Hurtigrute Tag 9: Vesterålen und viel Stokmarknes

Der Tagesplan

Ausschlafen klappt mal wieder nicht: Ich habe vergessen, die Infotaste auszuschalten und werde kurz vor acht von der Durchsage geweckt, dass wir Harstad erreichen und die Teilnehmer der Vesterålen-Rundfahrt bitte rechtzeitig am Kai sein mögen.

Aber gut, um die Zeit kann man auch mal aufstehen… Die Baustelle am Hafen von Harstad wächst deutlich in die Höhe. Wenn das neue Gebäude fertig ist, werden wir wohl nicht mehr viel von dem Ort sehen. Dafür stehen jede Menge Ausflugsbusse am Kai und warten auf unsere Gäste.

Mit leichter Verspätung verlassen den Hafen und passieren kurz darauf die Trondenes-Kirche, den ersten Halt der Vesterålen-Bustour. Heute ist der Tag, an dem mein Tele-Objektiv die meisten Einsätze hat.

Pünktlich zu unserer Abfahrt sprudelt auch die Fontäne im Hafenbecken los, die dort vor ein paar Jahren installiert wurde. Nachdem wir Harstad verlassen, gehe ich frühstücken, und bleibe danach eher im Schiff: Die Inseln der Vesterålen sind zwar wunderschön, aber wir haben den ersten Niesel-Regentag der Reise. Es ist recht warm, aber ungemütlich. Da macht man gerne Reiseleitersprechstunde im Warmen auf Deck 4.

Gegen halb elf erreichen wir die Risøyrinne, die den Hurtigrutenschiffen die direkte Fahrt nach Stokmarknes ermöglicht. Am besten sieht man die enge Fahrspur zwischen den Markierungen vom Bug, bei dem Nieselregen platziere ich mich aber lieber regengeschützt unter den Rettungsbooten. Ein kurzer Spurt zum Königsstein wäre drin – vom Expeditionsteam scheint es jemand zu machen, wahrscheinlich für den Tourfilm, den das Schiff erstellt und auf USB-Stick anbietet – aber ich bin heute mal faul und bleibe während des kurzen Halts an Bord. Auf dem Stein haben sich drei norwegische Könige verewigt, jeweils zur Einweihung oder Vebreiterung der Risøyrinne.

Von den Vesterålen ist nicht viel zu sehen, die Wolken hängen tief. Kurz vor Sortland kommen zwei Aufrufe über die Bordsprechanlage: Nach Möglichkeit soll man Mittagessen gehen, bevor die Ausflügler in Sortland wieder an Bord kommen, und wer nichts essen will, ist gerne eingeladen, mit dem Expeditionsteam den Bussen zuzuwinken, wenn sie über die Brücke fahren.

Klar, dass ich wieder am Bug stehe, wo sich doch einige versammeln und mit Norwegen-Fahnen ausgestattet werden. Die Busse sind etwas knapp dran, aber es ist immer wieder ein schöner Spaß. Und dann stehen wir noch zu dritt an der Reling und winken den Heimkehrern zu, als wir in Sortland anlegen.

Danach habe ich im Prinzip Pause – wir legen in Sortland um 13 Uhr ab und sollen Stokmarknes um 14:15 erreichen, also eine ganze Stunde ohne Programm. Bei der wolkenverhangenen Aussicht nutze ich die Zeit, um Bilder zu sortieren. Das ist der Vorteil einer Winterreise: Man macht nicht ganz so viele Fotos. Wenn man von den Polarlichtfotos mal absieht.

Bei der Anfahrt nach Stokmarknes haben wir einen schönen Blick auf den von innen beleuchteten Glasbau des Hurtigrutenmuseums, in dem die alte Finnmarken liegt. Wenn es heller ist, spiegelt die Glasfront dafür zu sehr. Man kann die Eintrittskarten für 170 NOK (Wintersaison) auch direkt auf dem Schiff kaufen und so per Fast Lane in das Museum kommen. Der Aufenthalt in Stokmarnes ist ja eher kurz, so bleibt eine gute halbe Stunde für die Besichtigung des Schiffs und einen kleinen Gang durch die restliche Ausstellung. Beim nächsten Mal muss ich mir das Schiff wieder einmal ansehen. Anscheinend ist es jetzt völlig restauriert und zugänglich, und die Bar soll auch in Betrieb sein.

Pünktlich um 16:30 sind alle wieder an Bord – Thomas wurde zwar ausgerufen und sollte sich an der Rezeption melden, und wir waren schon froh, dass er bereits alle seine Vorträge gehalten hatte und unsere Gäste mittlerweile wissen, wie das mit dem Polarlicht geht – aber alles gut, er war an Bord und wurde nur vom Schiffscomputer ignoriert.

Unser Kurs auf Marinetraffic

Eine halbe Stunde später legen wir endlich ab – wenig später kommt die Durchsage, dass wir den Trollfjord ausfallen lassen, um pünktlich in Svolvær zu sein, und dass gerade ein Training der Marine oder Küstenwache stattfindet. Wir sollen uns also nicht wundern, wenn wir seltsame Lichter irgendwo sehen. In der Dunkelheit sind aber keine getarnten Schiffe zu sehen, und Marinetraffic zeigt auch nichts an. Dafür wenden wir kurz vor dem Raftsund…

Kurz vor 17:30 kommt die Durchsage, dass wir ein technisches Problem haben und der Standardprozedur folgend nach Stokmarknes zurückkehren. Mit halber Kraft und maximal 15 km/h tuckern wir zurück nach Stokmarknes, während das Buffet eröffnet. Jetzt fangen die Spekulationen an: Haben wir bei der Marineübung einen Schuss vor (oder durch?) den Bug erhalten? Werden jetzt die Ruder ausgepackt und durch die Bullaugen auf Deck 3 gesteckt? Hat jemand seine ADAC-Mitgliedskarte dabei, um Hilfe kommen zu lassen? Spielt schon eine Band, und wird Alkohol verteilt?

Es heißt abwarten und hoffen – eine Stunde später kommt die Info, dass wir erwarten, um 20:30 wieder abzulegen. Das wäre schön – das kleine Stokmarknes hat keine Werft, nicht einmal einen Autohändler. Wer will, kann in der Zeit von Bord gehen – das hatte ich eigentlich vor, aber es ist doch ziemlich dunkel draußen, und Komoot hat auch keine vernünftigen Tourenvorschläge für diesen Ort. Also bleibe ich doch an Bord und harre der Dinge.

Gegen 20 Uhr kommt der Bus, der organisiert wurde, um die Passagiere weiterzubefördern, die nach Svolvær oder Stamsund wollten.

Im Lauf des Abends wird ein Film über das Nordlicht eingeschoben, etwa zehn vor neun springen die Motoren für etwa 20 Minuten wieder an, und um 21:15 wird ganz regulär der Film “Nördlich der Sonne” gezeigt, über zwei Freunde, die neun Monate auf einer einsamen Lofoteninsel überwintern.

Kurz vor 22 Uhr werden zwei Autos auf das Schiff verladen – erhalten wir Starthilfe? Außerdem ist das Internet langsam – wird ein Software-Update eingespielt? Kurz vor Stokmarknes gab es wohl einen kurzen Stromausfall, was auf einen Elektro-Problem hindeutet. Erinnerungen an meine Tour mit der Finnmarken werden wach – 2016 war das, als wir erst einen Tag in Trondheim lagen und schließlich drei. Den ganzen Tourbericht von damals gibt es hier.

Aber die Stimmung am Reiseleitertisch ist gut, auch wenn unsere Reiseleiter nicht mehr da sind, und gegen 22:20 bewegen sich die Lichter draußen auf einmal langsam. Tatsächlich: Wir nehmen Fahrt auf und bewegen uns Richtung Raftsund. Wurde das Problem gelöst? Oder ist die Marineübung beendet? Waren es doch russische U-Boote? Oder der Rampenisse, von dem Margit gestern erzählt hat? Mittlerweile sind zahlreiche Nisse und Weihnachtsmänner auf dem Schiff aufgetaucht… man weiß es nicht. Reisbrei für die Nisse habe ich im Restaurant jedenfalls nicht gesehen.

Für Bodø ist gerüchtehalber nur ein kurzer Stop geplant, Svolvær und Stamsund fallen aus – so müssten wir morgen wieder ganz gut im Fahrplan liegen.

Damit mache ich Feierabend und bin gespannt, wo ich morgen aufwache:-)

Hurtigrute Tag 8: Hammerfest

Der Tagesplan

Was es ausmacht, wenn man nur die normalen Schiffsgeräusche hört – ich bin zwar trotzdem viel zu früh wach und kann in Ruhe frühstücken, noch bevor wir gegen acht Uhr Havøysund erreichen, aber das ist in Ordnung – und ich werde mit wunderbarem Morgenlicht begrüßt.

Wir haben etwa eine Viertelstunde Verspätung (wie erwartet gibt es in Honningsvåg wie üblich unerwartet viel Fracht), was sich den Tag über hindurchziehen wird. Nun, so lässt sich immerhin die Morgendämmerung genießen.

Während wir uns bereit zum Ablegen machen, biegt am Horizont auch schon die MS Havila Castor um die Ecke. Sie ist eines von demnächst vier Schiffen der Reederei Havila, die gemeinsam mit den sieben Schiffen der Reederei Hurtigruten die Kystrute bedient – also die Häfen entlang der klassischen Postschiffroute, die jeder als “Hurtigrute” kennt, auch wenn nur Hurtigruten AS die Namensrechte daran hat. Schönes Schiff – ich bin gespannt, ob ich irgendwann auch mal an Bord gehen kann. Die Schiffsbegegnungen im Hafen mit gegenseitiger Bessuchsmöglichkeit gibt es ja nicht mehr.

Von dieser Schiffsbegegnung abgesehen verspricht es ein recht ruhiger Tag zu werden. Die großen Häfen besuchen wir auf der nordgehenden Route, südgehend steht vor allem Landschaft auf dem Programm, soweit man das in der Polarnacht genießen kann – es wird doch recht früh dunkel. Bei perfektem Wetter und extrem ruhiger See fahren wir Richtung Hammerfest.

Mit leichter Verspätung und bei unglaublichen Farben passieren wir die Flüssiggasanlage Melkøya. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine ist das ja auch bei uns wieder ein Thema geworden – hier wird das Gas des weiter Offshore-Fördergebiets “Schneewittchen” verflüssigt und in Tanker verladen, wovon natürlich auch das Städtchen Hammerfest profitiert.

Kurz nach Melkøya passieren wir die Halbinsel Fuglenes mit einer alten Schanze – der Skanzen oder Redoubt – die 1810 in den napoleonischen Kriegen nach einem Überfall durch die Engländer errichtet und zum 200-jährigen Stadtjubiläum 1989 restauriert wurde. Die berühmte Kirche sehen wir nur aus der Ferne: Das Hafenbecken wird ausgebaggert und umgestaltet, sodass wir auf Fuglenes anlegen. Ein kostenpflichtiger Shuttlebus fährt in den Ort und wohl auch zum Eisbärenclub (der umgezogen ist); viele andere zieht es mit dem Expeditionsteam zu Struves Meridiansäule.

Sie erinnert daran, dass in Hammerfest das nördliche Ende des Struve-Bogens war – eine 2821 Kilometer langen Vermessungsprojekts, das von Staro-Nekrassowka in der heutigen Ukraine bis Hammerfest reichte. Um 1850 wurde so die Erde vermessen und die Abplattung der Erde an ihren Polen bestätigt. Von der Meridiansäule aus besteht Blickkontakt zu zwei weiteren Messpunkten, auf der Insel Håja und auf dem Seilandstuva. Auch wenn die Säule direkten Blickkontakt zum Schiff hat, muss man einen etwas längeren Umweg durch das Industrieviertel gehen, um zu ihr zu gelangen.

Von der Meridiankreissäule ist es nicht mehr weit bis zur Spitze der Fuglenes-Landzunge, an der ein kleines Freilichtmuseum ist. Da sind einerseits die flachen Erdwälle der kleinen Schanze, in der heute wieder eine Kanone steht, außerdem ein kleines Freilichtmuseum unter anderem mit einem Haus, das einst auf der Insel Melkøya stand und aus Material bestand, das die deutschen in der Region zurückgelassen hatte – nachdem die deutschen Truppen bei ihrem Rückzug aus Nordnorwegen verbrannte Erde hinterlassen hatten, wurde so eine Unterkunft für die Familie errichtet, die auf Melkøya lebte. Als schönes Fotomotiv gibt es noch den kleinen Leuchtturm, den man auch erklimmen kann.

Viel mehr gibt es hier nicht zu sehen – aber normalerweise liegt die Meridiansäule zu weit abseits vom Anleger, daher war sie schon einmal einen Besuch wert. Mein Standard-Foto auf der Bank vor dem Musikpavillon bleibt mir wieder verwehrt. Noch mindestens bis Mitte 2023 dürfte der Hafenumbau dauern.

Øksfjord

Nach Hammerfest fahren wir weiter Richtung Süden, in die Nacht. Um 14:30 hält Thomas seinen zweiten Vortrag über Raumfahrt zum Mond, danach bieten wir noch einmal eine Reiseleitersprechstunde an. Øksfjord erreichen wir mit einer guten Viertelstunde Verspätung; von den mächtigen Bergen rundherum ist nicht viel zu sehen, dafür gibt es immer wieder ein tolles Echo, wenn wir einlaufen.

Kurz vor dem Abendessen wird noch einmal Polarlicht gesichtet. Ich bin um Viertel vor Sechs draußen und sehe noch einen schwachen Bogen, vorher war es wohl etwas besser. Naja, nach den Shows der letzten Tage lasse ich es gut sein und gehe Abendessen – es gibt die Schweinshaxe, die es normalerweise erst bei Molde gibt.

Frohe Norwegische Weihnachten!

Und dann wird es weihnachtlich: Margit hält ihren Weihnachtsvortrag und klärt um kurz vor acht darüber auf, welche Weihnachtsbräuche es in Norwegen gibt, wie man mit Nissen umzugehen hat und was es zu beachten gibt, wenn man zu regionalen Spezialitäten eingeladen wird.

Zwischendrin gibt es noch eine Nordlicht-Durchsage, aber wir halten ihr die Treue. Als ich nach dem Vortrag noch einmal raus schaue, hat es auch zugezogen – kein Stern mehr zu sehen. Sieht nach einem ruhigen Abend aus.

Stille Versteigerung

Um 21 Uhr endet außerdem eine “Stille Versteigerung” einer Seekarte und einer Postflagge – die ist aber so still und heimlich, dass davon kaum einer etwas mitkriegt. Erst eine Stunde vor Ende wird über die Lautsprecher darauf hingewiesen. Allerdings habe ich es auf dieser Tour noch kein einziges Mal zum allabendlichen Treffen mit dem Expeditionsteam geschafft, vielleicht wurde die Veranstaltung dort erklärt und beworben.

Der Rest des Abends ist ruhig: Die Wolken bleiben uns erhalten, wenn ich raus schaue, und ich kann noch ein paar Kleinigkeiten abarbeiten, bis wir Tromsø erreichen.

Eismeerkathedrale bei Nacht

Das Mitternachtskonzert in der Eismeerkathedrale findet weiterhin nicht statt (es gibt wohl Streitigkeiten zwischen dem Chor, der Kirche und Hurtigruten), stattdessen wird ein alternatives Konzert in einem Pub angeboten. Der Ausflug findet aber nicht statt, es gibt zu wenig Interessenten.

Wir planen stattdessen einen kurzen Abstecher in den Rørbua-Pub, der Livemusik anbietet. Gegen Mitternacht erreichen wir mit einer Viertelstunde Verspätung Tromsø, und viel weiter geht es erst einmal nicht: Wir verlassen das Schiff und stehen vor verschlossenen Türen. Die Türe zur Rolltreppe in das Prostneset Hafenzentrum, durch das man in den Ort gelangt, ist abgeschlossen, und der Rest des Hafengeländes ist mit Zäunen abgeriegelt. Das hatte ich auch noch nie – dass der Zugang zu dieser lebhaften Stadt für die Hurtigrute abgeriegelt ist. Vielleicht hatte sich jemand gedacht, dass das Schiff nicht mehr kommt, wenn es nicht pünktlich um 23:45 da ist… Um 0:15 macht uns jemand zumindest den Zaun auf, aber ich breche ab – nur für eine Stunde in die Stadt gehen, lohnt sich dann doch nicht, und das Bett ruft. Soviel zum Nightlife in Tromsø…

Hurtigrute Tag 7: Kirkenes

Der Tagesplan

Nach der Polarlichtshow gestern Abend beginnt der Tag viel zu früh: Wir erreichen Kirkenes fast planmäßig kurz nach 9 Uhr, um 8 Uhr ist Reiseleitersprechstunde, und etwas vorher klingelt mein Wecker, und mein Rechner hat den ersten Schwung Bilder durchgearbeitet, sodass der erste Zeitraffer fertig ist.

Pünktlich zur Einfahrt bin ich wieder an Deck – und Kirkenes zeigt sich trübe. War es das etwa mit unserer Schönwetterperiode? Immerhin ist es deutlich wärmer als die -28° vom letzten Dezember; diesmal hing das Thermometer die ganze Fahrt über meist um die 0-5 Grad.

Ohne Ausflug gibt es eigentlich nicht viel neues über Kirkenes zu sagen. Die “Fahrt zur russischen Grenze” ist jetzt ein “Ausflug zur norwegischen Grenze”, ansonsten scheint hier alles beim alten zu sein. Ein klein wenig Schnee liegt – gerade genug, um das Braun zu überdecken und für etwas trügerische Glätte zu sorgen – , und die Schlittenhundefahrt soll ebenfalls stattfinden. Ich plane heute aber keinen Ausflug, sondern gehe nur so in das Städtchen. Der erste Besuch gilt wieder dem Kiosk am Anleger, wo der Elch weiter wacker an Corona erinnert – auch wenn es weitestgehend ignoriert wird, und an Bord noch nicht mehr gehustet wird als üblich.

Ich mache heute nur eine kleine Runde in die Stadt, das trübe Wetter lädt nicht dazu ein, den Aussichtspunkt aufzusuchen oder gemütlich rumzuschlendern. Immerhin wirkt die Weihnachtsbeleuchtung hier gleich viel freundlicher.

Kirkenes gehört ja zu den Städten, die im zweiten Weltkrieg gut gelitten haben und in denen die Russen als Befreier willkommen geheißen wurden. Außer während des Kalten Krieges herrschte ein gutes Verhältnis zwischen Russen und Norwegern in dieser Gegend, mit viel Handel – Vardø heute Abend war für den Pomoren-Handel berühmt. Heute gibt es immer noch einen unbürokratischen kleinen Grenzverkehr zwischen Norwegen und Russland, und es sind einige russische Autos im Ort.

Vor allem der zweite Weltkrieg hat Spuren hinterlassen: Der Bunker der Andersgrotta, das Russendenkmal und das Denkmal für die Kriegsmütter haben wieder an Aktualität gewonnen, und einige blau-gelbe Flaggen und Fahrzeuge lassen hoffen, dass zumindest einige Menschen doch aus der Vergangenheit lernen und sie nicht immer und immer wieder wiederholen wollen.

Die Uhren an der Kirche von Kirkenes zeigen immer noch verschiedene Zeiten an, und ich werfe einmal einen Blick hinein – keine Ahnung, wann ich das das letzte Mal getan habe. Die Tür geht eigentlich nur per elektronischem Türöffner aus, und das Innere ist ganz gemütlich. Besonders schnucklig ist die Krippe:-)

Mein Hauptziel ist das AMFI, die letzten Weihnachtseinkäufe erledigen. Vernünftige Spikes stehen auf dem Wunschzettel, und das Outdoor-Outlet hat gute Ware zu sehr guten Preisen. Und Weihnachtsdeko gibt’s auch. Danach mache ich mich auch schon wieder auf den Rückweg. Gut, dass das bis Brønnøysund die letzte große Einkaufsmöglichkeit ist, meine Kreditkarte ist langsam am Ende.

Das Schiff liegt ein Stück außerhalb von Kirkenes, ein paar Minuten ist man schon unterwegs bis in das Industrie- und vor allem Logistik-Viertel am Hafen. Noch ein kurzer Besuch im Spareland: Interessante Sachen haben die da. Immer-feuchter Sand, um Sandburgen zu bauen, und ein ganzes Regal mit Sonnencreme. Das sind nicht ganz die Saisonartikel, die ich hier erwartet hätte…

Noch kurz ein Bild vom Schiff, und das war es mit Kirkenes. Die anschließende Überfahrt nach Vardø ist ruhig, und der Himmel bedeckt. Das Expeditionsteam überbrückt die Zeit mit Vorträgen zu den norwegischen Kulturlandschaften und der Sicherheitsunterweisung für neu zugestiegene Passagiere, und für Thomas und mich gibt es gute Neuigkeiten: Wir können umziehen, weg vom Lärm des Motors bzw. des Bugstrahlruders. Jetzt scheppert jedes Mal im Hafen unter mir die Decke vom Restaurant, aber das ist deutlich erträglicher als das Bugstrahlruder. Die Postschiffe sind letztlich Arbeitsschiffe und keine Kreuzfahrtschiffe, da wird es schon mal etwas lauter.

Vardø erreichen wir mit nur fünf Minuten Verspätung. Mein Weg führt mich mit dem Expeditionsteam zur kleinen Festung, wo Danilo eine überraschende Mitteilung hat: Wer gut zu Fuß ist, kann mit ihm zum Hexendenkmal spurten. Das erleben ich auch zum ersten Mal. Aber mir langt die Zeit nicht, ich muss etwas früher auf dem Schiff sein, Vortrag vorbereiten. Also nur kurz einmal durch die kleine Festung.

Um 17 Uhr halte ich dann meinen zweiten Vortrag, es geht wieder um Sternbilder und ihre Mythen. Irgendwann muss ich das Buch zum Vortrag fertig schreiben. Wenn man nicht immer nebenher noch Geld verdienen müsste, könnte man so viel schaffen… Da der Himmel bedeckt ist, kann ich ihn auch in Ruhe halten. Dann noch die Ankündigungen, morgen haben wir gleich zwei Veranstaltungen: Thomas’ letzter Vortrag über Raumfahrt zum Mond, und Margits Weihnachtsvortrag.

Nach dem Abendessen: Wir tauschen die Kabine, und prompt gibt es Polarlichtalarm. Erst einmal die Kamera wieder auspacken – das Polarlicht vor Båtsfjord genieße ich vor allem mit dem Auge und vom Heck aus, die Kamera kommt später. Ist aber auch mal schön, und ein bisschen was erwische ich noch:-)

Polarlicht vor Båtsfjord
Båtsfjord
Båtsfjord

Die Wolkenlücke kam recht überraschend (YR zeigte immer noch 99% Bewölkung an), aber das Polarlicht nutzt seine Chance.

In Båtsfjord ist eine kurze Pause angesagt, danach geht es etwas ruhiger weiter. Ich richte meine Kamera nach hinten aus, aber das große Spektakel kann ich nicht mehr einfangen. Als ich sie zwei Stunden später kurz vor Berlevåg wieder einsammle, ist sie gut nass – das meiste ist Gischt, aber der Himmel gibt jetzt nichts mehr her.

Den Tag kann ich nun ruhig ausklingen lassen und mich in der neuen Kabine einrichten – sie bietet dank Doppelbett etwas weniger Stauraum, aber so schläft meine Kameraausrüstung halt im Bett neben mir statt auf der Couch. In der alten Kabine gab es zwei Klappbetten, von denen eines zur Couch umgeklappt werden kann – dafür habe ich jetzt einen kleinen Schreibtisch neben dem Bett, auf dem mein Laptoplüfter die Nacht über rauscht: Am nächsten Morgen sind auch die 2000 Bilder durch, die den kleinen Zeitraffer der Fahrt von Båtsfjord Richtung Berlevåg zeigt:

Ein Blick zurück

So viel Polarlicht wie auf dieser Reise hatte ich schon lange nicht mehr – Traumwetter im November.

Hurtigrute Tag 6: Nordkap und Nordlicht

Der Tagesplan

Willkommen in der Polarnacht!

Der morgendliche Blick aus dem Fenster vor Havøysund ist gar nicht mal so finster. Die blaue Stunde dauert hier lange, wenn der Himmel klar ist – und das ist er. Bevor wir in den Magerøya-Sund fahren, steht ein kurzer Halt in “Hawaii-Sund” an, wie Havøysund gerne genannt wird.

Für das Frühstück besteht keine Hetze: Es gibt bis 13 Uhr Brunch, weil heute Nordkap-Tag ist und gegen Mittag die meisten auf Ausflug gehen.

Kurz nach Havøysund, um 9:15, ist der erste Termin an Bord: Da wir immer noch mehr oder weniger Postschiff sind (auch wenn die Briefe, die hier an Bord eingeworfen werden, längst im nächsten Hafen in das Flugzeug umgeladen werden), führen wir weiterhin die Postflagge, und der Postmeister des Schiff stempelt Briefe (und, wenn man lieb fragt, bestimmt auch Bücher und anderes) mit dem Nordkap-Stempel.

Die ruhige Fahrt durch den Magerøya-Sund erlebe ich nur durch die Fenster: Wir haben seit 9 Uhr wieder Sprechstunde und gut zu tun. Den Interessenspunkt des Expeditionsteams zum Magerøyasund, dem Tunnel unter dem Sund und wohl auch zu den Rentierherden verpasse ich, aber kurz vor dem Einlaufen in Honningsvåg schaffe ich es doch auf das Umlaufdeck. Bestes Wetter auf der Insel mit dem Punkt, der als nördlichster Europas verkauft wird – auch wenn es weder der nördlichste Punkt des Festlands ist, noch der nördlichste auf der Insel. Aber Sehnsuchtsort ist das Nordkap auf jeden Fall, und eindrucksvoll auch – selbst, wenn man die Acht-Stunden-Wanderung zur nächsten, noch ein paar Meter nördlicheren Inselspitze nicht macht, sondern sie nur vom Nordkap aus sieht.

Kurz vor elf erreichen wir Honningsvåg, und ich bin von dieser Tour wettertechnisch bislang extrem positiv überrascht: Meine letzte Novembertour war landschaftlich wenig reizvoll, da das Grün bereits weg war, das Weiß noch nicht da war, und gerade der hohe Norden trostloser grau-brauner Boden war. Jetzt hält sich immer noch etwas Grün, und der erste zarte Schnee liegt bereits – eher etwas Puderzucker, aber zusammen mit der langen blauen Stunde hat das was. Von dem Wintereinbruch Ende Oktober ist aber nicht mehr viel zu sehen.

Während fast alle Gäste zu den Bussen zum Nordkap strömen (es gibt auch wieder Taxis, die die etwas Mutigeren auf eigene Rechnung zum Nordkap und retour bringen), steht für mich ein ruhigerer Tag an – ich war ja erst im Februar am Nordkap. Also mache ich mich wieder auf einen kleinen Rundgang durch das sonntägliche Örtchen, erst einmal zur anderen Seite des Hafenbeckens für ein Bild der Steuerbordseite des Schiffs.

Normalerweise kann man ja nur die Backbordseite sehen – die “Packbordseite” mit der Ladeklappe.

Die Nordlys in Honningsvåg

Neu am Hafenbecken ist ein weiteres Kunstwerk aus Treibgut: Gegenüber des Kulturhauses hängt ein weiteres Kunstwerk aus Müll an einer Hausecke; die Gummistiefelsammlung am Kulturhaus gibt es ja schon lange.

Dann gehe ich hoch zum Friedhof, um den Ausblick über den Ort zu genießen. Das ist zwar steil, aber ohne Schnee ein richtig kurzer Ausflug. Der Ausblick ist natürlich nicht ganz so schön wie am Nordkapp… Auf dem Friedhof ist auch die markante Büste für den Regisseur Knut Erik Jensen, der den “Männerchor von Berlevåg” (“Heftig og begeistret”, auf Englisch “Cool and Crazy)” gedreht hat. Wer an Nordweh leidet, kann sich den Film als Kur antun. Ein ernüchternd-deprimierender Streifen über das Leben in Nordnorwegen, und dennoch der vierterfolgreichste norwegische Film.

Zurück auf dem Schiff nutze ich die Gelegenheit, um ein paar Fotos von der Nordlys zu machen, während kaum jemand an Bord ist – wenn auch im Dämmerlicht der Polarnacht. Was gibt es über das Schiffchen zu erzählen? Sie wurde 1994 bei der Volkswerft in Deutschland gebaut und 2019 umgebaut, dabei erhielt sie die heutige Inneneinrichtung, und einige Kabinen auf Deck 6 wurden zu Suiten zusammengelegt und teilweise mit Erkern ausgestattet. Dadurch hat sie jetzt noch 210 Kabinen für bis zu 590 Passagiere – mit Tagesgäste dürfen sogar 691 auf das Schiff. Mit 122 Meter Länge ist sie ganz schön groß, solange man keine Kreuzfahrtschiffe kennt – sie ist etwa genauso groß wie die anderen 90er-Jahre-Schiffe, die Hurtigruten aktuell auf der alten Postschifflinie einsetzt. Da sie recht spät umgebaut wurde, ist der Umbau etwas hübscher gelungen als bei den früher umgebauten Schiffen.

Und dann? Während das Schiff Apfelkuchen und heiße Schokolade für die zurückkehrenden Ausflügler vorbereitet, mache ich noch einmal Powernapping. Irgendwie hat die Tour es in sich… und es gibt heute auch nicht mehr viel zu sehen, als wir Honningsvåg verlassen, dämmert es schon deutlich. Die Überfahrt nach Kjøllefjord ist daher unspektakulär, bei überraschend ruhiger See. Um 15:30 ist Thomas mit seinem Vortrag über das Sonnensystem dran, anschließend gibt es wieder ein Treffen mit dem Expeditionsteam, das von Nordlichtalarm unterbrochen wird – um 17:45, kurz vor dem Abendessen. Also ab an Deck, und die Kamera aufbauen. Ich freunde mich schon mit dem Gedanken an, das Abendessen ausfallen zu lassen (ich hätte mir die Mørketidsboller länger aufheben sollen), aber so toll ist es dann doch noch nicht – ich entscheide mich für das Abendessen, schließlich laufen wir um 18:55 schon wieder Mehamn an. Aber ganz hübsch anzuschauen war es auf jeden Fall:

Etwas Polarlicht vor Mehamn

Soweit ist das Polarlicht also nicht besser als beim letzten Mal, und die Nacht ist noch jung. Da sollte später noch mehr kommen, die Barentssee ist ja mitten im Polarlichtoval.

Nach Mehamn teilen wir uns wieder auf: Thomas ist achtern auf Deck 7, und ich baue meine Kamera vorne am Bug auf. Es beginnt ruhig, und irgendwann wird es mir zu kalt, sodass ich meine zweite Kamera unter Deck bringe.

Polarlicht zwischen Mehamn und Berlevåg

Und es funktioniert immer wieder: Um 20:20 brennt der Himmel für einige Minuten. Mit der Nikon verpasse ich das, weil die weiterhin in Fahrtrichtung ausgerichtet ist, während die große Show über uns und rechts von uns stattfindet – aber das ist auch ganz gut so, da wären ohnehin alle Bilder überbelichtet. Die KAmera ist weit weg auf Deck 3, so bleibt mir nur mein Handy, und mit dem kann ich das sogar filmen. Auf dem Handy-Display sieht das sogar ganz gut aus, nur in groß darf man es nicht anschauen…

Aber: Wow! Das ist die Show, die ich immer zeigen (und vor allem selbst sehen) will. Grün und Rot am Himmel, schnelle Bewegung und tanzendes Licht, Ahs und Ohs an Deck, und später überall lächelnde Gesichter. So macht der Job wirklich Spaß.

Die große Show dauert keine fünf Minuten, aber was für ein Spektakel. Deshalb sind wir alle hier.

Danach wird es wieder ruhiger, ist aber immer noch beeindruckend. Als das Expeditionsteam um 21 Uhr den Interessenspunkt Nordlichtjagd auf Deck 7 veranstaltet, ist nicht mehr viel los – mit den Getränken kann man auf den Erfolg anstoßen, aber die große Show ist vorbei. Feierabend machen lohnt sich trotzdem noch nicht, auch nach dem Halt in Berlevåg gibt es immer wieder etwas zu sehen. Ich streiche gegen Mitternacht die Segel, aber auch um halb drei war noch etwas zu sehen. Aber bis mein Rechner die ganzen Fotos verarbeitet hat, wird es morgen Mittag werden – und viel besser kann es kaum noch werden.

Hurtigrute Tag 5: Tromsø

Der Tagesplan

Langsam wirkt die Polarnacht: Um 2 Uhr hatte ich meinen Rechner so weit gefüttert, dass ich ins Bett gehen konnte, und ich wurde tatsächlich erst irgendwann von meinem Wecker geweckt, rechtzeitig für das Frühstück und die Reiseleitersprechstunde um 9:30.

Bevor es soweit war, war noch Computerfüttern nötig – irgendwie müssen die hübschen Zeitraffer aus dem gestrigen Blogbeitrag ja erstellt werden. Das wird mich noch bis in den Nachmittag beschäftigen, bis alle Bilder durch sind.

Tromsø hat heute oder morgen den letzten Tag mit Sonnenschein, aber die helle Zeit samt Dämmerung wird schon deutlich kürzer. Zum Glück ist das Wetter klar, da bleibt ausreichend blaue Stunde für schöne Bilder.

Der erste Hafen, den ich mitkriege, ist Finnsnes. Von dem Ort sieht man von der Hurtigrute aus gar nicht mal so viel: Die Statue des Wikingers Ottar am Hafenbecken, das Häuschen mit der Schokoladenwerbung, ein paar Einkaufszentren und die Brücke zur Insel Senja lassen kaum erahnen, dass der Ort mit immerhin fast 5000 Einwohnern sich hinter den Hügeln noch ganz schön weiter erstreckt, und auf Senja auch noch weiter geht.

In Richtung Senja dampft das Meer wieder, und wir dampfen weiter Richtung Tromsø, durch die wunderschöne Landschaft. Davon bekomme ich aber nicht viel mit: Ich mache noch ein Nickerchen, bis die Passage des Gezeitenstroms Rystraumen kurz vor Tromsø durchgesagt wird.

Zeit, aufzustehen – Tromsø ruft! Und ausnahmsweise sogar bei gutem Wetter, auf den letzten Touren gab es entweder Regen oder andere Formen von Mistwetter. Dabei habe ich heute kein großes Sightseeing auf dem Plan: Einmal am Hafenbecken entlang bis zur ehemaligen Festung Skansen, dann zum Coop, Getränke kaufen und über den Marktplatz und die hübsche, hölzerne Domkirche zurück zum Schiff. Die Stadt präsentiert sich als weihnachtlich geschmücktes Lichtermeer, auch mit dem üblichen Deko-Kitsch.

Danach steht Shopping an: Es ist Black Week, ich werde im Schuhgeschäft fündig, im Kiwi (es gibt Mørketidsboller – lecker), bei Prinsess (nein, keine Bettwäsche) und stehe bei der Norli-Buchhandlung vor verschlossenen Türen – es ist Samstag, da schließen die schon um 16 Uhr. Tromsø trägt nicht umsonst den Beinamen Paris des Nordens, und anders als in Paris verstehe ich die Verkäufer hier wenigstens.

Und Weihnachtsmarkt ist auch: Neben ein paar kleinen Buden auf dem Marktplatz ist auch im Prostneset Center am Anleger ein Weihnachtsmarkt – im Gebäude, im Warmen.

Das Klima erklärt, warum Weihnachtsmärkte hier im Norden so selten sind. Wenn ich an den German Döner letzten Dezember auf dem Weihnachtsmarkt in Bodø denke, mit tiefgefrorenen Tomaten, Soße, die nicht aus dem Fladenbrot laufen kann, und Anfangs sogar heißem Fleisch…

Nachdem die Shoppingtour erledigt ist, geht es ab aufs Schiff, die letzten Bilder sortieren und Abendessen. Bei der Einfahrt nach Tromsø war bestes Wetter, beim ersten Gang in die Stadt gab es ein kurzes Schneegeriesel, und jetzt ist bedeckt. Also in aller Ruhe Essen. Das Nordkap-Buffett wurde einen Tag vorverlegt und ist jetzt das Tromsø-Buffet (mit selbem Speiseplan), trotzdem mit festen Zeiten und Sitzplätzen. So entgehen wir dem Geschaukel auf der Barentssee, wobei wir bislang einen Ententeich hatten. Der Nachteil beim Buffet: Man überfrisst sich doch immer wieder, vor allem bei der guten Küche der Nordlys. Burps. Meine Mørketidsboller werden den Tag wohl überleben. Vielleicht morgen statt Frühstück…

Die Wolkendecke hält, und wir bieten in aller Ruhe noch eine Reiseleitersprechstunde an, bevor wir Skjervøy erreichen. Tja, auch Skjervøy geht nicht immer – eine helle Sternschnuppe blitzt hinter den Woklen auf, aber Sterne oder Nordlicht haben keine Chance. Also Zeit für Blog schreiben und frühen Feierabend.

Hurtigrute Tag 4: Bodø

Der tägliche Marschbefehl

Der Tag fängt früh an – sogar früher als erwartet: Zwischen halb acht und acht sollen wir den Polarkreis überqueren, aber mich weckt das Bugstrahlruder schon bei dem Halt in Sandnessjøen gegen 4:30. Bis der Wecker für den Polarkreis klingelt, kann ich auch nicht mehr einschlafen…

Gut zwei Stunden nach Sandnessjøen kommt dann die Durchsage, dass der Polarkreis naht. Bis hier reicht die Polarnacht, am 21. Dezember kommt die Sonne hier nicht mehr über den Horizont. Dementsprechend dunkel ist es auch jetzt schon. Beste Chancen für verwackelte Bilder der Kugel auf der Insel Vikingen, aber diesmal trifft der Schiffsscheinwerfer das Monument, als wir gegen 7:46 den Polarkreis überqueren, und scharfe Fotos sind möglich. Auf Deck 5 ist ausreichend Platz, während auf Deck 7 das Expedition Team Show macht.

Die Richard With am Polarkreis

Ein paar Minuten später bin ich noch einmal an Deck: Wir treffen die südgehende Richard With, auf der ebenfalls eine Nordlicht-und-Sterne-Gruppe ist – wir haben aber diesmal keine Vinkekonkurranse organisiert.

Das Frühstück verschiebe ich auf später: Direkt nach der Polarlichtüberquerung sind alle wach, und dementsprechend voll ist der Frühstücksraum.

Also ein spätes Frühstück, dann geht es zur Reiseleitersprechstunde. Wie üblich geben Margit und Andreas Tipps zu Bodø, während Thomas und ich uns wieder um die verschiedensten Kameras kümmern und ebenfalls Tipps zu den Ausflügen geben, die wir kennen. Bei der großen Gruppe sind wir gut beschäftigt, und ich verpasse beinahe den wunderschönen Hafen Ørnes um 10 Uhr. Erst als wir schon wieder abgelegt haben, komme ich endlich für ein paar schnelle Handy-Fotos an Deck.

Um 10:30 geht es schon mit dem nächsten Programmpunkt weiter: Ich komme gerade rechtzeitig zur Polarkreistaufe, als Njörd schon an Deck ist und in seine Tröte pustet – immer wieder eindrucksvoll:-) Von der anschließenden Taufe mit Eis bekomme ich aus der letzten Reihe nichts mit: Bei weit über 300 Passagieren ist das Sonnendeck voll, und ich müsste mich nach vorne kämpfen. Aber die Bilder könnte ich eh nicht ins Blog setzen, da lasse ich das Erlebnis denen, die das noch nie mitgemacht haben. Eine Polarkreistaufe langt ja, und die habe ich längst hinter mir.

Anschließen ist der Postmann an Bord und stempelt mit dem Polarkreisstempel; ich genieße die Ruhe der Seestrecke ohne Häfen und hole etwas Schlaf nach, bevor wir kurz nach 13 Uhr Bodø erreichen. Zweieinviertel Stunden haben wir in der modernen Stadt, ausreichend für einen Gang durch den Ort. Großes Programm habe ich diesmal nicht: Mein gesuchter Kalender wurde dieses Jahr wohl nicht veröffentlicht, und Weihnachtsmarkt ist auch noch keiner. Also ein kleiner Rundgang am Hafen entlang, einen Blick auf die Gamle Salten und in das Einkaufszentrum werfen. Bodø zeigt sich im Licht der tiefstehenden Sonne von seiner besten Seite, der Himmel hat ein grandioses Farbenspiel.

Im Hafen fallen die zahlreichen grauen Schiffe von Küstenwache oder Marine auf. Das Verhältnis zu Russland ist gerade nicht das beste, letzten Monat wurden ein paar Drohnenpiloten hops genommen.

Bodø selbst ist ja eine moderne Stadt, da sie im Krieg völlig zerstört wurde. Erinnert mich immer wieder an Heilbronn, der Charme erschließt sich auch hier erst auf den zweiten Blick. Aber sie hat ihre hübschen Stellen. Zum ersten Mal werfe ich auch einen Blick in die Domkirche: Sie ist deutlich hübscher, als ich erwartet hätte.

Als wir wieder am Schiff sind, erstrahlt der Himmel im schönsten Rot. Anschließend geht die Fahrt Richtung Lofoten. Für den Leuchtturm Ladegode ist es bereits zu dunkel, auch von der Lofotenwand ist in der finsteren Nacht nichts zu sehen.

Eigentlich hatten wir für 16 Uhr einen Vortrag geplant, aber das Expeditionsteam bietet Fotokurse an: Um 11:15 gab es den Kurs auf Englisch, um 17 Uhr auf Deutsch, und das Gathering mit dem Expeditionsteam wurde auf 16 Uhr vorverlegt – daher wurde mein Vortrag über den Sternenhimmel auf 17 Uhr verschoben.

Kein Problem, wenn nicht um 16:45 Uhr Polarlichtalarm gegeben würde. Aber es ist erst einmal nur der berühmte “schöne (Kamera-)grüne Bogen”. Da haben wir gestern mehr gesehen. Kurze Krisensitzung: Wir bieten den Vortrag doch an. Da ich ihn alleine halte, hält Thomas Polarlichtwache, um Bescheid zu geben, wenn es sich lohnt, rauszuschauen. Aber alles ist ruhig, ich erzähle wieder meine Märchen (bzw. die griechischen Sagen, die hinter den markantesten Sternbildern am aktuellen Nachthimmel stehen), und im Anschluss gibt Andreas noch eine kurze Vorschau auf den morgigen Tag. Sogar das Abendessen können wir genießen.

Stamsund

Erst in Stamsund, als viele das Schiff verlassen, um das Wikingerfest zu besuchen, geht die Show wieder los. Das meiste verpasse ich, weil ich meinen Rundgang auf der falschen Seite vom Schiff beginne und mich am Heck festquatsche. Als ich auf der Backbordseite ankomme und freie Sicht habe: Ja, da geht was. Ab zur Rezeption, Bescheid sagen: Es ist gerade keiner vom Expeditionsteam da, um das zu überprüfen, aber sie wollen Danilo Bescheid sagen. Was sie und ich nicht wissen: Kurz vorher war Thomas da, und Danilo war schon am Bescheid sagen. Ich schnappe mir meine Kamera und schnalle sie an die Reling, während die Durchsage gemacht wird.

Es ist nicht die ganz große Show, aber schon mal vielversprechend. Nicht nur im Zeitraffer ganz hübsch anzuschauen:

Polarlicht zwischen Stamsund und Svolvær
Schreitende Frau

Als wir in Svolvær anlegen, hat der Himmel sich wieder beruhigt, und wir machen einen kurzen Spaziergang durch die Stadt: Margit hat hinter der Kirche eine schreitende Frau gesehen – eine neue Statue aus Metall, die eine gut zwei Meter große Frau darstellt. Allerdings weiß auch in Svolvær niemand, wen sie darstellt oder warum sie da steht… Ein bisschen gespenstisch ist sie jedenfalls schon, wenn man ihr nichtsahnend in der Finsternis begegnet.

Auf dem Rückweg noch ein schnelles Foto von der Kirche, mal aus einer anderen Perspektive, und dann retour zum Schiff.

Zwischendrin ein Blick nach oben: Okay, da gibt sich das Polarlicht Mühe und ist sogar aus der Stadt schön zu sehen. Ich habe natürlich kein Polarlichtobjektiv dabei, also muss das Handy herhalten. Der Weihnachtsbaum auf dem Marktplatz liefert mir endlich den klassischen Schnappschuss von Polarlicht über einem eingeschneiten Tannenbaum.

Auf dem Schiff dann etwas Hektik, die Kamera auspacken und auf Deck 7 an die Reling schnallen. Trotz der hellen Stadt ist es noch einige Zeit schön zu sehen, bevor wir ablegen.

Als wir Svolvær mit etwas Verspätung verlassen, komme ich kaum noch an meine Kamera ran: Auch wenn eigentlich genug Platz ist, drängt sich alles an der Reling. Während wir Kurs auf den Raftsund nehmen, zeigt die Nikon an der Reling in die falsche Richtung, aber wofür hat man zwei Kameras?

Derweil hat das Restaurant alles für den Verkauf des berühmten Trollknerz aufgebaut – das Getränk habe ich einmal probiert, mein Fall ist es nicht. Aber man kann für 79 NOK (oder 99 “mit Schuss”) auch die Blechtasse behalten.

Gute Show, bis das Licht dann irgendwann diffuser wird.

Polarlicht nach Svolvær

Richtung Raftsund lässt die Aktivität etwas nach, aber der Käpt’n will uns wohl ohne Störung Polarlicht jagen lassen. Zumindest wird der Halt am Trollfjord abgesagt. Am Wetter kann es diesmal eigentlich nicht liegen, ruhiger kann die See kaum sein… Aber wir haben ja südgehend noch eine Chance, vielleicht auch noch in der Dämemrung.

Aber das Licht macht nur kurzen Pausen: Bis 23 Uhr gibt es eine schöne, recht ruhige Show, dann Pause zum Aufwärmen, und kurz vor Mitternacht geht es noch einmal richtig ab.

Später höre ich, dass es bis um 3 Uhr oder so immer wieder was zu sehen gab, aber kurz nach Mitternacht streiche ich die Segel (die kurzen Polarnächte fordern ihren Tribut) und füttere meinen Rechner mit den Bildern. Keine leichte Aufgabe – die Festplatte ist voll, ich muss mit der externen Platte arbeiten.

Polarlicht im Raftsund

Doch, kann sich sehen lassen – gerade gegen Mitternacht war es nicht nur hell, sondern auch deutlich in diesem geisterhaften Grün, das kein Foto so richtig wiedergeben kann, und etwas Bewegung war auch dabei. So macht der Job Spaß!

Hurtigrute Tag 3: Trondheim

Und wieder einmal heißt es früh aufstehen: Um 9:45 sollen wir Trondheim erreichen, und davor gibt es viel zu tun. Schließlich bieten Margit und Andreas ab 8:30 wieder ihre Sprechstunde an, um Tips für den Besuch der alten Königsstadt zu geben, und davor will noch gefrühstückt werden. Da der Termin auch gerne genutzt wird, um die Kameras für das Polarlicht einstellen zu lassen, sind Thomas und ich natürlich auch da.

Immerhin verpasst man draußen nicht viel: Der Trondheimfjord is zwar lang, aber mit seinen sanften Ufern eher unspektakulär. Dass Norwegens drittlängster Fjord stellenweise über 600 Meter tief ist, sieht man ihm nicht an. Aber dafür gab es schöne Lichtspiele – noch sehen wir die Sonne. Weiter im Norden hat die Polarnacht bereits begonnen. Je weiter nach Süden man kommt, desto länger sieht man die Sonne noch, aber wir nähern uns. Hier ist die Dauer der Polarnacht für einige Orte auf der Route:

Nordkap: 20. November – 22. Januar
Berlevåg: 21. November – 21. Januar
Hammerfest: 22. November – 20. Januar
Vardø: 23. November – 19. Januar
Tromsø: 27. November – 15. Januar
Svolvær: 7. Dezember – 5. Januar
Harstad: 2. Dezember – 10. Januar
Polarkreis: 21. Dezember (ein Tag)

Munkholmen

Unsere Fahrt hat am 22. November begonnen, der Trondheimtag heute ist am 24. November. Wir sind also noch nicht ganz in der finsteren Jahreszeit, nehmen die Polarnacht aber bereits mit. Dagegen hilft nur Polarlys – und die treffen wir vor Trondheim: Auf der südgehenden Hurtigrute MS Polarlys ist eine andere Nordlicht-und-Sterne-Gruppe, und wir haben eine Vinkekonkurranse ausgemacht. Also heißt es, pünktlich zum Treffen kurz nach der Insel Munkholmen an Deck zu sein und Lärm zu machen.

Unsere Truppe ist motiviert, und wir füllen das Deck – aber die anderen spielen unfair, haben noch Flaggen organisiert und über ihr Expedition-Team wohl auch andere Gäste an Bord geholt. Wir einigen uns auf ein Unentschieden. Spaß macht es allemal!

Nach dem Treffen mit der Polarlys hieß es auch schon rückwärts einparken im Hafen, und ab nach Trondheim. Bei drei Stunden Liegezeit bleiben etwa zweieinhalb Stunden für den Besuch in der Stadt, schließlich dauert es immer, bis die Gangway unten ist und man von Bord kann, und zehn Minuten vor Abfahrt muss man wieder zurück sein. Zu Fuß braucht man gut 20 Minuten, bis man in die interessanten Bereiche kommt. Irgendwann muss ich mich doch einmal mit dem Elektroroller-Verleih beschäftigen – aktuell liegt noch kein Schnee, da wäre es trotz Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt kein Problem.

Also mache ich mich wieder auf meine übliche Runde über das alte Industriegebiet Nedre Elvehavn, wo ein altes Dock gerade wieder zur Eisbahn umgerüstet wird, dann Bakklandet mit seinen hübschen Holzhäuschen, und über den Nidarosdom weiter zum Marktplatz. Habe ich heute mein fünfhundertstes Bild von der alten Stadtbrücke geschossen, oder das tausendste? Ich weiß es nicht…

Vom Dom geht es weiter zum Marktplatz, wo gerade der Weihnachtsmarkt vorbereitet wird: Der mächtige Weihnachtsbaum wird mit einem Kran aufgerichtet, und ein Gabelstapler platziert den Christbaumständer darunter. Ich werfe noch einen schnellen Blick in einige Geschäfte, und dann geht es auch schon zurück zum Schiff. Eine halbe Stunde mehr Zeit hätte ich noch zum Shoppen gehabt…

Fosen-Werft

Zurück auf dem Schiff lasse ich das Mittagessen ausfallen und widme mich kurz meinem Blog und meinem ersten Vortrag, den ich nachher mit Thomas zusammen halten werde.

Viel Zeit bleibt ohnehin nicht: Um 12:45 legen wir ab, und gegen 14 Uhr passieren wir die Fosen-Werft. Dort liegt gerade die Vesterålen und wird umgebaut oder aufgefrischt – für zwei Touren fällt sie aus.

Das Tagesprogramm

Um 14:30 ist der nächste Interessenspunkt auf dem Programm: Der Agdenes-Leuchtturm am Ende des Trondheimfjords. Das ist neu – normalerweise steht Norwegens meist-fotografierter Leuchtturm auf dem Programm, der rote, achteckige Kjeungskjærfyr mit dem unaussprechlichen Namen. Aber der wird wohl zur Zeit saniert und ist in ein Baugerüst eingehüllt, und es ist ohnehin schon dunkel, wenn wir ihn passieren.

Also Agdenes Fyr: Ein eher unscheinbarer weißer Leuchtturm, der mittlerweise außer Betrieb ist – das eigentliche Leuchtfeuer steht ein paar Meter weiter, und es gibt auch noch eine nicht allzu alte Festung, die bis vor wenigen Jahrzehnten noch vom Militär genutzt wurde. Irgendwo im Fjord liegt seit gut 500 Jahren auch Norwegens Staatsschatz mit der Glocke des Nidaros-Doms, der unter schwedischer Herrschaft abtransportiert werden sollte. Oder gingen die Schiffe gar nicht unter, und er befindet sich woanders? Man weiß es nicht, die Strömung ist stark, der Fjord mehrere hundert Meter tief, und das Meer schweigt. Wer will, kann auch Norwegen schmecken: Der Küchenchef verteilt Muscheln zum probieren.

Für mich steht die nächste Reiseleitersprechstunde an, noch ein paar Kameras einstellen – es ist wieder alles vertreten von recht modernen Spiegelreflexkameras bis zur kleinen Kompaktknipse. Derweil hält das Expeditionsteam vom Schiff einen Vortrag über die Wikinger, den ich verpasse, direkt im Anschluss sind dann Thomas und ich dran – ab 16:30 erzählen wir etwas über das Polarlicht, und wie zickig es teilweise ist, bis es sich endlich zeigt.

Nach dem Abendessen noch etwas Verwaltung: Vortrags- und Veranstaltungstermine abklären und ändern, ein bisschen Fachsimpeln mit dem Expeditionsteam, und abwarten, bis wir Rørvik erreichen.

Über Rørvik ist der Himmel klar und frei von Grün, auch die Polarlichtprognose ist eher mau – wir entschließen uns, Feierabend zu machen und die Polarlichtwache dem Kapitän zu überlassen.

Und kurz nach 22 Uhr kommt die ersehnte Polarlichtdurchsage – aber nicht vom Kapitän, sondern von einer aus unserer Gruppe. Gratuliere und Danke!

Wir sind noch recht weit im Süden, daher hält sich das Licht noch nah am Horizont auf, aber aus einem schönen blassen Bogen formen sich immer wieder Strukturen, die Helligkeit nimmt zu und ab, und es gibt tatsächlich eine nette kleine Show. Problematisch sind mal wieder die Leute: Ich gehe zum Bug, wo am windigsten Eck eine halbes Dutzend Menschen den Weg blockiert. Nachdem ich durch bin, ist am Bug mehr als genug Platz – man müsste nur ein wenig weiter gehen statt mitten im Weg stehen zu bleiben, dann hätten mehr Leute eine Chance…

Im Lauf einer Stunde ist das Polarlicht schön zu sehen, die See ist angenehm ruhig, nur der Wind wird immer lausiger – ich kann mich am Bug schön schräg in den Wind lehnen. Nach einer Stunde und 1600 Fotos breche ich – die Aktivität lässt nach, das Polarlicht ist zwar nicht weg, aber immer strukturloser.

Damit ist die Pflicht erledigt, jetzt kann die Kür kommen! Und morgen früh droht schon die Polarkreistaufe… über Nacht ist mein Rechner beschäftigt, und es gibt wieder einen hübschen kleinen Zeitraffer:

Eine Stunde Polarlicht, von 22 bis 23 Uhr.

Hurtigrute Tag 2: Ålesund

Der Tag fängt überraschend früh an, obwohl eigentlich gar nicht viel auf meinem Programm steht. Das liegt aber nicht etwa daran, dass es eine überraschende Polarlichtdurchsage gegeben hätte. Stattdessen legen wir um 2:45 planmäßig in Florø an. Und da meine Kabine auf Deck 3 genau über dem Bugstrahlruder liegt, dass das Schiff während der Liegezeit gegen den Kai drückt (es war wohl keiner wach, um es zu vertäuen), habe ich keine Chance, weiterzuschlafen.

Kann ja heiter werden.

Um halb acht klingelt dann der Wecker. Vom Westkapp kriege ich nichts mit, dafür geselle ich mich nach einem kurzen Blick auf Torvik zu unserer Reiseleitersprechstunde. Sie ist gut besucht, und ich kann mich gerade noch rechtzeitig loseisen, um einen Blick an Deck zu werfen, als wir um viertel vor Zehn Ålesund erreichen. Die Sache mit dem Frühstück hat sich somit jedenfalls auch erst einmal erledigt – das gibt es nur bis um zehn. Stattdessen: Strahlender Sonnenschein. Hat auch was für sich.

Die ersten Ausflüge starten sofort, ich entscheide mich für einen kurzen Besuch auf dem Storhaugen, noch vor der größten Mittagshitze – die Temperaturen liegen immerhin bei gut 5 Grad über Null. Das Ziel ist also der kleine Ausguckhügel hinter der markanten gelben Schule, damit sollte ich gegen 12 wieder auf dem Schiff sein, um aus dem Mittagessen ein Brunch zu machen. (Wussten Sie schon, dass dieses Kunstwort aus Breakfast und Lunch, also Frühstück und Mittagessen, auch im Deutschen wunderbar funktionieren würde? Feeding time is 11:30, wie es der Reiseleiter Johann auf der Norkapp einst so schön formulierte.)

Aber erst müssen die Kalorien runter, bevor sie wieder drauf kommen. Obwohl das Schiff ausgebucht ist, treffe ich in der Stadt kaum jemanden. Direkt am Hafen wartet das erste Fotomotiv: Die Bruvik, ein Oldtimer, der einen Ausflug in den Hjørundford macht. Sie fährt also dort hin, wo wir bis Oktober fahren – ein neuer, aber schöner Ausflug, der die Liegezeit in Ålesund gut ausnutzt.

Auf dem Weg in die Stadt fällt nach der kleinen Bruvik vor allem die Normand Maximus auf, ein riesiges Arbeitsschiff, das den Kreuzfahrtanleger dominiert. Danach geht es kurz durch das Jugendstilzentrum. Der Weg auf den Storhaugen ist wie gewohnt steil, aber kurz, und da noch kein Schnee in Ålesund liegt, auch gut machbar.

Als ich letzten Monat in Tromsø war, gab es ja einen schönen Wintereinbruch, und als wir gestern nach Bergen geflogen waren, gab es im Süden Norwegens Schneechaos mit bis zu 40 cm Neuschnee. Hier tut sich aktuell nichts, und es wird spannend, ob die Schlittenhundefahrten überhaupt stattfinden können. Ende November ist Norwegen noch nicht schneesicher.

Auf dem Rückweg noch ein paar Fotostopps im Jugendstilzentrum und kurz Einkaufen (die Getränkevorräte im Kiwi auffüllen, und in der Buchhandlung vorbeischauen – der neuste Band von Malin Falchs Nordlys-Saga ist erschienen (irgendwann muss das mit diesem Norwegisch lernen doch vorangehen), und ich suche noch den neusten Nemi-Kalender. Zumindest bei der Hälfte bin ich erfolgreich.

Und dann: Mittagessen. Brunch (oder das deutsche Fressen) trifft es nicht: Die Nordlys hat eine hervorragende Küche. Wird schwer fallen, sich hier zurückzuhalten. Ich hatte ja schon Bergen-Buffets, bei denen der Schafskopf das reizvollste war; aber das sah gestern schon ganz anders aus, und heute bleibt es ähnlich lecker. Es gibt wieder die Lachs- und Schinkenröllchen, dazu Pig Wings (Wenn Schweine fliegen können) und Hallumi mit Kartoffelschale – wenn man die Schildchen mal ignoriert, findet sich da was. Und es gibt wieder Buffet statt fester Mahlzeiten zum Auswählen, auch sehr angenehm.

Bäckerei am Anleger

Einen Nachteil hat das gute Essen: Ich bin nicht motiviert, mir in der Bäckerei am Anleger eine Schildkröte zu holen. Soll eine örtliche Spezialität sein, mit Plätzchenboden, Cremefüllung und Deckel oben drauf. Aber man kann ja nicht nur essen…

Dann steht eine kurze Pause an, bevor es zum Shoppen geht (Weihnachten steht vor der Tür), und dann um 15 Uhr hoch auf den Aksla. Noch ein kurzer Blick in den Tunnel/Zufluchtsbunker, der unter dem Berg verläuft, und dann ab durch den Stadtpark mit dem Denkmal für den Wikinger Rollo. Um 15:30 geht die Sonne unter, und Sonnenuntergang auf dem Berg könnte doch was sein, oder? Wäre es auch, wenn die Sonne sich nicht schon längst hinter den Bergen verstecken würde, und es zumindest ein paar Wolken für Lichtspiele gäbe. So treffen wir nur den Hurtigruten-Bus, der beim Aquarium war, und haben zumindest eine schöne blaue Stunde, bevor es zurück zum Schiff geht (mit Abstecher in ein paar Läden).

Aber ich habe etwas neues gelernt: Die Kanone, die auf halber Höhe steht, wurde früher als Brandwache genutzt und zuletzt 1904 abgefeuert, als die ganze alte Stadt abbrannte und anschließend im Jugendstil neu aufgebaut wurde.

Um 17 Uhr dann noch eine Reiseleitersprechstunde, parallel zum Gathering mit dem Expeditionsteam, dann 18 Uhr Abendessen – es gibt weiterhin die Möglichkeit, sich aus je drei Optionen ein Menu zusammenzustellen. Fein. Nach dem Eis bleibt sogar noch Zeit, um ein paar schnelle Fotos der nächtlichen Stadt zu machen. Und pünktlich zum Ablegen um 20 Uhr kommt endlich unser Welcome Drink, bei dem wir alle uns endlich vorstellen und ein paar organisatorische Dinge erklären.

Der Aufenthalt in Ålesund war wahrscheinlich zu knapp kalkuliert, jedenfalls legen wir mit Verspätung ab, sodass wir Molde auch verspätet erreichen. Das bedeutet, dass wir das alte Hurtigrutenschiff Nordstjernen nur von der Nordlys aus sehen, aber nicht besuchen können. Und die südgehende MS Castor der Reederei Havila, die die selbe Linie bedient wie die Hurtigrutenschiffe, verpasse ich auch – die Schiffsbegegnung wird nicht durchgesagt. Aber vielleicht ja morgen das Treffen mit der Polarlys, auf der eine andere, kleinere Nordlicht-und-Sterne-Gruppe ist. Endlich mal wieder eine Vinkekonkurranse. Mal sehen, ob wir mehr Leute mobilisieren können:-)

Nach Molde mache ich Feierabend – der Wind am Bug war überraschend frisch, und der Himmel ist zwar klar, aber von Polarlicht keine Spur – nur der Kollege, der heute Abend südgehend in Skjervøy war, meldet auf Twitter Erfolg.

Hier hingegen ist nichts.

Hurtigrute Tag 1: Bergen

Woran ich merke, dass schon wieder ein Jahr vorbei ist? Die nächste Hurtigrutensaison hat begonnen. Kommt mir vor, als wäre die letzte Tour noch gar nicht so lange her, und ich habe doch gerade erst die Bilder vom Sommerurlaub sortiert… Aber es ist wahr: Um vier Uhr klingelt mein Wecker.

Eigentlich ist 10 Uhr Abflug in Frankfurt gar keine so unmenschliche Zeit, aber man muss ja zwei bis drei Stunden vorher am Flughafen sein. Dazu kommen eineinhalb bis zwei Stunden Fahrt, wobei man nie weiß, was einen an Stau erwartet – aber immerhin bleibt mir die A8 bei Pforzheim Richtung Stuttgart erspart. Mein nächster Reiseführer ist wahrscheinlich “Pforzheim – die schönsten Durchgangsstraßen, die idyllischsten Schleichwege. Bonus: Die lukrativsten Bltzer.”

Um halb sechs hole ich Thomas (nx1.dl5sbs.de) ab, der mit mir Lektor für diese Tour macht, und weiter geht es zum Frankfurter Flughafen, zum Glück ohne besondere Vorkommnisse. Und der Frankfurter Flughafen? Ist um halb sieben ein Hort der Stille.

An der Security ist überhaupt keine Schlange, so schnell war ich noch nie am Gate. Und das Personal ist auch freundlich – was ist denn heute los? Und mein Gemecker scheint sich auch bezahlt gemacht zu haben – ich sehe zum ersten Mal einen Trinkwasserspender hinter der Security, an dem man seine leeren Flaschen auffüllen könnte. Ich komme mir vor wie im Ausland…

Die Leinfelden-Echterdingen

Den Sonnenaufgang erlebe ich dann am Gate, bevor es richtig luxuriös wird: Im regulären Flieger nach Bergen über Amsterdam war kein Platz mehr, daher haben wir einen Direktflug nach Bergen. Die Kehrseite der Medaille: Ich habe keinen Rückflug, bzw. erst einen Tag später. Anyway… Die Lufthansa-Maschine Leinfelden-Echterdingen erwartet uns auf dem Rollfeld und bringt uns innerhalb von zwei Stunden nach Bergen. Den Flug nutze ich, um etwas Schlaf nachzuholen, bevor wir am Flughafen auf Margit (nostalgische-postschiffreisen.de) und Andreas (norwegen-aktiv.de) treffe, die bereits uns und die ersten Gäste erwarten.

Und wer sich fragt, was ein Reiseleiter so macht: Sich die Beine in den Bauch stehen und auf Kundschaft warten. Heute zumindest: Unsere Gäste treffen zwischen 12 und 16:30 ein, wobei immer wieder eine Maschine landet. Zu wenig Pause, um sich groß irgendwo hinzusetzen. Diesmal ist es ein Rekord: Unsere Gruppe ist rund 90 Kopf groß, so viele waren wir noch. Damit dürften wir ein Viertel der ohnehin gut ausgebuchten Nordly belegen. Außerdem begegnen wir noch vielen Einzelreisen, denen wir den Weg zum Schiff weisen, und Reisenden von RSD, die auch mit einer Gruppenreise aufs Schiff wollen, aber von niemandem in Empfang genommen werden. Tja…

Irgendwann sind wir dann weitestgehend vollständig, nur ein paar sind uns entwischt und haben sich so auf den Weg zum Schiff gemacht – alle anderen genießen noch eine Rundfahrt durch das weihnachtlich beleuchtete Bergen. Da die Sonne schon längst untergegangen ist – weiter oben im Norden ist bereits Polarnacht – ist das natürlich schlecht zum fotografieren.

Als wir schließlich die Nordlys erreichen, verteilen Andreas und Margit die Umschläge mit den Cruise Cards und mein Buch, und ich erfahre endlich meine Kabine: Direkt über dem Anker, so wie es aussieht. Optimal, um nach Polarlicht zu schauen… aber immerhin habe ich ein Fenster, Thomas hat es schlechter erwischt. Auf dem ausgebuchten Schiff gibt es aber auch keine Alternative.

Meet the Crew

An Bord ist nach der Sicherheitsbelehrung (die weiterhin noch an Land stattfindet) dann wieder volles Programm: Das Gepäck in die Kabine, dann kurz etwas essen, beim Expedition Team vorstellig werden, um die Vortragstermine abzuklären (was mit Jan vom Expedition Team zum Glück gut klappt, obwohl das Schiff ausgebucht ist), jede Menge organisatorisches erledigen, Meet the Crew, Sprechstunde, weil 90 Gäste natürlich jede Menge Fragen haben, und dann ist schon 22 Uhr – das ist tatsächlich das erste Mal, dass ich die Abfahrt aus Bergen verpasst habe. Mit dem neuen Winterfahrplan werde ich mich nie anfreunden – ach war das schön, als wir erst um 22:30 ablegten. Aber jetzt haben die Schiffe das ganze Jahr über den selben Fahrplan, nur der Abstecher in den Hjørund- bzw. Geirangerfjord entfällt, sodass wir morgen den ganzen Tag in Ålesund liegen.

Tag 1

Auch wenn die Nordlys nicht in den Hjørundfjord fährt, gibt es einen Ausflug mit einem Oldtimer-Schiff in den schönen Fjord. Er findet nun wohl zum dritten Mal statt, und obwohl um 21:45 Buchungsschluss ist, gibt es sogar genug Anmeldungen. Ich wünsche viel Spaß: Die Wetterprognose für morgen ist wunderbar.

A propos Fahrplan: Die Tagespläne gibt es nicht in Papierform, sondern nur auf dem Fernseher auf Kanal 5 und auf den anderen Monitoren auf dem Schiff.

Um halb elf finde ich endlich die Zeit, einmal einen Blick auf Deck zu werfen: Von Bergen ist nicht mehr viel zu sehen, wir nähern uns schon langsam der offenen See. Zeit, die Kabine zu beziehen und Feierabend zu machen. Nur noch kurz bloggen, und dann God Natt!