Hurtigrute Tag 1: Bergen

Der Tagesplan

Seit November ist eigentlich gar nicht so viel Zeit vergangen, als ich das letzte Mal auf der Hurtigrute wurde war, aber die Welt wird anscheinend immer verrückter. Es sind wahrlich interessante Zeiten geworden, in denen wir auf einmal leben – da tut es gut, rauszukommen und noch einmal die norwegische Küste entlangzufahren. Am 5. März ging es für mich wieder los., zum Glück erst mit dem Mittagsflieger ab Stuttgart. Sogar die Dauerbaustelle bei Pforzheim hat nicht zu sehr aufgehalten, und am KLM-Schalter war keine Schlange. Dafür wurde energisch nach Elektronik im Aufgabepäck nachgebohrt, und zum ersten Mal wurde ich gefragt, ob ich eine Pauschalreise hätte oder Hotels und Mietwagen. Der US-Krieg gegen den Iran macht wohl noch nervöser als der russische Ukraine-Krieg. An der Security darf ich diesmal keinen Sprengstofftest machen, aber es wird alles zweimal durchleuchtet. Nur meine Keilschrifttafel erweckt diesmal kein Misstrauen.

Neue Flugregeln gibt es auch: An Bord darf kein mitgebrachter Alkohol getrunken werden, und Powerbanks dürfen nicht genutzt werden. Hm. Bei meinen ersten Flügen in den 90ern hatte man noch richtige Flugtickets. Dann kam die Handy-App, mit dem Akkupack, falls das Smartphone leer wird, und als Backup das ausgedruckte Flugticket. Und so runter wie man Handy-Akku mittlerweile ist, nehme ich diesmal direkt ein ausgedrucktes Ticket und lasse den QR-Code QR-Code sein, wenn ich im Flugzeug nicht laden kann und beim Umsteigen auch nicht unbedingt auf eine Steckdose zurückgreifen kann.

Aber davon abgesehen klappt alles: Sowohl der Flieger ab Stuttgart als auch der ab Amsterdam sind pünktlich, und mein Gepäck kommt auch mit. Bei bestem Wetter geht es nach Bergen, wo es heiter und hell ist – ungewöhnlich für eine Nordlicht-und-Sterne-Tour, aber es wird noch früh genug dunkel, und rund um die Tag-und-Nachtgleichen sind die Chancen für eine gute Show ohnehin gut, wenn das Wetter mitspielt. Das Polarlicht vom Januar, das bis Süddeutschland zu sehen war, war bei mir im Nebel versumpft. Also ab nach Norwegen.

Über den Flug gibt es nicht viel zu erzählen – die Umbauten am Flughafen in Amsterdam nähern sich dem Ende, und wir kamen pünktlich in Bergen an, wo uns Kai auch schon erwartete. Diesmal sind wir wieder eine relativ kleine Gruppe, sodass im Bus genug Platz war. Im März lohnt sich die Orientierungsfahrt durch Bergen: Es gibt einiges zu sehen, auch wenn die Troldhaugen-Villa von Edvard Grieg diesmal unter einem weißen Zelt verborgen ist.

Dafür wird uns eine größere Stadtrundfahrt gegönnt, durchs Paradies an norwegischem Pragmatismus vorbei (die Kombination Krankenhaus, Altersheim und Friedhof gibt es öfter) ins Stadtzentrum, an Bryggen vorbei durch die Altstadt mit kleinen Holzhäusern und den Schornsteinhäusern, die dank Steinfassaden wie ein Kamin brennen. Die Tankstellen haben übrigens deutsches Preisniveau, Diesel und Super liegen bei 23,89 bzw. 22,89 NOK, also etwa 2,10 bzw. 2,05 Euro. Von wegen, Norwegen ist teuer. Aber die Norweger fahren eh mittlerweile fast alle elektrisch; es wird allmählich schwer (und teuer), als Mietwagen einen Verbrenner zu finden.

Unser Bus fährt übrigens auch elektrisch und ist Made in China. Fotografieren ist aus dem Bus heraus aber nicht ganz einfach: Die getönten Scheiben verfärben das Bild, und die Beleuchtung spiegelt sich blau im Bild, aber was solls.

Schließlich erreichen wir den Hurtigruten-Terminal. Für die nächsten elf bis zwölf Tage (je nach Zählung) wird die MS Nordlys unser Zuhause sein, und nach dem obligatorischen Sicherheitsvideo im Terminal-Gebäude dürfen wir auf das Schiff. An Bord kenne ich erst einmal niemanden, aber viel Zeit bleibt ohnehin nicht: Kurz meine Kabine auf Deck 3 beziehen (maximaler Abstand zum Deck – und so soll ich nach Polarlicht Ausschau halten…), und dann ist um 19:30 auch schon die Infoveranstaltung vom Schiff: Die Crew stellt sich kurz vor, dann kommen die üblichen Infos. Neu ist der Hinweis auf das Drohnenflugverbot. Vom Schiff aus dürfen gar keine Drohnen gestartet werden (soweit nichts neues), und auch an Land achtet die Polizei sehr darauf, dass Flugverbotszonen eingehalten werden. Ein Gast durfte wohl neulich 12000 NOK Strafe zahlen – und am Flughafen in Tromsø gibt es ja einen Drohnenfriedhof mit einigen aufgespiesten Drohnen, die sich nicht an die Flugverbotszonen gehalten haben. Die politische Lage tut ihren Teil dazu, dass die Behörden nervös sind…

Meet the Crew

Für uns wichtiger: Die Hurtigruten-Foundation wird mal wieder angepriesen. Wenn man auf die tägliche Zimmerreinigung verzichtet, spendet Hurtigruten einen kleinen Betrag an die Foundation. Davon wurde unter anderem der Neubau der kürzlich abgebrannten Turnhalle in Kirkenes bezahlt – es gibt doch noch gute Nachrichten!

Anschließend esse ich eine Kleinigkeit, denn das Restaurant hat nur bis 21 Uhr offen, und um 20:30 legen wir schon ab. Die Nordlys ist ausgebucht, und an der Reling am Heck ist kaum Platz, als ich an Deck gehe – an allen drei Deck drängeln sich die Passagiere. Das kann was geben, wenn wir Nordlicht haben. Da sind die Touren in der Polarnacht entspannter.

Nachdem wir abgelegt haben, gehe ich noch einmal ins Restaurant, mit Kai ein paar Dinge bereden und den Nachtisch essen. Morgen Nachmittag wird unser Welcome-Drink stattfinden, und nach dem längeren Aufenthalt in Ålesund geht es dann wirklich in den Norden. Hoffen wir, dass uns Wetter und Nordlicht freundlich gesonnen sind!

Hurtigrute Tag 2: Ålesund

Das Tagesprogramm

Nach dem stressigen Anreisetag steht heute beinahe ein Ruhetag an. Die Fahrt am Westkap vorbei war sehr ruhig, dafür ist Torvik eher ungastlich: Wir erreichen den kleinen Hafen in der Morgendämmerung mit leichtem Regen. Torvik ist wie immer nur ein kurzer Halt, aber immerhin der erste Hafen, von dem ich was habe.

Das stimmt nicht ganz: Meine Kabine auf Deck 3 ist über dem hinteren Seitenstrahlruder, daher habe ich auch Florø mitten in der Nacht mitbekommen. Bin gespannt, wie die Reise wird… Ich bin schon gegen sieben Uhr wach, noch vor meinem Wecker, und kann daher in aller Ruhe frühstücken gehen, noch bevor wir Torvik erreichen. Draußen ist die See beim Westkap zwar ruhig, aber schön ist was anderes. Es tröpfelt.

Zu den Kleinigkeiten, die an Bord zum Schmunzeln anregen, gehören ja immer wieder die Übersetzungen. In den letzten Jahren war es besser geworden, mittlerweile scheinen die Übersetzer aber vermehrt durch KI ersetzt zu werden. Zum Frühstück gibt es “Übernachtbrei”, und statt Schiffsbegegnungen steht nun das “Schiff der Begegnung” auf dem Tagesprogramm. Am Frühstücksbuffet hat sich sonst nicht viel geändert; man kann sich ein English Breakfast mit Spiegelei und Würstchen zusammenstellen, oder Brote mit den verschiedensten Belägen bis hin zu braunem Käse und frischem Lachs. Ich weiß, warum ich das Mittagessen meist ausfallen lasse, das Frühstück langt mir.

Kai ist auch schon unterwegs, und am Vormittag bieten wir unsere Reiseleitersprechstunde an, mit Tipps zum Tagesprogramm in Ergänzung zu den Infos in der internen Whatsapp-Gruppe unserer Gruppe. Die Papieraushänge der ersten Reisen sind längst Geschichte, aber so findet auch jeder Gast die Infos zuverlässig.

Bei Torvik gehe ich kurz raus in den Nieselregen und mache ein paar Fotos; bis Ålesund wird das Wetter immer besser – wir erreichen die Jugendstilstadt bei Bewölkung und angenehmen Temperaturen, um die 5 Grad plus haben wir heute.

Im Herbst haben wir einen kürzeren Aufenthalt in der Stadt, dann geht es in den Hjørundfjord. Jetzt im Winter fährt nur ein Oldtimerschiff in den schönen Fjord, was als Ausflug gebucht werden kann – lohnenswert, aber ich verpasse die Abfahrt und sehe das Schiff diesmal nicht ablegen.

Kurs Ålesund

Das Wetter wird erfreulich schnell besser. Ich nutze die Gelegenheit, um mal wieder auf den Hausberg Aksla hochzusteigen. Es sind immer noch 418 Stufen, aber irgendwie wird es jedes Mal steiler… Aber beim Weg zum Berg bieten sich die ersten Gelegenheiten, mit unseren Gästen in Kontakt zu kommen, und entlang der Treppe sind auch genug Bänke. Man hat ja keinen Zeitdruck, auch wenn unser Welcome-Drink auf 14:30 festgesetzt wurde (parallel zur Sicherheitsübung der Schiffsbesatzung).

Der Blick vom Berg lohnt sich wieder, mittlerweile haben wir weitestgehend blauen Himmel. Traumhaft, und die Wintersachen sind zu warm.

Zurück im Jugendstilzentrum – die Stadt war Anfang des letzten Jahrhunderts abgebrannt und im Jugendstil schön neu aufgebaut worden – sehe ich im Brosund ein paar Kajakfahrer, auch das ist ein Ausflug, den Hurtigruten anbietet. Ich gehe weiter bis zur Kirche (die gerade saniert wird und eingerüstet ist) und hoch zum Storhaugen, dem kleineren Aussichtshügel.

Blick vom Storhaugen

Anschließend ging es für mich mit Halt im Supermarkt zurück zum Schiff, duschen (nach dem Aksla sinnvoll) und für unseren Welcome-Drink fertigmachen.

Wir sind eine überschaubare Gruppe, was schön ist: Man kommt leichter ins Gespräch, und Süddeutschland überwiegt auch. Man kennt die Dialekte:-) Anschließend bleibt genug Zeit für einen weiteren Spaziergang durch Ålesund. Ein kurzer Abstecher zum Museum und den Fluchttunnel, neben dem ein Geschäft leer steht und dezent gegen den Massentourismus protestiert.

Hier öffnet demnächst ein Touri-Shop, verkünden die Plakate, mit chinesischen Plastiktrollen für chinesische Touristen – und alle andere, die sich Voll-, Teilzeit- oder Gelegenheitstouristen betrachten, egal aus welchem Land. Oder es entsteht eine Thai-Massage, die sich freut, uns als Gäste willkommen zu heißen.

Ålesund hat 60.000 Einwohner und allein 2023 über 650.000 Kreuzfahrtgäste, sogar noch mehr als Bergen (auch wenn dort mehr Kreuzfahrtschiffe anlegten). Der Geirangerfjord ist nicht weit entfernt, kein Wunder, dass das Städtchen überrannt wird und es manchem Einheimischen zu viel wird.

Da bleibt für uns das gute Gewissen, dass die Hurtigrute kein Kreuzfahrtschiff ist, sondern tatsächlich einen Versorgungsauftrag hat und die Passagiere dafür sorgen, dass bezahlbar Fracht in die Gemeinden im hohen Norden gebracht werden kann, wenn Flugzeuge oder Straßen ausfallen.

Vor dem Abendessen gibt es an Bord noch eine Ausflugspräsentation und Treffen mit dem Expeditionsteam, unsere Essenssitzung ist dann um 18 Uhr. Anschließend kommt der gemütliche Teil des Abends: Nochmal ansprechbar sein und die ersten Kameras einstellen. Der Himmel ist klar, aber die Webcams in Skandinavien zeigen noch keine Spur von Polarlicht, obwohl das Oval prinzipiell aktiv ist.

Auf der Fahrt nach Molde gibt der Küchenchef noch eine norwegische Geschmacksprobe und serviert Fenalår-Häppchen, feine Lammkeule. Ich überlege kurz, eine Sternführung auf Deck 7 anzubieten, aber es ist durch die Schiffsbeleuchtung doch recht hell. Da ist nicht viel zu sehen. Also warte ich auf die Begegnung mit dem südgehenden Schiff, der Havila Castor und werfe noch einen Blick auf Molde.

Molde mit dem markanten Scandic-Hotel.

Der Himmel ist bedeckt, also packe ich zusammen, mache es mir im Café auf Deck 7 bequem (wo ich ganz alleine bin) und setze mich an mein Blog.

Und kurz vor halb zwölf kommt die Durchsage Polarlicht. Also ab auf Deck 3 nach ganzen hinten, meine Kamera holen, dann wieder auf Deck 5 an den Bug – es noch nicht viel los, obwohl über 300 Passagieren an Bord sind, und das Polarlicht ist überraschend hell direkt in Fahrtrichtung voraus zu sehen. Hübsch, auch wenn es beim geisterhaften Grün bleibt, das bald in ein helleres Grau übergeht. Aber die Kamera freut sich, und unter der überschaubaren Menge am Bug sind auch einige aus unsere Gruppe. Das Kameraeinstellen hat sich gelohnt, andere beobachten einfach nur: Immer wieder schön. Meine Kamera sammelt gut 1600 Aufnahmen in etwas über einer Dreiviertelstunde, bevor ich auch Schluss mache – wir kommen auf die Hustavika, und die Polarlichtaktivität scheint nachzulassen.

Schon am zweiten Tag die Polarlichtgarantie erledigt und den Erfolgsdruck aus der Reise genommen – nicht schlecht!

Eine knappe Stunde Polarlicht nach Molde

Hurtigrute Tag 3: Trondheim

Der Tagesplan

Langsam kommt Schwung in die Reise, es geht mit großen Schritten nordwärts, auch wenn es über den Tag nciht so viel zu erzählen gibt..

Der Morgen beginnt mit herrlichem Wetter, mein Nordlicht-Zeitraffer der letzten Nacht ist auch schon fertig, und heute steht Trondheim auf dem Programm, die alte Königsstadt Norwegens, für die wir wie immer zu wenig Zeit haben. Die Fahrt durch den langen, aber wenig eindrucksvollen Trondheimfjord ist entspannt – man sieht halt nur die vergleichsweise flache Landschaft entlang des mit 130 km drittlängsten Fjords Norwegens und merkt nichts davon, dass er stellenweise über 600 Meter tief ist. Die Landschaft ist eher entspannt. Wir erreichen Trondheim pünktlich, die Insel Munkholmen liegt schön in der Sonne, nur die Schiffsbegegnung fällt aus: Der Anleger ist leer, wir können direkt und ohne Verzögerung anlegen. Die Polarlys, der wir hätten begegnen sollen, ist wohl gerade in der Werft; die Sauna soll aus dem Schiffsrumpf an Deck und einen Whirlpool ersetzen. So gibt es mehr Platz für die Besatzung, die sich oft genug Kabinen teilt.

Und dann: Nichts wie runter vom Schiff. Ich mache meine übliche Runde durch Trondheim, diesmal zusammen mit Kai. Bei fast 10 Grad ist das angenehmes Wanderwetter, nur vereinzelt liegt noch etwas Schnee oder Eis und sorgt dafür, dass man auch einen Blick auf den Boden werfen muss.

Der erste Halt ist wieder das alte Werftviertel Nedre Elvehavn. Ein Stück links davon liegen alte deutsche UBoot-Bunker, von denen einer heute als Archiv genutzt wird, aber Neubauten verbergen den Blick darauf.

Das schmucke Werftviertel bietet neben restaurierten Industriegebäuden, die heute Läden, Restaurants und unbezahlbare Wohnungen beherbergen, auch eine Eislaufbahn. Viel Zeit zum Anschauen gibt es aber nicht, wir haben nur drei Stunden Liegezeit, und gute 20 Minuten dauert es vom Anleger bis in die Stadt auf jeden Fall.

Zwei Straßen weiter kommt auch schon das alte Arbeiterviertel Bakklandet mit seinen schmucken, zweigeschossigen Holzhäuschen. Wir nehmen zur Abwechslung den Weg am Fluss entlang, der der Stadt einst ihren Name gegeben hat: Heute erinnert noch der Name des Doms an das alte Nidaros, das an der Mündung (oss) des Flusses Nid errichtet wurde. Noch im Mittelalter änderte der Name der Stadt sich in Trondheim.

Heute spiegeln sich die Holzfronten der alten Lagerhäuser wunderbar im Fluss, und der Dom kommt auch schon in Sicht. Die Kreuzung an der alten Stadtbrücke ist immer noch Großbaustelle, der Fahrradlift ist auf der anderen Seite der Baugrube. Ich mache noch einen kurzen Abstecher zu meinem üblichen Fotostop, um die alte Stadtbrücke und den Dom auf Bild zu kriegen, bevor es über die alte Stadtbrücke zum Dom geht.

Trondheim-Panorama

Der Nidaros-Dom geht auf eine Kapelle aus dem 11. Jahrhundert zurück und hat eine wechselvolle Geschichte voller Verfall und Zerstörung – Wikipedia hat da einige weitere Informationen. Die Türme wurden erst in den 1960ern fertig neu aufgebaut, an der Fassade wurde bis in die 1980er gearbeitet.

Dann ist es auch schon an der Zeit für den Rückweg, durch das Trondheim Torg Einkaufszentrum, in das alte Holzhäuser integriert sind, über den Bahnhof und den Hafen zum Schiff. Ein paar Minuten Luft blieben sogar noch, bevor wir uns auf die Reise nordwärts machen. Immer wieder schön, aber eine Stunde mehr Zeit wäre noch schöner.

Da gibt es eigentlich nicht viel zu erzählen. Trotz leichter Bewölkung ist es eine ruhige Fahrt durch den Fjord, und um 14 Uhr wird für den Calumet Fotoclub des Schiffs geworben, samt Fototipps. Bei dieser Veranstaltung gab es einmal einen gruslig KI-übersetzten Film, seitdem mache ich da einen Bogen drum – wenn nicht mal das Geld für einen richtigen Sprecher da ist, habe ich kein Interesse daran. Dann können die Bilder von mir aus auch gleich KI-generiert sein, ich bin raus. Lieber was von und mit echten Menschen.

Oder was mit echten Muscheln: Um 15:15 servierte der Küchenchef Miesmuscheln auf Deck 7, und kurz darauf stand der unaussprechliche Leuchtturm Kjeungskjær Fyr auf dem Programm. Kurz vorher gab es auch noch einen hübschen Halo-Effekt rund um die Sonne.

Anschließend: Ruhe und Frieden, und Zeit, um mit ein paar Leuten ins Gespräch zu kommen, während die Landschaft an uns vorbei zieht. Nur die Wolken werden nicht weniger… Das tägliche Treffen mit dem Expeditionsteam spare ich mir, sodass der nächste Tagesordnungspunkt das Abendessen ist. Diesmal habe ich auch einen Stuhl, am ersten Abend war irgendwie nur ein Stehplatz für mich vorgesehen…

Schon seit einigen Jahren läuft das Abendessen so ab, dass man aus je drei Vorspeisen, Hauptgerichten und Nachtischen wählen kann. Da findet man eigentlich immer was, und eineinhalb Stunden später habe ich noch einen Einsatz: Mein erster Vortrag steht, über das Nordlicht. Das hatten ja gestern die meisten schon gesehen, die den Alarm mitbekommen haben. Jetzt also die Erklärung dazu, und ein Blick auf die Prognose: Sieht schlecht aus, die Webcams zeigen primär Wolken, und auch bei uns scheinen die Schleierwolken, die uns schon den ganzen Tag begleiten, eher zuzunehmen. Also gebe ich mal vorsichtige Entwarnung und quatsche mich nach dem Vortrag fest.

Und was passiert? Kurz darauf kommt die Durchsage: Vi har Nordlys. Gegen 21 Uhr sind noch alle wach; bis ich in meiner Kabine bin, die Kamera geholt habe und wieder auf Deck 5 bin, sehe ich nur noch die Karawane zum Bug ziehen – keine Chance, da durchzukommen, aber hinten auf Deck 5 ist der Blick auch gut, nur das Nordlicht enttäuscht.

Die Kamera sieht zwar grün, aber für das Auge ist es nur ein grauer Bogen hinter einem Grauschleier. Die Wolken sorgen dafür, dass kaum Sterne zu sehen sind, und das Polarlicht letztlich enttäuschend bleibt. Das war gestern besser.

Rørvik

Bis Rørvik wird die Show nicht besser, und im Hafen ist dann sowieso nichts mehr zu sehen – alle Lichter gehen an. Als wir ablegen, sehe ich auch kein Grün mehr am Himmel. Gut, dass die Polarlicht-Garantie gestern schon eingelöst wurde und nicht für das bisschen heute.

Da wir in die Wolken hineinfahren sollen, mache ich heute auch relativ zeitig Schluss – morgen steht schon der Polarkreis auf dem Plan, und abends der Trollfjord. Das gibt einen langen Tag.

Hurtigrute Tag 4: Bodø

Das Tagesprogramm

Es ist soweit: Wir kommen in den Norden und lassen das schöne Wetter hinter uns. Gestern Abend wurde wieder zum Polarkreiswettbewerb aufgerufen: Wann überqueren wir den Polarkreis? Das ist meistens irgendwann zwischen 7:30 und 8:30, variiert aber immer wieder, obwohl wir den nächsten Hafen in der Regel pünktlich erreichen. Es hängt davon ab, wie viel Fracht wir in den letzen Häfen aufnehmen, was Wind und Wellen machen, und wann der Captain wieviel Gas gibt.

Morgens um 7 kurz vor dem Polarkreis

Dementsprechend früh klingelt der Wecker heute. Ein Blick auf die Schiffsposition auf Marinetraffic: Ich habe noch genug Zeit, um etwas zu frühstücken.

Vorher aber ein Blick auf Deck: Dramatische Wolken, so macht auch schlechtes Wetter Spaß. Schroffe Felsen und tiefhängende, dunkle Wolken haben ihren ganz speziellen Reiz – aber gut, dass wir nicht mit einem alten Wikinger-Langschiff unterwegs sind, sondern ein bequemes Schiff und ein Dach über dem Kopf haben! Das Frühstücksbuffet war bei den Wikingern bestimmt auch nicht so gut…

Das Expeditionsteam gibt uns per Durchsage eine Viertelstunde Vorwarnzeit, und um 7:49:01 überqueren wir den Polarkreis, was das Schiffshorn lautstark verkündet. Sehr angenehm: Im März ist es jetzt schon hell, und man sieht die Insel Vikingen mit der Kugel auch ohne Schiffsscheinwerfer.

Die südgehende Hurtigrute Richard With, der wir normalerweise kurz nach dem Polarkreismonument begegnen, hat etwas Verspätung. Wir fahren einem Sturm hinterher, die musste wohl mit ihm kämpfen. Also habe ich noch etwas Zeit, bis wir ihr begegnen.

Die Richard With

Erst gegen 20 nach 8 taucht die With aus dem Nebel aus, der die dramatisch-schönen Wolken mittlerweile verdrängt hat. Anschließend wird es draußen immer unschöner, von der Landschaft ist nicht mehr viel zu sehen – alles ist in viel zu mystische Wolken gehüllt. Der kleine Hafen Ørnes, der vor einer prächtigen Bergkulisse liegt, wirkt da auch weit weniger beeindruckend als sonst, und der Nieselregen tut sein übriges.

Aber es hilft ja nichts, da muss man an Deck gehen!

Ørnes
Polarkreistaufe

Nach einem kurzen Halt verlassen wir Ørnes auch schon wieder, und um 10:45 steht die Polarkreiszeremonie auf dem Programm. Njørd wird aufgerufen und steigt von den Whirlpools auf Deck 7 auf, um seine Pflicht zu tun: Die Gewinnerin des Wettbewerbs wird bekanntgegeben und erhält mit der Schiffsflagge auch die erste Taufe, anschließend haben alle anderen ihre Chance auf eine Kelle Eis. Besonders motiviert sind Njørd und sein Helfer vom Schiff aber nicht: Es wird sanft getauft. Wo auf anderen Schiffen auch mal der Kragen zurückgezogen wird, um die Jacke mit Eis aufzufüllen, dürfen die Täuflinge hier sogar ihre Kapuzen aufbehalten. Nett war der Kinderwagen mit Regenschutz, der auch eine Kelle Eis abbekam.

Und dann überschlagen sich die Ereignisse: Um 11:30 steht mein Vortrag an, zeitgleich mit dem (ursprünglich für 11:15 angesetzten) Polarkreisstempel. Aber wir haben aus dem Vortragsraum Blick auf das provisorische Postamt, sodass ich eine kurze Vortragspause einlege, als die Schlange draußen kürzer wird. Soll ja jeder eine Chance auf einen Stempel haben.

Dann bleibt noch Zeit für das Mittagessen, bevor wir gegen 13 Uhr Bodø erreichen. Die Stadt hat sich in den letzten Jahren deutlich verändert. Sie wurde ja im zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört, anschließend schnell wieder aufgebaut, und was damals entstand, ist jetzt auch schon wieder größtenteils weg. Viele Bauprojekte, die ich im letzten Jahrzehnt hier wachsen gesehen habe, sind jetzt fertig, und das Ergebnis ist eine moderne, aber nicht unbedingt hässliche Stadt. Es braucht zwar ein bisschen, um sich den Reiz zu erschließen, aber es gibt ein paar schöne Ecken.

Eine der größten Änderungen betrifft den Flughafen: Der Militärflughafen wurde aufgelöst und ist seit kurzem im Raum Trondheim; der aktuelle Flughafen wird um rund zwei Kilometer verlegt und macht Platz für ein Neubaugebiet. Mit Blick auf Russland wird aktuell überlegt, ob die Entscheidung so klug war, den Militärflughafen im Nordland aufzulösen, aber die Grundstücke sind schon verkauft… Trotzdem findet ab Morgen wieder eine Militärübung statt.

Für uns viel interessanter ist das Wetter: Bodø ist für stürmisches Wetter bekannt, und der Wetterbericht hat eher Wasser mit Schlitzen drin angesagt als normalen Regen. Aber wir haben Glück: Bei leichten Plusgraden nieselt es nur; es ist zwar dunkel-trüb, aber nicht zu unangenehm. Am Sonntag kann man auch nicht in den Geschäften Schutz suchen.

Blick in die Fußgängerzone

Das Anlege-Manöver dauert ein wenig, bis die Gangway unten ist, aber knapp zwei Stunden bleiben für einen Gang durch die Stadt. Dank der Graffiti sehen wir wieder Polarlicht an einer Hauswand, und die Stadt hat noch eine Mischung zu bieten aus einigen Altbauten, der modernen Kirche, neuen Hochhäusern und dem Rathaus, in das wir heute leider nicht hineinkommen: Ein heller Bau, der drei Gebäude verbindet und ein interessantes Innendesign hat: Stühle und Tische hängen im 90°-Winkel an der Wand.

Nur die Hauptstraße zeigt mal wieder, warum Bodø einen schlechten Ruf hat: Sie ist eine einzige große Baugrube.

Pünktlich zur Abfahrt sind wir wieder auf dem Schiff, und ich mache erst einmal Pause. Für die Fahrt über den Westfjord sind bis zu drei Meter hohe Wellen angesagt, aber die Überfahrt ist sehr ruhig und wird nur durch einen unangekündigten Vortrag mit Fun Facts über Norwegen unterbrochen. Das Expeditionsteam ist gerade etwas überbesetzt, es gibt einen Azubi.

Weltfrauentag

Das Abendessen auf dem Westfjord ist für die meisten kein Problem, die Lücken an den Tischen kommen von den Leuten, die auf dem Wikinger-Ausflug an Land essen werden. Nett: Es ist Weltfrauentag, und die Damen erhalten ein Gläschen Sekt am Eingang vom Restaurant. Ausnahmsweise ist auch Politik ein Thema: Es sind gerade Landtagswahlen, und der Süden ist in unserer Gruppe stark vertreten.

Und dann erreichen wir die Lofoten-Inseln. In Stamsund verlassen uns die Teilnehmer des Wikinger-Fests, dafür steigen einige Passagiere neu zu. Wir fahren weiter nach Svolvær, von den Bergen der Lofoten ist aber nichts zu sehen: Es ist neblig, sogar die Schiffsbegegnung kurz vor Svolvær ist unspektakulär. Erst kurz vorher ist die südgehende Hurtigrute zu sehen.

Stamsund

In Svolvær haben wir beinahe Wetterglück, zumindest regnet es nicht. Für einen kurzen Spaziergang zur Kirche mit dem Skulpturenpark langt die knappe Stunde Aufenthalt. Währenddessen kommt nicht nur ein Lieferwagen mit Pizza an Bord, sondern auch viele neue Passagiere, vor allem aus Fernost. Mal sehen, wie viele nur für den Trollfjord an Bord sind und in Stokmarknes oder Tromsø aussteigen – aber dort sollen die nächsten großen Gruppen an Bord kommen, für die Teilstrecke bis Kirkenes oder die Rundtour zurück bis Tromsø.

Mittlerweile werden auch die Stockfischgestelle schon wieder bestückt, die Fischerei spielt hier immer noch eine große Rolle. Im kleinen Kunstpark hinter der Kirche gibt es nichts neues, daher bin ich pünktlich wieder an Bord.

Fiskekake

Aber auch wenn es nicht regnet: Es ist neblig und unschön. Der Besuch an der Mündung des Trollfjords wird abgesagt, die Fiskekake (“Fischküchle”, also Fischbulletten statt “Fleischküchle”) werden ab 22:45 im wettergeschützten Multe-Cafe auf Deck 7 serviert. Heute müssen wir also nicht bis Mitternacht ausharren.

In diesem Sinne: Gute Nacht!

Hurtigrute Tag 5: Tromsø

Das Tagesprogramm

Wir sind im hohen Norden, und das Wetter ist irgendwie gegen uns. Ich bin noch vor dem Einlaufen in Harstad wach, aber fotogen sind die Vesterålen heute nicht: Es ist regnerisch-trüb. Das kann die Wasserfontaine vor dem Hafen, die kurz an ist, als wir ankommen, auch nicht ausgleichen. Immerhin sind die Arbeiten am Hafen mittlerweile weitestgehend abgeschlossen, und neue Hafengebäude stehen zwischen uns und der Innenstadt. Tja.

Nach dem Frühstück bin ich an Deck, das Auslaufen und die Trondenes-Kirche fotografieren – es ist hell genug, dass man sie mal schön sieht, dafür ist von den Bergen im Hintergrund nichts zu sehen. Kurz darauf begegnen wir noch der südgehenden Havila Capella, die nach uns in Harstad anlegt, und immer wieder sind Schiffe der norwegischen Marine zu sehen, die wohl am aktuellen Manöver teilnehmen. Un betrifft das nicht, wir fahren unbehelligt Richtung Finnsnes.

Die Zeit bis Harstad nutze ich für eine kleine Signierstunde, und um 10 Uhr halte ich meinen nächsten Vortrag: Der Sternenhimmel, gepaart mit ein paar griechischen Sagen. Ein kleiner Streifzug durch den klaren Nachthimmel, den wir gerade doch vermissen, während draußen die Landschaft in Wolken und Nebel verschwindet.

In Finnsnes haben wir wieder nur einen kurzen Halt. Ich begnüge mich mit ein pqaar Fotos vom Schiff herunter: Die berühmte Schokoladenwerbung und die Statue des Seefahrers Ottar von Hålogaland, die am Ende des Hafenbeckens steht und von unserem Heck aus zu erspähen ist. Ein Stück weiter ist die Brücke, die Finnsnes mit der hübschen Insel Senja verbindet, aber dort hängen die Wolken ebenso effektiv wie bei uns.

In Finnsnes gibt es auch die Option, die Brücke der Nordlys zu besuchen. Vor zehn Jahren war das kein Problem, dann war es eine zeitlang fast unmöglich, und jetzt gibt es immer häufiger wieder die Chance.

Stille Auktion

Die anschließende Fahrt nach Tromsø ist ruhig: Es gibt einen Vortrag über norwegische Musik, draußen regnet es leicht vor sich hin, und auf Deck 4 hat eine stille Auktion begonnen. Die Postflagge, eine Seekarte und ein altes Bild werden versteigert, allerdings nicht als klassische Auktion, sondern über Listen, in die man sein Gebot einträgt. Mal sehen, ob ich Erfolg habe; das Interesse ist eher verhalten.

Auf dem Schiff ist es derweil eng: Die Reisegruppe(n), die auf den Lofoten zugestiegen sind, belegen die meisten Plätze, und irgendwann kommt die Durchsage, dass die bis Tromsø gebuchten Passagiere jetzt wirklich ihre Kabinen räumen müssen. Da bin ich ganz froh, mich auf meine Kabine zurückziehen zu können.

Als wir Tromsø erreichen, wird aus dem Regen erst Schneeregen und dann Schneefall – immerhin. Aber Tromsø macht es einem trotzdem nicht leicht, es zu mögen. Schönes Wetter ist bei meinen letzten Besuchen wirklich eine Seltenheit geworden, und das typische wechselhafte norwegische Wetter ist auch eher stabil geworden. Die Frage, ob sich die Fahrt auf den Hausberg Storsteinen lohnt, klärt sich auch: Man sieht ihn kaum. Trotzdem: Ein Gang durch die Stadt muss sein, die üblichen Sehenswürdigkeiten abklappern und einen Blick in die zahlreichen Touri-Shops und Einkaufszentren werfen. Seit 2019 sind die Gästezahlen wohl um 80% gestiegen, was dem Flair der Stadt nicht besonders gut tut.

Das Wetter ist auch der Grund dafür, dass einige Ausflüge ins Wasser fallen – Hundeschlitten in Tromsø ist heute nicht, allenfalls Seehundeschlitten wären möglich:-) Auch die RIB-Boat-Safari zum Saltstraumen gestern in Bodø war abgesagt worden.

Immerhin ist mein Besuch diesmal günstig; ich finde nichts, was mich anlacht. Viele kleine Geschäfte, in denen ich früher öfter war, sind mittlerweile verschwunden.Daher gibt es für mich heute nur einen Stadtbummel, bevor ich wieder aufs Schiff gehe. Dort gibt es um 18 Uhr Buffet; das Nordkap-Buffet mit Schwerpunkt Meeresfrüchte ist weiterhin vorverlegt worden.

Um 21 Uhr gibt es dann noch etwas Action: Um 21 Uhr endet die stille Versteigerung. Viel hat sich nicht getan, und es interessiert auch keinen Auktionator – im Kleingedruckten steht, dass sie erst morgen um 21 Uhr endet. Blöd. Und irgendwo ist diese Art der Versteigerung langweilig. Aber so erfahren wir erst morgen, wer gewinnt.

Draußen wird es auch nicht besser, vor Skjervøy gibt es beinahe sowas wie Wolkenlücken, gleichzeitig schneit es. Mit Polarlicht wird das heute nichts mehr. Mist.

Skjervøy

Aber so kann man immerhin zu einer normalen Zeit ins Bett, auch wenn mir ein grüner Himmel lieber wäre.

Hurtigrute Tag 6: Honningsvåg ohne Nordkap

Der Tagesplan

Wir sind endgültig im hohen Norden, und die Sonne weckt mich noch vor dem Wecker: Vor Havøysund ist der Himmel weitestgehend klar, und vor meinem Kabinenzimmer ziehen schneebedeckte Berge langsam an der Nordlys vorbei. Chic.

Wirklich sehr chic.

Das macht Hoffnung, auch wenn der Wetterbericht ab heute Nachmittag Wolken vorhersagt. Auf jeden Fall weckt es die Lebensgeister. Vor Havøysund begegnen wir der MS Midnatsol, die in diesem Winter auf der regulären Postschiffroute fährt. An Deck ist ein lausig kalter Wind, und es gibt auch eine Windwarnung. Daher begnüge ich mich mit ein paar Bildern von Schiff und Hafen, bevor ich mich in das warme, windgeschützte Restaurant zum Frühstück begebe.

Anschließend bin ich einige Zeit mit Kai in unserem “Reiseleiterbüro” auf Deck 4 und sehe die schneebedeckte Landschaft vorbeiziehen. Aber es ist zu schön, um wahr zu sein: Bald kommt die Durchsage, dass der Ausflug zum Nordkap nicht stattfindet, da die Straße witterungsbedingt gesperrt ist. Die Meldung will natürlich niemand hören – vor allem bei dem Wetter da draußen!

Bei der Fahrt durch den Magerøya-Sund, der das Festland von der Insel Magerøya mit dem Nordkap trennt, bin ich an Deck. Es ist einfach zu schön, um viel im Schiff zu sein, aber auch windig – kurz vor der Anfahrt auf Honningsvåg finde ich sogar einen Platz im Panoramasalon auf Deck 7.

Blauer Himmel, schneebedeckte Berge – so stellt man sich Norwegen vor. In Honningsvåg liegt noch einiges an Schnee, auf den Straßen herrschen aber Schneematsch und Schmelzwasser vor. Das Schiffsthermometer auf Deck 5 zeigt in den letzten Tagen recht konstant rund 5 Grad an. Ich drehe eine kurze Runde am Hafenbecken entlang, auf den Aussichtspunkt über dem Ort am Friedhof habe ich heute keine Lust. Da noch ein weiteres Schiff im Hafen liegt, dessen Passagiere ebenfalls nicht ans Nordkap können, ist es recht voll in dem Örtchen – wie das in der Hochsaison ist, will ich gar nicht wissen.

Also bin ich recht bald wieder auf dem Schiff, sehe mir das zunehmend wechselhafte Wetter vom Multe-Cafe an und arbeite etwas, während das Schiff wieder die obligatorische Sicherheitsübung veranstaltet. Diesmal bekomme ich davon nur wenig mit.

Um 14:30 legen wir dann planmäßig ab, mittlerweile dominieren die Wolken. Dafür ist die See ungewöhnlich ruhig, die Überfahrt nach Kjøllefjord ist ereignislos, da ich mir weder den Apfelkuchen mit Schlagsahne und Heißer Schokolade gönne noch den Vortrag über norwegische Musik um 15:45 anhöre.

Kurz bevor wir Kjøllefjord erreichen, geht es noch einmal an Deck: Für die Finnkirche wird kein Interessenspunkt an Deck mehr veranstaltet, aber es gibt immerhin eine Durchsage, und sie ist vor dem schneebedeckten Fjord-Hintergrund auch schön zu sehen.

So markant die beiden Felsformationen auch sind, die an eine Kirche mit Trum und eine kleinere Kapelle erinnern: Das Vorgebirge rechts zur offenen See hin finde ich auf seine Art noch imposanter.

Kurz darauf erreichen wir Kjøllefjord, das wunderschön am Ende des schneebedeckten Fjords liegt – im Herbst, wenn noch kein Schnee liegt, macht es wesentlich weniger her. Hier steigen die Teilnehmer der Schneemobil-Safari aus, während wir weiter nach Mehamn fahren. Dort steht nach dem Abendessen mein nächster Vortrag an, hoffen wir, dass die See so ruhig bleibt.

Es läuft alles bestens: Das Expedition Team macht um 17:15 wieder sein Gathering (schade eigentlich – das war immer eine gute Zeit für unsere Vorträge), das Essen wird flott serviert, in Mehamn wackelt wieder die Restaurant-Decke, als wir kurz anlegen, und um 19:30 erzähle ich etwas über die Sonne, während wir bei angenehm ruhiger See Richtung Berlevåg tuckern. Während ich was über Sonnenflecken erzähle, kommt eine Durchsage: Polarlicht voraus – also kurze Pause und rauf auf Deck 5. Der Bug ist voll, aber vom Heck aus ist ein hellerer Streifen ein paar Minuten lang zu sehen. Aber er bleibt grau und hat keine Chance gegen die Wolken, wenig später hat es schon wieder zugezogen.

Ein wenig Polarlicht in der Barentssee

Nach einer kurzen Unterbrechung mache ich dann mit dem Vortrag weiter und bin kurz vor 21 Uhr fertig – gerade rechtzeitig für das Ende der stillen Auktion. Aber diesmal gehe ich leer aus, heute wird in den letzten Minuten noch hoch gesteigert. Ich wollte das Kunstwerk, und die Postflagge hätte auch in unserer Gruppe bleiben sollen. Gestern hätte das noch geklappt, heute werden unsere Kabinen aus dem dritten Stock von denen auf Deck 5 und 6 überboten, und zwar deutlich. Bei 3000 NOK für das Bild von Karl Erik Harr steige ich aus, während der Preis munter weiter steigt.

Doch nicht meins:-(

Schade eigentlich. Vielleicht hätte ich mir doch einen richtigen Job suchen sollen, aber andererseits wäre ich dann jetzt wohl nicht hier. So geht es nach kurzer Unterbrechung wieder in den Vortragsraum, ich gebe einen Bonus-Vortrag über die Vorbereitung für die nächste Sonnenfinsternis. Wer wissen will, was ich da erzähle: Mein Buch zum Thema gibt’s auf Amazon.

Berlevåg

Als wir gegen 22 Uhr Berlevåg erreichen, bin ich dann auch fertig. Draußen ist Schneegestöber, dann war es das wohl für diese Nacht – aber da komplett bewölkt angesagt war, haben wir schon mehr gesehen als gedacht.

Aber verdammt nochmal, da muss doch noch mehr gehen mit diesem Polarlicht; eine klare Nacht wäre doch arg mager. Die richtig gute Show fehlt noch.

Hurtigrute Tag 7: Kirkenes

Das Tagesprogramm

Der Tag beginnt für mich viel zu früh – nach dem Schneesturm gestern Abend war ich nicht auf die Idee gekommen, mein Rollo runterzumachen, und als wir kurz vor 7 Uhr in Vadsø anlegen, weckt mich die Kombination aus Sonnenschein und Seitenstrahlruder.

Immerhin: Da wir ziemlich weit östlich unserer normalen Zeitzone sind (aber immer noch MEZ haben), ist es draußen schon hell, und der Himmel ist wolkenlos. Damit kann ich den einzigen Hafen, an dem wir nur einmal anlegen, einmal bei Tageslicht anschauen. Unser Anlieger ist auf der kleinen Insel Vadsøya, die eigentliche Stadt mit fast 6000 Einwohnern ist auf der anderen Seite des kleinen Sunds. Bekannt ist sie für den Ankermast für Luftschiffe, den Amundsen und Nobile in den 1920ern für ihre Expeditionen zum Nordpol nutzten.

Den Mast hatte ich schon lange auf dem Plan, und mit Hilfe von Apple Maps und Komoot scheitere ich dabei, ihn zu finden. Erst im Nachhinein stelle ich fest, dass ich den völlig falschen Mast fotografiert hatte – er lag hinter uns und war vom Heck aus hinter der Brücke zu sehen. Praktischerweise habe ich ihn erwischt, als ich Sonne und Brücke geknipst hatte:

Luftschiffmast in Vadsø

Als wir Vadsø verlassen und uns auf den Weg Richtung Kirkenes machen, mache ich mich auf den Weg zum Frühstück – das Restaurant ist rappelvoll. Wer in Kirkenes aussteigt, muss um 8 Uhr seine Kabine räumen, und alle sammeln sich am Frühstücksbuffet. Aber ich finde noch einen Platz.

Draußen zieht derweil der Varangerfjord vorbei, wunderbare schneebedeckte flache Hänge unter strahlendblauem Himmel. So muss Norwegen. Kurz vor Kirkenes liegt wieder Nebel über dem Wasser, aber es ist nur eine kleine Nebelbank.

Kirkenes erreichen wir pünktlich, aber bis alle von Bord sind, dauert es etwas – viele verlassen uns hier, aber es kommen auch einige neue Passagiere für die südgehende Reise an Bord. Ich mache heute nur einen kurzen Spaziergang durch Kirkenes. Das Schiffsthermometer zeigt weiterhin +5° an, die Wetterapps reden von etwa -8°, was auch eher zu den gefühlten Temperaturen passt. So viel zu Qualitätsthermometern made in Sweden…

Viel hat sich seit meinem letzten Besuch im November nicht getan: Die Grenze zu Russland ist immer noch dicht, dementsprechend wenig ist im Hafen und auf den Straßen los. Der Protest-Bus gegen den Ukraine-Krieg steht immer noch vor dem russischen Konsulat, die Kirchturmuhr ist immer noch kaputt, nur das Amfi Einkaufszentrum heißt jetzt Thon Senter Kirkenes. Die Läden sind aber immer noch die selben.

Diesmal mache ich aber nur einen kurzen Gang durch Kirkenes – im Einkaufszentrum gibt es auch nichts, was ich brauche. Wird eine billige Reise:-)

Zurück auf dem Schiff mache ich erst einmal Pause, etwas Schlaf nachholen und meinen letzten Vortrag für morgen noch einmal durchgehen. Über die Überfahrt nach Vardø gibt es nicht viel zu berichten: Wir lassen Vadsø wie gewohnt links liegen, es gibt ein paar Präsentationen durch das Expedition Team für die Neuankömmlinge, und der Küchenchef darf wieder etwas präsentieren. Kurz vor Vardø bin ich an Deck, wo Crewmitglieder die Reling abmessen – die wird wohl neu gemacht, zumindest ist sie abgeschliffen. Einer von der Crew sichtet einen Wal, was ich aber nicht nachvollziehen kann – da sind zwar viele dunkle Wellen und Vögel, aber den Wal übersehe ich. Er meldet es aber dem Expedition Team, und es füllt sich an Deck. Einige andere hatten mehr Glück als ich. Dafür ist die Anfahrt nach Vardø wunderschön, auch wenn dahinter im Westen Wolken warten…

Vardø erreichen wir ausnahmsweise pünktlich, aber bis die Gangway unten ist und wie von Bord kommen, vergehen zehn wertvolle Minuten. Trotzdem: Kai wagt den schnellen Marsch zum Hexendenkmal, und ich folge mit etwas Abstand wegen Fotostopps. Morgen beginnt Yukkigassen, der internationale Schneeballschlacht-Wettbewerb. Vor der Festung stehen schon einige Eisblöcke, die den Teilnehmern Schutz bieten sollen.

Beim Spurt zum Hexendenkmal bleibt dafür und für die Festung Vardøhus aber keine Zeit. Kai nimmt die normale Straße, ein kurzer Blick zur Festung aus der Ferne, und dann geht es durch den Schnee zum Hexendenkmal. Mir bleibt nur genug Zeit, um einmal durchzulaufen und ein Infoheftchen mitzunehmen, dann geht es auch schon zurück. Das Häuschen mit der ewigen Flamme lasse ich diesmal aus, das wird mir zu knapp.

Es langt gerade so: 5 Minuten vor der Deadline (zehn Minuten vor dem Ablegen) sind wir wieder am Schiff. 15 Minuten mehr in Vardø wären schon viel wert. Dabei gibt es hier eigentlich viel zu sehen: Ein Museum über den Pomorenhandel (der florierende Russlandhandel vor der Revolution), die Plakette zur Beobachtung des Venustransits am Rathaus, einige Wandmalereien, auch wenn viele mittlerweile samt den dazugehörigen Häusern verschwunden sind… aber es hilft nichts, wir haben eine Fahrplan einzuhalten und legen pünktlich ab.

Båtsfjord

Das tägliche Gathering mit dem Expeditionsteam um 17:15 schenke ich mir (ich will gar nicht wissen, wie viel das Kunstwerk letztlich gebracht hat), stattdessen mache ich noch ein paar Minuten am Rechner, bevor es zum Abendessen geht. Danach habe ich frei: Båtsfjord erreichen wir um 20 Uhr und sehen ein paar kleine Wolkenlücken/strukturen, aber mit Polarlicht ist heute nichts. Dafür hat der Ort ein umwerfendes Fischaroma, Båtsfjord ist nach Hammerfest der zweitgrößte Fischereihafen Nordnorwegens.

Berlevåg

Vortrag kann ich auch keinen halten: Heute ist Filmabend, das Schiff zeigt Cool & Crazy, auch bekannt als der “Männerchor von Berlevåg”. Man muss wohl schon Norweger sein, um dem Film was abzugewinnen. Aber der Rest von Europa hat sich wohl auch gewundert, warum Deutschland über “Der Schuh des Manitu” gelacht hat. Für mich ist er eher ein Grund, niemals eine Wohnung in Nordnorwegen anzustreben.

Praktisch ohne Wellengang geht es weiter nach Berlevåg, wo wir der MS Nordkapp auf offener See begegnen – noch kurz winken, ein letzter Blick nach oben, und das war es für heute.

Soweit der Plan… immer wieder wecken mich die Anlegemanöver, und gegen 2:30 klingelt das Telefon: Etwas Nordlicht an backbord. Uff. Also schnell anziehen und erst mal anschauen: Ja, ist doch ganz hübsch, das Grün ist deutlich. Bis ich meine Kamera aus der Kabine geholt habe, ist es schon schwächer, und da es genau über uns ist, erwische ich nicht alles mit meiner Kamera. Am Bug probiere ich mein Glück nicht, hätte sich aber gelohnt, und Platz wäre auch noch gewesen.

Macht aber nichts: Hübsch anzuschauen ist war allemal!

Polarlicht zwischen 2:30 und 3 Uhr, zwischen Mehamn und Kjøllefjord

Hurtigrute Tag 8: Hammerfest

Das Tagesprogramm

Es geht mit großen Schritten südwärts – gestern war der Wendepunkt unserer Reise; am siebten Tag unserer 12-tägigen Tour (oder elf Tage, wenn man nur volle Tage und keine Kalendertage zählt) waren wir in Kirkenes. Kein Wunder, dass einem die Rückreise kürzer vorkommt.

Heute geht es frühmorgens durch den Magerøyasund, aber nach dem Polarlicht vor wenigen Stunden bekomme ich davon nicht so viel mit. Schön war es ja, aber der Zeitpunkt war doch etwas ungünstig. Dementsprechend bin ich in Havøysund zwar schon wach, aber nicht munter, und genieße das schöne Wetter nur so mäßig.

Aber ignorieren kann man es auch nicht, die Gegend hat ihre eigene karge Schönheit, gerade bei gutem Wetter.

In Havøysund kommen wir verspätet an. Der Grund: Der Ausflug Schneemobilsafari entlang der Barentssee war gut besucht, und bis alle wieder an Bord waren, hatte es länger gedauert als geplant. Wir begegnen der nordgehenden Havila Castor – gefühlt sehen wir mehr Havila- als Hurtigrutenschiffe, oder zumindest zu den besseren Zeiten, obwohl sieben der elf Schiffe an der norwegischen Küste zu Hurtigruten gehören.

Die Überfahrt nach Hammerfest ist ruhig, und bis wir die Flüssiggasanlage Melkøya erreichen, passiert nicht viel. Zeit, wach zu werden… aber bei aller Müdigkeit: Als das Expedition Team zum Interessepunkt auf Deck 7 bittet und den Energiekaffee kredenzt, verzichte ich wieder. Ich habe immer noch den Verdacht, dass da eine Mischung aus 50% Schweröl und 50% Zucker serviert wird… Die aktuellen Infos zu Melkøya bekomme ich daher nicht mit (Irgendwas wird wohl elektrifiziert, wodurch höhere Strompreise erwartet werden?), sondern schaue mir das in Ruhe von Deck 5 aus an – da ist der Wind auch kalt genug.

Melkøya

In Hammerfest legen wir wieder in der Innenstadt an, die Renovierung des Hafenbeckens ist abgeschlossen. Kai gibt wieder sein Wissen weiter und erzählt unter anderem von den kleinen Eisbären, die als Haustiere gehalten wurden, nachdem die Jäger ihre Eltern erlegt hatten, und die später an Zoos verkauft wurden, wenn sie zu groß wurden.

Da die Nordlys immer noch etwas Verspätung hat, bleibt nur Zeit für einen kurzen Spaziergang durch die mittlerweile zweitteuerste Stadt Norwegens – Melkøya zahlt gut und treibt die Preise nach oben. Pech für die alteingesessenen Normalverdiener.

Die Schule mit ihrer Kuppel, links davon die Meridiansäule

Bevor es zum Eisbärenklub geht, noch ein Blick auf die andere Hafenseite: Dort ist nicht nur die Küstenwache, sondern auch die Schule und die Meridiansäule zu sehen, die an die Vermessung Europas nach den napoleonischen Kriegen erinnert.

Auf unserer Hafenseite erinnert eine Statue an Adolf Lindstrøm, unter anderem Erfinder des Biff a la Lindstrøm und zahlreicher anderer Essensvarianten, die die Polarforscher durch den Winter brachten – er war Koch auf Amundsens Expedition mit der Fram. Dahinter liegt die Gamle Mårøy – ein Schiff von der Sorte, die im zweiten Weltkrieg als Ersatzschiffe die Hurtigrute bedienten.

Diesmal keine Bank…

Ein Stück weiter dann der Eisbärenklub, neben der nördlichsten katholischen Kirche der Welt. Über den Musikpavillon geht es weiter zur bekannteren lutherischen Kirche von Hammerfest. Zwischendrin eine Enttäuschung: Diesmal gibt es kein Foto mit “meiner” Bank, sie liegt unter dreckigen Schneemassen begraben. Also stelle ich mich auf den Schneehügel…

Die Kirche hatte schon einige Vorgängerbauten, die im Kircheninneren verewigt sind; die Türe ist offen, sodass wir einen Blick hineinwerfen können. Dann ist es auch schon Zeit, zum Schiff zurückzukehren.

Um 14 Uhr bin ich mit meinem letzten Vortrag dran und erzähle wieder ein paar Märchen. Sternsagen sind eines meiner Lieblingsthemen. Das Schiff bietet zeitgleich einen Vortrag über die Hurtigrutengeschichte auf Deutsch an, und im Anschluss auf Englisch. Interessante Planung.

Ab Hammerfest wird das Wetter wieder schlechter, und für die verschneiten Berge würde ein Schwarzweiß-Film reichen. Øksfjord erreichen wir pünktlich. Der Hafen hat meiner Meinung nach eines der schönsten Echos, wenn das Schiffshorn ertönt; den Gletscher zu identifizieren, der von hier aus auf der rechten Fjordseite sichtbar sein soll, ist schon eine größere Herausforderung…

Øksfjord

Anschließend geht es auf die offene Seestrecke der Loppa, die angenehm ruhig ist, und schönerem Wetter entgegen. Für Tromsø ist bis ca. 20/22 Uhr klarer Himmel angesagt, bei Skjervøy könnten wir also Glück haben… aber zuerst einmal gibt es einen schönen, vielversprechenden Sonnenuntergang.

Da wir Mitte März haben, geht die Sonne spät genug unter, dass wir in Ruhe Abendessen können. Das Wetter ist natürlich ein Thema – die üblichen Webcams zeigen noch nichts. Trotzdem: Raus an Deck, Skjervøy anschauen und in den Himmel blicken: Ist da was? Die Kamera sagt ja – ich gebe per WhatsApp bescheid, baue meine Kamera am Bug auf, und die Show kann beginnen, auch wenn die Fischschlachterei am Hafen noch stört. Aber bald legen wir ab, und Bug voraus ist ein schöner, heller Bogen zu sehen. Als wir Richtung Tromsø abbiegen, wandert er zur Seite und wird schwächer. Aber dann geht hinter dem Schiff das Feuerwerk los, und eineinhalb bis zwei Stunden lang gibt es endlich das Polarlicht, das ich zeigen wollte: Schön, hell, mit Bewegung – so gehört sich das!

Wo wird beobachtet? Genau. Rechts ist meine Kamera zu erahnen.

Einziger Wermutstropfen: Für die Veranstaltung vom Expeditionsteam, die einen Blick hinter die Kulissen der Nordlys ermöglicht, hat so natürlich keiner Zeit.

Bis etwa 22 Uhr arbeitet meine Kamera dann zuletzt am Heck, das Ergebnis ist ein schöner Zeitraffer. Und immer wieder faszinierend: Wenn eine Kamera irgendwo steht, stellt sich jemand davor. Auch deshalb schraube ich meine Nikon an die Reling: Wenn sich da jemand davor stellt, ist er nicht lange im Bild… Gegen 22 Uhr ist das Achterdeck praktisch leer, nur zwei weitere Personen stehen noch an der Reling. Ratet mal wo… ich drängel mich dazwischen, um meine Kamera abzuschrauben, und mache Feierabend.

Als wir Tromsø erreichen, bin ich noch einmal draußen. Es ist immer noch klar, aber kein Polarlicht mehr zu sehen. Obwohl ich auf dieser Tour wenig Nachtschichten hatte (bis den 2-Uhr-30-Einsatz), bin ich müde und mache Feierabend. Heute geht es weder in eine Kneipe noch in das Mitternachtskonzert in der Domkirche. Nach dem Konzert war wohl noch einmal Polarlicht zu sehen, aber das verschlafe ich.

Tromsø

Hurtigrute Tag 9: Vesterålen

Das Tagesprogramm

Einen Vorteil hat eine Kabine über dem Seitenstrahlruder (oder vielleicht auch den Propellern – die sind wohl verstellbar und im richtigen Winkel auch für die ganzen Vibrationen im Speisesaal verantwortlich sind): Ich kriege mehr von der Reise mit als üblich. Heute bin ich auch wieder vor dem Wecker wach; normalerweise weckt mich in Harstad die Durchsage für die Teilnehmer der Versterålen-Bustour. Aber diesmal nicht!

Als wir Harstad erreichen, bin ich schon an Deck und begrüße die nordgehende Havila Polaris; gleichzeitig bieten sich noch schöne Blicke auf die alte Trondenes-Kirche – jetzt sogar mit Bergen im Hintergrund, auch wenn das Wetter bei weitem nicht perfekt ist. Gibt das wieder einen Tag in den mystischen Vesterålen, wenn man sie vor lauter Wolken und Nebel nicht sieht? Abwarten. Die Hafenfront von Harstad gibt mit ihren Neubauten nicht so viel her, sodass ich mich erst einmal dem Frühstück widmen kann. Langsam beginnt auch die Kreuzfahrtsaison, bzw. wir kommen in das Gebiet, dass die Kreuzfahrtschiffe heimsuchen: Eine Aida nimmt ebenfalls Kurs auf die Vesterålen.

Während der Busausflug andere Perspektiven auf die Inseln eröffnet, genieße ich die ruhige Fahrt auf dem Schiff. Das Wetter bessert sich, immer öfter blauer Himmel – so macht das schon mehr Spaß.

Kurz nach 10 Uhr nähern wir uns der Risøyrinne, der Fahrtrinne nach Risøyhamn, die nur etwas tiefer ist als die größten Hurtigrutenschiffe. Das ist immer schwer zu fotografieren, man sieht lediglich die Fahrbahnmarkierungen, nur bei Ebbe und ruhiger See sieht man auch den Meeresgrund.

Der Königsstein

Auch diesmal sind zahlreiche Kormorane zu sehen, die die Baken besiedeln. In Risøyhamn legen wir nur kurz an, bevor es weiter nach Sortland geht. Das touristische Highlight des Ortes ist der Königsstein: In dem kleinen Park links vom Anleger, am Ende der kleinen Treppe, steht ein Stein, auf dem sich die norwegischen Könige anlässlich Eröffnung und Vergrößerung der Risøyrinne verewigt hatten. Für die Vesterålen war das eine wichtige Infrastrukturmaßnahme, da sie die Anbindung an des Festland deutlich schneller macht.

Wir fahren wieder gemütlich weiter nach Sortland, wo wir an den Bug gebeten werden: Das Expeditionsteam verteilt Flaggen, damit wir die Ausflugsbusse begrüßen können: Sie fahren über die Brücke, wenn wir darunter hindurchfahren. Als wir noch ein gutes Stück entfernt sind, fährt ein Bus über die Brücke… aber er gehört nicht zu uns, Glück gehabt. Das Timing stimmt wieder, und Schiff und Busse hupen um die Wette.

Auch in Sortland haben wir nur einen kurzen Halt, Aussteigen lohnt sich nicht. Das Einsteigen gestaltet sich aber auch schwierig: Die Nordlys war zu vorsichtig an den Anleger herangefahren und dümpelt in einigem Abstand vor der Kaimauer, bis sie es endlich an den Anleger schafft.

Die Reise geht weiter nach Stokmarknes, wo uns wieder dichtere Wolken erwarten. Hier sind der Geburtsort der Hurtigrute und das Hurtigrutenmuseum mit der alten MS Finnmarken aus den 1950ern; wir kommen fast pünktlich an – dank Kartenvorverkauf genug Zeit für einen kurzen Besuch auf dem alten Schiff.

Trotzdem: Eine Stunde Liegezeit ist nicht lang, und dann fahren wir auch schon wieder Richtung Raftsund. Viel Zeit zum Durchatmen hat man heute nicht: Die Einfahrt in den Sund, der Vesterålen und Lofoten trennt, ist genauso eindrucksvoll wie die Fahrt zwischen seinen hohen Bergen hindurch.

Diesmal halten wir auch am Trollfjord, und die Nordlys dreht einmal auf der Stelle, damit jeder einen Blick hinein werfen kann. Immer wieder schön, auch wenn wir wegen der Lawinengefahr noch nicht wieder hineinfahren dürfen. Dann sind seine steilen, hohen Wände richtig imposant.

Die Mündung des Trollfjords

Da es in Svolvær einige Ausflüge gibt, öffnet das Restaurant schon um 17:30 mit Buffet und freier Platzwahl. Svolvær erreichen wir im letzten Abendlicht, zur Abwechslung ist somit auch die Statue der Fischersfrau an der Hafeneinfahrt zu sehen. Sie erinnert an die daheimgebliebenen Frauen, deren Männer oft genug vom Fischfang auf hoher See nicht zurück kamen.

Die Fischgestelle am Hafen sind auch gut bestückt, gut dass es windig ist – es liegt was in der Luft… In Svolvær mache ich noch kurz einen Besuch in den Souvenirshops. Es gibt wenig neues, aber zum ersten mal sehe ich die Abzeichen für Wanderstöcke für die Gegend – zum Aufkleben, damit sie auch auf die modernen, zusammenschiebbaren Carbon-Stöcke passen, und Made in Germany.

Ich verzichte und schließe mich dem Rest der Gruppe an, die schon den Anker ansteuert, unsere gemütliche Stammkneipe. Bei knapp zwei Stunden Liegezeit bleibt genug Zeit für ein gemütliches Bier, bevor es zurück aufs Schiff geht. Kai hatte schon auf der letzten Tour ein Quiz vorbereitet, jetzt stellen wir etwas mehr als 20 einfache Fragen zur Diskussion. Derweil kommt etwas leichte Bewegung ins Schiff, bis Svolvær merken wir endlich, dass wir auf einem Schiff sind.

Nach dem Quiz kriegen wir auch was: Die Gruppe bedankt sich schon einmal für die Reise, und ich bekomme ein Souvenir.

Ihr spinnt ja:-) Ich hab euch lieb, ganz herzlichen Dank noch einmal!

Stamsund

Damit endet der Tag auch. In Stamsund legen wir kurz an, dann geht es über den Westfjord nach Bodø. Ich arbeite noch ein bisschen die Reise auf, mit Blog und mehr, und mache dann auch Feierabend.

In Bodø waren wohl noch einmal Polarlichter zu sehen, aber das verschlafe ich.

Hurtigrute Tag 10: Helgelandküste

Der Tagesplan

Jetzt zeigt Norwegen noch einmal, was es kann, und gönnt uns keine Pause: Wir fahren mit der Helgelandküste einen der schönsten Streckenabschnitte entlang, und das bei bestem Wetter. Das bringt so manchen Kamera-/Handy-Akku ans Limit.

Am Polarkreis ist das Wetter noch mies, der nordgehenden Hurtigrute MS Nordnorge begegnen wir im leichten Nieselregen, und am Bug herrscht ein unangenehmer Wind, als wir Kurs auf die Kugel nehmen. Ich habe völlig vergessen, dass auf der Nordnorge auch eine Gruppe von uns ist… aber die Nordlicht-Saison endet langsam, ab April sind die Nächte so kurz, dass man schon Glück braucht, um welche zu sehen. Die Mitternachtssonne kommt.

Danach wird das Wetter zügig schöner, und wir können die Reise südwärts genießen. Um 9:30 gibt es noch einmal einen Polarkreisstempel, und gegen halb elf erreichen wir Nesna für einen kurzen Halt. Draußen ist traumhaftes Wetter, während das Expeditionsteam sein tägliches Gathering veranstaltet.

Nesna

Die See ist ruhig, das Wetter blendend, wie könnte es besser sein? Eine gute Stunde später erreichen wir Sandnessjøen. Hier gibt es wieder die Chance für einen Besuch auf der Brücke des Schiffs; für einen Gang in die Stadt ist die Zeit leider zu knapp – rund 15 Minuten für einen Spurt durch die Fußgängerzone lohnen sich nicht. Vor einigen Jahren lagen wir hier noch 45 statt 30 Minuten, da hatte das eher Chancen. So kann man schon mal einen Blick auf die Berggipfel der Sieben Schwestern werfen, die sich majestätisch hinter der Stadt erheben.

Wir verlassen Sandnessjøen mit etwas Verspätung, vorher soll sich noch eine Kabine an der Rezeption melden – fehlt jemand? Aber es dauert nicht lange, bis wir ablegen und die Sieben Schwestern an unserer Backbordseite vorbei ziehen. Immer wieder schön, wenn man sie mal sieht.

Sieben Schwestern

Am Horizont taucht schon der Torghatten auf, der berühmte Berg mit Loch. Aber Zeit zum Durchschnaufen ist nicht: Um 14 Uhr ist die Farewell-Veranstaltung des Schiffs – ein kleiner Umtrunk mit Ansprache durch die Restaurant-Chefin, der entgegen der Info in der Hurtigruten-App jetzt für alle Gäste ist und nicht nur für die von einer Sitzung. Eine kurze Ansprache im Panoramasalon vorne auf Deck 7, ein Skål, und die Reise nähert sich offiziell ihrem Ende. Morgen in Trondheim werden uns bereits einige Gruppen verlassen, daher gibt es das Captain’s Dinner bereits heute.

Aber noch ist es nicht so weit: Um 15 Uhr erreichen wir Brønnøysund.

Außer einem Besuch in der Mitte Norwegens steht hier heute nichts touristisches für mich auf dem Programm. Ich muss nur noch einkaufen, sonst stehe ich am Dienstag vor einem leeren Kühlschrank. Rentierwurst steht auf dem Programm; die wird hier teils gekühlt und teils ungekühlt verkauft, muss also bis Montagabend in meiner Kabine bzw. im Gepäck durchhalten. Im Coop ist sie ausverkauft, und die Gruppe Hauser (eine andere Reisegruppe, die mit uns an Bord ist) stellt beim Gang durch den Coop fest, dass auch Moltebeeren-Marmelade ausverkauft ist. Im Kiwi werde ich aber fündig, gerade noch rechtzeitig.

Falls jemand fragt: Beim Zoll gibt es die Einfuhrregeln. Walfleisch wäre ein absolutes No-Go, und Marmelade darf nicht ins Handgepäck. Aber Rentiere sind nicht geschützt.

Wir legen mit leichter Verspätung in Brønnøysund ab. Das ist etwas problematisch, weil es mittlerweile auch hell genug ist, um das Loch im Torghatten zu sehen. Das erreichen wir kurz nach 18 Uhr, und das Captain’s Dinner fängt immer schon um 18 Uhr an. Es konnte auch noch niemand sagen, ob wir schon den Aussichtspunkt ansteuern. Also: An Deck bleiben und das Abendessen riskieren…

Torghatten mit Loch

Das Warten lohnt sich, um 18:05 sind wir in Position und sehen das Loch, das fast groß genug ist, um unser Schiff der Länge nach durchzuschieben. Danach ab zum Vier-Gänge-Menü, gerade noch rechtzeitig um zu bestellen.

Am Abend gibt es anschließend noch einen Bonus: T. Roll, der Beauftragte für Unterirdisches von Statens Trollvesen, kommt zu Besuch und berichtet die volle Wahrheit über Trolle. Da muss ja mit einigen Dingen aufgeräumt werden. Rørvik erreichen wir pünktlich, und der Vortrag endet – vielleicht muss er sich um einige Draugr kümmern, jedenfalls haben wir auf der Folda durchaus Seegang. In Rørvik gab es ein paar Sterne und Schneegraupel; später am Abend schaue ich nochmal ans Heck: Da sind tatsächlich schwache Polarlichter zwischen den Wolken, aber nichts, was sich lohnt. Meine Kamera am Heck sieht zwar was, aber für das Auge bleiben es graue Nebelschleier. Die Kamera dann wieder einzuholen, ist durchaus anspruchsvoll: Das Heck macht ein ordentliches Auf und Ab, die drei Meter zur Heckreling sind nicht trivial. Zum Beobachten mache ich es mir auf den Liegestühlen am Heck auf Deck 5 bequem, aber die helle LED-Beleuchtung stört schon ziemlich.

Ich gebe über unsere WhatsApp-Gruppe Bescheid, dass da zwar was ist, es sich aber nicht lohnt, und nach 20 Minuten gebe ich auch auf. Da tut sich nichts, was den Seegang wert wäre. Später in der Nacht schaue ich noch einmal raus, aber es hat komplett zugezogen. Zeit für Feierabend.