Es geht mit großen Schritten südwärts – gestern war der Wendepunkt unserer Reise; am siebten Tag unserer 12-tägigen Tour (oder elf Tage, wenn man nur volle Tage und keine Kalendertage zählt) waren wir in Kirkenes. Kein Wunder, dass einem die Rückreise kürzer vorkommt.
Heute geht es frühmorgens durch den Magerøyasund, aber nach dem Polarlicht vor wenigen Stunden bekomme ich davon nicht so viel mit. Schön war es ja, aber der Zeitpunkt war doch etwas ungünstig. Dementsprechend bin ich in Havøysund zwar schon wach, aber nicht munter, und genieße das schöne Wetter nur so mäßig.



Aber ignorieren kann man es auch nicht, die Gegend hat ihre eigene karge Schönheit, gerade bei gutem Wetter.
In Havøysund kommen wir verspätet an. Der Grund: Der Ausflug Schneemobilsafari entlang der Barentssee war gut besucht, und bis alle wieder an Bord waren, hatte es länger gedauert als geplant. Wir begegnen der nordgehenden Havila Castor – gefühlt sehen wir mehr Havila- als Hurtigrutenschiffe, oder zumindest zu den besseren Zeiten, obwohl sieben der elf Schiffe an der norwegischen Küste zu Hurtigruten gehören.


Die Überfahrt nach Hammerfest ist ruhig, und bis wir die Flüssiggasanlage Melkøya erreichen, passiert nicht viel. Zeit, wach zu werden… aber bei aller Müdigkeit: Als das Expedition Team zum Interessepunkt auf Deck 7 bittet und den Energiekaffee kredenzt, verzichte ich wieder. Ich habe immer noch den Verdacht, dass da eine Mischung aus 50% Schweröl und 50% Zucker serviert wird… Die aktuellen Infos zu Melkøya bekomme ich daher nicht mit (Irgendwas wird wohl elektrifiziert, wodurch höhere Strompreise erwartet werden?), sondern schaue mir das in Ruhe von Deck 5 aus an – da ist der Wind auch kalt genug.
In Hammerfest legen wir wieder in der Innenstadt an, die Renovierung des Hafenbeckens ist abgeschlossen. Kai gibt wieder sein Wissen weiter und erzählt unter anderem von den kleinen Eisbären, die als Haustiere gehalten wurden, nachdem die Jäger ihre Eltern erlegt hatten, und die später an Zoos verkauft wurden, wenn sie zu groß wurden.
Da die Nordlys immer noch etwas Verspätung hat, bleibt nur Zeit für einen kurzen Spaziergang durch die mittlerweile zweitteuerste Stadt Norwegens – Melkøya zahlt gut und treibt die Preise nach oben. Pech für die alteingesessenen Normalverdiener.
Bevor es zum Eisbärenklub geht, noch ein Blick auf die andere Hafenseite: Dort ist nicht nur die Küstenwache, sondern auch die Schule und die Meridiansäule zu sehen, die an die Vermessung Europas nach den napoleonischen Kriegen erinnert.
Auf unserer Hafenseite erinnert eine Statue an Adolf Lindstrøm, unter anderem Erfinder des Biff a la Lindstrøm und zahlreicher anderer Essensvarianten, die die Polarforscher durch den Winter brachten – er war Koch auf Amundsens Expedition mit der Fram. Dahinter liegt die Gamle Mårøy – ein Schiff von der Sorte, die im zweiten Weltkrieg als Ersatzschiffe die Hurtigrute bedienten.




Ein Stück weiter dann der Eisbärenklub, neben der nördlichsten katholischen Kirche der Welt. Über den Musikpavillon geht es weiter zur bekannteren lutherischen Kirche von Hammerfest. Zwischendrin eine Enttäuschung: Diesmal gibt es kein Foto mit “meiner” Bank, sie liegt unter dreckigen Schneemassen begraben. Also stelle ich mich auf den Schneehügel…
Die Kirche hatte schon einige Vorgängerbauten, die im Kircheninneren verewigt sind; die Türe ist offen, sodass wir einen Blick hineinwerfen können. Dann ist es auch schon Zeit, zum Schiff zurückzukehren.
Um 14 Uhr bin ich mit meinem letzten Vortrag dran und erzähle wieder ein paar Märchen. Sternsagen sind eines meiner Lieblingsthemen. Das Schiff bietet zeitgleich einen Vortrag über die Hurtigrutengeschichte auf Deutsch an, und im Anschluss auf Englisch. Interessante Planung.
Ab Hammerfest wird das Wetter wieder schlechter, und für die verschneiten Berge würde ein Schwarzweiß-Film reichen. Øksfjord erreichen wir pünktlich. Der Hafen hat meiner Meinung nach eines der schönsten Echos, wenn das Schiffshorn ertönt; den Gletscher zu identifizieren, der von hier aus auf der rechten Fjordseite sichtbar sein soll, ist schon eine größere Herausforderung…
Anschließend geht es auf die offene Seestrecke der Loppa, die angenehm ruhig ist, und schönerem Wetter entgegen. Für Tromsø ist bis ca. 20/22 Uhr klarer Himmel angesagt, bei Skjervøy könnten wir also Glück haben… aber zuerst einmal gibt es einen schönen, vielversprechenden Sonnenuntergang.

Da wir Mitte März haben, geht die Sonne spät genug unter, dass wir in Ruhe Abendessen können. Das Wetter ist natürlich ein Thema – die üblichen Webcams zeigen noch nichts. Trotzdem: Raus an Deck, Skjervøy anschauen und in den Himmel blicken: Ist da was? Die Kamera sagt ja – ich gebe per WhatsApp bescheid, baue meine Kamera am Bug auf, und die Show kann beginnen, auch wenn die Fischschlachterei am Hafen noch stört. Aber bald legen wir ab, und Bug voraus ist ein schöner, heller Bogen zu sehen. Als wir Richtung Tromsø abbiegen, wandert er zur Seite und wird schwächer. Aber dann geht hinter dem Schiff das Feuerwerk los, und eineinhalb bis zwei Stunden lang gibt es endlich das Polarlicht, das ich zeigen wollte: Schön, hell, mit Bewegung – so gehört sich das!
Einziger Wermutstropfen: Für die Veranstaltung vom Expeditionsteam, die einen Blick hinter die Kulissen der Nordlys ermöglicht, hat so natürlich keiner Zeit.
Bis etwa 22 Uhr arbeitet meine Kamera dann zuletzt am Heck, das Ergebnis ist ein schöner Zeitraffer. Und immer wieder faszinierend: Wenn eine Kamera irgendwo steht, stellt sich jemand davor. Auch deshalb schraube ich meine Nikon an die Reling: Wenn sich da jemand davor stellt, ist er nicht lange im Bild… Gegen 22 Uhr ist das Achterdeck praktisch leer, nur zwei weitere Personen stehen noch an der Reling. Ratet mal wo… ich drängel mich dazwischen, um meine Kamera abzuschrauben, und mache Feierabend.
Als wir Tromsø erreichen, bin ich noch einmal draußen. Es ist immer noch klar, aber kein Polarlicht mehr zu sehen. Obwohl ich auf dieser Tour wenig Nachtschichten hatte (bis den 2-Uhr-30-Einsatz), bin ich müde und mache Feierabend. Heute geht es weder in eine Kneipe noch in das Mitternachtskonzert in der Domkirche. Nach dem Konzert war wohl noch einmal Polarlicht zu sehen, aber das verschlafe ich.






