Wir sind endgültig im hohen Norden, und die Sonne weckt mich noch vor dem Wecker: Vor Havøysund ist der Himmel weitestgehend klar, und vor meinem Kabinenzimmer ziehen schneebedeckte Berge langsam an der Nordlys vorbei. Chic.
Wirklich sehr chic.
Das macht Hoffnung, auch wenn der Wetterbericht ab heute Nachmittag Wolken vorhersagt. Auf jeden Fall weckt es die Lebensgeister. Vor Havøysund begegnen wir der MS Midnatsol, die in diesem Winter auf der regulären Postschiffroute fährt. An Deck ist ein lausig kalter Wind, und es gibt auch eine Windwarnung. Daher begnüge ich mich mit ein paar Bildern von Schiff und Hafen, bevor ich mich in das warme, windgeschützte Restaurant zum Frühstück begebe.




Anschließend bin ich einige Zeit mit Kai in unserem “Reiseleiterbüro” auf Deck 4 und sehe die schneebedeckte Landschaft vorbeiziehen. Aber es ist zu schön, um wahr zu sein: Bald kommt die Durchsage, dass der Ausflug zum Nordkap nicht stattfindet, da die Straße witterungsbedingt gesperrt ist. Die Meldung will natürlich niemand hören – vor allem bei dem Wetter da draußen!
Bei der Fahrt durch den Magerøya-Sund, der das Festland von der Insel Magerøya mit dem Nordkap trennt, bin ich an Deck. Es ist einfach zu schön, um viel im Schiff zu sein, aber auch windig – kurz vor der Anfahrt auf Honningsvåg finde ich sogar einen Platz im Panoramasalon auf Deck 7.




Blauer Himmel, schneebedeckte Berge – so stellt man sich Norwegen vor. In Honningsvåg liegt noch einiges an Schnee, auf den Straßen herrschen aber Schneematsch und Schmelzwasser vor. Das Schiffsthermometer auf Deck 5 zeigt in den letzten Tagen recht konstant rund 5 Grad an. Ich drehe eine kurze Runde am Hafenbecken entlang, auf den Aussichtspunkt über dem Ort am Friedhof habe ich heute keine Lust. Da noch ein weiteres Schiff im Hafen liegt, dessen Passagiere ebenfalls nicht ans Nordkap können, ist es recht voll in dem Örtchen – wie das in der Hochsaison ist, will ich gar nicht wissen.




Also bin ich recht bald wieder auf dem Schiff, sehe mir das zunehmend wechselhafte Wetter vom Multe-Cafe an und arbeite etwas, während das Schiff wieder die obligatorische Sicherheitsübung veranstaltet. Diesmal bekomme ich davon nur wenig mit.
Um 14:30 legen wir dann planmäßig ab, mittlerweile dominieren die Wolken. Dafür ist die See ungewöhnlich ruhig, die Überfahrt nach Kjøllefjord ist ereignislos, da ich mir weder den Apfelkuchen mit Schlagsahne und Heißer Schokolade gönne noch den Vortrag über norwegische Musik um 15:45 anhöre.
Kurz bevor wir Kjøllefjord erreichen, geht es noch einmal an Deck: Für die Finnkirche wird kein Interessenspunkt an Deck mehr veranstaltet, aber es gibt immerhin eine Durchsage, und sie ist vor dem schneebedeckten Fjord-Hintergrund auch schön zu sehen.


So markant die beiden Felsformationen auch sind, die an eine Kirche mit Trum und eine kleinere Kapelle erinnern: Das Vorgebirge rechts zur offenen See hin finde ich auf seine Art noch imposanter.


Kurz darauf erreichen wir Kjøllefjord, das wunderschön am Ende des schneebedeckten Fjords liegt – im Herbst, wenn noch kein Schnee liegt, macht es wesentlich weniger her. Hier steigen die Teilnehmer der Schneemobil-Safari aus, während wir weiter nach Mehamn fahren. Dort steht nach dem Abendessen mein nächster Vortrag an, hoffen wir, dass die See so ruhig bleibt.
Es läuft alles bestens: Das Expedition Team macht um 17:15 wieder sein Gathering (schade eigentlich – das war immer eine gute Zeit für unsere Vorträge), das Essen wird flott serviert, in Mehamn wackelt wieder die Restaurant-Decke, als wir kurz anlegen, und um 19:30 erzähle ich etwas über die Sonne, während wir bei angenehm ruhiger See Richtung Berlevåg tuckern. Während ich was über Sonnenflecken erzähle, kommt eine Durchsage: Polarlicht voraus – also kurze Pause und rauf auf Deck 5. Der Bug ist voll, aber vom Heck aus ist ein hellerer Streifen ein paar Minuten lang zu sehen. Aber er bleibt grau und hat keine Chance gegen die Wolken, wenig später hat es schon wieder zugezogen.
Nach einer kurzen Unterbrechung mache ich dann mit dem Vortrag weiter und bin kurz vor 21 Uhr fertig – gerade rechtzeitig für das Ende der stillen Auktion. Aber diesmal gehe ich leer aus, heute wird in den letzten Minuten noch hoch gesteigert. Ich wollte das Kunstwerk, und die Postflagge hätte auch in unserer Gruppe bleiben sollen. Gestern hätte das noch geklappt, heute werden unsere Kabinen aus dem dritten Stock von denen auf Deck 5 und 6 überboten, und zwar deutlich. Bei 3000 NOK für das Bild von Karl Erik Harr steige ich aus, während der Preis munter weiter steigt.
Schade eigentlich. Vielleicht hätte ich mir doch einen richtigen Job suchen sollen, aber andererseits wäre ich dann jetzt wohl nicht hier. So geht es nach kurzer Unterbrechung wieder in den Vortragsraum, ich gebe einen Bonus-Vortrag über die Vorbereitung für die nächste Sonnenfinsternis. Wer wissen will, was ich da erzähle: Mein Buch zum Thema gibt’s auf Amazon.
Als wir gegen 22 Uhr Berlevåg erreichen, bin ich dann auch fertig. Draußen ist Schneegestöber, dann war es das wohl für diese Nacht – aber da komplett bewölkt angesagt war, haben wir schon mehr gesehen als gedacht.
Aber verdammt nochmal, da muss doch noch mehr gehen mit diesem Polarlicht; eine klare Nacht wäre doch arg mager. Die richtig gute Show fehlt noch.


