Juhu: Wir haben Late Check-Out. Genauer gesagt können wir das Zimmer bis 12 Uhr nutzen. Perfekt – das heißt, wir können nach dem Frühstück in den Ort gehen, den in Ruhe anschauen, dann noch einmal aufs Zimmer und auschecken. Ganz entspannt, fast wie im Urlaub. Also erst einmal das Frühstücksbuffet, dann die ersten Rucksäcke ins Auto und bei noch angenehmen Morgentemperaturen zu Fuß rüber in den Ort.
Bis zum Stadttor sind es tatsächlich nur fünf Minuten ohne nennenswerte Steigung, da liegt unser Hotel günstiger als die ursprünglich gebuchte Ferienwohnung. Sos del Rey Católico rühmt sich wie einige andere Orte auch, zu den schönsten Städten Spaniens zu gehören, und das tut es zu recht. Auf einem Bergrücken drängt sich die verwinkelte Altstadt mit engen Gassen und schönen, hohen Steinhäusern. Man fühlt sich wirklich in die Vergangenheit versetzt, und einige Restaurants haben sogar offen – da hätten wir gestern Abend wohl doch noch etwas zu Essen gefunden.
Der kompakte Kern der Stadt ist auch ohne großen Plan rasch erkundet, wobei Komoot eine grobe Orientierung bietet – aber in den Gassen ist das GPS vom Handy völlig aufgeschmissen. Wir finden den Marktplatz ohne Probleme, von dort weiter zur Burg und ein paar Palästen. Wir treffen nur ein paar Menschen und sind wohl die einzigen Touristen, die jetzt auf den Beinen sind und nicht noch am Frühstücken sind.






Wo genau wir in den Gassen überall waren, weiß ich nicht – aber wir haben sowohl das alte Judenviertel gefunden (das von den Bewohnern aufgegeben wurde, als sie 1492 auf Befehl des katholischen Köngis ihre Religion hätten aufgeben sollen) als auch die Burg (der Turm war zum Glück verschlossen, die Altstadt ist steil genug) und den Tunnel, der zur Kirche führte.




Die Stadt ist wirklich einen Besuch wert, und unser Hotel war eine gute Alternative zur Ferienwohnung mit defekter Klimaanlage. Wir waren rechtzeitig zurück im Hotel, um noch einmal im Frühstücksraum die Kanne mit Orangensaft leer zu machen. Nur um nochmal zu duschen hat die Zeit dann doch nicht gereicht…
Auf gut ausgebauten Straßen ging es dann weiter durch dir schöne Landschaft, zum Teil auf einer echten Kammstraße – rechts und links ging es steil den Berg hinunter. Das nächste Ziel war Sofuentes, ein kleines Dorf, das beim Durchfahren nicht groß zum Halten motiviert hatte. Es ist auch ein Vorschlag von Slow Driving Aragon. Die Webseite hätte ich als Buch gebraucht – sehenswert wäre der Ort vor allem, weil in vielen Häusern noch Reste der römischen Kaiserzeit durchscheinen. Auch der mittelalterliche Festungsturm ist uns entgangen. Aragon ist touristisch noch ausbaufähig…
So ging es rasch weiter nach Castiliscar, einem kleinen Or, über dem einst eine hübsche Burg thronte. Von ihr ist nur noch der Turm übrig, der heute Glockenturm für die daran angebaute Kapelle ist. Direkt daneben: Eine große, fensterlose Kirche.





Sowohl die große Kirche als auch die an den ehemaligen Burgturm angebaute Kapelle waren stockduster. Keine Ahnung, ob der Pfarrer damals die Bibel auswendig konnte oder ein Leselicht hatte; bei Predigten einzuschlafen dürfte kein Problem sein. Es war aber auch nicht besonders kühl in den Gebäuden, sondern eher stickig. Seltsame Konstruktion. Der Altar soll übrigens ein Sarg aus dem 4. Jahrhundert sein.
Um 11 Uhr konnten wir dann auch das Kirchengeläut erleben: Kurz vorher wurde zur Vorwarnung etwas gebimmelt, und um elf drehten die Glocken im Wortsinn durch: Die beiden großen Glocken machen tatsächlich volle 360°-Umdrehungen um die Achse, an der sie aufgehängt sind. Spanier mögen’s laut. Und wenn das nicht reicht, war auch noch ein kleiner Klöppel seitlich, um die Glocken auch in der Ruheposition zu schlagen.



Bis zum nächsten Halt war es nur eine Viertelstunde: Das Castillo von Sádaba. Es ist nicht ausgeschildert, aber irgendwie habe ich den Parkplatz doch gefunden. Die Anlage ist eine der wenigen Stationen unserer Reise, die Eintritt kostet: Rund 2 Euro; dafür gibt es nur ein Kassenhäuschen und keine Toilette.
Die kastenförmige Anlage wirkt auf mich fast normannisch. Die Außenmauern stehen noch bzw. wurden wieder aufgebaut und sind begehbar, im Inneren sind noch eine Kapelle und einige Mauern erhalten, die das einstige Aussehen erkennen lassen. Bei den günstigen Eintrittspreisen wird der Wiederaufbau noch einige Zeit dauern.






Viel Zeit kann man hier nicht verbringen, aber einen Halt ist die Burg auf jeden Fall wert.
Anschließend überspringen wir ein paar Punkte der Burgenroute und fahren zu den Aguarales de Valpalmas. Valpalmas mit seinen schönen Herrenhäusern ignorieren wir: Irgendwo steht ein Wegweiser zu einer Schotterpiste, Tomtom meint, dass wir komplett offroad wären, Apple Maps gesteht zumindest die Existenz eines Weges ein, und nach ein paar Kilometern erreichen wir tatsächlich einen kleinen Parkplatz. Hier ist unser Ziel: Eine einige hundert Meter lange, irre Landschaft, in der Regen aus dem Lehmboden Strukturen geformt hat, die man eher in Island erwarten würde (dort aber aus beständigerem Vulkangestein). Ein Weg führt in die Landschaft, einer außen herum, beide sind nicht zu lang und lohnenswert. Sogar ein paar Bänke erwarten einen in den Aguarales.




Die Strukturen sind vielleicht zwei bis vier Meter hoch, und man erwartet jederzeit, dass gleich irgendwelche unterirdischen Bewohner auftauchen können. Die Spanier reden von Chimeneas de hadas, zu Deutsch Feenkaminen. Das passt. 30° weniger Lufttemperatur und das ganze in Schwarzweiß statt sandfarben, und man wäre in Island (nur dass das Parken dort kosten würde, und man die passende App bräuchte).




Auf dem Rückweg begegnen wir doch noch weiteren Touristen und werden auf Deutsch begrüßt – unser Autokennzeichen hat uns verraten. Jetzt parkt neben uns ein VW-Bus aus Bayern. Man grüßt sich, wechselt ein paar Worte, und dann erkunden wir den äußeren Weg, der einen Blick von oben auf das Gebiet bietet. Nicht ganz so eindrucksvoll, aber ebenfalls eine sehr, sehr sehenswerte Perspektive.




Fast eine Stunde verbringen wir in den Aguareles, bevor es weiter nach Huesca geht. Ab 15 Uhr können wir dort einchecken, das passt ganz gut. Noch ein Abstecher zu einem Ausblick auf das Castillo de Montearagon: Nein, der Kreisverkehr, den das Navi vorschlägt, existiert nicht. Also nur ein Foto aus dem Auto, bevor es in die Stadt geht.
Spannende Sache… unsere Wohnung für die nächsten beiden Nächte liegt in der Fußgängerzone, Zufahrt nur für Berechtigte, mit Kameraüberwachung. Ich fahre ein paar Mal an der Kameraanlage vorbei, bis ich die Wohnung finde. Wir haben unser Kennzeichen im Voraus angegeben, mal sehen, ob das klappt. Spannend: Die Haustüre wird per Smartlock geöffnet – ich muss auf einer Webseite einen Schieberegler betätigen, um das Schloss zu öffnen.
Vor dem Haus darf man nur kurz parken, 20 Minuten stand in der Beschreibung. Das reicht, um das Gepäck auszuladen und den Schlüssel für die Tiefgarage zu holen. Die ist direkt ums Eck, dank Einbahnstraßensystem aber 1,5 Kilometer weit weg. Ich kreisle durch den Ort, wir haben zwar eine schöne Beschreibung mit Bildern erhalten, aber die anzuschauen und gleichzeitig zu fahren geht nicht. Das Navi lenkt mich an ein völlig anders Tor – das reagiert zwar auch auf die Fernbedienung, aber will ich da rein? Nochmal einen Blick auf die Beschreibung und ab in die Fußgängerzone, hinter der Basilika scharf rechts, und da ist das richtige Tor. Nur aufmachen kann ich es nicht, und zurück komme ich auch nicht – das spanische Fernsehen sperrt gerade den Platz ab, ein mächtiger Kamera-Schwenkarm versperrt den Rückweg. Der junge Kameramann kann kein Englisch, aber er macht mir doch den Weg frei, bevor ich meiner Versicherung erklären muss, warum eine TV-Liveübertragung ausfällt… Was ist hier eigentlich los?
Also noch ein Anlauf: Nein, das war schon die richtige Einfahrt, nur ist sie mittlerweile komplett zugebaut, und das Tor reagiert auch nicht.
Also zurück zu dem ersten Tor, das wenigstens reagiert, und den Vermieter angerufen – der spricht zum Glück Englisch. Wir wechseln auf einen WhatsApp-Videoanruf, er bestätigt, dass das die Ausfahrt ist und wir auch da reinfahren können.
Uff.
Knappe zwei Stunden nach unserer Ankunft beziehen wir endlich unsere Wohnung, ein zentral gelegenes Studio. Die Klimaanlage ist sehr gemächlich, aber auch angenehm leise. Nachdem wir uns eingerichtet haben, wird es Zeit, etwas zu Essen zu suchen. Zur Info: Wir haben Samstag, den 15. August, mittlerweile gegen halb acht abends. Und wir kommen nicht weit.
Heute ist der letzte Tag der Fiestas de San Lorenzo. Das müsste der mit den Tränen des Laurentius sein, also der Namensgeber der Sternschnuppen, die wir eher Perseiden nennen. San Lorenzo wird hier seit einer Woche gefeiert, und der ganze Ort ist auf den Beinen. Direkt vor der Kirche, keine fünfzig Meter von unserer Wohnung und direkt vor dem Parkhaus, ist das “Epizentrum”: Hier steht die Heiligenstatue, mindestens ein Dutzend Traditionsvereine prozessieren vor der Staue des Heiligen vorbei, führen traditionelle Tänze auf und bringen Blumengaben, die an der Kirchenfassade zu einem Wandbild drapiert werden, das Fernsehen überträgt live, und der ganze Ort ist in Weiß gekleidet, mit grünen Halstüchern – mit Ausnahme von vielleicht einem Dutzend Touristen, die genauso erschlagen sind wie wir.




Wir geben den Plan mit dem Essengehen auf und schauen uns die Prozession an. Wow.
Am Ende kam dann noch ein großer Trupp stolzer Spanier mit Schwertern, und gegen 21 Uhr war kurz Ruhe. Ausreichend Zeit für eine kurze Expedition zum Burger King, zumindest da sollte man etwas zu Essen bekommen. Bislang haben wir es tatsächlich nicht einmal geschafft, in Spanien vernünftig Essen zu gehen.
Aber es kehrt noch lange keine Ruhe ein, der Heilige muss ja zum Abschluss der Feierlichkeiten noch ins Bett gebracht werden. Dazu treffen sich die Bands ab 22:30 noch einmal, und die Blaskapellen machen alles, damit keiner schläft, wenn San Lorenzo nicht schläft – vier Tubas ragen aus der Menge und geben alles. Was für eine Stimmung. Endlich kriegt er sein Schlaflied:
Und dann geht die Prozession zum nächsten Platz. Da überall Waldbrände sind, entfällt das traditionelle Abschlussfeuerwerk diesmal. Stattdessen gibt es um Mitternacht nur ein kleines Tischfeuerwerk: Ein knappes Dutzend vier oder fünf Meter hoher Fontänen, gut Meterhohe Vulkane, die rund um den Marktplatz gezündet werden, und abschließend wird der Marktplatz gesprengt.
Das kommt im Video bei weitem nicht so laut rüber wie es war; die ersten Reihen waren leicht panisch, als wohl (laut Facebook) 10 Kilogramm Sprengstoff gezündet wurde und nur noch eine Feuerwolke zu sehen war. Mächtiger Badabumm. Durchgeknallt. Immerhin war die Feuerwehr vor Ort, um einen Baum zu löschen. Sagen wir mal so: In Anbetracht dessen, dass die Provinz Huesca gerade abfackelt, kam das Feuerwerk nicht bei allen Spaniern gut an…
In der Nacht gingen die Feierlichkeiten stellenweise noch etwas weiter, aber für uns war es das für heute. Nichts mehr mit VIVA LORENZO! VIVA HUESCA!





