Nach dem stressigen Anreisetag steht heute beinahe ein Ruhetag an. Die Fahrt am Westkap vorbei war sehr ruhig, dafür ist Torvik eher ungastlich: Wir erreichen den kleinen Hafen in der Morgendämmerung mit leichtem Regen. Torvik ist wie immer nur ein kurzer Halt, aber immerhin der erste Hafen, von dem ich was habe.
Das stimmt nicht ganz: Meine Kabine auf Deck 3 ist über dem hinteren Seitenstrahlruder, daher habe ich auch Florø mitten in der Nacht mitbekommen. Bin gespannt, wie die Reise wird… Ich bin schon gegen sieben Uhr wach, noch vor meinem Wecker, und kann daher in aller Ruhe frühstücken gehen, noch bevor wir Torvik erreichen. Draußen ist die See beim Westkap zwar ruhig, aber schön ist was anderes. Es tröpfelt.





Zu den Kleinigkeiten, die an Bord zum Schmunzeln anregen, gehören ja immer wieder die Übersetzungen. In den letzten Jahren war es besser geworden, mittlerweile scheinen die Übersetzer aber vermehrt durch KI ersetzt zu werden. Zum Frühstück gibt es “Übernachtbrei”, und statt Schiffsbegegnungen steht nun das “Schiff der Begegnung” auf dem Tagesprogramm. Am Frühstücksbuffet hat sich sonst nicht viel geändert; man kann sich ein English Breakfast mit Spiegelei und Würstchen zusammenstellen, oder Brote mit den verschiedensten Belägen bis hin zu braunem Käse und frischem Lachs. Ich weiß, warum ich das Mittagessen meist ausfallen lasse, das Frühstück langt mir.
Kai ist auch schon unterwegs, und am Vormittag bieten wir unsere Reiseleitersprechstunde an, mit Tipps zum Tagesprogramm in Ergänzung zu den Infos in der internen Whatsapp-Gruppe unserer Gruppe. Die Papieraushänge der ersten Reisen sind längst Geschichte, aber so findet auch jeder Gast die Infos zuverlässig.
Bei Torvik gehe ich kurz raus in den Nieselregen und mache ein paar Fotos; bis Ålesund wird das Wetter immer besser – wir erreichen die Jugendstilstadt bei Bewölkung und angenehmen Temperaturen, um die 5 Grad plus haben wir heute.
Im Herbst haben wir einen kürzeren Aufenthalt in der Stadt, dann geht es in den Hjørundfjord. Jetzt im Winter fährt nur ein Oldtimerschiff in den schönen Fjord, was als Ausflug gebucht werden kann – lohnenswert, aber ich verpasse die Abfahrt und sehe das Schiff diesmal nicht ablegen.
Das Wetter wird erfreulich schnell besser. Ich nutze die Gelegenheit, um mal wieder auf den Hausberg Aksla hochzusteigen. Es sind immer noch 418 Stufen, aber irgendwie wird es jedes Mal steiler… Aber beim Weg zum Berg bieten sich die ersten Gelegenheiten, mit unseren Gästen in Kontakt zu kommen, und entlang der Treppe sind auch genug Bänke. Man hat ja keinen Zeitdruck, auch wenn unser Welcome-Drink auf 14:30 festgesetzt wurde (parallel zur Sicherheitsübung der Schiffsbesatzung).





Der Blick vom Berg lohnt sich wieder, mittlerweile haben wir weitestgehend blauen Himmel. Traumhaft, und die Wintersachen sind zu warm.
Zurück im Jugendstilzentrum – die Stadt war Anfang des letzten Jahrhunderts abgebrannt und im Jugendstil schön neu aufgebaut worden – sehe ich im Brosund ein paar Kajakfahrer, auch das ist ein Ausflug, den Hurtigruten anbietet. Ich gehe weiter bis zur Kirche (die gerade saniert wird und eingerüstet ist) und hoch zum Storhaugen, dem kleineren Aussichtshügel.
Anschließend ging es für mich mit Halt im Supermarkt zurück zum Schiff, duschen (nach dem Aksla sinnvoll) und für unseren Welcome-Drink fertigmachen.
Wir sind eine überschaubare Gruppe, was schön ist: Man kommt leichter ins Gespräch, und Süddeutschland überwiegt auch. Man kennt die Dialekte:-) Anschließend bleibt genug Zeit für einen weiteren Spaziergang durch Ålesund. Ein kurzer Abstecher zum Museum und den Fluchttunnel, neben dem ein Geschäft leer steht und dezent gegen den Massentourismus protestiert.





Hier öffnet demnächst ein Touri-Shop, verkünden die Plakate, mit chinesischen Plastiktrollen für chinesische Touristen – und alle andere, die sich Voll-, Teilzeit- oder Gelegenheitstouristen betrachten, egal aus welchem Land. Oder es entsteht eine Thai-Massage, die sich freut, uns als Gäste willkommen zu heißen.
Ålesund hat 60.000 Einwohner und allein 2023 über 650.000 Kreuzfahrtgäste, sogar noch mehr als Bergen (auch wenn dort mehr Kreuzfahrtschiffe anlegten). Der Geirangerfjord ist nicht weit entfernt, kein Wunder, dass das Städtchen überrannt wird und es manchem Einheimischen zu viel wird.
Da bleibt für uns das gute Gewissen, dass die Hurtigrute kein Kreuzfahrtschiff ist, sondern tatsächlich einen Versorgungsauftrag hat und die Passagiere dafür sorgen, dass bezahlbar Fracht in die Gemeinden im hohen Norden gebracht werden kann, wenn Flugzeuge oder Straßen ausfallen.
Vor dem Abendessen gibt es an Bord noch eine Ausflugspräsentation und Treffen mit dem Expeditionsteam, unsere Essenssitzung ist dann um 18 Uhr. Anschließend kommt der gemütliche Teil des Abends: Nochmal ansprechbar sein und die ersten Kameras einstellen. Der Himmel ist klar, aber die Webcams in Skandinavien zeigen noch keine Spur von Polarlicht, obwohl das Oval prinzipiell aktiv ist.
Auf der Fahrt nach Molde gibt der Küchenchef noch eine norwegische Geschmacksprobe und serviert Fenalår-Häppchen, feine Lammkeule. Ich überlege kurz, eine Sternführung auf Deck 7 anzubieten, aber es ist durch die Schiffsbeleuchtung doch recht hell. Da ist nicht viel zu sehen. Also warte ich auf die Begegnung mit dem südgehenden Schiff, der Havila Castor und werfe noch einen Blick auf Molde.
Der Himmel ist bedeckt, also packe ich zusammen, mache es mir im Café auf Deck 7 bequem (wo ich ganz alleine bin) und setze mich an mein Blog.
Und kurz vor halb zwölf kommt die Durchsage Polarlicht. Also ab auf Deck 3 nach ganzen hinten, meine Kamera holen, dann wieder auf Deck 5 an den Bug – es noch nicht viel los, obwohl über 300 Passagieren an Bord sind, und das Polarlicht ist überraschend hell direkt in Fahrtrichtung voraus zu sehen. Hübsch, auch wenn es beim geisterhaften Grün bleibt, das bald in ein helleres Grau übergeht. Aber die Kamera freut sich, und unter der überschaubaren Menge am Bug sind auch einige aus unsere Gruppe. Das Kameraeinstellen hat sich gelohnt, andere beobachten einfach nur: Immer wieder schön. Meine Kamera sammelt gut 1600 Aufnahmen in etwas über einer Dreiviertelstunde, bevor ich auch Schluss mache – wir kommen auf die Hustavika, und die Polarlichtaktivität scheint nachzulassen.
Schon am zweiten Tag die Polarlichtgarantie erledigt und den Erfolgsdruck aus der Reise genommen – nicht schlecht!




