Hurtigrute Tag 7: Kirkenes

Das Tagesprogramm

Der Tag beginnt für mich viel zu früh – nach dem Schneesturm gestern Abend war ich nicht auf die Idee gekommen, mein Rollo runterzumachen, und als wir kurz vor 7 Uhr in Vadsø anlegen, weckt mich die Kombination aus Sonnenschein und Seitenstrahlruder.

Immerhin: Da wir ziemlich weit östlich unserer normalen Zeitzone sind (aber immer noch MEZ haben), ist es draußen schon hell, und der Himmel ist wolkenlos. Damit kann ich den einzigen Hafen, an dem wir nur einmal anlegen, einmal bei Tageslicht anschauen. Unser Anlieger ist auf der kleinen Insel Vadsøya, die eigentliche Stadt mit fast 6000 Einwohnern ist auf der anderen Seite des kleinen Sunds. Bekannt ist sie für den Ankermast für Luftschiffe, den Amundsen und Nobile in den 1920ern für ihre Expeditionen zum Nordpol nutzten.

Den Mast hatte ich schon lange auf dem Plan, und mit Hilfe von Apple Maps und Komoot scheitere ich dabei, ihn zu finden. Erst im Nachhinein stelle ich fest, dass ich den völlig falschen Mast fotografiert hatte – er lag hinter uns und war vom Heck aus hinter der Brücke zu sehen. Praktischerweise habe ich ihn erwischt, als ich Sonne und Brücke geknipst hatte:

Luftschiffmast in Vadsø

Als wir Vadsø verlassen und uns auf den Weg Richtung Kirkenes machen, mache ich mich auf den Weg zum Frühstück – das Restaurant ist rappelvoll. Wer in Kirkenes aussteigt, muss um 8 Uhr seine Kabine räumen, und alle sammeln sich am Frühstücksbuffet. Aber ich finde noch einen Platz.

Draußen zieht derweil der Varangerfjord vorbei, wunderbare schneebedeckte flache Hänge unter strahlendblauem Himmel. So muss Norwegen. Kurz vor Kirkenes liegt wieder Nebel über dem Wasser, aber es ist nur eine kleine Nebelbank.

Kirkenes erreichen wir pünktlich, aber bis alle von Bord sind, dauert es etwas – viele verlassen uns hier, aber es kommen auch einige neue Passagiere für die südgehende Reise an Bord. Ich mache heute nur einen kurzen Spaziergang durch Kirkenes. Das Schiffsthermometer zeigt weiterhin +5° an, die Wetterapps reden von etwa -8°, was auch eher zu den gefühlten Temperaturen passt. So viel zu Qualitätsthermometern made in Sweden…

Viel hat sich seit meinem letzten Besuch im November nicht getan: Die Grenze zu Russland ist immer noch dicht, dementsprechend wenig ist im Hafen und auf den Straßen los. Der Protest-Bus gegen den Ukraine-Krieg steht immer noch vor dem russischen Konsulat, die Kirchturmuhr ist immer noch kaputt, nur das Amfi Einkaufszentrum heißt jetzt Thon Senter Kirkenes. Die Läden sind aber immer noch die selben.

Diesmal mache ich aber nur einen kurzen Gang durch Kirkenes – im Einkaufszentrum gibt es auch nichts, was ich brauche. Wird eine billige Reise:-)

Zurück auf dem Schiff mache ich erst einmal Pause, etwas Schlaf nachholen und meinen letzten Vortrag für morgen noch einmal durchgehen. Über die Überfahrt nach Vardø gibt es nicht viel zu berichten: Wir lassen Vadsø wie gewohnt links liegen, es gibt ein paar Präsentationen durch das Expedition Team für die Neuankömmlinge, und der Küchenchef darf wieder etwas präsentieren. Kurz vor Vardø bin ich an Deck, wo Crewmitglieder die Reling abmessen – die wird wohl neu gemacht, zumindest ist sie abgeschliffen. Einer von der Crew sichtet einen Wal, was ich aber nicht nachvollziehen kann – da sind zwar viele dunkle Wellen und Vögel, aber den Wal übersehe ich. Er meldet es aber dem Expedition Team, und es füllt sich an Deck. Einige andere hatten mehr Glück als ich. Dafür ist die Anfahrt nach Vardø wunderschön, auch wenn dahinter im Westen Wolken warten…

Vardø erreichen wir ausnahmsweise pünktlich, aber bis die Gangway unten ist und wie von Bord kommen, vergehen zehn wertvolle Minuten. Trotzdem: Kai wagt den schnellen Marsch zum Hexendenkmal, und ich folge mit etwas Abstand wegen Fotostopps. Morgen beginnt Yukkigassen, der internationale Schneeballschlacht-Wettbewerb. Vor der Festung stehen schon einige Eisblöcke, die den Teilnehmern Schutz bieten sollen.

Beim Spurt zum Hexendenkmal bleibt dafür und für die Festung Vardøhus aber keine Zeit. Kai nimmt die normale Straße, ein kurzer Blick zur Festung aus der Ferne, und dann geht es durch den Schnee zum Hexendenkmal. Mir bleibt nur genug Zeit, um einmal durchzulaufen und ein Infoheftchen mitzunehmen, dann geht es auch schon zurück. Das Häuschen mit der ewigen Flamme lasse ich diesmal aus, das wird mir zu knapp.

Es langt gerade so: 5 Minuten vor der Deadline (zehn Minuten vor dem Ablegen) sind wir wieder am Schiff. 15 Minuten mehr in Vardø wären schon viel wert. Dabei gibt es hier eigentlich viel zu sehen: Ein Museum über den Pomorenhandel (der florierende Russlandhandel vor der Revolution), die Plakette zur Beobachtung des Venustransits am Rathaus, einige Wandmalereien, auch wenn viele mittlerweile samt den dazugehörigen Häusern verschwunden sind… aber es hilft nichts, wir haben eine Fahrplan einzuhalten und legen pünktlich ab.

Båtsfjord

Das tägliche Gathering mit dem Expeditionsteam um 17:15 schenke ich mir (ich will gar nicht wissen, wie viel das Kunstwerk letztlich gebracht hat), stattdessen mache ich noch ein paar Minuten am Rechner, bevor es zum Abendessen geht. Danach habe ich frei: Båtsfjord erreichen wir um 20 Uhr und sehen ein paar kleine Wolkenlücken/strukturen, aber mit Polarlicht ist heute nichts. Dafür hat der Ort ein umwerfendes Fischaroma, Båtsfjord ist nach Hammerfest der zweitgrößte Fischereihafen Nordnorwegens.

Berlevåg

Vortrag kann ich auch keinen halten: Heute ist Filmabend, das Schiff zeigt Cool & Crazy, auch bekannt als der “Männerchor von Berlevåg”. Man muss wohl schon Norweger sein, um dem Film was abzugewinnen. Aber der Rest von Europa hat sich wohl auch gewundert, warum Deutschland über “Der Schuh des Manitu” gelacht hat. Für mich ist er eher ein Grund, niemals eine Wohnung in Nordnorwegen anzustreben.

Praktisch ohne Wellengang geht es weiter nach Berlevåg, wo wir der MS Nordkapp auf offener See begegnen – noch kurz winken, ein letzter Blick nach oben, und das war es für heute.

Soweit der Plan… immer wieder wecken mich die Anlegemanöver, und gegen 2:30 klingelt das Telefon: Etwas Nordlicht an backbord. Uff. Also schnell anziehen und erst mal anschauen: Ja, ist doch ganz hübsch, das Grün ist deutlich. Bis ich meine Kamera aus der Kabine geholt habe, ist es schon schwächer, und da es genau über uns ist, erwische ich nicht alles mit meiner Kamera. Am Bug probiere ich mein Glück nicht, hätte sich aber gelohnt, und Platz wäre auch noch gewesen.

Macht aber nichts: Hübsch anzuschauen ist war allemal!

Polarlicht zwischen 2:30 und 3 Uhr, zwischen Mehamn und Kjøllefjord

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert