denen eine Software die besten Bilder des Planeten heraussucht und zusammengefügt – einst machte das Giotto, heute Registax oder Autostakkert.
Für Deep Sky brachten die digitalen Spiegelreflexkameras den Durchbruch: Erst kam eine Nikon D70 auf die Sternwarte, später zwei astromodifizierte Canons. Sie können am Teleskop ebenso eingesetzt werden wie auf dem AstroTrac als mobile Fotonachführung mit lichtstarken Objektiven.
Am Teleskop wurden diese Kameras meist entweder am Coudé für die Mondfotografie eingesetzt, oder am ED80, der auf dem C14 aufgesattelt ist. Mit Reducer kommt der ED80 auf ein Öffnungsverhältnis von f/6 (80/480) und kann auch ohne Nachführkontrolle einfach auf der Alt-Montierung Photonen sammeln. Ausschuss ist zwar dabei, aber man kann ja immer noch Bilder einfach löschen. Die Bahtinov-Maske erleichtert das Scharfstellen dabei ungemein.
Theoretisch ist sogar Autoguiding am C14 möglich – eine gekühlte Atik 16IC ist vorhanden, und PHD ist installiert. Allerdings wurde nie dokumentiert, wie das Ganze funktioniert.
Die anderen Sternwartenteleskope wurden eher selten für die Astrofotografie genutzt. Die Vixen Superpolaris-Montierungen sind zwar präzise, allerdings hatte sich die Elektronik im Lauf der Jahre verabschiedet, und sie können ohnehin nur nachführen, aber nicht guiden. Mit der normalen HEQ-5 wurde sogar gelegentlich erfolgreich mit dem C8 fotografiert; die HEQ-5 SDI „litt“ unter der besseren, aber empfindlicheren Boxdoerfer-Steuerung. Autoguider-Eingang oder gar Goto bietet aber keine dieser Montierungen, und der Schwerpunkt der Sternwarte lag erst einmal auf der visuellen Beobachtung – auch, da nicht viele Mitglieder fotografierten.
Die erste moderne Montierung war dann die CGEM, die die Superpolaris auf der Zeiss-Säule auf der Plattform ersetzte. Sie bietet Goto und eine Autoguiderschnittstelle, ist jedoch nicht mobil. 2019/2020 wurden dann die Weichen gestellt, um die Astrofotografie mit unseren Geräten wieder zu fördern: Mit der Celestron Advanced VX (AVX) kam eine transportable parallaktische Montierung mit Goto und Autoguiderschnittstelle auf die Sternwarte. Es folgte eine Atik Horizon Astro-Kamera mit gekühltem Farbsensor (weniger Rauschen!) und der Möglichkeit, Bilder direkt am PC zu stacken. Sie kam pünktlich zum Lockdown Anfang 2020, sodass sie erst im Herbst getestet werden konnte. Der Durchbruch war dann der Celestron RASA 8, der sowohl auf der CGEM auf der RMS als auch mobil auf der AVX betrieben werden kann: Eine reine Fotomaschine, die mit 400mm Brennweite und f/2 kurze Belichtungszeiten und große Bildfelder ermöglicht. Er kann nur mit der ATIK betrieben werden, für eine DSLR langt sein Backfokus von nur 25mm ab dem T-2-Gewinde nicht aus. Aber der Aufwand lohnt sich.
Das First Light war im November 2020, und hier will ich von den meinen Erfahrungen berichten und beschreiben, wie er benutzt wird.
Der erste Einsatz
Nachdem wir alle nötigen Adapter beisammen hatten – für die Atik war noch ein 12mm-Distanzring nötig; bei f/2 müssen die Abstände exakt eingehalten werden, wenn man scharfe Bilder will – konnte ich das Teleskop am 5. November endlich in Betrieb nehmen. Das bedeutete zuerst einmal, den optionalen Motorfokussierer zu installieren und Firmware-Updates für die Handcontroller und Montierungen aufzuspielen. Der Motorfokussierer erscheint als zusätzlicher Punkt „Focuser“ in der Handsteuerung und kann dann mit den Scroll Up/Down-Tasten des Handcontrollers gesteuert werden. Manuelles Fokussieren ist nicht möglich! Alternativ kann er über den PC gesteuert werden. Dazu wird der Handcontroller über ein Mini-USB-Kabel mit dem PC verbunden (was den ersten USB-Port belegt). Dann kann er über ein eigenes Steuerprogramm oder über Celestron CPWI gesteuert werden, das auch die komplette Montierungssteuerung samt Referenzsternsuche übernimmt.
Die Rückseite des RASA: Kein Okularauszug. Der Motorfokussierer ist an den AUX-Port der Montierung angeschlossen.
Nach einiger Zeit hatte ich dann auch alle Schrauben fest genug und die richtige Firmware auf AVX und CGEM, sodass der Fokussierer funktionierte. Noch einmal die Kalibrierung des Fokussierers starten, damit die Software die Endpunkte kennt, und der Teil war erledigt.
Der RASA passt mit seiner 3″-Schiene zum Glück ohne Probleme auf die Montierungen. Ein Gegengewicht langt prinzipiell, besser sind zwei, die dann näher am Montierungskopf liegen.
Dann kam die Kameramontage dran: Die Atik wird mit dem T-Adapter vor das Teleskop geschraubt, der 12mm-Abstandsring sorgt für den richtigen Abstand. Dann mit dem zweiten USB-Port verbinden.
Die Inbetriebnahme der Kamera war spannend: Anfang des Jahres waren wir komplett gescheitert. Atik macht gute Kameras, mäßig intuitive Software und eine bescheidene Dokumentation. Auf dem Desktop erscheinen nach der Installation nur die Icons für Infinity (mit dem man Bilder Live-Stacken kann – wunderbar, wenn die Kamera mal läuft, aber nichts für die ersten Versuche), Dawn (eine seltsame Software zur Bildbearbeitung, die völlig neue Wege bei der Benutzeroberfläche geht und dadurch gänzlich unintuitiv ist) sowie Dusk, das wohl Bilder aufnehmen soll. Arbeiten kann man dagegen mit Artemis Capture, das im Windows Startmenü versteckt wird.
Die ATIK vor der Schmidt-Platte des RASA.
Das erste Bild gelang mir daher mit Sharpcap, und nachdem ich die Einstellungen gefunden und die Funktionalität bewiesen hatte, konnte ich auch mit Artemis ein Bild auf den Monitor bringen. Die Kilianskirche, versteht sich – die ist schön hell. Dann noch den Sucher installieren und ausrichten (der 50mm MicroGuide von Astroshop – klein und leicht) und das Fadenkreuzokular einstecken. Mit Zenitspiegel am Sucher kommen wir leider nicht in den Fokus, da ist man vom Baader Variofinder am C14 verwöhnt – aber der hat dafür keinen Helikalfokussierer.
Jetzt konnte endlich getestet werden. Also die Montierung auf die Indexmarken setzen; die CGEM ist ja schon ganz gut eingenordet, wenn keiner an den Schrauben spielt. Dann die Referenzsterne anfahren – es ist ungewohnt, den ersten Blick im Sucher zu machen und dann auf den Monitor zu wechseln. Das Kabel vom Handcontroller ist aber lang genug, und die letzte Feinfokussierung ging über den Handcontroller auch gut (nachdem ich einmal die Kalibrierung durchlaufen hatte und den Fokussierer auf eine mittlere Position gestellt hatte).
Jetzt sollte eigentlich die Optik justiert werden, aber ich teste ja noch – also ab auf M 57 und 15×30 Sekunden belichten. Mal schauen, was die Software so kann. Freude: Die Justage sieht gar nicht so schlecht aus! Davon abgesehen war das Ergebnis dann erstmal frustrierend: Ich hatte einen Schwung FITS- und TIFF-Bilder aufgenommen, die alle Schwarz-Weiß waren, obwohl Artemis Capture sie mir in Farbe anzeigte. Öhm… Schließlich – allmählich ging auch der Mond auf, schlechte Zeiten für Deep-Sky – packte ich den RASA wieder ein (zumindest die Hardware funktionierte ja einwandfrei) und schloss die Atik noch einmal an den PC im Meridiankreishaus an. Oh Wunder: mit zwei 40mm-Verlängerungshülsen erhielt ich nun auch am ED80 ein scharfes Bild vom Mond. Nur kam ich mit der Belichtungszeit nicht weit genug runter, er war überbelichtet. Aber was soll‘s, die Hardware läuft. Dafür testet man ja!
Debayern?
Wieder zuhause nahm ich mich noch einmal der Daten an. Das Ergebnis: Die Bilder müssen debayert werden (aha…), damit aus komischen Monochrom-Aufnahmen Farbfotos werden. Das geht mit DSLR-RAWs in Lightroom doch bequemer. Die FITS-Dateien konnte ich so in Deep-Sky-Stacker öffnen und farbig machen. Sehr schön: Die Nachführung war auch ohne Guiding gut genug, und nach 7,5 Minuten war der Zentralstern von M 57 deutlich zu sehen. Dafür muss ich am ED80 mit f/6 deutlich länger belichten. f/2 macht richtig Spaß! Die Bilder hatte ich in Deep-Sky-Stacker als RGGB dekodiert.
Nur wie ich aus den TIFF-Bildern Farbfotos machen kann, habe ich immer noch nicht kapiert. Wahrscheinlich kann ich diese Aufnahmen abschreiben.
First Light am Himmel: 7,5 Minuten Ringnebel als Weitfeld – samt Zentralsternchen.
Second Light
Ein paar Tage später schien der Himmel wieder mitzuspielen. Der Plan für heute: Die Montierung einnorden, Autoguiding üben und mit Infinity herumspielen. Als es nach einem herrlichen Herbsttag endlich dunkel genug war, war ich auch fast einsatzbereit. Am Leitrohr hing meine ZWO Mini, die ich zum Guiden und Einnorden benutzen wollte – Sharpcap hat da eine wunderbare Routine mittels Platesolving.
Als die Kamera endlich Sterne sah, war die Montierung dann auch recht schnell recht gut eingenordet – bis auf etwa 30 Bogensekunden, gut genug für 400 mm.
Warten auf die Dunkelheit
Und pünktlich zur astronomischen Dämmerung war dann auch Nebel hochgezogen, sodass die Suche nach einem Referenzstern scheiterte, um das Goto in Betrieb zu nehmen. Kein Großer Wagen mehr zu sehen, die Nacht war gelaufen – vor allem weil der RASA noch keine Taukappe oder Heizung hat.
Aber lehrreich war es trotzdem: Ich bräuchte einen weiteren USB-Port, da der Aufbau drei Ports belegt: Einen für die Montierung, einen für die ATIK und einen für den Guider. Klar, dass mein MacBook Air nur zwei Ports hat…
Die Montierungssteuerung geht über CPWI ganz gut. Man muss nur das Hauptfenster mit dem Sternkartenprogramm zur Seite schieben und kann dann die Steuerfenster für die Achsen der Montierung und ggf. den Fokussierer über das Programmfenster von Artemis legen.
Artemis hat ein schönes Tool zur richtigen Fokussierung: Einfach das Focus-Tool aufrufen, einen Stern anklicken und dann über FWHM-Analyse den perfekten Fokus suchen. Sehr angenehm. Und wenn man ein Fadenkreuz einblendet, kann man auch die Referenzsterne der Montierung sehr genau einstellen. Wenn das Leitrohr mit der Guidingkamera belegt ist, wäre ein kleiner Leuchtpunktsucher für die Referenzsterne noch ganz nett. Aber solange die Montierung ja auch über den Handcontroller gesteuert werden kann, kann das Guiding auch danach installiert werden – wenn die Kamera einen ST-4-Port hat, und man nicht über USB und den Handcontroller gehen muss (oder man ausreichend USB-Ports hat…).
PHD-Guiding konnte ich so leider nicht ausprobieren. Für dieses Jahr ist noch die Anschaffung eines Standalone-Autoguiders geplant. Im Idealfall kommt der ohne PC aus, mittlerweile ist die Technik auch recht ausgereift. Dann brauchen wir nur noch sechs Steckdosen: Für Montierung, Kamera, Laptop, Kühlung vom RASA, Heizung der Taukappe und Autoguider. Uff…
Der Arbeitsplatz mit Artemis Capture und CPWI
Artemis Capture hat eine spartanische, aber funktionelle Oberfläche. Die wichtigsten Funktionen: (1) Cooler – Hier wird die Temperatur der Kamera eingestellt. Sie kann bis 30° unter Umgebungstemperatur gekühlt werden – sinnvoll ist ein Wert, der die ganze Nacht über gehalten werden kann. Wichtig: Die Kamera nicht einfach ausstecken, sondern erst wieder aufwärmen („Warm up“) (2) Display: Beeinflusst nur die Darstellung am Monitor. Ggf. muss mit den Black- und White-Werten gespielt werden, um etwas zu sehen, Auto Stretch funktioniert nicht immer. Ein Schwarzwert ab 40 000 hilft dabei, Überbelichtung zu erkennen. (3) Reticle blendet ein Fadenkreuz ein – perfekt zum Einstellen der Referenzsterne für das Goto. Der Zoom kann auch mit dem Mausrad verstellt werden. (4) Exposure: Hier wird die Belichtungszeit eingestellt – auch am RASA sind 1-3 Sekunden ein guter Anfangswert. Binning sollte auf 1 stehen, sonst werden Pixel zusammengefasst – das liefert ein helleres Bild, aber nur noch in schwarzweiß. Darunter kann ein Bildausschnitt (Region of Interest) ausgewählt werden, oder mit Full frame das gesamte Bild. Ein Häkchen bei (5) Autosave speichert automatisch jede Aufnahme, hier wird auch der Speicherplatz und Bildname angegeben. Die Funktion kann auch oben links bei den Icons aktiviert werden. Alternativ kann die aktuelle Aufnahme manuell gespeichert werden(6). Über die (7) Presets und den Gain kann die Empfindlichkeit eingestellt werden. Gerade am RASA sind niedrige Werte besser, da es dann weniger Bildrauschen gibt – die Helligkeit kann auch in der Bildbearbeitung hochgezogen werden. Über das Fenster Tracking kann auch fokussiert werden – einfach einen Stern anklicken. Wenn eine zweite Instanz von Artemis Capture geöffnet ist, kann hier auch eine weitere Atik für das Guiding genutzt werden. Die Kamera wird über die Icons (8) ausgelöst: Einzelaufnahme, Dauerfoto oder programmiert. (9) und (10) sind die Einstellfenster für Montierungsachsen und Fokussierer aus Celestron CPWI, das hier an den untersten Bildschirmrand geschoben wurde.
Livestacking
Ausschlaggebend für die Entscheidung für die Atik Horizon war die Infinity-Software, die Livestacking ermöglicht. Daher musste das natürlich auch einmal getestet werden, sobald ich mit der Kamera einigermaßen vertraut war.
LiveStacking: Man muss nur etwas mit dem Histogramm spielen, dann erscheint rasch ein schönes Bild auf dem Monitor. Fünf Minuten (24x15s) M 57 am C14, ohne Guiding.
Die Infinity-Software läuft grundsätzlich im Vollbildmodus und hat eine eigenwillige Oberfläche. Oben rechts sind drei Modi: Das Auge dient dazu, ein Objekt zu finden; die Kamera nimmt dann die Bilder und stackt sie, wenn man links ein Häkchen setzt, und das Wiederholungssymbol daneben lässt einen eine Sitzung erneut wiedergeben. Der Funkturm ist für Youtube-Streaming, und die Diskette lässt einen das Ergebnis speichern. Die meisten Einstellungen sind halbwegs selbsterklärend. Damit ein schönes Bild herauskommt, muss man unten am Histogramm etwas spielen. Durch Verschieben von Schwarz- und Weißpunkt sowie dem mittleren Balken kann man eine Quick-and-Dirty-Bildbearbeitung machen. Das Beispiel oben zeigt den Ringnebel nach fünf Minuten – es ist schon cool, was fast vollautomatisch möglich ist!
Ganz perfekt läuft das aber noch nicht: Unser Rechner im Meridiankreishaus war etwas schwachbrüstig, die Software hätte gerne mindestens 8 GB RAM und einen i5-Prozessor; bei 4 GB funktioniert sie zwar, aber das Histogramm ist fast nicht zu bedienen. Auf meinem Laptop funktionierte es erst, als ich „Use Fast Display“ deaktivierte. Mittlerweile wurde der C14-Steuerrechner durch einen schnelleren Laptop ersetzt.
Aber wenn der Rechner leistungsstark genug ist, wird es reizvoll sein, während einer Führung ohne allzu großen Aufwand demonstrieren zu können, was die Kamera im Gegensatz zum Auge leisten kann. Das ist dann schon wirklich Astrofotografie für Dummies…
Vorbereitungen der Montierung
Um Spaß dabei zu haben, muss die Montierung natürlich sauber laufen. Gerade vor dem ersten Feldeinsatz oder nach einem Firmware-Update sollten bei den Celestrons ein paar Dinge überprüft werden. Die Montierung sollte möglichst gut ausbalanciert sein – und dann im Osten minimal schwerer, um Getriebespiel beim Nachführen zu vermeiden. So schiebt der RA-Motor immer.
Getriebespiel: Die Montierungen werden noch mit Zahnrädern angetrieben, die Spiel im Getriebe haben. Unter Einstellungen => Getriebespiel kann im Handcontroller eingestellt werden, dass der Motor etwas schneller läuft, um Totgang auszugleichen. Die Montierung sollte keine störenden Verzögerungen aufweisen, wenn man die Richtung ändert.
CPWI steuert Montierung und Motorfokussierer.
Utilities => Kalibrieren sollte einmal aufgerufen werden, die Kalibrierung läuft dann automatisch ab. Für das Alignment sollten mindestens drei, besser vier Sterne ausgewählt werden, bevor die Montierung über Align=>Polausrichtung eingenordet wird. So kann sie ein besseres Himmelsmodell erstellen. Anschließend sollte ein neues Alignment durchgeführt werden. Wenn mit dem RASA und der Atik eingenordet wird, kann man ein Fadenkreuz einblenden. Wer einen eigenen Laptop hat: Sharpcap kostet Geld und ist nur als Abo erhältlich (sein Geld aber wert), bietet dafür jedoch eine sehr komfortable Routine, die zum Einnorden das Bild der Guidingkamera am Sucher verwendet. Auch das kostenlose PHD2 bietet so eine Routine, die konnte ich aber noch nicht testen.
Wenn man ohnehin einen Laptop dabei hat, bietet es sich an, Celestron CPWI zur Steuerung und Einnordung des Teleskops zu verwenden. Dabei werden unsere Montierungen über den Handcontroller verbunden, der dann im Betrieb ohne Funktion bleibt – die Montierung wird nur noch über den PC gesteuert. Damit das funktioniert, muss man aber auch genug Strom haben. Es ist nicht jeder Lüfter nötig, aber auch der Laptop muss in der Kälte erst einmal durchhalten.
Fazit
Der massive Einsatz von Technik erfordert etwas mehr Vorbereitungszeit, aber wenn alles läuft, sind in kurzer Zeit sehr gute Ergebnisse erzielbar. Durch die Brennweite und Lichtstärke des RASA kann bei einer sauber eingenordeten Montierung sogar auf das Guiding verzichtet werden. Bei 400mm Brennweite hat die Atik eine Auflösung von 1,96″, was mit kurzen Belichtungszeiten noch beherrschbar ist – aber mit Guiding sind noch tiefere Aufnahmen möglich. So macht Astrofotografie richtig Spaß!
Zum Abschluss noch ein Bild, das ein Kollege mit dem Gerät aufgenommen und ernsthaft bearbeitet hat:
Das Galaxienpaar M 81/M 82, aufgenommen mit unserem neuen RASA 8 (400mm f/2) und der Atik Horizon Color. 110 Frames je 2 Minuten + Darks, Bias, Flats.
So, den ersten Schwung Bilder der Sonnenfinsternis vom 10. Juni 2021 habe ich nun durchgeschaut, den Rückblick gab’s ja schon im letzten Blogbeitrag. Meine Nikon D7100 hing ja am Coudé-Refraktor der Heilbronner Sternwarte und schoss jede Minute ein Foto. Das Teleskop ist ein 150/2250mm-Refraktor, mit Reducer liegt er etwa bei 1500mm Brennweite, sodass die Sonne komplett auf den Sensor der APS-C-Kamera passt.
Nun ist das Gerät aus den 1980ern, und irgendwo ist noch die Anleitung, die beschreibt, wie man die Nachführung auf Sonnengeschwindigkeit einstellen kann. Daher lief die Sonne regelmäßig aus dem Bild, und ich musste die Fotos manuell zentrieren. Die Helligkeitsschwankungen kommen daher, dass ich die Kuppel auch manuell drehen musste und nicht immer daran gedacht hatte.
Immerhin: Die erste Wolke kam erst in der Minute, nachdem der Mond nicht mehr vor der Sonne stand. Dafür kann man richtig zusehen, wie sich Staub auf dem Sensor ablagert. Da die Sonne über den Sensor wanderte und die Bilder nachträglich auf die Sonne zentriert wurden, sieht das so aus, als ob der Staub über die Sonne wandert. Immerhin ist er so besser von den kleinen Sonnenflecken zu unterscheiden.
Zeitraffer der partiellen Sonnenfinsternis vom 10. Juni 2021
Kleines Update: Der Vollständigkeit halber hier noch das originale Video, das nicht ausgerichtet wurde und das schön zeigt, wie sich Sonne und Mond mit anderen Geschwindigkeiten bewegen als die Sterne, auf die die Nachführung eingestellt war:
Ein Zeitraffer aus den selben Bildern, nur ohne manuelle Ausrichtung auf die Sonne.
Was Finsternisse angeht, waren wir in letzter Zeit nicht gerade verwöhnt worden. Mit rund 7% Bedeckung für Süddeutschland versprach das auch ein eher unauffälliges Schauspiel – nichts, was man mit bloßem Auge bemerken würde. Trotzdem gab es schon im Vorfeld Überlegungen, mal wieder einen LiveStream von der Heilbronner Sternwarte aus zu machen. Mit öffentlichen Veranstaltungen sah es in letzter Zeit aus den bekannten Gründen ohnehin mau aus…
Der VarioFinder mit Sonnenfilter
Schon im Vorfeld stand daher eine Neuanschaffung an: Ein Sonnenfilter für den Sucher vom C14. Dessen Brennweite von 250mm passt genau, um die Sonne bildfüllend auf die DMK Planetenkamera zu projizieren, die wir schon einmal für einen LiveStream genutzt hatten. Das hat im Test auch wunderbar funktioniert – allerdings hat die Kamera nur 640×480 Pixel Auflösung. Nicht gerade viel für heutige Verhältnisse.
Die Wetterprognose am Vortag
Der Probelauf mit dem Youtube-Stream eineinhalb Wochen vorher ließ dann auch den Wunsch nach mehr Auflösung aufkommen. Was tun? Nun, für Deep-Sky-Fotografie haben wir noch eine gekühlte ATIK Horizon auf der Sternwarte, die sollte doch auch dafür taugen. Im Prinzipja – nur schmierte die ATIK-Software regelmäßig bei dem Versuch ab, auf Youtube zu streamen, und im Herschelkeil war das Bild auch bei kürzester Belichtungszeit zu hell.
In der letzten Woche vor dem Ereignis ließ das Wetter keine weiteren Tests zu, erst am 10. konnte ich wieder testen – kurz, bevor wir live gingen. Die Wetterprognose war mäßig, aber überraschenderweise war es dann doch weitestgehend klar in Heilbronn. Es mag damit zusammenhängen, dass ich kurz vorher nicht nur einen Sonnenfilter, sondern auch einen Regenschirm besorgt hatte – das hat den Wettergott wohl völlig verwirrt.
Die Technik für den LiveStrem – die Aufnahmeoptik (der schwarze ED80/600) wird vom doch nicht benötigten weißen Sucher fast völlig verdeckt:-)
Jedenfalls lief gut eine Stunde vor dem Beginn der Finsternis die ATIK mit einem zusätzlichen Graufilter am Herschelkeil, und mit Bildschirmzoom auch bildfüllend. Das Bild wurde dann mit OBS abgegriffen und gestreamt. Ein Workaround, aber er funktioniert.
Also dem Kollege Bescheid geben, der aus dem HomeOffice den Stream starten konnte – im Gegensatz zu mir vor Ort konnte er auf dem Laptop was erkennen. Ohne Sonnenschutz war der Laptop nicht bedienbar…
Beim nächsten Mal werde ich wohl versuchen, mit Okularprojektion ein größeres Bild zu bekommen. Mit dem 36er Hyperion Okular habe ich an der DSLR eigentlich immer eine schön große Sonne gehabt. Aber das nächste Mal können wir den Stream dann auch vorher ankündigen, so hatten wir immer 35 Zuschauer auf sternwarte.org/live/.
Die Sonne im Weißlicht
Absolut ungewöhnlich war übrigens, dass ich die Sternwarte völlig für mich alleine hatte. Wochentags Mittags in Corona-Zeiten haben doch nicht zu viele Leute Zeit, erst recht nich von unseren Instrumentenscheininhabern – und wir hatten ja keine Veranstaltung angekündigt. Abstand halten und so. Ich nutzte die Gelegenheit, um meine DSLR mit Reducer an den Coudé zu hängen und im Intervallmodus minütlich ein Foto machen zu lassen. Leider hatte ich nicht mehr so viel Zeit zum Fokussieren, bzw. mich etwas vertan, und doch etwas mehr Staub auf dem Sensor als gedacht. Aber fürs Web langen die Fotos allemal. Und irgendwann muss ich nachschauen, wie ich die Nachführung unseres Coudé auf Sonnengeschwindigkeit einstelle, sie lief ein paar mal aus dem Bild. Macht aber nichts, ich habe die Kuppel auch nicht immer schnell genug gedreht.
Damit waren beide Hauptteleskope der Sternwarte mit Kameras belegt – und was mache ich jetzt? H-alpha! Wir haben ja einiges an mobilen Geräten, und ich hatte noch einen H-alpha-Filter dabei, den ich gerade teste. Also Ruckzuck den ED80 auf die CGEM gesetzt, die fest auf der Plattform aufgebaut ist. Ja, chic: Einige nette Protuberanzen, mehr Details auf der Sonnenoberfläche als die paar kleinen Sonnenflecken, die im Weißlicht zu sehen waren, und hübsch anzuschauen, wie sich die ganzen Krater und Berge am Mondrand vor der Sonnenscheibe abheben. Also die kleine Panasonic G70 geholt und drangehängt. Eine Farbkamera ist für die H-alpha-Fotografie leider nur mäßig geeignet, aber eine Quick-and-Dirty-Bildbearbeitung will ich doch nicht vorenthalten.
Die Sonnenfinsternis im H-alpha
Das Bild hinkt dem visuellen Eindruck meilenweit hinterher – ich müsste unterschiedlich belichtete Aufnahmen von Sonnenoberfläche und Rand ineinanderkopieren, um was hübsches draus zu machen, und wesentlich mehr Zeit in die Bildbearbeitung stecken, als ich gerade habe. Aber für einen Schnellschuss schon ganz nett. Irgendwann arbeite ich mich mal in die H-alpha-Fotografie ein…
Nur was mache ich jetzt auf der Sternwarte? Langsam gehen mir die Kameras aus… Also noch ein Teleskop aufbauen: Unser kleines Lunt wartet eh schon lange wieder auf Sonne, und ich kann mal testen, wie gut die NexStar SE mit einem Sonnensystem-Alignment funktioniert. Ich bin positiv überrascht: Der breitere H-alpa-Filter des Lunt 60 (0,75Å statt 0,6Å am ED80) zeigt erwartungsgemäß die Sonnenprotuberanzen heller, und die Montierung führt ziemlich ordentlich nach – vor allem, weil ich das Stativ ohne Wasserwaage aufgestellt hatte. Nett. Damit ist das auch die erste SoFi, die ich fast komplett in H-alpha beobachte – ein bisschen dekadent ist das schon:-)
Klarer Himmel über Heilbronn, und die Sternwarte ganz für mich alleine
Ich konnte aber nicht wiederstehen, die DMK mit einem billigen Reducer an das Lunt zu hängen – da kam aber nichts scharfes bei raus, also hatte ich doch ein Teleskop für die visuelle Beobachtung. Auch nicht schlecht.
Brav: Die Wolken kamen erst nach der SoFi – Bild von 13:26.
So vergingen die zwei Stunden recht zügig, und das Wetter hielt sich bis zuletzt. Erst wenige Sekunden nach der Finsternis schob sich die erste Wolke vor die Sonne. Ich muss öfter Regenschirme vor astronomischen Ereignissen kaufen…
Gegen Ende war auch schon fernes Rumpeln zu hören, und als ich endlich alles abgebaut hatte, kamen auch schon die ersten Regentropfen. Auf der Rückfahrt erwischte mich auf der Höhe von Schwaigern dann auch noch ein regelrechter Wolkenbruch – es bewahrheitet sich also immer wieder, nach einer SoFi kommt Regen. Das war schon 1999 so:-)
Damit war das eine entspannte kleine Abwechslung zu den üblichen Veranstaltungen auf der Sternwarte und wieder einmal schön anzuschauen – ich hatte weniger erwartet. Trotzdem wäre es nett, wieder einmal Veranstaltungen mit Gästen vor Ort zu machen…
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