Es ist soweit: Heute Abend ist SoFi angesagt! Damit steht wohl Verkehrschaos in Spanien an. Aber es ist schön klar, und wir entscheiden uns, heute in der Gegend zu bleiben, bevor wir doch irgendwo im Verkehr stecken bleiben.
Das erste Ziel: Das benachbarte Kloster, Monasterio de Veruela, dessen mächtige, zinnenbewehrte Mauer schon aus weiter Ferne zu sehen ist. Der Parkplatz ist leer, das Tor ist zu: Die machen erst um 10 Uhr auf. Wir sind zu früh.
Also ziehen wir weiter nach Trasmoz, der einzigen exkommunizierten Stadt der Christenheit. Der dortige Fürst wollte sich dem Kloster nicht unterordnen, und das Kloster verursachte diese drastische Strafe. Kein Wunder, dass das Kloster so eine wehrhafte Mauer hat…
Weit kommen wir in Trasmoz aber nicht: Die Ortszufahrt ist abgesperrt, SoFi-Jäger sollen den extra eingerichteten Parkplatz am Ortseingang nutzen. Wir halten kurz auf dem trockenen Gras für ein paar Fotos. Bei dem Wetter hoch zum Burgberg gehen? Lieber nicht – besser eine Fahrt um den Moncayo herum.


Der Moncayo ist ein großes, bewaldetes Naturschutzgebiet. Dementsprechend viele Bäume sehen wir auf der Fahrt um den Berg, sowie nur wenige Wanderparkplätze ohne Aussicht. Mitten im Moncayo gibt es ein Info-Zentrum bei Agramonte, das aktuell von unzähligen Fliegen bewacht wird.
Irgendwann verlassen wir den Wald und kommen auf eine Hochebene im Nordwesten, die ein alternativer Standort für die SoFi-Beobachtung sein könnte – wenn es denn Parkplätze gäbe. Aber an der Straße gibt es keinerlei Haltemöglichkeiten, bis wir mit San Martin de la Virgen de Moncayo das erste Örtchen erhalten. Hier gibt es nicht viel zu sehen, man könnte ein paar hundert Meter zu Aussichtspunkten gehen. Aber viel mehr als auf der Herfahrt dürfte man da auch nicht sehen.
In Santa Cruz de Moncayo fahre ich in den Ort. Dort gibt es – wie ich später sehe – sogar ein Castillo und ein Museum, aber der Calla Mayor – die Hauptstraße – ist so eng, dass ich froh bin, wieder aus dem Ort herauszukommen. Uff. Dabei ist der Focus gar kein so großes Auto…
Von Santa Cruz de Moncayo sind es nur noch wenige Minuten bis Tarazona mit dem mittlerweile wohlbekannten Mercadona-Supermarkt. Von dort geht es zurück zum Kloster de Veruela, das jetzt auch offen hat. Wir treffen die dänische Mitbewohner unseres Castillos und schauen uns die ausgedehnte Klosteranlage an. Der Eintritt: Eine Handvoll Euro. Spanien ist da wirklich sehr human.






Hinter der mächtigen Umfassungsmauer verbirgt sich ein recht leerer Palast, der als Museum dient, die Kirche mit Kreuzgang und anschließenden Gebäuden, die besichtigt werden kann, sowie ein weiterer Gebäudekomplex, der nur von außen besichtigt werden kann. Dazu ein Olivengarten, Weinbaumuseum und einiges mehr.
Gegen Mittag verlassen wir das Kloster und beenden das Tagesprogramm. Über uns: Klarer Himmel, und eine fette, dunkle Wolke über dem Moncayo, Richtung Sonnenuntergang. Was zum Geier macht die denn da!
Leicht besorgt fahren wir zurück nach Añón. Vor dem Ort thront der Nachbarort Alcála trutzig auf einem Bergsporn, aber ich bekomme wieder kein Bild hin – anhalten geht nicht, hinter uns ist ein Auto. Und an unserer Burg ist kaum noch ein Parkplatz frei, ich quetsche mich an den Straßenrand.
Der Rest des Nachmittags ist nervenaufreibend. Irgendwie sind wir beide zu kaputt, um noch einen alternativen Beobachtungsplatz zu suchen. Kurz was Essen, und in purem Aktionismus renne ich alle halbe Stunde hoch auf den Burgturm. Groß Lust, jetzt noch eine Parkmöglichkeit auf der anderen Seite des Gebirges oder gar im Ebrotal zu suchen, habe ich nicht (habe ich schon erwähnt, dass es heiß ist?)
Aber Failure is not an option – es kann doch nicht sein, dass wir die einzigen wären, die in Zentralspanien nur eine Wolke vor der Sonne sähen statt des Mondes.
Aber es geschehen noch Zeichen und Wunder, gegen 18 Uhr ist der Himmel fast wolkenlos – da kann ich das riskieren, hier zu bleiben. Also gehe ich schon einmal hoch auf den Turm und baue mein Geraffel in einem Eck auf.
Das sieht erst einmal chaotisch aus… ich stelle ein kleines Tischstativ zwischen die Zinnen. Darauf ist meine Nikon D7100 mit 30mm Objektiv, sowie ein Mini-PC samt Akkupack und GPS-Empfänger, um die Kamera vollautomatisch zu steuern. Worauf ich besonders stolz bin: Der Sonnenfilter ist motorisiert und wird zusammen mit der Kamera von Eclipse Orchestrator gesteuert. Ebenfalls auf dem Stativ ist ein altes Handy, um einen Zeitraffer der SoFi zu machen. Ich stelle die Kamera scharf und überprüfe alle per Laptop, danach fasse ich die Kamera nicht mehr an. Dann das Handy: Auf den Horizont fokussieren, den Fokus sperren, Powerbank anschließen und den Zeitraffer starten. Nicht mehr anfassen.
Dann der Dwarf Mini, mein Smartteleskop für die Detailaufnahmen. Ich habe genug Platz, um ihn auf ein richtiges Stativ zu stellen, und stelle erfreut fest, dass ich das Stativ vom großen auf das kleine Fotogewinde umbauen kann – ich brauche keinen weiteren Adapter. Den Baader-Sonnenfilter draufsetzen, es so ausrichten, dass es den Sonnenuntergang noch sehen kann (hoffentlich), und schon mal einen Zeitraffer starten. Nach einer halben Stunde, wenn es auf Betriebstemperatur ist, noch einmal fokussieren. Während der SoFi lasse ich meine Handy mit dem Dwarf verbunden und kann den Verlauf so verfolgen. Und halleluja – vor zwei Tagen gab es noch ein Firmware-Update, aber er funktioniert trotzdem noch und führt die Sonne sauber nach.

Ein letzter Schritt: Die Panasonic kommt auf ein normales Stativ. Noch den Fernauslöser und was zu trinken aus dem Zimmer holen sowie eine Ablage zwischen die Stativbeine spannen, um dann alles in Reichweite zu haben. Die Kamera ist so eingestellet, dass der manuelle Modus Diamantring und Perlschnur abdecken sollte, und die beiden Custom-Modi alle Helligkeiten der Totalität. So muss ich nur noch den Filter hochklappen (so vergesse ich auch nicht, wo ich ich abgelegt habe), an einem Rädchen drehen und den Fernauslöser drücken.
Was fehlt noch? Ich habe noch eine Infrarot-Kamera dabei, das könnte bei dem Sonnenstand interessant sein. Fokussieren und Bracketing-Modus aktivieren, um nur einmal abdrücken zu müssen. Dazu ein Fernglas mit integriertem Sonnenfilter (Celestron Eclipsmart), die SoFi-Brillen und ein Graufilter für das Handy, um damit rumzuexperimentieren. Alles da, und die Technik scheint zu laufen. Aus Heilbronn und von den anderen Kollegen in Spanien und Mallorca kommen auch die ersten Whatsapp-Bilder. Es geht los, und langsam füllt sich auch der Turm. Etwa 15-20 Leute sind da, einige Gäste haben wohl noch einen anderen Standort gesucht. Ein Gast fragt mich – nachdem ich mit der ganzen Technik wohl kompetent aussehe – ob der Standort passt. Ich kann ihn beruhigen, wir sind hier optimal, und die Wolken sind auch weg. Auf einem Hügel vor der Stadt sammeln sich die Einheimischen, und auf dem Turm kommt der Burgherr Curro mit Cervesa und SoFi-Brillen. Ich komme mit Dänen und Amerikanern ins Gespräch, letztere spendieren ebenfalls eine Runde Cervesa nach der anderen, während wir den Schatten der Burgmauer genießen
Und der Himmel bleibt perfekt wolkenlos, während die Sonne langsam vom Mond bedeckt wird. Gerade mal eine Stunde dauert das, etwa von 19:30 bis 20:30. Auf dem Handy verfolge ich das Bild vom Dwarf ganz bequem, der Blick durch die SoFi-Brille bestätigt den Livestream, und die Kamera klickt etwas unregelmäßig aber beständig vor sich hin.
Kurz vor der Totalität wird das Licht dann seltsam, aber die Sonne ist immer zu hell, um direkt hinzuschauen. Sie geht hier zwar direkt nach der Totalität unter, aber über dem Berg in rund 6° Höhe gibt es doch keine Abschwächung wie bei einem Sonnenuntergang am Horizont.
Dann wird das Bild der dünnen Sichel auf dem Dwarf überbelichtet, und aus dem Augenwinkel habe ich ohne Brille den Verdacht, dass man langsam eine Sonnensichel sieht – aber es ist zu hell, und ich höre auf meine Reflexe, nicht hinzuschauen. Auch die schmale Sonnensichel kann Augenschäden verursachen, wenn man hinstarrt.
Den Mondschatten bemerke ich nicht, erst auf dem Zeitraffervideo vom Handy sehe ich später, was gemeint ist: Nichts auf dem Boden, sondern dunkler Himmel, der von rechts nach links kommt. Das Handy hatte automatische Belichtung aktiviert, daher ist er während der Finsternis wieder heller.
Meine DSLR klickt und öffnet den Sonnenfilter, es ist Zeit für Diamantring und Perlschnur – sobald die Sonne nicht mehr blendet, kann die Brille runter. Ich klappe den Filter von der Panasonic hoch und lasse den Fernauslöser rattern, während ich Richtung Sonne schaue: Wow.
Mir fehlen echt die Worte.
Ein kurzer Diamantring, und dann steht die Sonne wie ausgestanzt über dem Berg, umgeben von der Korona.
Einfach irre. Muss man gesehen haben.

Korona über dem Berg
Ich denke daran, die Belichtung der Panasonic immer wieder zu ändern, während ich den Fernauslöser drücke, aber die IR-Kamera vergesse ich komplett, Auch kein Verlust, ich habe die ganze Technik aufgefahren, um das sehen zu können, und das funktioniert. Eineinhalb Minuten Totalität sind nicht viel. Irgendwann während der Totalität hängt die Nikon sich auf, aber das ist auch egal: Sie macht die beiden Bilder oben, von denen das untere dem Anblick mit Auge näher kommt. Und kurz darauf ging die Sonne eh unter. Die Nikon liefert trotzdem genug Bilder für einen schönen Zeitraffer:

Ich hätte den früher starten sollen, um das Bild besser zu füllen, aber mir gefällt es auch so.
Die Ausbeute der Panasonic ist auch mehr als okay:












Perlschnur, Diamantring, Korona, Berg im Vordergrund, und genug Zeit zum selber schauen. Perfekt, auch wenn die Kamera einiges in JPG statt RAW aufgenommen hat – aber da will ich gar nichts nachbearbeiten.
Hier noch das Ergebnis vom Dwarf, gekürzt auf die Minuten rund um die Totalität:
Dafür, dass das vollautomatisch lief und der Filter die ganze Zeit drauf war, bin ich sehr zufrieden. Der einzige Nachteil: Das Handy ersetzt schon seit Jahren meine Armbanduhr, und da es den Livestream zeigt, habe ich keine Uhr. Aber egal, das Bild ist schöner. Was will man mehr?
Das ganze nochmal natürlich, und genauso deluxe – der Heimweg sind ein paar Treppenstufen, ganz ohne Stress. Beim Warten auf die Finsternis den Schatten der Burgzinnen genießen, und dann in aller Ruhe abbauen und den Abend ausklingen lassen. Perfekt Ich muss zugeben: An die Tränen des Laurentius (den Sternschnuppenstrom der Perseiden) in dieser Nacht denke ich nicht mehr. Aber San Lorenzio wird mich noch einholen.
Stattdessen mache ich am Laptop schnell die beiden Zeitrafferbilder und kümmere mich um die Kamera, die ich in Heilbronn gelassen habe. Die Zeitung hätte gerne Bilder, und das Ergebnis passt auch:



Dass der Sonnenprojektionsschirm in Heilbronn so gut funktioniert hat, freut mich auch.
Fazit? Ich bin immer noch sprachlos. Das alles gerne nochmal, und gerne länger. Jetzt kann ich den Urlaub auch endgültig genießen, jeglicher Erfolgsdruck ist erledigt, wobei ich das ohnehin entspannt angegangen war. Ich hatte genug bedeckte Beobachtungsnächte, um astronomische Misserfolge zu kennen. Aber so war es perfekt.














