Hurtigrute Tag 3: Trondheim

Trondheimfjord

Ein schöner Morgen in Norwegen: Wir fahren durch den Trondheimfjord, der Himmel ist locker bedeckt und die See ruhig. Der Trondheimfjord ist zwar der langweiligste Fjord der Strecke, da die steilen Gebirge fehlen und er eher an einen breiten Fluss erinnert, aber die Fahrt ist trotzdem schön.Er ist nur für norwegische Verhältnisse langweilig:-)

Morgens um 8 ist es es bereits hell, und die alte Königsstadt Trondheim erwartet uns für einen Kurzbesuch: Nur rund drei Stunden Aufenthalt sind im Fahrplan vorgesehen. Vorher passieren wir noch die Mönchsinsel Munkholmen und die südgehende Kong Harald, die nur einen Steinwurf entfernt an uns vorbei fährt. Für die endet die Reise bald, die für uns gerade erst begonnen hat.

Nach der Schiffsbegegnung dauert es noch etwas, bis wir anlegen: Die Trollfjord wendet und tastet sich langsam und vorsichtig rückwärts an den Kai. Eine gute Viertelstunde dauert es, bis die Gangway endlich aufgeht und wir in den Ort können. Dabei ist Eile angesagt: Etwa 20 Minuten braucht man, um durch das Hafen- und Industriegelände nach Trondheim selbst zu gelangen; bis zum Dom sind es etwa 30 Minuten. Damit bleiben nur gut eineinhalb Stunden für Trondheim, da man ja auch vor der Abfahrt wieder am Schiff sein muss. Da bleibt keine Zeit für Experimente, ich mache den üblichen Rundgang und beginne in Nedre Elvehavn. Das alte Hafen- und Industrieviertel wurde in schmucke Wohnungen und Restaurants umgewandelt.

Nur Schnee wird hier keiner geräumt, die Straßen sind glatt… Bakklandet mit den alten Holzhäuschen, die früher der armen Bevölkerung als Wohnstätten dienten und heute heiß begehrt sind, schließt direkt an. Ein paar Meter weiter kommt die alte Stadtbrücke – ich gehe noch ein paar Meter weiter, um die Gamly Bybro samt Nidarosdom zu fotografieren. An meinen üblichen Platz am Wasser gehe ich aber nicht – die Stufen sind doch zu glatt.

Dann rasch weiter zum Dom (der wegen Gottesdienst nicht zu besichtigen ist, und die Führung ist nur mit dem Hurtigruten-Ausflug möglich), und dann drängt die Zeit auch schon fast. Gut, dass ich meien Foto-Spots schon kenne…

Also rasch weiter zum Stadtzentrum: Der Weihnachtsmarkt ist weg, und der neu gestaltete Marktplatz liegt unter Schnee verborgen. Gibt fototechnisch nicht so viel her, und auch die Statue von Olaf trägt heute keinen Schal. Also langsam den Rückweg zum Schiff einschlagen – es ist wirklich schade, dass die Schiffsbegegnungen in den Häfen Gecshichte sind und wir somit nur noch einen kurzen Aufenthalt in Trondheim haben. Hier würden sich ein, zwei Stunden mehr lohnen, voe allem unter der Woche, wenn die Läden offen haben. Da gewinnt die Stadtrundfahrt an Reiz, mit der man auch in den Dom hinein kommt. Der alte Tip, mit der Stadtrundfahrt in den Ort zu fahren und anschließend zu Fuß zurück zum Schiff, lohnt sich mit der neuen Liegezeit nicht mehr.

Auf dem Schiff mache ich erst einmal Pause – die Trollfjord ist zwar angenehm leise, aber ich habe doch in den letzten beiden Nächten schlecht geschlafen. Aber jetzt… zumindest bis gegen 15 Uhr, als Kjeungskjærfyr auf dem Programm steht, der berühmte rote Leuchtturm. Niri macht auf Deck 9 einen Point of Interest; als der Leuchtturm in Sicht kommt und alle an die Reling drängen, räume ich das Feld und gehe auf Deck 6, das Umlaufdeck. Da ist doch mehr Platz.

Der Leuchtturm könnte mal etwas neue Farbe vertragen…

Anschließend steht mein erster Vortrag an, in kleinem Rahmen – aber für unsere Gruppe langt der Seminarraum. Danach stünde bei besserem Wetter der Stokksund auf dem Programm – aber mittlerweile haben wir mehr Wellen, und das schöne Wetter ist Geschichte. Für heute Abend ist wie die nächsten beiden Tage Regen angesagt. Sauwetter, da fährt kein Schiff durch den engen Stokksund. Trotzdem haben die wellen ihren Reiz – das Gathering mit dem Expedition Team verpasse ich daher wieder einmal.

Blick Richtung Stokksund

Es ist recht eindrucksvoll, dass die Wellen neben dem Schiff fast stillzustehen scheinen. Aber pünktlich zum Abendessen ändert sich das – wir kommen auf die offene Seestrecke der Folda, es gibt etwas Bewegung im schiff, und das Restaurant leert sich. Gut zwei Stunden schaukelt es, bis wir Rørvik erreichen.

Auch hier treffen wir kein Schiff im Hafen, stattdessen begegnen wir der Vesterålen auf See und legen dann nur kurz in Rørvik an.

Mittlerweile regnet es, und es ist unangenehm nasskalt. Zeit, wieder ins Schiff zu gehen, Bilder zu sichten und zu bloggen. Gegen 23 Uhr ist auch nichts mehr los – wahrscheinlich bereiten sich alle darauf vor, dass wir morgen früh wohl zwischen 7 und 8 Uhr den Polarkreis überqueren. Das gibt wieder eine kurze Nacht.

Hurtigrute Tag 2: Ålesund

Norwegen wirkt. Zumindest verdränge ich langsam das heimatliche Chaos und ein halbes Jahr Homeoffice. Das ist kein Urlaubsmodus (ich bin ja nicht zum Vergnügen hier), aber es lädt die Batterien trotzdem auf.

Am Westkapp

Die Nacht war angenehm ruhig (dafür, dass 3-4 Meter hohe Wellen rund ums Westkap angekündigt waren), das große Schiff schluckt die Bewegung wohl ganz gut – mittschiffs auf jeden Fall, aber wenn man am Schiff entlang schaut, sieht man doch einen ordentlichen Hub. Das meiste haben wir aber in der Nacht bzw. am frühen Morgen gehabt, mit etwas Glück konnte man es also verschlafen. Mit dem alten Fahrplan waren wir im Winter zwei Stunden später in Bergen abgefahren, was den Bergentag deutlich entspannter machte, dafür fiel das erste Frühstück immer mit dem Geschaukel am Westkap zusammen. Die Gegend – die Stad – ist nicht ohne, hier gehen immer wieder Schiffe verloren – deshalb wurde auch der Bau eines Schiffstunnels beschlossen, der die Halbinsel Stad durchqueren soll und den Schiffen bei Sturm eine sichere Passage ermöglichen wird.

Torvik

Ganz so ruhig wie üblich wird unser Frühstück aber doch nicht: Wir haben eine Stunde Verspätung eingefahren, möglicherweise wegen dem Gegenwind. Also legen wir erst um Viertel nach neun kurz an, während der Reiseleitersprechstunde: Günter gibt Tipps zu Ålesund und dem Leben auf dem Schiff, ich geselle mich wie meistens dazu – was zur Folge hat, dass ich die ersten irritierten Blicke abkriege, weil ich zwischendrin rausstürme, um ohne Jacke und kurzärmlig meine Fotos vom Hafen zu machen. Aber es wird ja langsam Frühling in Norwegen:-)

Der Tagesplan in digital

Nach der Reiseleitersprechstunde besuchen wir den Vortragsraum: Hier stellt das Expeditionsteam grade die Ausflüge auf der nordgehenden Route vor. Das Tagesprogramm gibt es auf dieser Reise nur digital auf den Bildschirmen des Schiffs und nicht ausgedruckt. Gut für die Umwelt, allerdings wird so auch sicher gestellt, dass ich die meisten Veranstaltungen des Schiffs nicht mitbekomme… Anschließend schnappen wir uns Niri und klären unsere Vortragstermine ab, die ja nicht mit den Veranstaltungen des Schiffs kollidieren sollen. Eigentlich ist gerade der Supergau eingetreten: Wir haben noch eine 50-köpfige französische Reisegruppe an Bord, die Walhalla belegt – also das Amphitheater, den großen Vortragsraum des Schiffs. Aber wir sind eine kleine Gruppe und können ausweichen, in einen kleinen Seminarraum, der für 21 Leute groß genug ist. Fast perfekt, und die Zeiten passen auch.

Die vier Gäste, die noch fehlen, sehen wir nicht mehr: Sie haben umgebucht, auf dem Schiff hinter uns fährt ebenfalls eine Nordlicht-und-Sterne-Gruppe mit Mathias, der seine Reise hier verbloggt. Und die Polarlys mit Margit (von meiner letzten Tour und von Nostalgische Postschiffreisen – erste Ansprechpartnerin für alle, die auf den alten Postschiffen unterwegs sein wollen, aber sie vermittelt auch Reisen auf den moderneren Hurtigrutenschiffen) und Tim ist auch wieder unterwegs. Jetzt brauchen wir nur noch klaren Himmel!

Ålesund erreichen wir schließlich mit einer Stunde Verspätung. Und um 16 Uhr ist unser Welcome-Drink, es bleiben also nur fünf von eigentlich zehn Stunden Aufenthalt, um die Stadt zu erkunden. Heute ist für mich Wandertag angesagt: Erst einmal geht es auf den Storhaugen hinter der großen gelben Schule.

Blick vom Storhaugen

Der Weg führt dann wieder durch das Jugendstilzentrum und auf den Aksla – und dann immer weiter bis zu einem runden Aussichtsturm (dem Rundskue) bei den großen Sendemasten hinter dem Aksla. Dann noch kurz Einkaufen und zurück aufs Schiff, nach rund 12 km. Daher habe ich diesmal auch kaum Bilder der Stadt, es ging in die Natur. Friluftsliv nennt der Norweger das.

Das Wetter wirkt bedrohlich, aber es hält, und die Mühe wird mit einem ungewohnten Rundblick auf Ålesund und seine Umgebung belohnt. Ohne Spikes wäre das aber nicht machbar gewesen: Die Treppen hoch auf den Hausberg sind teils vereist, und der Schnee auf seinem Gipfelzug bis zum Aussichtsturm Rundskue wäre sonst ebenso unmöglich.

Anschließend geht es zurück, noch einen Blick in die Läden im Stadtzentrum werfen, bevor ich zur Welcom-Drink muss. Was für ein Stress.

Auf dem Rückweg gibt es noch etwas Kunst, das Holzhaus, bis zu dem das Feuer kam, das vor über hundert Jahren das historische Ålesund vernichtete und dem wir das Jugendstilzentrum verdanken, und dann war es das auch schon mit Ålesund: Es geht zurück zum Schiff. Sowohl Hurtigruten als auch Kystruten sind ausgeschildert: Beide Reedereien befahren mittlerweile die historische Postschifflinie, aber Hurtigruten AS hat die Namensrechte, sodass die zweite Reederei (Havila Kystruten) einen neuen Namen gebraucht hat. Der englische Text auf dem Schild am Hafen ist pragmatischer: Zum Schiff. Es kann nur eines geben.

Der Welcome-Drink um 16 Uhr zieht sich dann doch fast bis zum Abendessen: Ich darf die ersten Kameras einstellen, und man kommt ins Gespräch. Schön. Die Tour wird nicht langweilig werden:-)

Beim Abendessen wurde die Neuerung beibehalten, dass man das Drei-Gänge-Menü aus drei Varianten zusammenstellen kann. Eine gute Sache, und pünktlich zum Ablegen sind wir mit dem Abendessen fertig.

Um 21 Uhr gibt es noch etwas zu erleben: Der Schiffskoch präsentiert mit getrocknetem Lamm auf Deck 8 eine Kostprobe von Norwegen und vertreibt so die Zeit, bis wir schließlich Molde erreichen. Mit einer halben Stunde Verspätung legen wir dort an – und rein zufällig erhasche ich einen Blick auf die südgehende Havila Capella, die uns kurz vor Molde entgegen kommt. Durchgesagt wurde die Schiffsbegegnung nicht, schade eigentlich. Liegt aber wohl an der Uhrzeit.

Das markante Scandic-Hotel kündigt Molde an, und das Anlegen dauert wieder einige Zeit. Damit ist der letzte Tagespunkt erledigt, heute tut sich nichts mehr. In diesem Sinne: Gute Nacht!

Hurtigrute Tag 1: Bergen in seltsamen Zeiten

Heute startet meine letzte Hurtigrute dieser Saison (vom 25. Februar bis zum 8. März 2022), und es wird immer seltsamer. Die Tour im Oktober fing mit einem kaputten Flugzeug in Amsterdam und Kofferchaos bis Tromsø an, dafür war Corona absolut kein Thema mehr; bei der Dezembertour hatte alles geklappt, wobei Corona drohend über allem schwebte und Norwegen die Maßnahmen hochfuhr, als wir die Tour beendeten (wobei wir auch die letzten waren, die überhaupt noch mit einfachem Schnelltest ins Land und aufs Schiff kamen), und jetzt sinken die Corona-Zahlen in Norwegen langsam wieder deutlich unter die 2000er-Marke, und die Pandemie ist praktisch für beendet erklärt. Aber gut: Vor der Abreise hatte ich nur zur Sicherheit noch einen offiziellen Schnelltest in Deutschland gemacht, und um bei dieser “vorsichtigen” Probennahme irgendwas zu finden, müsste es schon mit dem Teufel zugehen. Kein Wunder, dass auch in Deutschland die Zahlen sinken.

A propos Teufel: Jetzt ist in der Ukraine die Hölle los. Und ich gehe dahin arbeiten, wo andere Urlaub machen, nach Norwegen. Alles sehr surreal.

Und weil es so schön ist, werden heute Flughäfen blockiert, um gegen den Klimawandel zu protestieren:

Ich halte diesen Blog ja eigentlich politikfrei, aber manchmal kann ich nicht anders.

Da grenzt es fast schon an ein Wunder, dass ich an der Dauerbaustelle auf der A8 bei Pforzheim gut durchkomme und am KLM-Schalter in Stuttgart keine Wartezeit habe. Und die gute Frau ist leicht verwundert, dass ich für Norwegen weder European Passenger Location Form noch PCR-Test brauche. Damit muss ich auch kein Impfzertifikat vorzeigen.

Es könnte so schön sein…

Aber deutsche Effizienz ist ja berühmt: Nur eines von drei Security-Gates hat offen, sodass doch eine Dreiviertelstunde drauf geht, bis ich endlich im Terminal bin. Schließlich soll man ja zwei stunden vorher da sein. Dafür haben wir zur Abwechslung mal freundliches Personal an der deutschen Security, muss man auch mal erwähnen.

Davon abgesehen läuft es aber: Das Flugzeug ist da, das Wetter ist schön (nach eineinhalb Monaten trübem, stürmischen Mistwetter wird’s in Süddeutschland schön, wenn ich gehe), und zur angenehmen Zeit um 11:45 heben wir ab Richtung Amsterdam. Die Maschine ist natürlich ausgebucht, wie man es von KLM gewohnt ist.

Über den Aufenthalt in Amsterdam gibt es nicht viel zu sagen: Gut eineinhalb Stunden, davon geht die Hälfte für den Weg von Terminal B nach D drauf. Der kleine Garten vor Terminal D, an dem es Frischluft gäbe, ist weiterhin gesperrt, also ab zum Gate und dann zum Flieger. Wieder mal sehr voll; die Durchsage bittet darum, doch Handgepäcktrolleys aufzugeben. Mittlerweile sollte unsere ganze Gruppe da sein, in Bergen zeigt sich, dass das nicht geklappt hat. Vier fehlen, weil die Verbindungen nicht geklappt haben. Lag es an den Klimaaktivisten oder dem Streik der Security in Düsseldorf?

Bergen!

In Bergen – wo sich die ersten Passagiere sofort die FFP2-Maske runterreißen – erwartet uns Günter, unser Reiseleiter, der auch gleich seine Beziehungen spielen lässt: Während es auf den letzten Touren fast direkt aufs Schiff ging, machen wir endlich wieder einen Abstecher durch das Paradies (der Stadtteil Bergens heißt wirklich so) und sehen etwas von der Stadt. In letzter Zeit konnte man froh sein, wenn es für einen Abstecher nach Bryggen gelangt hat.

Bryggen

Fototechnisch war die kleine Stadtrundfahrt nicht trivial – die Busscheiben spiegeln und sind getönt, dazu kommt noch die anbrechende Dämmerung – aber schön war es allemal, endlich wieder einmal etwas mehr von Bergen zu sehen.

Und dann: Ab auf’s Schiff! Günter kann Gruppen-Checkin machen und verteilt die Unterlagen plus mein Buch an alle Gäste, dann geht es in die Hurtigruten-Lounge, den Sicherheitsfilm anschauen, und dann auf die Trollfjord. Genau: Die Trollfjord, die eigentlich unter neuem Namen Expeditionsreisen ab Hamburg durchführen sollte, ersetzt jetzt die normalen Linienschiffe, die Werftaufenthalt haben. Sonst würden wir heute ohne Schiff da stehen, da die Richard With, die eigentlich fahren sollte, in der Werft ist und einen neuen Antrieb erhält. Also sind wir mit einer gerade mal 25-köpfigen Gruppe (wenn hoffentlich alle das Schiff erreichen) auf dem größten Schiff, das gerade die klassische Postschiff-Route fährt. Und auf einem echten Schiff: Die Trollfjord wurde noch nicht umgebaut und hat noch das klassische Schiffs-Feeling. Sehr schön!

An Bord steht die übliche Hektik an: Irgendwann gegen 18:30 sind wir am Schiff, dann heißt es Kabine beziehen und etwas essen – bis 20 Uhr soll es Essen geben, also ab zum Bergen-Buffett. Habe ich schon mal erwähnt, dass die Trollfjord für die beste Küche bekannt war? Stimmt immer noch. Um 20:30 legen wir ab, da muss man natürlich an Deck sein.

Abfahrt aus Bergen

Dann noch ein schneller Rundgang durch’s Schiff und aus Versehen eine Infoveranstaltung mitkriegen: Hier stellt sich die Crew vor und Niri vom Expeditionsteam erklärt das Wichtigste. Irgendwie sind die Termine völlig untergegangen, ich konnte auch noch keinen Tagesplan finden.

Anschließend ab in die Kabine, auspacken, und dann ist der Tag auch schon gelaufen. Morgen liegen wir dafür dann in Ålesund – fast wie ein Kreuzfahrtschiff…

Hands on: Unistellar eVscope 2

Irgendwie scheine ich es langsam zum Influencer zu schaffen – Letztes Jahr hatte Unistellar bei mir angefragt, ob ich nicht Interesse hätte, ihr neues Teleskop zu testen. Weil ich Astrofoto-Buch und Blog und so habe. Pünktlich zum schlechten Wetter um Weihnachten kam dann ein Paket bei mir an.

Daher als Vorwarnung zu diesem Beitrag: Ich habe das Teleskop zwar von Unistellar kostenlos bereit gestellt bekommen, erhalte für den Test aber kein Geld. Alle Meinungen sind also meine.

Sauber verpackt: Das eVscope 2 mit Rucksack im Versandkarton.

Auf den ersten Blick ist das eVscope 2 ein schicker kleiner Newton. Im Karton stecken ein großer Wanderrucksack, der Teleskop mit Montierung am Stück aufnimmt, sowie ein Stativ auf dem Level eines guten Fotostativs (Alu, leicht und ausreichend stabil) sowie etwas Zubehör: Die Schnellstartanleitung, ein Satz Schraubenzieher, das Lade-/Netzteil. Das sieht so schön und sauber aus, wie man es gerne von einem Komplettset erwartet.

Für einen Listenpreis von 3799,-€, für den das Teleskop ab Februar 2022 auf den Markt kommt, wäre das natürlich mager, wenn es nur ein normales Goto-Teleskop wäre. Schließlich ist die Optik nur ein 4,5″ /450 Newton.

Der Trick ist, dass es kein klassisches Teleskop ist – das Okular sitzt an der Höhenachse und ist digital (ähnlich einem Kamerasucher), statt einem Fangspiegel gibt es eine Kamera mit Sony IMX347 Sensor, und statt Handcontroller oder Feintrieben eine App für das eigene Smartphone. Das Ding macht EAA – also “elektronisch unterstützte Astronomie” (Electronically Assisted Astronomy). Seit in den letzten Jahren die Kameras immer besser geworden sind, ist das ein neuer Trend: Die Kamera macht recht kurzbelichtete Aufnahmen des Himmels und addiert sie automatisch zusammen, sodass man live zuschaut, wie das Teleskop Photonen sammelt.

Blick ins eVsope 2: Kein Fangspiegel, dicke Spinne für die Kamera

Der große Vorteil gegenüber dem visuellen Beobachten: Das Auge macht 24 Bilder pro Sekunde, wer mehr sehen will, braucht ein größeres Teleskop – hier wird das Licht gesammelt.

Der große Vorteil gegenüber der Astrofotografie: Man spart sich die stundenlange Nachbearbeitung der Bilder.

EAA ist also weder klassisches Beobachten noch klassische Astrofotografie, sondern eher Beobachten mit einem Nachtsichtgerät. Noch vor Corona hatte ich einen Abend lang mit dieser neuen Sparte herumprobiert: Auf der Sternwarte haben wir eine ATIK Horizon, die ebenfalls Live-Stacking unterstützt. Das hatte sogar einigermaßen funktioniert; leider hat ATIK eine eher unintuitive Software, und das Teleskop sitzt klassisch auf einer großen, schweren und exakt eingenordeten parallaktischen Montierung. Daher war es mühsam, die Ergebnisse waren aber schon ganz gut.

Das eVsope verspricht nun, dass man eben keine schwere Montierung aufbauen und einnorden muss, sondern das Teleskop einfach nur hinstellt und loslegt. Klappt das?

Der erste Test

Das eVsope 2 auf meinem Balkon. Im Hintergrund ein 80/910mm Refraktor.

Auch wenn der Rucksack perfekt ist, um das Gerät auf den Acker zu bringen: Ich entschied mich gleich für den Härtetest auf dem Balkon im Dorf. Nicht besonders dunkel, aber ein durchaus brauchbarer Himmel. Und ein auf Komfort ausgelegtes Teleskop wird wohl eher im Garten als in den Hochalpen aufgebaut werden.

Also erst einmal den eingebauten Akku aufladen, die App installieren und dann eine prognostizierte drei-Stunden-Wolkenlücke nutzen. Das Stativ ist ruckzuck aufgebaut, das Teleskop wird mit zwei Schrauben gesichert. Kleine Kritik: Es gibt keinen Messingspannring, die Schrauben gehen also direkt auf das Metall. Und die Schrauben haben keine Verliersicherung, sondern können ganz herausgedreht werden. Zwei Ersatzschrauben gehören sicherheitshalber zum Lieferumfang. Das Teleskop hat anders als z.B. ein Celestron Evolution keine Tragegriffe, ist aber noch handlich genug, um es auf das Stativ zu setzen – bei dem Preis wären mir Griffe dennoch ganz lieb, schließlich hält man einen guten Brutto-Monatslohn in der Hand. Dann die Montierung anschalten, Staubschutzkappen abnehmen, das Handy mit dem WLAN verbinden und die App starten – los gehts.

Erster Eindruck: Die deutschsprachige (!) App ist übersichtlich strukturiert und macht auch ohne eigene Anleitung keine Probleme; Tooltips erklären die Funktionen beim ersten Benutzen. Die Verbindung erfolgt über den WLAN-Accesspoint, den das Teleskop bereit stellt. Mit dem iPhone 13 Mini: Gar kein Problem, und ich kann das Teleskop über die Richtungstasten in der App auf ein Stück klaren Himmel richten. Vorbildlich.

Das elektronische Okular

Und jetzt beginnt die Magie: Die Kamera nimmt ein Bild des Himmels auf, zeigt es sowohl im digitalen Okular als auch auf dem Handy, macht ein Platesolving (also analysiert und identifiziert den Himmelsausschnitt), und das war’s: Die Montierung weiß, wo das Teleskop hinzeigt, die Nachführung läuft, die App macht Beobachtungsvorschläge – perfekt. Ich muss nur noch scharf stellen; den Hauptspiegel hinten am Teleskop, und das elektronische Okular mit dem Dioptrienausgleich direkt am Okular. Eine Justage der Optik spare ich mir – das Bild sieht ordentlich aus, und die Schärfe eines schnellen Newtons ist nicht mein Hauptinteresse in dieser Nacht.

Außerdem war der erste Test sehr gehetzt: Am 31. Dezember, zwischen dem, was zum Jahreswechsel 2021/22 als Silvesterfeier durchgeht und den aufziehenden Schießpulverschwaden aus der Nachbarschaft, die irgendwoher doch Böller bekommen hat, war nicht so viel Zeit. Also blieb etwa eine Stunde in der späten Abenddämmerung. Normalerweise sage ich, dass man sich zwei bis drei Abende gönnen sollte, um ein neues Teleskop kennenzulernen, bevor man ernsthaft ans Beobachten geht. Mir bleibt jetzt eine gute Stunde, und ich bin angenehm überrascht: Nachdem ich das Gerät angeschaltet habe, verbinde ich mein Handy ohne Probleme mit dem Teleskop und fahre ein Stück klaren Himmel an. Kurz darauf ist das Platesolving abgeschlossen – wir reden hier von Sekunden – und das Teleskop weiß, wo es hinzeigt, und ich kann Objekte anfahren. Nach ein bisschen Herumprobieren bietet die Bedienung per App keine Rätsel mehr: Ich kann Objekte suchen und anfahren, wenn ich das Live-Bild auf dem Monitor zoome, verändert sich auch der Zoom im Okular, und es gibt Grenzen, unterhalb derer keine Objekte angefahren werden – aber die App zeigt an, wann die Ziele hoch genug stehen. Wer will, kann diese Grenzen auch ändern.

Die automatische Bildverbesserung wird separat aktiviert, nun wechselt die Anzeige vom Livebild zum Livestacking: Dabei werden wie bei echter Astrofotografie die einzelnen Bilder übereinandergelegt, sodass das Bildrauschen verschwindet und die eigentliche Bildinformation zu Tage tritt. Nach ein, zwei Minuten sieht man schon deutlich mehr als direkt nachdem ein Objekt angefahren wurde.

Es gibt zwei Möglichkeiten, das Bild anzuschauen: Auf dem Smartphone oder in dem elektronischen Okular. Das elektronische Okular von Nikon ist der größte Unterschied zu den Konkurrenzprodukten von Vaionis oder den kleineren Modellen von Unistellar. Zusammen mit der Fokussiermöglichkeit gibt es einem das Gefühl, wirklich an einem Teleskop selbst zu beobachten. Leider ist das Bild im Okular schlechter als auf dem Handydisplay oder im Sucher einer Kamera: Wo das Handy recht kleine Sterne zeigt, sieht man im Okular Blobs – vergleichsweise fette, aufgeblähte Sterne. Dafür ist der Einblick gut und unkompliziert möglich, selbst wenn man das Handy in die Tasche gesteckt hat, während das Teleskop Licht sammelt.

Auf die Schnelle – mit der Objektsuche habe ich mich noch nicht vertraut gemacht – schlägt mir das Teleskop den Monkey Head Nebula als Beobachtungsziel vor, nachdem ich an Beteigeuze scharf gestellt habe – der Orionnebel steht noch zu niedrig. Jetzt muss ich zugeben, dass ich den Affenkopfnebel NGC 2174 bislang nicht wirklich auf dem Schirm hatte. Mit 40 Bogenminuten Durchmesser ist er auch kein offensichtliches Ziel für diesen Standort (man kann in der App in drei Stufen wählen, wie gut der Himmel ist). Aber gut, für einen Test wird es langen.

Nun hat das Teleskop ein Bildfeld von 37×54 Bogenminuten, damit ist der Nebel bildfüllend und dementsprechend schwer auszumachen. Aber es tauchen immerhin einige Sterne mehr auf, die Bildaddition funktioniert also. Sie sind nicht ganz rund – aber dafür, dass das Teleskop ungeschützt vor Wind auf einem Balkon auf einem vollständig ausgezogenen Stativ steht, ohne Autoguider und azimutal montiert, ist das gar nicht schlecht. Und man bedenke: EAA ist keine Astrofotografie, sondern elektronisch unterstütztes Beobachten. Es geht um die Live-Beobachtung.

Ich bin durchaus beeindruckt. Wenn alle Teleskope sich so einfach in Betrieb nehmen lassen würden, wären einige meiner Bücher überflüssig….

Aber bevor mir noch Silvesterböller in das teure Leihteleskop fliegen (und ich als Silvesterfeier-Boykottierer in die Nerd-Ecke gestellt werde), breche ich diese Sitzung ab: Deckel drauf und am Stück reintragen. Eine Beobachtung mit dem Fernglas ist auch nicht weniger aufwändiger…

Die zweite Nacht

Am nächsten Abend ist es überraschenderweise auch klar. Also das Teleskop noch einmal rausstellen, auf einen klaren Fleck am Himmel zwischen dem Dach des Nachbarhauses und der Markise vom Balkon richten, und dann ein sinnvolles Objekt in diesem Beobachtungsfenster suchen. Der Gewinner: M1, der Krebsnebel.

Das Teleskop fährt ihn flüsterleise an, korrigiert noch ein bisschen, et voilà: Da ist er. Nach zwei Minuten ist er deutlich besser zu sehen, ob ich ihn dann zehn oder 15 Minuten im Okular lasse, macht keinen großen Unterschied. Im Okular sieht er hübsch aus, auf dem Handy sieht man, dass es ein paar Nachführfehler gab. Andererseits ist das auch kein Wunder, wenn man beim Beobachten mit dem Okular an das Teleskop kommt. Wenn es um hübsche Bilder geht, sollte man die Stativbeine weiter spreizen, sie nicht vollständig ausfahren, und vor allem das Teleskop nicht berühren. Dann sollten die runden Sterne möglich sein, die auf der Unistellar-Seite abgebildet sind.

Auf dem Handy sieht das übrigens so aus:

Die Plejaden sind zu groß für die Brennweite des eVsope 2.

Der Krebsnebel passt als Ziel deutlich besser zum eVscope als der Affenkopfnebel – und das Bild ist besser als das, was mir das C14 von unserem Verein in der Stadt zeigt. Das kleine Gerät hat Potential.

Wie schlägt es sich an den anderen Paradeobjekten des Winterhimmels?

Erstes Ziel sind natürlich die Plejaden, während der Orionnebel noch höher steigt. Das Bildfeld ist leider zu klein, sie passen nicht komplett drauf. Das passiert einem bei langbrennweitigen Teleskopen natürlich auch; dieser Sternhaufen ist eher ein Ziel für ein Fernglas oder ein Rich-Field-Teleskop. Interessanter Effekt: Nach etwa 10 Minuten wird das Bild nicht mehr spürbar besser, ein Hauch des Reflexionsnebel ist zu erahnen.

Etwa 20 Minuten lasse ich das Teleskop laufen. Und in der Zwischenzeit? Wie bei echter Astrofotografie ist mir langweilig, und ich werfe einen Blick durch den kleinen Refraktor, den ich daneben aufgestellt habe. Im echten Okular ist von dem Plejadennebel nichts zu sehen (M1 probiere ich ohne Lichtverschmutzungsfilter gar nicht erst), dafür gibt es die nadelscharfen Sterne, für die ich Refraktoren liebe.

Fünf Minuten Orionnebel

Endlich steht auch der Orionnebel hoch genug, dass ich ihn anfahren kann.

Nett: Schon nach kurzer Zeit sind Farben zu erkennen. Wer sagt denn, dass Deep-Sky-Objekte schwarzweiß sind? (Klar – jeder erfahrene Beobachter, der ihnen in großen Geräten höchstens einen Hauch von Farbe zugesteht.) In kleinen Geräten und an lichtverschmutzten Standorten zeigen praktisch nur Doppelsterne Farbe. Oder dieses eVsope…

Ja, die Sterne sind fett und etwas verwackelt, und das Zentrum ausgebrannt, aber das geht schon sehr in die Richtung von dem, was ich gerne während einer öffentlichen Führung zeigen würde. Da habe ich zu oft erlebt, dass ich vom Anblick einer Galaxie begeistert war, und die Gäste das mit einem “Dieses Nebelfleckchen?” kommentierten.

Das Gerätchen liefert, wobei M42 natürlich auch kein schweres Ziel ist. Die App gibt noch ein paar Möglichkeiten zur Belichtungssteuerung, und wie lange die einzelnen Aufnahmen belichtet werden – damit dürfte sich noch mehr herausholen lassen. Aber da ich für diesen Test nicht bezahlt werde, belasse ich es bei den Standardeinstellungen und überlege mir die nächste Gemeinheit: Der Pferdekopfnebel.

Dieser berühmte Staubnebel vor den leuchtenden Emissionsnebeln im Orion ist visuell eine echt schwere Nuss; mit meinem 80mm-Refraktor und an diesem Standort brauche ich das gar nicht erst probieren.

Und das eVscope? Es schwenkt ohne Murren dieses Ziel an, das ich noch nie im Teleskop probiert habe, und fängt an, mich beim Beobachten elektronisch zu unterstützen.

10 bis 55 Minuten Pferdekopfnebel

Nach 10 Minuten ist das Pferdchen zu erahnen, nach einer halben Stunde ist die beste Sichtbarkeit erreicht. Die Sterne sind rund, und die Silhouette ist auch nicht schwerer zu erahnen als im Okular eines großen Dobsons an einem guten Standort.

Das ist meine erste Beobachtung (und Aufnahme) des Pferdekopfnebels.

Mit einem 4,5″-Telesköpchen, das ich einfach auf den Balkon gestellt habe.

Mitten im Dorf.

Eigentlich eine Unverschämtheit.

Ich habe damit nur ein Problem: Das war zu einfach. Ich war zwischendrin im warmen Wohnzimmer und habe mir den Verlauf auf dem Handy angeschaut, oder draußen mit dem Refraktor ein bisschen Jupiter beobachtet. Mir war langweilig, und ich habe nicht das Gefühl, ihn wirklich selbst beobachtet zu haben. (Und trotzdem: Mein erstes Pferdchen!)

Danach baue ich ab, der Akku ist nach zwei Nächten am Ende. Die Ladezeit nutze ich, um die Bilder über mein Heim-WLAN zu Unistellar hochzuladen: Zur möglichen wissenschaftlichen Auswertung sammelt Unistellar die Daten. Es ist auch möglich, die gesammelten Gigabyte an RAW-Dateien wieder herunterzuladen, der direkte Zugriff ist nicht vorgesehen: Man muss den Support kontaktieren und erhält dann einen Downloadlink. Das geht recht flott, aus den RAW-Dateien konnte ich aber auch nichts besseres herausholen. Ein Direktzugriff auf den Speicher des Geräts ist aber nicht möglich.

Außerdem sind gleich drei Bereiche vorgesehen, in denen Unistellar-Nutzer die Wissenschaft unterstützen können: Asteroiden-Beobachtung, Exoplaneten-Jagd und “Planetare Verteidigung” vor möglichen Meteoriten-Einschlägen. Damit gewinnt das “Just-for-Fun”-Beobachten sogar wissenschaftlichen Nutzen, es bleibt im Idealfall nicht bei der vergänglichen Beobachtung im Okular.

Eine dritte Nacht

Mit dem Rucksack ist alles griffbereit für den spontanen Einsatz

Wofür das eVscope wirklich hervorragend geeignet ist: Spontan beobachten! Es ist ein echtes Grab-and-Go-Teleskop, weil alles im Rucksack ist. Man braucht nur noch das eigene Smartphone und ggf. ein Ladekabel – unten an der Montierung des eVscope ist ein USB-Ausgang, der wohl zum Laden des Handys genutzt werden kann.

Am 10. Januar gab es eine überraschende Wolkenlücke, und ich nutzte die Zeit, um mir den Rucksack mit dem eVscope, etwas zu trinken und meine Jacke zu schnappen, um auf den nächsten Acker zu fahren, wo ich einen deutlich dunkleren Himmel habe als auf dem heimischen Balkon.

15 Minuten später – davon 10 Minuten Fahrzeit – war das Gerät auch schon einsatzbereit. Im Nordosten drohte bereits die nächste Wolkenbank, aber noch war über mir klarer Himmel.

Da ich in der letzten Nacht ein paar verwackelte Sterne hatte, stellte ich das Stativ zuerst einmal niedrig ein: Die Beine nicht ausfahren, und maximaler Spreizwinkel. Das sollte noch etwas mehr Stabilität bringen. Die Initialisierung verlief wieder problemlos: Das Teleskop grob in die Zielrichtung ausrichten (senkrecht nach oben wollte ich es für die Orientierung am Himmel dann doch nicht zeigen lassen, etwas einfacher darf das System es schon haben), die Sternerkennung aktiviert und fertig. Ab zur Objektsuche in der App, die zahlreiche Vorschläge macht.

Das erste Ziel: M27, der Hantelnebel. Ein nicht zu kleiner Planetarischer Nebel, der auch in kleineren Teleskopen ein hübscher Nebelfleck ist. Im eVscope dauerte es keine zwei Minuten, bis er in Farbe zu sehen war. Chic, was da auf meinem Handy-Display auftauchte. Um Erschütterungen zu vermeiden, schaute ich währenddessen nicht in das elektronische Okular, und werde mit runderen Sternen belohnt.

Nach zwei Minuten war das Bild bereits hübsch, nach sechs Minuten nicht wesentlich besser. Also schon weiter zum nächsten Ziel? Warum nicht… Die App schlägt NGC 6946 vor – die Feuerwerksgalaxie im Cepheus mit 9. Größe. Schauen wir mal. Surrr… die Montierung fährt das Ziel schön leise an; mit dem Kaffeemühlengeräusch vieler Goto-Montierungen hat das nichts zu tun.

Hier lohnt sich die längere Belichtungszeit: Zunächst ist nichts zu sehen, wenig später schälen sich die Spiralarme immer besser heraus. Hübsch.

Und jetzt? Ein Blick zu den Wolken, die näher kommen… ach was soll’s, weiter zum nächsten Ziel. M33 steht hoch über mir, die Dreiecksgalaxie. Kein leichtes Ziel, da sie größer als der Vollmond ist, und der halbvolle Mond obendrein den Himmel aufhellt. Surr, Verbesserte Sicht starten, Blick auf’s Handy: Check, da ist sie. Nach wenigen Minuten sind die Spiralarme erkennbar und nach zehn Minuten deutlicher. Bei Nacht und auf dem Handy sind sie übrigens deutlich schöner als bei Tag auf dem Laptop. Umgebungslicht macht sich auch hier bemerkbar.

War ja einfach, wobei die Galaxie wohl von etwas mehr Belichtungszeit profitieren würde. Ich nutze die Zeit, um die Bilder nach Hause zu schicken. Zurück kommt die Frage, was ich davon halte, dass vom Sofa aus genauso viel zu sehen ist wie bei mir in der Kälte? Tja, da ist was dran – es fühlt sich nicht wie Beobachten an, da ich doch immer nur auf’s Handy schaue.

M82

Aber was soll’s, wenn ich schon mal draußen bin, wird die Zeit genutzt. Über dem Großen Wagen tut sich eine Wolkenlücke auf, also ab zu M82. Die “Zigarre” ist eine hübsche unregelmäßige Galaxie und ein hübsches Paar mit M81.

Es dauert keine Minute, bis die Zigarre mit ihren Staubbändern zwischen den Sternen zu sehen ist.

Eigentlich eine Unverschämtheit, wie gut das funktioniert.

Immerhin sind die Sterne nicht ganz perfekt, und ich entscheide mich, den Fokus zu überprüfen. Ab zu Albireo, der ist hübsch hell, und ich kann mal sehen, was das kleine Gerät an Doppelsternen kann.

Im Staubschutzdeckel ist eine Bahtinov-Maske versteckt, die ein Beugungsmuster verursacht, anhand dessen man die Schärfe wunderbar beurteilen kann. Um es einfacher zu haben, parke ich das Teleskop zwischendrin kurz und bringe das Stativ auf seine maximale Höhe. So kann ich bequem durch das Okular schauen, während ich Albireo fokussiere.

Wie erwartet sind Doppelsterne keine Spezialität des eVscope 2 – da braucht man Vergrößerung, Licht sammeln bringt wenig. Albireo wird nicht wirklich getrennt, aber ich kann gut sehen, dass es zwei Sterne sind, und ich im Fokus bin.

Für schärfere Sterne müsste ich es mal mit Justage des Spiegels probieren, aber darauf habe ich gerade keine Lust. Außerdem: Das Stativ ist nicht das stabilste, und das Teleskop wackelt ziemlich, sodass schon das Fokussieren nicht ganz trivial ist. Aber für meine Zwecke langt es – leider kann ich es auch nicht einfach auf ein stabileres, schwereres Stativ setzen.

Lieber noch ein wenig Beobachten statt zu justieren – zurück zum Großen Bären: M81 ist nach drei Minuten so strukturlos, wie ich das vom klassischen Teleskop gewohnt bin, M82 bleibt hübsch.

Dann machen die Wolken im Norden dicht, und was bietet sich als Ziel an? Natürlich der Mond! Unter “Moon” finde ich ihn in der App, und bald ist er bildfüllend auf dem Handydisplay.

Der Mond zeigt wunderbar das Bildfeld des eVscope 2

Die Bildverbesserung bringt hier übrigens nichts (außer dass er kurz überbelichtet wird). Höher Vergrößern macht nur bedingt Spaß: Es bleibt halt digitaler Zoom, kein optischer. Leicht erschreckend ist der Blick ins Okular, wo er lila eingefärbt erscheint – auf dem Handy sieht er deutlich farbechter aus.

Damit fehlen in meiner Sammlung nur noch offene Sternhaufen. Ein schneller Schwenk zu h Persei, dann manuell ein Stück zur Seite, um h&Chi Persei gemeinsam einzufangen.

Ganz nett, wobei hier die fetten Sterne natürlich stärker auffallen – sie machen zwar die unterschiedlichen Sternhelligkeiten deutlich, aber der Anblick ist doch anders als im Teleskop. Und längere Beobachtungszeit ändert gar nichts am Bild. Ein Blick nach oben: Oha. Wolken.

Das habe ich beim Blick ins Okular gar nicht mitgekriegt. Der Stacking-Algorithmus ist so intelligent, dass er Wolken erkennt – oder schaue ich doch nur auf ein Dia? Nein – wenn ich auf das unverbesserte Livebild gehe, sind auch nur noch Wolken zu sehen. Also doch kein Fake… Der beliebte Trick, die Hand vor das Objektiv zu halten, um zu zeigen, dass man keine Bild sieht, funktioniert am eVscpoe übrigens auch nicht.

Damit mache ich Feierabend. Das geht wunderbar schnell: Teleskop parken, Staubschutzdeckel aus dem Auto holen, Teleskop in den Rucksack und das Stativ daneben. Keine fünf Minuten.

Und zumindest eines hat der Abend mit einer klassischen Beobachtungsnacht gemeinsam: Es wird irgendwann kalt, wenn man auf dem Acker steht.

Fazit: Das Teleskop

Größenvergleich alt gegen neu: Ein computergesteuerter 80mm-Refraktor und das eVscope 2

Diese kurze Testphase mit dem eVscope war wie ein Reinschnuppern in die Zukunft der Amateurastronomie: Ein vollständiges, ordentlich verpacktes Teleskop, das einem die ganzen Technikprobleme abnimmt, sich vollständig automatisch am Himmel orientiert und die Objekte anfährt und verfolgt, die man auswählt – sei es aus der Datenbank oder über Koordinaten. Das elektronische Okular und die manuelle Scharfstellung geben einem noch mehr das Gefühl, selbst zu beobachten, als bei denjenigen robotischen Teleskopen, die das Bild nur auf dem Handy-Display zeigen. Der Preis dafür ist, dass man es gelegentlich doch (wie jeden Newton) justieren sollte. Aber das ist kein Problem, und auch Out-of-the-Box liefert es gute Ergebnisse.

Was ich noch verbessern würde

Amateurastronomen sind fast alle Bastler, und obwohl das eVscope 2 ein rundes Komplettset ist, das sofort funktioniert und keine Nachkäufe benötigt, gibt es natürlich ein paar Dinge, die ich verbessern würde.

  • Das Stativ hat keine Ablagemöglichkeit z.B. für das Handy. Es gibt Stativablagen aus Stoff oder Nylon, die zwischen die Stativbeine gehängt werden und so eine kleine Ablagefläche bereitstellen. Kann man für eine Handvoll Euro nachkaufen.
  • Das Teleskop kann auf mehrere Geräte Bilder übertragen, kennt aber nur einen (Haupt-)Benutzer, der es steuert. Bei meinen Tests wurde ich öfter auf einen Gast-Status zurückgesetzt. Nachdem ich das einmal kapiert hatte, konnte ich die Kontrolle über das Teleskop aber problemlos zurückbekommen. Hier wäre zumindest ein Infofester nett, das einen über den Statuswechsel benachrichtigt – der umso unerwarteter war, da ich es alleine benutzte. Davon abgesehen funktioniert die App einwandfrei, auch wenn das Handy sich in den Ruhemodus begeben hat und die WLAN-Verbindung getrennt hat.
  • Die Akku-Anzeige ist in der App versteckt und hat nur einen groben Ladestandsindikator statt einer Prozentanzeige. Das macht Apple mit dem iPhone auch nicht besser, aber es stört mich trotzdem.
  • Das Nikon-Okular hat noch Luft nach oben, was die Schärfe angeht. Die Sterne sind fett, ein wenig erinnert es mich an alte Dias in einem Diabetrachter. Das kann der Sucher meiner Panasonic besser.
  • Die beiden Klemmschrauben, mit denen das Teleskop auf dem Stativ befestigt sind, sind nicht unverlierbar. Aber vorbildlich: Zwei Ersatzschrauben liegen gleich bei.

Aber das sind Kleinigkeiten, und die Hälfte per App-Update lösbar. Unter dem Strich ist das eVscope 2 sein Geld wert. Das mag bei knapp 3800€ Einführungspreis verwegen klingen, aber: Es ist ein Komplettpaket mit Transport-Rucksack. Für einen ähnlichen Preis erhalte ich wahlweise einen gut transportablen Refraktor mit Goto-Montierung und wirklich gutem Zubehör, der weniger zeigt (oder zumindest anders) und für den ich mir eine Transportmöglichkeit selbst anfertigen muss, oder z.B. ein CPC925, das einen ähnlichen Komfort bietet, ebenfalls beeindruckende Bilder zeigt, aber nur mit dem Auto transportabel ist. Natürlich erhält man für weniger Geld auch schon sehr schöne Pakete, aber wenn das Gesamtpaket ähnlich viel Spaß machen soll, kann man in ähnliche Preisregionen kommen. Ich erinnere nur an das Schmierfett, das bei günstigen Teleskopen gerne am Okularauszug klebt – wer sich mit so etwas abgibt, bleibt in Preisregionen weit unterhalb des eVscope. Für Pfennigfuchser ist es nichts.

Gelegentlich wird es mit dem iPhone verglichen: Nicht billig, aber “It just works”. Und das tut es – wer sich für EAA begeistern kann, ist hier richtig.

Fazit: EAA – Electronically Assisted Astronomy

“Klassische” EAA am Laptop

Das war meine erste erfolgreiche Begegnung mit EAA, nach den ersten Tests in dieser Richtung mit einer ATIK Horizon und der Infinity-Software am großen Sternwartenteleskop. Zwischem dem Livestacking mit der ATIK und dem EAA-Beobachten mit dem eVscope liegen Welten: Mit der ATIK am fest aufgestellten Teleskop habe ich noch richtig was zu tun, um Ergebnisse zu erhalten (richtiger Abstand zum Reducer, um ein scharfes Bild mit dieser Kombination zu bekommen…), und die Software hatte den Rechner ins Stottern gebracht, weil der Prozessor mehr als ausgelastet war. Bis da alles lief, hat es gedauert, und der Aufwand am Teleskop ist nicht viel geringer als bei der Astrofotografie. Das eVscope ist dagegen echtes, unkompliziertes Grab-and-Go.

Jetzt muss ich zu meinem Urteil über EAA dazu sagen: Ich mache seit bald 30 Jahren Astronomie, visuell (meist so einfach wie möglich mit einem Rich-Field-Refraktor, bei dem die einzige Elektronik der Leuchtpunktsucher ist, aber auch mit großen Goto-Teleskopen) als auch Astrofotografie (mit der üblichen Materialschlacht).

EAA ist nichts für mich. Vielleicht romantisiere ich das, aber ein Reiz der Astronomie liegt für mich darin, die Objekte selbst zu finden und im Okular zu sehen – zu wissen, dass die Photonen nach zig Lichtjahren ausgerechnet in meinem Auge liegen. Der andere Reiz liegt für mich darin, die Technik zu verstehen und zu beherrschen– wobei ich natürlich auch Technik mag, die einfach funktioniert, und die ich nur noch an ihre Grenzen bringen muss.

Das eVscope nimmt mir das alles ab und zeigt mir gleich die beeindruckenden Bilder, die man erwartet – verwöhnt von einigen Jahrzehnten bunter Hubble-Bilder als auch dem (mittlerweile) klassischen Vorspann von Star Trek & Co.

Nur: Ich muss dafür überhaupt nichts machen, sondern bekomme es fertig serviert. Das ist einerseits toll – es funktioniert einfach, und man sieht was! – , andererseits ist das ein bisschen wie wenn ich auf eine Foto-Safari mitgenommen werde und am Ende die Bilder vom Reiseleiter aufs Handy geschickt bekomme, ohne selbst mehr dazu beizutragen als Wünsche, was ich gerne sehen würde. Das ist gleichzeitig faszinierend und langweilig. Für mich wäre der Haupteinsatz wohl, dass es neben mir ergänzend auf dem Acker steht und die Grenzen des Beobachtbaren verschiebt, während ich rein visuell beobachte. Oder für einen sehr unkomplizierten und schnellen Blick auf Deep-Sky-Objekte während einer Wolkenlücke vom heimischen Balkon aus, für die ich ansonsten einen Sternatlas oder eine Goto-Montierung bräuchte (und dann doch nicht viel sehen würde).

Gesamt-Fazit: Toll, aber nicht für jeden

eVscope und “klassisches” Goto-Teleskop stehen nicht in Konkurrenz zueinander, sondern sprechen unterschiedliche Zielgruppen an.

Ganz klar: Das eVscope funktioniert problemlos und tut das, was es soll: EAA, also mit der Elektronik beim Beobachten helfen, sodass man das Universum endlich auch ohne Vorkenntnisse oder Bedienungsanleitung lesen in Farbe und bunt sieht, sobald es eine größere Wolkenlücke gibt. Viel unkomplizierter geht es nicht, und das elektronische Okular gibt einem noch das Gefühl, nicht nur aufs Handydisplay zu starren.

Aber: EAA ist eine eigene Sparte. Es ist keine Astrofotografie (es geht nicht um perfekte Fotos) und kein echtes visuelles Beobachten (bei dem man nur mit Auge und Teleskop beobachtet), sondern etwas eigenes, am ehesten vergleichbar mit einem Restlichtverstärker. In Form des eVscopes wurde EAA so perfektioniert, dass man sich nicht mit der Technik beschäftigen muss, sondern einfach loslegen kann.

EAA mit vollautomatisierten Teleskopen ist nichts für alle, die

  • gerne selber Hand anlegen wollen
  • die nadelscharfen Sterne sehen wollen, die einem ein guter Refraktor zeigt
  • die Puristen sind und die Dinge selbst sehen wollen statt auf einem Display
  • die Herausforderung darin sehen, “Faint Fuzzies” im Okular zu jagen
  • Pfennigfuchser sind (wobei ein gutes visuelles Teleskop auch nicht billiger ist und weniger zeigt)
  • Mit denselben Ansprüchen an EAA geht wie an die Astrofotografie

Ein eVscope ist dagegen wohl ideal für alle, die

  • unkompliziert eindrucksvolle Ergebnisse sehen wollen
  • von Deep-Sky-Objekten mehr als Nebelflecken sehen wollen, ohne ein großes Teleskop an dunkle Standorte schleppen zu müssen
  • ein Komplett-System wollen, das einfach funktioniert
  • einfach mal Abends das Teleskop auf die Terasse stellen wollen, um einen Blick in den Himmel zu werfen – gerne auch mit Freunden an einem gemütlichen Abend, statt dafür alleine an einen möglichst dunklen Ort in den Hochalpen zu fahren
  • technik-begeistert sind, aber nicht an der Technik herumschrauben wollen
  • einen einfachen Einstieg in die Astronomie suchen und das nötige Kleingeld haben
  • alle, die Öffentlichkeitsarbeit machen: Auf einer Sternwarte als Ergänzung zu den Beobachtungen mit klassischen Teleskopen kann ich es mir sehr gut vorstellen.

EAA ist also nichts für jeden. Aber wer in die Zielgruppe fällt, erhält mit dem eVscope ein durchdachtes, rundes Gesamtpaket, das begeistert. Ich werde es mir nicht zulegen – aber z.B. für die öffentlichen Führungen an meiner nächsten Sternwarte wäre es durchaus eine interessante Ergänzung.

Den stolzen Preis sehe ich dabei wie gesagt gar nicht einmal als Problem: Ein guter visueller Setup ist auch nicht billiger, und zeigt gerne weniger.

Mich hat vor allem mein dritter Beobachtungsabend sehr an meine erste Beobachtungsnacht mit einem Celestron CPC1100 erinnert. Das Gerät kostetete vor einigen Jahren mit etwas Zubehör ähnlich viel, ist deutlich größer und schwerer (Kofferraum und Rückbank eines Ford Fiesta waren voll), aber ebenfalls rasch aufgebaut, und das Goto hatte einwandfrei funktioniert (Heute ist das CPC925 in derselben Preisklasse, das nicht viel schlechter ist als sein größerer Bruder, und sich mit einem StarSense-Modul ebenfalls automatisch am Himmel orientiert). Auch hier hatte ich in einer Nacht sehr viele Objekte angeschaut und wenig wirklich beobachtet. Aber andererseits hatte ich die Galaxien auch mit eigenem Auge gesehen und nicht nur auf dem Bildschirm.

Das ist vielleicht mein größtes Problem mit dem eVscope: Ich schaue ohnehin schon den ganzen Tag auf irgendwelche Monitore und Displays, da will ich das in meiner Freizeit nicht auch noch. Dann lieber ein echtes Okular, mit schwachen, aber nadelscharfen Sternen und geisterhaften Nebelfleckchen, hinter denen sich Galaxien, Sternhaufen und Gasnebel verbergen.

Aber wer sich für EAA begeistern kann, erhält ein Rundum-Sorglos-Paket, das einer neuen Gruppe von Astronomie-Begeisterten den Einstieg in die Himmelsbeobachtung ermöglicht.

Kleines Update zur Nacht vom 24. Januar

Bald geht das eVscope zurück, und es ist Zeit für ein kleines Update. Ich hatte nämlich noch eine klare Nacht auf der Sternwarte verbracht, und nach dieser Nacht finde ich das Gerät oberaffengeil, weil es einfach funktioniert. Während ich einiges an Frust gesammelt habe… Ich wollte nämlich einiges an neuem Equipment testen, das sich im letzten halben Jahr bei mir und im Verein angesammelt hat. Endlich war Zeit dafür, und ich konnte auf der Sternwarte groß aufbauen.

Baustelle Nummer 1 – Astrofotografie/AutoGuider:

Meine erste Baustelle war unsere CGEM-Montierung, an der ich einen Autoguider testete: Den StarAid Revolution. Mit diesem Stand-Alone-Autoguider konnte ich bereits meine heimische Montierung einnorden, obwohl ich keine freie Sicht nach Norden hatte, jetzt stand ein Guiding-Test an – nachdem endlich ein Netzteil da war und ich alle Verlängerungshülsen parat hatte, um mit meiner DSLR in den Fokus zu kommen. Ach ja: Beim Autoguider und seinem Leitrohr waren auch endlich alle Adapter richtig sortiert, dass ich ihn fokussieren konnte.

Der StarAid Revolution verspricht echtes Plug&Play: Einfach alles zusammenstöpseln und loslegen, er kalibriert sich automatisch (wenn man mal über das Handy scharf gestellt hat).

Der Test sieht gut aus (das war das Erfolgserlebnis an diesem Teleskop), dafür weigerte sich meine Nikon, mehr als neun Bilder am Stück zu machen. Die Intervallfunktion war – sagen wir mal, unkooperativ. Also: Erfolgreicher Test, aber trotzdem keine brauchbaren Ergebnisse.

Nur an unserer großen Alt-Montierung konnte ich ihn nicht testen: Der Autoguider hat ein ST-4-Kabel, die Steuerung eine völlig andere Buchse. Mittlerweile weiß ich, dass das Kabel doch an die Meade Pictor/ST-7-Buchse passt, obwohl sie anders heißt. Es leben die Standards.

Baustelle Nummer 2 – Aufbewahrung:

Die nächste Baustelle ist zwar kein Teleskop, aber hängt damit zusammen: Die Sternwarte hat sich einen Hotech Laser-Kollimator gekauft, um die wenigen Vereinsabende mit klaren Nächte nicht mit Teleskopjustage zu verschwenden. Das funktioniert auch wunderbar und ist sauber in einer eleganten Tasche verpackt. Nur der dazugehörige Getriebeneiger passt natürlich nicht in die Tasche und geht so im Verein garantiert verloren. Also brauchen wir noch eine weitere Tasche, um Tasche plus Getriebeneiger gemeinsam zu verstauen.

Ich habe ja schon viel Zeit mit dem Planen von Aufbewahrungskoffern von Teleskopen verbracht. Um so mehr weiß ich die saubere Lösung des Unistellar für das eVscope zu schätzen. Selbst wenn das Stativ irgendwo anders aufgeräumt wird: Es steht Unistellar drauf, sodass man es jederzeit zuordnen kann. Selbst in einem Verein.

Gerät Nummer 3 – EAA:

Die ATIK am ED80/600-Refraktor, huckepack auf dem großen C14

Das Thema EAA ist je eigentlich alt. Schon vor Corona hatte die Sternwarte eine ATIK Horizon für den ED80/600-Refraktor gekauft, der am großen C14 montiert ist, unserem Hauptgerät. Die Kamera wird von der Atik Infinity-Software unterstützt, die Live-Stacking und -Alignment kann – also EAA macht. Es hat nur die Zeit zum Testen gefehlt. Aber heute!

  • Frust 1 war bei den ersten Tests, dass unser alter Rechner zu langsam war. Auf dem neuen Laptop läuft die Infinity-Software jetzt immerhin flüssig. (Sharpcap hatte für Vereine üble Lizenzbedingungen, als ich das letzte Mal nachgeschaut hatte, und scheidet daher aus). Immerhin das klappt jetzt.
  • Frust 2: Mit dem 0,8x-Reducer (der das Teleskop auf 80/480 f/6 bringt) komme ich gerade so in den Fokus – aber auch nur, weil wir die überlange 2″-Steckhülse, die innen am Okularauszug angestoßen war, schon vor Jahren abgesägt hatten. Damit ist natürlich auch das Filtergewinde Geschichte, Lichtverschmutzungsfilter gehen also nicht. Außer, ich kaufe noch eine neue Steckhülse.
  • Frust 3: Die ATIK verbraucht 13mm Backfokus, der Reducer hat 55mm Backfokus. Mit einer 30mm und einer 12mm T-2-Verlängerung stimmen also die Abstände. Das heißt, sie würden, wenn die Adapter keine so langen Gewinde hätten, dass die T-2-Verlängerungen dadurch noch einmal 1-2mm mehr Abstand vom Kameragehäuse haben und der Sensor 57mm vom Reducer entfernt ist.
  • Frust 4: Trotz Zugentlastung gibt es immer wieder Unterbrechungen in der Stromversorgung der Kamera. Falscher Stecker? ATIK verkauft das Netzteil ja dankenswerterweise extra, es gehört nicht zum Lieferumfang.
  • Frust 5: Die absolut unintuitive Software von ATIK, die alles anders, aber nichts besser macht. Irgendwann werden die Bilder dann sogar gespeichert, und ich finde raus, wie man das LiveStacking aktiviert.
  • Frust 6: Das Ergebnis nach einer Viertelstunde Live-Stacking…
M1 mit runden Sternen, aber… naja…

Also ganz ehrlich: Das sind zwar schön runde Sterne, aber wirklich toll ist das jetzt auch nicht, verglichen mit 2-5 Minuten am eVscope. Jedenfalls nicht so toll, dass ich es in einer Führung zeigen würde um zu demonstrieren, wie viel mehr Astrofotografie gegenüber dem bloßen Auge zeigt. Ja, mit dem Histogramm wurde der Hintergrund dunkel, aber viel hübscher wurde das Ganze dann auch nicht.

Später in der Bildbearbeitung konnte ich etwas mehr herausholen, aber darum geht es ja nicht – Ziel ist der Live-Eindruck.

Baustelle 4 – Nochmal eVscope 2:

Spaßeshalber hatte ich das eVscope noch einmal daneben gestellt. Einfach nur angeschaltet, nichts nachfokussiert. Um gelegentlich mal durchzuschauen, was es so macht. Und dafür hatte ich nicht das Handy gezückt, sondern einfach nur mal einen Blick durch das Okular geworfen. Ganz unkompliziert im Vorbeigehen.

Und jetzt, nach diesem Abend mit den großen Teleskopen, muss ich mein Urteil revidieren: das Gerät ist oberaffengeil, endlich ein Stück Technik, das genau das macht, was es soll. 

M1 sieht beim Blick ins Okular auch nicht schlechter aus als auf dem Laptop, ein paar andere Ziele waren nett, ein paar waren wie im echten Teleskop beim Heilbronner Stadthimmel abgesoffen und nicht zu sehen, die recht dicken Sterne störten mich im Okular diesmal gar nicht mal mehr so sehr. 

Ich habe die Ergebnisse mal bewusst auf etwa die Größe skaliert, wie sie ohne Zoom im Okular zu sehen waren. Weiterhin unkollimiert, nur einige Tage vorher mal fokussiert.

Krebsnebel M1, Eulennebel M97, NGC 9205 und der Eskimonebel, wie sie etwa im Okular aussahen.

Und das ist das, wofür man den Aufpreis für das elektronische Okular zahlt.

Also ganz offen – da überzeugt mich das eVscope jetzt wesentlich mehr als der ähnlich teure Ansatz mit der ATIK. Da kann ich mich darauf verlassen, dass es bei einer Führung (wenn ich Zeitdruck habe, weil Leute um mich herum stehen) funktioniert und was nettes zeigt. Bzw. das macht, was ich mir erwarte: Es zeigt den Unterschied zwischen bloßem Auge und der Kamera. Ohne dass ich dann noch am Laptop versuchen muss, mit Histogramm und irgendwelchen schlecht dokumentierten Einstellungen ein ansehnliches Bild herauszuarbeiten. Und mich in den wenigen Nächten, die ich im Verein bin, in die Technik einzuarbeiten. Und jedesmal neu fokussieren muss, auch wenn mal alle Adapter vorhanden sind und ich die Kamera nur noch anschließen muss. Ja, die Bilder vom eVscope können weg – aber wenn ich am Teleskop ständig durch’s Okular schaue, sind sie auch verwackelt. So what?

Die Chancen sind gar nicht so schlecht, dass ich jetzt die Anschaffung so eines Geräts befürworte, sobald es etwas billiger werden und in unseren Etat passt. Schon, weil alles zusammen sauber verstaut ist. Ja, das Stativ hängt offen an der Seite vom Rucksack, aber auch da steht Unistellar drauf, sodass man es zuordnen kann, wenn es wo anders eingelagert wird.

Hurtigrute Tag 12: Back to Bergen

Viel gibt es heute nicht mehr zu berichten. Die Wetterprognose sah übel aus, aber ich hatte schon schlimmere Westkapp-Passagen – es war zwar Bewegung im Schiff, aber ziemlich gleichmäßig. Leider war es auch genug, um meine Kabine ordentlich zum quietschen und knarzen zu bringen. Ab halb vier war ich wach, und während die Wellen mich in den Schlaf wiegen wollten, kam die Kabine mit einem Qiiiiiietsch-knarz, quiiiiietsch-krrrrrr dazwischen. Und nein, das waren nciht nur die klappernden Kleiderbügel – die kann man ja in den Schrank legen. Als der Wecker kurz nach sieben klingelte, war ich also alles anderes als ausgeschlafen.

Punktlandung

Florø erreichten wir nur mit geringer Verspätung, was für die letzte Etappe Hoffnung machte. Die Stadt wurde erst 1860 für den Heringsfang gegründet und ist die westlichste Stadt Norwegens; zu sehen gibt es vor allem die Containerstapel und ein Polizeirevier, das mich immer an die alten Lego-Polizeistationen erinnert. Also statt Landgang Duschen, Frühstück und dann finales Kofferpacken. Noch ein paar mal umpacken, und meine Kofferwaage steht bei 22,6kg. Dann in der Kabine umschauen und feststellen, was noch alles fehlt, dann bin ich bei 22,95kg (die vom Flughafen zeigt dann 22,7 an – beim letzten Flug waren Koffer- und Flughafenwaage sich noch einig). Das passt genau zu den 23kg, die KLM ohne Aufpreis gestattet, und mein Rucksack ist auch bis zu m Platzen gefüllt. Ich hätte für den Rückflug natürlich auch die dicke Thermohose anziehen können, aber das wollte ich mir doch nicht antun – und so passt es ja gerade.

Bis 10 Uhr muss der Koffer an den Aufzügen stehen, um später an Land gebracht zu werden, und die Kabine geräumt sein. Ein letzter Kontrollblick: Mist. Ich hatte ja noch einen KAlender gekauft und an die Wand gehängt. Jetzt wird’s wirklich eng… Quetsch, passt.

Ha det brat

Dann war es das mit der Kabine. Das Handgepäck kann im rechten Konferenzraum des Schiffs zwischengeparkt werden, im linken machen wir unsere Abschiedsveranstaltung. Letzte Fragen und gute Wünsche, dann noch ein kurzer Reiserückblick, und das war es dann – das alles bei wieder erwarten ruhiger See, wobei der Captain sich auch immer sehr nah and er Küste hält und wo möglich den Windschutz von Inseln sucht.

Wir sind rechtzeitig fertig, um den hübschen Steinsund durch die Fenster an uns vorbeiziehen zu sehen (wir müssen ja noch aufräumen), während Onkel Heinz den letzten Point of Interest an Deck macht, und dann gibt es vier Stunden lang bis zur Ankunft in Bergen nichts weiter zu tun als Mittagessen, ein letztes Eis im Multe und Abwarten.

Auch der Schiffshund hat genug…

Dazu immer der bange Blick auf die Uhr: werden wir rechtzeitig da sein? Allmählich könnte die Reise zu Ende gehen – das Wetter ist nicht so ansprechend, dass man viel Zeit draußen verbringen wollte. Aber immerhin ist die See überraschend ruhig, und die Temperaturen deutlich im Plus-Bereich. Von dem Schnee, der uns vor eineinhalb Wochen in Bergen begrüßt hatte, ist nichts mehr übrig, stattdessen gibt es das für diese Jahreszeit eher typische Schmuddelwetter.

Letztendlich erreichen wir Bergen mit gerade einmal einer Viertelstunde Verspätung etwa um 15 Uhr. Bis die Gangway unten ist und alle das Schiff verlassen haben, vergeht noch einige Zeit, sodass wir letztlich um 15:40 alle im Bus sind. Dann noch gute 20 Minuten Fahrt bis zum Flughafen, und etwa um 16 Uhr fluten wir die beiden Check-In-Schalter vom KLM. Dann ab durch die Security, und ich habe noch gut 15 Minuten Luft, bevor das Boarding beginnt.

Der Rückflug ist gemütlich: Vor uns sitzt Margit, hinter uns die beiden Ärztinnen aus Mannheim, die zum harten Kern der Nordlichtbeobachter gehörten udn mit denen wir viel Spaß hatten. Amsterdam erreichen wir überpünktlich (der Flugzeug-Captain sollte vielleicht mal bei der Hurtigrute anheuern, dann schaffen wir Reise sogar in zehn Tagen), und am Flughafen trennen sich unsere Wege: Für mich geht es nach Stuttgart, für die anderen nach Frankfurt. Aber wir stehen gleichzeitig an der Startbahn. Dann noch der Rückflug, Auto suchen und ab nach Hause, auspacken, Corona-Schnelltest machen (alles okay) und Feierabend. Uff.

Meine nächste Tour soll im Februar stattfinden – mal sehen wie die Lage dann ist und ob die Reise wieder so schön wird.

Wer selbst auf die Reise gehen will, gebucht werden kann übrigens auch bei unseren beiden Reiseleitern:

Hurtigrute Tag 11: Südlich von Trondheim

Trondheim am Morgen

Über Tag 11 der Reise gibt es nicht viel zu berichten – außer vielleicht, dass Tag 11 der vorletzte unserer 11-tägigen Seereise ist. Die dreieinhalb Stunden am ersten Abend in Bergen zwischen dem Ablegen um 20:30 und Mitternacht zählen als erster Tag des Tagesprogramms; die 11 Tage Reisedauer beginnen also jeweils um 20:30 – und da wir am letzten Tag gegen 14:45 Bergen erreichen, vergehen somit nur 11 Reisetage.

Viel passiert heute aber nicht. In Trondheim gäbe es für Frühaufsteher die Möglichkeit zu einer Stadtrundfahrt, aber um 7:20 bin ich nicht in Ausflugsstimmung. Von den drei Stunden Aufenthalt bleibt somit nicht genug übrig, um einmal in die Stadt zu gehen, also gibt es Frühstück und ein paar Bilder von Deck, während die Dämmerung langsam einsetzt.

Wir legen kurz nach halb zehn ab, während die Richard With schon vor Trondheim rumdümpelt und darauf wartet, dass wir den Anleger frei machen.

Nachdem wir den Anleger verlassen haben, geben wir nicht etwa Gas, sondern werden langsamer: Eine kleine Sicherheitsübung kostet uns eine halbe Stunde. Eigentlich wird sowas ja in Ålesund oder Honningsvåg gemacht, wo das Schiff einige Stunden im Hafen liegt; heute wird in Sichtweite von Trondheim ein Beiboot zu Wasser gelassen, dreht einige Runden ums Schiff und wird dann wieder hochgeholt. Wir witzeln, ob da noch jemand was aus Trondheim braucht, oder ob für die stürmische Fahrt nach Bergen geübt wird…

Norwegen unter Wolken

Anschließend beginnt ein weitestgehend ereignisloser Tag. Wir tuckern durch den Trondheimfjord und das Wetter wird schmuddelig: Zu den Wolken gesellt sich gelegentlich etwas Regen. Ansonsten ist die See noch ruhig, nach Mittag macht sich etwas Seegang bemerkbar.

An Bord gibt es um 10 Uhr einen Vortrag vom Schiff, dann Mittagessen (Altnordischer Pilzeintopf mit Kartoffelbrei) und das letzte Treffen mit dem Expeditionsteam. Onkel Heinz warnt vor bis zu vier Meter hohen Wellen, die uns heute Abend und morgen erwarten – einige Gäste überlegen sich, die Hustadvika auszulassen und mit dem Ausflug ins Marmorbergwerk über Land nach Molde zu fahren. Seegang sind wir auf der Tour ja praktisch noch gar nicht begegnet. Morgen könnte es interessant werden…

Neue Mülleimer

An Bord gibt es sonst wenig neues. In Trondheim kamen lange Kartons an Bord, in denen neue Mülleimer steckten – langsam wird das Schiff durchrenoviert und die alten Eimer ersetzt. Neu im Mülltrennungssystem sind Essensreste; gebrauchte Masken haben weiterhin eine eigene Tonne.

Um 14:45 nutzt Margit die freie Zeit für einen abwechslungsreichen Vortrag über norwegische Weihnachtsbräuche, und das war es dann auch fast schon für heute. Die Zeit bis Kristiansund vergeht mit Gesprächen, und trotz der Rettungsübung kommen wir nur etwas verspätet an – das Schiff hat doch tatsächlich etwas Zeit aufgeholt. Für einen kleinen Spaziergang durch den Ort, an dem uns die Bergwerks-Ausflügler verlassen, ist die Zeit trotzdem etwas knapp – schließlich will der Vortragsraum noch aufgeräumt werden.

Aber immerhin lockert die Wolkendecke in Kristiansund auf, und der Halbmond bietet einen netten Anblick über dem nächtlichen Örtchen.

Auf der Hustadvika

Danach geht es auf die Hustadvika – im letzten August war die Kong Harald hier mit Motorproblemen einige Stunden in Seenot geraten, diesmal geht alles gut – auch wenn der etwas stärkere Seegang einige überredet, zu Reisetabletten zu greifen. Von bis zu drei Meter hohen Wellen ist aber nicht viel zu sehen: Die See wirkt ruhig, nur wenn man am Schiff entlang schaut sieht man, dass das Heck sich doch sichtbar hebt und senkt.

Gegen 20 Uhr passieren wir Bud und biegen in geschützteres Fahrwasser ab. Die Lichter eines Gasterminals bei Aukra zeigen, dass die Fahrt nun erst einmal ruhiger wird. Molde erreichen wir ziemlich pünktlich, der Bus mit den Ausflüglern erreicht auch gerade den Kai, als wir anlegen.

Molde

Und damit beginnt unsere letzte Nacht an Bord so richtig. Die nächsten Häfen – Ålesund um halb eins, Torvik um halb drei und Måloy um halb sechs – sind weitestgehend uninteressant. Wenn es heller wäre, wäre Måløy interessant: Dort begegnen wir der nordgehenden Havila Capella, die nun endlich auf ihre Jungfernfahrt geht. Aber für ein Treffen in der Finsternis stehe ich nicht um die Zeit auf.

Zwischen Torvik und Måløy liegt auch die Stad-Halbinsel mit dem Vestkapp (eigentlich die Halbinsel Kjerringa) und einem Örtchen namens Honningsvågen – fast wie am Nordkapp. Da könnte es stürmisch werden – nicht umsonst wurde jetzt der Bau eines Schiffstunnels beschlossen, um die Halbinsel Stad nicht mehr umrunden zu müssen. Mehrere Meeresströmungen kreuzen sich dort, und uns erwartet ordentlicher Gegenwinf.

Ein Highlight gibt’s am Abend noch: Wir begegnen der nordgehenden Nordnorge. Allerdings ohne Ansage, daher schaue ich ihr nur aus dem Multe zu. Irgendwie scheint sie eine neue Hupe zu haben…

Im großen Ganzen war’s das für die heute. Noch ein paar Bilder tauschen, und dann gehen die meisten ins Bett, bevor wir wieder offene See erreichen. In diesem Sinne schon einmal: Gute Nacht.

Hurtigrute Tag 10: Helgelandküste

MS Polarlys

Schwups, schon sind wir wieder im Süden: Heute früh steht die südgehende Polarkreisüberquerung an. Vorher begegnen wir um halb neun, kurz nach dem Frühstück, noch der nordgehenden Polarlys.

Da wir wieder etwas später dran sind, erreichen wir den Polarkreis mit der Insel Vikingen etwa zehn nach neun. Diesmal ist es auf Deck 5 deutlich voller als bei der nordgehenden Polarkreisüberquerung – jetzt weiß jeder, dass da mehr Platz ist als auf Deck 7. Mitten im Dezember mit Wolken am Himmel ist es aber nicht wesentlich heller als auf der nordgehenden Passage, auch wenn die Uhrzeit jetzt deutlich angenehmer ist. Unscharfe Bilder gibt es trotzdem genug; nicht immer trifft der Scheinwerfer die Kugel.

A propos früh: Irgendwie hat heute die Müdigkeit alle im Griff. Nicht jedes bekannte Gesicht taucht überhaupt vor dem Sonnenaufgang auf…

Am Polarkreis

Das arktische Tradition der südgehenden Polarkreistaufe – ein Löffel Lebertran für alle, und man darf den Löffel behalten! – findet diesmal in zwei Schichten statt: Um 10 Uhr für Deck 3 und 5, anschließend für Deck 6. Wegen Corona wird Abstand gehalten. Die Reaktionen auf den Lebertran schwanken zwischen “nochmal” und “nie wieder, das kann nicht gesund sein”; ich lehne mich lieber an unserem Stammplatz im Multe gemütlich zurück und überlasse das Erlebnis unseren Gästen. Dadurch verpasse ich aber das Geburtstagsständchen, das auf Deck 7 zweimal ertönt.

Davon abgesehen ist es ein ereignisloser Tag. Nesna erreichen wir zehn Minuten nach unserer geplanten Ankunft; am Kai steht ein Leichenwagen und erinnert daran, dass wir nicht nur Fracht und Passagiere befördern, sondern auch immer wieder Särge überführen, wenn jemand fern der Heimat gestorben ist. Nicht jeder kleine Ort hat ein Krankenhaus.

Nesna

Von Nesna geht es unter bedecktem Himmel und auf ruhiger See weiter nach Sandnessjøen, das wir sieben Minuten vor der geplanten Abfahrt erreichen. Über die Durchsage “only a short stay” muss ich dann doch schmunzeln.

Damit haben wir natürlich keine Chance, in Sandnessjøen von Bord zu gehen und einen kurzen Streifzug durch die Fußgängerzone zu unternehmen. Schade eigentlich: Letztes Mal, als ich hier von Bord gehen konnte, gab es eine ganze Reihe von Kunst und Statuen zu sehen.

So bleibt es bei einem Blick vom Schiff. Schön: Im Hintergrund ist die Gipfelkette der Sieben Schwestern zu sehen – die Wolken hängen nicht so tief, dass sie die Gipfel verhüllen würden.

Nachdem wir ablegen, umrunden wir den Hafen und fahren an den Sieben Schwestern vorbei. Die Sage dazu habe ich wohl schon oft genug verbloggt, dass ich sie hier nicht wiederholen muss… Diesmal sei nur gesagt, dass sie gut zu sehen waren und wieder einmal die Fotografen angelockt haben.

Danach schlägt die Müdigkeit zu: Ich verziehe mich für eine Stunde oder so in die Kabine. Die Nächte waren lang und polarlichtreich. Da muss die Helgelandküste heute auf mich verzichten, ich bin ab kurz vor Brønnøysund wieder ansprechbar. Ich brauche Urlaub…

Brønnøysund erreichen wir mit einer Viertelstunde Verspätung; die Abfahrt ist dann wieder pünktlich. Im Ort wird groß gebaut: Das Brønnøysundregister reißt den hübschen, nicht allzu hohen Anbau ab und erweitert wohl. Gut zwei Stunden haben wir im Ort; das genügt für einige Gäste für den Ausflug zur Lachsfarm, der angeboten wird, und mir für einen Gang zum Schild in der Mitte Norwegens, dem neu gestalteten Hafenbecken im Anschluss mit Kletterwand, und dann zum letzten Norwegen-Shopping ins Amfi: Getränke, Weihnachtsschmuck, ein Blick in die Buchhandlung, und dann war es das mit Einkaufsmöglichkeiten: In Trondheim ist Sonntag, und am Montag sind wir ohnehin nur auf See unterwegs.

Zum Abschluss noch ein Softeis (das muss sein), dann geht es zurück aufs Schiff. Um 17:30, fünf Minuten nach der Abfahrt, haben wir den nächsten Termin: Margit und Andreas geben die Infos zu Abreise, Abflug und den ganzen organisatorischen Sachen, die wir übermorgen zu beachten haben. Dann geht es nahtlos weiter zum Abendessen, gefolgt vom gemütlichen Teil mit Handy, Blog und Stricken im Multe auf Deck 7. Der sporadische Blick in den Himmel zeigt nur gelegentliche Wolkenlücken – wir haben also frei.

Rørvik

Rørvik erreichen wir pünktlich und legen sogar überpünktlich ab – folgt mir der Captain etwa auf Twitter? Lästere ich zu viel?

Egal – wann wir morgen früh Trondheim erreichen, ist mir erst einmal egal. Nach Rørvik fahren wir auf die Folda, auf der zwar der Wind pfeift, die aber wellentechnisch sehr harmlos ist. So könnte es bleiben…

Allzu spät wird es für uns heute nicht – einmal ausschlafen wäre doch ganz nett, auch wenn für mich morgen nicht viel auf dem Programm steht. Wer die Ausflüge in Trondheim gebucht hat, muss früher raus.

In diesem Sinn: Allseits eine gute Nacht!

Hurtigrute Tag 9: Vesterålen und Lofoten

Die südgehende Hurtigrute ist der entspannende Part der Reise. Es gibt tagsüber keine großen Städte mehr, und in vielen kleineren Häfen ist der Aufenthalt zu kurz, um von Bord zu gehen.

Harstad

Unser erster Halt des Tages ist Harstad nach Plan um 8 Uhr, wo der erste große Ausflug beginnt: Die Vesterålen-Busfahrt. Die Teilnehmer gehen hier von Bord und steigen zwei Häfen später in Sortland wieder ein. Immer eine schöne Fahrt, aber auch die Seefahrt hat ihren Reiz.

Harstad selbst liegt um diese Uhrzeit noch im Dunkeln, und das Hafengebiet ist weiterhin Großbaustelle. Von der Trondenes-Kirche vor Harstad und der Fontaine im Hafen ist nichts zu sehen. Nachdem die Ausflügler von Bord sind, können alle anderen in Ruhe frühstücken – soweit noch etwas übrig gelassen wurde. Aber keine Sorge: Auf der Hurtigrute musste noch niemand verhungern. Ein paar Lücken im Buffet sieht man aber schon…

Derweil fahren wir in die Dämmerung – Harstad und Svolvær (unser Hafen am Abend) haben bereits Polarnacht, die Sonne geht also nicht auf. Hell wird es trotzdem, die Sonne steht nicht tief unter dem Horizont, und gegen zehn sieht man mehr als genug von der Landschaft. Es ist wie eine Fahrt durch ein überflutetes Gebirge.

Ideal, um einfach aus dem Fenster zu schauen oder auch raus an Deck zu gehen. Das Thermometer hat mittlerweile die 0°-Marke geknackt, es ist richtig angenehm draußen. Sowohl die Bustour als auch die Schiffsreise haben ihre eigenen Reize. Mit dem Schiff erreichen wir in der zunehmenden Helligkeit Risøyhamn. Der kleine Hafen ist nur über eine Fahrrinne erreichbar, die extra für die Schiffe der Hurtigrute ausgebaggert und mehrmals vertieft wurde. Zur Eröffnung war auch der norwegische König vor Ort und hat sich auf dem “Königsstein” am Hafen verewigt, ebenso wie später seine Nachfolger. Je nach Zeit langt der Aufenthalt im Hafen manchmal für einen Spurt zum Stein; heute verzichte ich darauf.

Aber zuerst geht die Fahrt durch die Rinne, die von Leuchtzeichen markiert wird. Dabei ist deutlich zu sehen, wie flach das Wasser neben der Fahrrinne ist; manchmal kann man auch bis an den Grund sehen.

Mit einer großen Wendeschleife verlassen wir dann den Hafen und fahren unter der Brücke hindurch weiter Richtung Sortland, das wir mit leichter Verspätung erreichen. Um 12 Uhr gibt es den Aufruf zum Mittagessen, und etwas später den Aufruf, an Deck zu gehen und den Bussen zuzuwinken, die dann über die Brücke bei Sortland fahren werden, wenn wir darunter hindurch fahren. Das ist immer ein großer Spaß, aber da wir wieder feste Essenszeiten haben, ist die Beteiligung natürlich etwas gering. Volker und ich lassen uns das Vergnügen natürlich nicht nehmen und greifen statt zum Essbesteck zur norwegischen Flagge – Heinz hat dafür einen Vorrat griffbereit. So ist eine überschaubare, aber motivierte Gruppe vorne am Bug, als die drei Ausflugsbusse über die Brücke fahren. Wir winken, in den Bussen blitzen die Blitzlichter auf, wir hupen, die Busse hupen – it’s fun!

Und weil es so schön ist, gibt es noch ein farbenprächtiges Schauspiel in einer Wolkenlücke am Horizont. So kann’s bleiben!

Die Fahrt geht ruhig weiter durch die Vesterålen, bis wir gerade noch rechtzeitig für ausreichend Tageslicht Stokmarknes erreichen. Die gute Nachricht über die Bordsprechanlage: Wir haben einen verlängerten Aufenthalt hier, sodass genug Zeit z.B. für einen Besuch im neuen Hurtigruten-Museum (für 225 NOK) bleibt. Da wir natürlich auch eine Viertelstunde Verspätung haben, ist das also die reguläre Liegezeit von einer Stunde…

Das Museum gehört nicht zu Hurtigruten, sondern wird privat betrieben. Der Schutzbau für die alte Finnmarken steht erst seit einigen Monaten, jetzt ist das alte Hurtigrutenschiff besser vor den Elementen geschützt. Um das zu finanzieren, wurde der Eintrittspreis leider deutlich angehoben – ich bezweifle, dass sich das rentiert. Über 20 Euro sind heftig für die halbe Stunde, die wir hier Zeit haben – keine Ahnung, wie viele Besucher das Museum jetzt noch hat. Zum Glück ist das Gebäude diesmal von innen beleuchtet, sodass man das Schiff auch von außen sieht und nicht nur die spiegelnden Glasflächen.

Den längeren Aufenthalt in Stokmarknes können wir locker ausgleichen, da es mittlerweile dunkel ist – vom Raftsund ist in dieser Tages- und Jahreszeit ohnehin nichts zu sehen, und wir sparen uns auch den Abstecher zur Mündung des Trollfjords . Da waren wir ja schon auf der nordgehenden Route.

So erreichen wir Svolvær pünktlich und können rechtzeitig von Bord gehen: An Bord gibt es Buffet, uns reizt eine Pizza mehr – und dafür bietet sich Svolvær mit zwei Stunden Aufenthalt an. Die Crew haben wir schon öfter ins Du Verden eilen sehen (sehr lecker, aber man sollte vorreservieren), unser Ziel ist diesmal Peppes Pizza. Nur dass die Pizzeria dauerhaft geschlossen hat, und die Scheiben schon das nächste Restaurant ankündigen, das vielleicht irgendwann einmal eröffnet. Mist.

Im Anker

Also ab in den Anker. Die urgemütliche Kneipe gehört zum Scandic-Hotel, das auch die malerischen Rørbua-Hütten vermietet, und ein beliebter Treff, um die Reise ausklingen zu lassen. Obwohl es Samstagabend ist, ist wenig los, und wir erhalten unsere Abschieds-Pizza.

Gegen 20 Uhr sind wir eine halbe Stunde vor der Abfahrt als letzte wieder an Bord – der offizielle Ausflug nach Svinøya war wohl noch kürzer als unser Abendessen. Interessant soll er trotzdem gewesen sein, unsere Gäste bringen uns als Souvenir sogar Stockfisch mit. Da fragt man sich natürlich, was wir auf der Reise angestellt haben, dass wir das verdient haben…

Aber es kann nichts schlimmes gewesen sein, der Abend klingt gemütlich im Multe aus. Langsam rotieren rotieren wir in den grünen Punkt des Polarlichtovals hinein, die Webcam von Abisko (die ähnlich viel Polarlicht sieht wie wir und zuverlässig läuft – ideal für den schnellen Kontrollblick, ohne aufzustehen) zeigt Polarlicht, aber wir sind unter einer geschlossenen Wolkendecke.

Es ist Zeit, in Erinnerungen an eine unvergessliche Reise zu schwelgen: Wisst ihr noch, als lange nachdem tollen Polarlicht, die Durchsage “Beautiful Northern Lights” über die Schiffssprechanlage kam, und alle nach draußen strömten und schon abbremsten, als sie uns ganz entspannt im Multe sitzen sahen? Habt ihr gesehen… ? Und auf der Vesterålen-Rundfahrt? Kirkenes, wo es 30° kälter war als jetzt? Es scheint eine Ewigkeit her zu sein…

Und dann ist es auch schon nach 23 Uhr, der Himmel ist immer noch bedeckt, und es wird langsam Zeit für Feierabend. Die letzten Tage waren doch anstrengend, und man freut sich (ein wenig), morgen wieder den Polarkreis zu überqueren und in Regionen vorzustoßen, in denen die Sonne wieder aufgeht. Bis dahin: Gute Nacht!

Hurtigrute Tag 8: Hammerfest

Ich hatte gestern ja erwähnt, dass langsam alles kaputt geht. Heute ging dann noch der Rolladen meiner Kabine kaputt. Die Kette, um ihn hochzuziehen, reißt. Zum Glück auf einer Dezember-Fahrt, wenn es draußen meist eh nicht viel zu sehen gibt…

Aber nun verlassen wir ja den hohen Norden: In der Nacht waren wir in Honningsvåg und dem Magerøya-Sund, und morgens zum Frühstück legen wir mit etwas Verspätung in Havøysund an. Obwohl wir Berlevåg ausfallen ließen, haben wir wieder eine Viertelstunde Verspätung. Noch werden Wetten angenommen, ob wir rechtzeitig in Bergen ankommen, sodass wir unser Flugzeug erreichen…

Aber das liegt noch in weiter Ferne, ob wohl es jetzt Schlag auf Schlag geht. Im Augenblick stehen andere Probleme auf dem Programm: Unser letzter Vortrag sollte parallel zu Heinz’ Vortrag über Amundsen stattfinden, auch damit die Personenobergrenze bei 150 deutschsprachigen Gästen nicht gerissen wird – aktuell dürfen nur 50 Personen in einen Vortragsraum. Letztlich planen wir um und halten unseren Vortrag bereits um 14 Uhr, so können auch unsere Gäste beide Vorträge besuchen.

Aber bis es soweit ist, gibt es noch einen Interessenspunkt an Deck: Melkøya, die Erdgasverflüssigungsanlage vor Hammerfest, die wir mit einer Viertelstunde Verspätung erreichen.

Fast schneefrei: Mein Bänkchen.

Diese große Industrieanlage ist immer wieder ein interessanter Anblick und kündigt an, dass wir gleich in Hammerfest sind, das in der Bucht dahinter liegt. Aber die Zeit ist knapp: Wer um 12 zum Mittagessen will, hat dank unserer Verspätung nur rund eine halbe Stunde Zeit für die Stadt. Aber als wir von Bord gehen, zeigt sich, dass das Pflichtprogramm eingedampft wurde: Der Eisbärenclub hat heute zu. Pech für alle, die Mitglied werden wollten. Aber so bleibt genug Zeit für ein Foto mit den Eisbären vor dem Rathaus.

Mein Ziel ist wie immer die Bank am Musikpavillon. Nach den letzten Tagen hätte ich hier mehr Schnee erwartet, aber es liegen nur ein paar Zentimeter. Aktuelle Bilder aus Ålesund zeigen, dass der Schnee dort schon weitestgehend aus der Stadt verschwunden ist. Unser Winterwunderland Norwegen war wohl perfektes Timing.

Anschließens geht es ein Stück weit den Zickzack-Weg hinauf, aber nur bis zur zweiten Kurve – danach wird es doch zu heikel, und wir haben ohnehin weniger Zeit als normal.

Dann noch ein kurzer Besuch bei der Kirche, wo gerade eine Beerdigung stattfindet, dann geht es auch schon zurück zum Schiff. Wieder mal nur ein Kurzbesuch in Hammerfest, nachdem wir schon im Oktober zu spät angekommen waren. Und da in Hammerfest heute keine Ausflüge stattfinden, wird auch auf keinen Ausflugsbus gewartet – also legen wir weitestgehend pünktlich gegen 12:45 ab.

Øksfjord

Damit bleibt noch gut eine Stunde bis zu unserem letzten Vortrag über Sternsagen, den ich damit verbringe, meinem Rechner beim Bilder rendern zuzuschauen. Das zieht sich, und vor dem Vortrag unterbreche ich ihn – ich brauche doch ein wenig Rechenpower für die Präsentation; Lightrrom legt sonst alles lahm. So läuft dann alles glatt, und unser Pflichtprogramm ist beendet: Fünf Vorträge, ohne dass wir von schwerer See, Krankheiten, Konferenzen oder anderen unvorhersehbaren Ereignissen daran gehindert worden wären. Und Polarlicht gab es auch genug, um das Nordlichtversprechen überzuerfüllen. Bislang eine traumhafte Reise. Den Großteil des Nachmittags verbringen Volker und ich dann an unserem Stammplatz im Multe auf Deck 7.

In Øksfjord legen wir wieder mit leichter Verspätung an, aber mehr als ein paar Minuten hat der Captain auf der Strecke nicht verbummeln können. Ich mag diesen Hafen: Er hat das wohl beste Echo, wenn das Schiff sein kommen wie üblich mit lautem Hupen ankündigt. Diesmal kriege ich auch fast das gesamte Tröten auf Video – oft findet ein Vortrag in diesem Hafen statt, bevor es auf die oft stürmische Loppa geht. Loppa macht hoppa, wie es so schön heißt – aber diesmal ist sie angenehm ruhig. Kaum zu glauben, dass über den britischen Inseln der Orkan Barry wütet.

Neue Mülleimer.

Die Wetterprognose für heute Abend sieht zumindest für Skjervøy gut aus, Richtung Tromsø sollen Wolken aufziehen. Allerdings ist das Weltraumwetter zu ruhig: Das Polarlicht fällt heute aus, auch wenn wir uns bereit halten. Aber das Polarlichtoval ist verschwindend gering, und es gibt kein Polarlicht. Nur eine Italienerin (?) auf Deck 5 knipst begeistert die Abgasschwaden aus dem Schornstein und glaubt uns kein Wort, dass das nur aus unserem Schornstein kommt und ihr “Polarlicht” hinter ihr stünde, wenn sie von der Mitte des Schiffs zum Heck gehen würde. Naja, des Menschen Glaube ist sein Himmelreich.

So ist das einzig neue, was es zu sehen gibt, der Vergleich zwischen alten und neuen Mülleimern, die an Deck installiert werden. Die Schiffe sind Arbeitsschiffe. (Mein Rollo wurde übrigens auch schon repariert. Fein, fein.)

Gute Nacht aus Tromsø

Wir machen somit früh Feierabend, ich komme noch einmal zum Bloggen, und mit 20 Minuten Verspätung erreichen wir um 0:06 den Kai in Tromsø. In Corona-Zeiten war aber ohnehin kein Kneipenbummel geplant, und das Mitternachtskonzert findet auch nicht statt – ein guter Zeitpunkt, um Feierabend zu machen.

Hurtigrute Tag 7: Kirkenes

Okay, das ist jetzt offiziell meine kälteste Tour. -23° sind für Kirkenes vorhergesagt – und als ich frühmorgens an Deck gehe, laufe ich in eine Nebelwand. Ich habe es gerade verpasst, wie die Kong Harald in ihr verschwindet. Das Meer dampft, und bis knapp über Deck 7 stecken wir im Nebel.

So kalt es auch ist: Was für ein faszinierender Anblick, und was für eine Lichtstimmung! Zum Frühstück haben wir heute offene Sitzung, das heißt, man kann prinzipiell jederzeit kommen. Ganz wie früher.

Alle Mann von Bord

Wir erreichen Kirkenes mit leichter Verspätung. Zum ersten Mal seit Jahren mache ich mal wieder einen Ausflug: Ziel ist das Schneehotel. Dabei kann man gleich noch bei den Huskies und einem Rentiergehege vorbeischauen, was das zu einem netten und relativ günstigen Ausflug macht (rund 120 € – günstig ist in Norwegen und auf der Hurtigrute relativ. Nur die großen Tafeln Freija-Schokolade sind gerade recht preiswert).

Von den 200 Passagieren an Bord verlassen uns nur die wenigstens, und es kommt auch kaum jemand neu an Bord. Wir bleiben also unter uns – in diesen Zeiten ist das gar nicht schlecht.

Zu den Huskies!

Wie üblich verlassen fast alle das Schiff und machen Ausflüge – Schlittenhunde, Schneehotel und Russische Grenze sind die beliebtesten; Snow Mobile fahren findet zurzeit nicht statt. Wahrscheinlich sind die Fjorde noch nicht ausreichend dick zugefroren, als dass die schweren Schneemobile nicht einbrechen könnten.

Aber auch so gibt es genug Angebote für jeden (sogar die Wanderung mit dem Expeditionsteam findet statt, während die Wanderung in Bodø wegen Kälte abgesagt worden war), und die Busse sind randvoll gefüllt. Auch hier schlägt der aktuelle Mangel an Busfahrern zu – einige haben sich während der Flaute der letzten zwei Jahre wohl auch neue Jobs gefunden, deshalb gibt es gerade in Honningsvåg keine Taxis zum Nordkap mehr.

Etwas mulmig ist einem ja schon, wie man dicht gedrängt im Bus sitzt. Aber bislang gab es der Kong Harald kein Corona, also sollten wir sicher sein.

Die Fahrt geht ein Stück durch die Stadt raus zum Schneehotel, unser Guide Timo erzählt zwischendurch ein wenig über Kirkenes und das Schneehotel – seit zwei Jahren schmilzt das Hotel nicht mehr im Sommer, sondern kann dank Klimaanlage das ganze Jahr über betrieben werden. Am Schneehotel angekommen erhalten wir nicht wie üblich erst im Freien die Begrüßung, sondern gehen direkt in das Hauptgebäude. Der kurze Weg langt, dass einem gut kalt wird. Das Schneehotel selbst besteht immer noch aus einem großen Iglu, in dem mehrere Zimmer mit unterschiedlichen Dekorationen sind. Zu den Betten gibt es natürlich gescheite Schlafsäcke, nur die Toilette ist im Hauptgebäude. Die Deko schwankt zwischen hübsch und kitschig, mit viel Anleihen an Disney.

Noch weit beeindruckender als das Schneehotel ist aber die winterlich-eisige Landschaft.

Bei knackiger Kälte und absolut klarer, trockener Luft wirkt das ganze sehr arktisch. Der Haken: Es ist arktisch kalt. Bei dem Besuch am Rentiergehege macht sich die Kälte in den Schuhen bemerkbar, bei den Schlittenhunden streikt meine Kamera, und als wir wieder in das Schneehotel gehen, um die Zimmer in Ruhe zu fotografieren, läuft die Kameralinse sofort an.

-27° Celsius.

Im Schneehotel gibt es noch ein heißes Getränk und ein Würstchen, und dann noch eine weitere Chance, sich auf dem Gelände umzuschauen und den Schlittenhundenfahrern beim Einlaufen zuschauen.

Dabei finden wir auch ein Thermometer: -27° Celsius. Kein Wunder, dass sich das so kalt anfühlt und alle pünktlich wieder eng zusammengekuschelt im Bus sitzen…

Auf dem Rückweg machen wir noch einen kurzen Stop bei dem Aussichtspunkt oberhalb der Stadt (also der Straßenkurve, an der ich zu Fuß schon ein paar Mal war), Fotos von Kirkenes machen.

Zehn Minuten vor der geplanten Abfahrt sind wir dann wieder am Schiff. Der Kiosk am Hafen ist heute zu, also keine Chance mehr, in den Kiosk zu schauen oder das Schiff von vorne zu fotografieren.

Also ab ins gemütliche Schiff zum Aufwärmen. Da will man gar nicht wissen, wie sich die Polarforscher in früheren Zeiten gefühlt haben, oder auch nur die Sami im Inland, wo der Golfstrom noch weiter weg ist und der Wind aus ungebremst aus Sibiren bläst…

Der Rest des Tages wird für uns entspannt: Die Überfahrt nach Vardø ist sehr ruhig und dunkel, genug Zeit, um ein paar Dinge aufzuarbeiten und zu bangen, ob wir Vardø rechtzeitig erreichen. Es wäre schön, mal wieder beim Steilneset Hexendenkmal vorbeizuschauen…

Oh Wunder: Wir legen pünktlich in Vardø an! Haben wir einen neuen Captain? Egal – das bedeutet 55 Minuten Aufenthalt, abzüglich der zehn Minuten, die man vorher wieder an Bord sein soll. Also Spikes an, raus aus dem Schiff und zügig losmarschieren. Als wir an der Festung Vardøhus ankommen, haben wir bereits alle anderen Passagiere abgehängt, und dann geht es querfeldein Richtung Steilneset. Den Tausendjahrstein finden wir in der Dunkelheit, dann nur noch rechts abbiegen und weiter Richtung Hexendenkmal: Geschafft! Nur der Türgriff fehlt am hinteren Eingang, aber wir kriegen die Tür auf. Zu viert ist das Hexendenkmal nicht ganz so eindrucksvoll wie bei meinem ersten Besuch, als ich hier alleine im Sturm war – aber eindrucksvoll ist es immer wieder. Ein Licht für jedes Opfer der Hexenverbrennung.

Einmal stracks durch das Monument und noch ein Besuch bei dem brennenden Stuhl am Ende des Steilneset, und dann zurück zum Schiff. Ein Blick auf die Uhr: Wenn man den Weg kennt, ist das Steilneset also in 35 Minuten machbar – gut, dass ich bei besserer Sicht schon ein paar Mal üben konnte. Uff. Wir hätten sogar noch fünf Minuten länger bleiben können:-)

Pünktlich zum Ablegen hält Andreas einen Vortrag über Norwegen von A bis Å, der auch fast pünktlich zum Abendessen fertig ist. Beim Abendessen gibt es News: Es gibt neue, alte Corona-Regeln. Heute gab es zu Frühstück und Mittagessen erstmals freie Essenszeiten, ab morgen gelten wieder feste Essenszeiten, verstärkte Maskenpflicht und ein Limit von 50 Personen pro Vortragsraum. Es gilt, mehr Abstand zu halten, auch der Alkoholausschank ist eingeschränkt.

Anschließend heißt es Polarlichtwache, der Himmel ist sternklar – dummerweise ist es auch ziemlich windig. Aber es lohnt sich: Nach Båtsfjord wird es interessant. Der Kp-Index dümpelt zwischen 0 und 1, aber ab 21 Uhr bildet sich der berühmte grüne Bogen, und das Polarlicht entwickelt sich. Was die Sache unangenehm macht: Gestern hatten wir das Polarlicht genau hinter uns und standen so windgeschützt am Heck der Kong Harald. Jetzt fahren wir in die andere Richtung und haben das Polarlicht vor uns. Am Heck ist es daher bei dem kalten Wind einigermaßen erträglich, während man es am Bug nicht aushält.

An Deck tummeln sich die üblichen Verdächtigen (weniger als ein Dutzend), und irgendwann zieht es einige doch an den Bug, wo die Action ist – ich montiere meine Nikon vorne an der Reling, bevor ich mich wieder zurückziehe und mich darauf beschränke, alle 20-30 Minuten die Serienbilder neu zu starten. Nach 8991 Bilder ist leider Schluss mit einer Aufnahmesequenz. Meiner kleinen Panasonic gönne ich heute Ruhe – die verträgt die Kälte nicht so gut.

Als ich meine Kamera nach eineinhalb Stunden abbauen will und vorne an den Bug gehe, entscheide ich mich um: Es sieht doch noch einmal gut aus.

Letztlich harren wir bis kurz nach 22 Uhr am Heck aus, bis das Polarlicht eine wirklich schöne Aktivität zeigt – ziemlich genau dann, als wir Berlevåg anlaufen sollten, allerdings lassen wir diesen Hafen heute aus. Dann packen Volker und ich es, als die Polarlichtaktivität wieder nachlässt. Meine Schätzung ist, dass es im weiteren Verlauf der Nacht immer wieder kleinere Ausbrüche geben wird, und ansonsten ein eher ruhiges Band – es ist einfach zu wenig Materie unterwegs, als dass man sagen könnte, wann es wieder losgeht.

Also gehen wir wieder rein, um kurz darauf von Anja herausgeholt zu werden: Jetzt gibt das Polarlicht sich noch einmal ein paar Minuten Mühe und bedeckt fast den ganzen Himmel. Chic. Gut, dass meine Kamera noch vorne arbeitet…

Gerade einmal acht Minuten dauert die Show, vom unscheinbaren Band über einen flammenden Himmel wieder zum unscheinbaren Band.

Dann machen wir endgültig Feierabend: Es ist zwar mittlerweile nur noch knapp über 10° unter Null, aber langsam ist man doch durchgefroren, und der Wind treibt uns zurück. Eine letzte Herausforderung noch: Meine Kamera demontieren, bei heftigem Seitenwind. Aber sie geht nicht über Bord, und die lange Nacht der Bildbearbeitung beginnt. Eigentlich macht mein Rechner das automatisch über Nacht, aber allmählich ist die ganze Technik am Ende: Die Panasonic streikt immer wieder mal, LRTimelapse musste ich schon neu installieren, Lightroom importiert keine Videos mehr, meine Handykamera wird vom Rechner nicht mehr erkannt, und um halb eins macht mein Computer dann auch noch Feierabend und beendet den Bilderexport selbstherrlich. Nur die Nikon ist ein perfektes Arbeitspferd, da hat nur ein Ersatz-Akku den Lockdown nicht überstanden. Das Video wird daher erst am Donnerstagabend fertig – aber ich komme auch erst am Donnerstagabend zum bloggen, daher hier das Ergebnis: