Hurtigrute Tag 7: Kirkenes & Nordlicht!

Der sonnige Hafen von Kirkenes

Das war’s: Kirkenes. Halbzeit. Ab heute werden wir zur südgehenden Hurtigrute und haben immer noch kein Polarlicht gesehen, bis auf den Hauch bei Skjervøy, und der zählt nicht. Genauer gesagt: Für die Polarlichtgarantie von Hurtigruten zählen die Einträge im Captains Log, nicht die in Alex’ Blog.

Aber fairerweise: Als Urlaubsreise war das bislang gar nicht so schlecht: Keine schwere See, keine ausgelassenen Häfen (anders als die Nordnorge hinter uns), keine Katastrophen, kein verlorenes Gepäck, und durchaus schöne Tage für Ausflüge. Aber wir sind ja nicht zum Vergnügen hier, sondern um Nordlicht zu sehen. Heute gibt es aber erst einmal Kirkenes zu sehen. Am Schneehotel mit der Huskyfarm und den Rentieren war ich letztes Mal, und die russische Grenze hat prinzipiell auch ihren Reiz, aber stattdessen geht es wieder einmal nach Kirkenes. Das tief verschneite Städtchen ist wie gewohnt sehr ruhig, und die Uhr der Kirche scheint noch kaputter zu sein als normal – waren die Zeiger schon immer so kurz?

Neu ist ein großes Fragezeichen mitten im Ort – das Fremdenverkehrsbüro ruft zur Suche verschollenen Baby-Fragezeichen auf, entweder per App oder per Zettel, der an der Touri-Info erhältlich ist. Mein Verdacht: Die stecken im Schnee… Das Russendenkmal und das für die Kriegsmütter fallen mehr auf.

Besonders viele Sehenswürdigkeiten hat der Ort sonst nicht zu bieten, daher lande ich bald recht im Amfi Einkaufzentrum. Beim Einkaufen zeigt sich: Das Tax Free System wird auf App umgestellt, jetzt muss man seine Kredikartendaten – samt Sicherheitscode – in einer App eingeben. Mal was neues… aber nur mäßig vertrauenserweckend.

Auf dem Rückweg steht noch Proviant einkaufen auf dem Plan: das Rema am Anleger existiert nicht mehr; ein Stück weiter weg gibt es einen Europris (der von allem etwas hat) und ein Spareland, in dem ich nicht war. Zu beiden ist es ein etwas weiterer Weg, aber sie sind nicht zu weit abseits. Die Schokoladenpreise sind aber nicht besonders günstig.

Langsam wird es zur Gewohnheit, dass wir tagsüber schönes Wetter haben und abends Wolken: Der Vormittag war für die Ausflüge wie die Hundeschlittentour optimal, aber als wir über den Varangerfjord nach Norden fahren, nehmen die Wolken immer mehr zu.

In Vardø ist der Himmel dann 50/50 mit strahlendem blau und drohendem Grau. Wir kommen sogar fast pünktlich an, aber bis die Gangway offen ist, vergeht wieder einmal eine Viertelstunde. (Ja, ich weiß – wäre man jetzt auf der alten Lofoten, wo einfach nur die Gangway an die Reling gelehnt wurde… aber wir sind ja in der Zukunft.) Also langt es doch nur für die Festung Vardøhus und nicht für das Hexendenkmal. Eine neue Baustelle sorgt für eine zusätzliche Verzögerung, sodass es bei einem Blick auf das Steilneset bleibt, und einem kurzen Gang durch die Festung.

Nach dem Ablegen habe ich um 17:15 meinen nächsten Vortrag, über den Mond. Krater, Schluchten, Wälle sind das Thema, und passend dazu ist die Barentssee sehr unruhig. Ich hatte hier schon ruhigere Fahrten, auch bei mehr als den aktuellen zwei Metern Wellenhöhe. Aber fast alle halten bis zur Polarlichtprognose durch. Polarlicht: Mau. Wolken: Nur eines von drei Wettermodellen ist halbwegs optmistisch und prophezeit Wolkenlücken. Ich bin skeptisch, aber bereit, und lasse das Abendessen ausfallen. Andere genießen mit Günter ein Königskrabben-Essen um 19 Uhr.

Alle halbe Stunde schaue ich raus: Sternklarer Himmel ohne Grün, dann Wolken, dann sternklarer Himmel, dann Graupelschauer, bei dem ich die Augen nicht aufkriege. Als wir Båtsfjord erreichen, gönne ich mir einen Burger im Bordbistro. Auf der Nordkapp gab es im Bistro Rabatt, wenn man Vollpension hat, hier nicht.

Es kommt, wie es kommen muss: Kurz vor dem letzten Bissen, mitten in Båtsfjord, kommt die Durchsage: Nordlicht! Erspäht hat es jemand aus meiner Gruppe – da habe ich wohl alles richtig gemacht:-) Also rasch auf Deck 9, meine Nikon an die Reling klemmen, so gut das geht. Die Trollfjord hat eine dickere Reling als die älteren Schiffe, da gibt es nicht so viele Optionen. Was aber immer funktioniert: Keine 10 Sekunden später steht ein Engländer vor dem Objektiv, das über das Deck gerichtet ist. Auf meine Bitte, zur Seite zu gehen, erklärt er mir, dass das Polarlicht auf Deck 6 viel schöner zu sehen ist, weil es da dunkler ist. Und was machst du dann vor meiner Kamera???

Zeitraffer

Da ich mit der Kamera beschäftigt bin, verpasse ich etwas Show, aber das ist okay: Über uns leuchtet ein schön strukturierter Bogen, in dem es auch Bewegung gibt. Dann kommen Wolken, und immer wieder größere Wolkenlücken. Båtsfjord verlassen wir mit deutlicher Verspätung und nehmen noch einen Schneesturm mit, der in Minutenschnelle den klaren Himmel ersetzt. Das Spiel zieht sich dann den ganzen Abend, mindestens bis Berlevåg: Schneegestöber und Wolkenlücken mit Polarlicht, das teils so hell ist, dass ich es sogar mit dem Handy filmen kann. Eigentlich eine Unverschämtheit, was so ein Smartphone heute leistet.

Zeitraffer

Von dem Wellengang auf der Barentssee und dem glatten Deck ist das eigentlich fast ein perfekter Abend: Das Polarlicht ist lange genug sichtbar, dass jeder eine Chance hat, es zu erspähen; es ist nicht nur ein langweiliger Bogen, den ich dann als etwas tolles verkaufen muss, sondern hell und zeigt deutliche Aktivität, mit etwas Tanz und Rot – was will man mehr? Na klar – man will mehr! Aber immerhin kann jetzt jeder sagen, dass er Polarlicht gesehen hat.

Zeitraffer

Dabei geht die Schiffsbegegnung mit der nordgehenden Nordnorge fast unter – ich sehe sie nur an uns vorbeiziehen, als ich eine Polarlichtpause nutze, um bei dem Seegang einmal nicht mittschiffs am Pool zu stehen. Gegen halb elf mache ich das letzte Bild, wenig später kommen auch die ersten Crew-Mitglieder, die den Pool, zur abendlichen Entspannung nutzen – es sei ihnen gegönnt! Ich füttere lieber den Rechner mit Bildern, damit es wieder ein hübsches Filmchen gibt.

Da wir immer wieder starken Schneefall haben, gibt es diesmal einige kleine Zeitrafferfilmchen. Viel Spaß damit!

Zeitraffer

Hurtigrute Tag 6: Nordkap

Mittlerweile sind wir ganz im Norden: Havøysund ist unser erster Hafen bei Tageslicht, oder Hawaiisund, wie das Fischerörtchen auch liebevoll genannt wird. Hier sollen wir der südwartsgehenden Hurtigrute Polarlys begegnen, mit der Gruppe von Margit und Tim. Da muss natürlich eine Winkekonkurransje gemacht werden, und ich hatte am Vorabend schon alle gebeten, um 8:20 an Deck zu sein.

Wer fehlte, war die Polarlys. Laut Marinetraffic hängt sie noch in Kirkenes rum, aber Marinetraffic hat (genau wie Flightradar) in letzter Zeit öfter mal Probleme. Aber wozu gibt es hierzulande fast überall Handy-Empfang? Die Polarlys ist unterwegs, hat Honningsvåg aber mit einer Dreiviertelstunde Verspätung verlassen. Ein Fehler, denn nun laufen wir zuerst Havøysund an, während die Polarlys erst hinter uns am Horizont auftaucht. Und sich auf eine längere Wartezeit gefasst machen darf. Zuerst einmal legen wir gewohnt behutsam an (mit Beschwerde vom Hafenarbeiter, dass das Schiff zurückfahren und am statt vor dem Kai halten soll), und dann haben wir viel Fracht, deren Verladung sich zieht. Derweil dreht die Polarlys ihre Runden.

Die Trollfjord

Mit einer Dreiviertelstunde Verspätung verlassen wir endlich Havøysund, winken einander zu und nehmen Kurs auf den Magerøyasund. Danach tauschen wir untereinander noch Bilder aus – wann hat man sonst die Gelegenheit, Bilder des eigenen fahrenden Schiffs zu kriegen?

Der Magerøyasund, der die Insel Magerøya mit Honningsvåg und dem Nordkapp vom Festland trennt, gibt sich diesmal betont kontrastarm, um nicht zu sagen monochrom.

Auch Honningsvåg, das wir mit Verspätung erreichen, versteckt sich in Schnee und Dunst. Wo die Berge in die Wolken übergehen, lässt sich kaum erahnen. Auch unser Schwesterschiff, die ehemalige Midnatsol (jetzt: Maud), ist im Hafen aus der Ferne kaum zu erkennen.

Midnatsol Maud in Honningsvåg

Wenn ich hier im Ort bleibe, mache ich meist einen Spaziergang hoch zum Friedhof über dem Ort; bei diesem Wetter lockt er aber nicht mit Aussicht auf Honningsvåg. Der Spaziergang in die andere Richtung, zur Shell-Tankstelle auf dem 71. Breitengrad, ist auch nur mäßig prickelnd. Dafür steht heute das Nordkap auf dem Plan. Bislang hatte es immer geklappt – ist heute das erste Mal, dass ich das Nordkap wegen Schnee oder Nebel nicht sehe?

Unterwegs zum Nordkap

Unsere Abfahrt verzögert sich etwas. Eigentlich hätten wir einen rein deutschsprachigen Bus, aber in Honningsvåg steigen die Corona-Zahlen, daher gibt es weniger Busfahrer, und die Midnatsol (an deren neuen Namen Maud ich mich noch gewöhnen muss) hat weitere Busse in Beschlag genommen. Also gibt es etwas Chaos, bis einige englischsprechenden Passagiere zusteigen und wir endlich abfahren können. Es gilt die starke Empfehlung, MAske zu tragen, auch wenn Norwegen alle Maßnahmen aufgehoben hat.

Die Fahrt auf das über 300 Meter hohe Nordkap-Plateau führt durch eine tief verschneite Landschaft, von der nicht so viel zu sehen ist. Aber die Straßen sind gut, und wir müssen nicht einmal im Konvoi dem Schneepflug hinterher fahren. Am Nordkap ist es dann für diese Jahreszeit voll: Vier Busse von der Trollfjord, noch mehr von der Midnatsol, und einige Privatfahrzeuge. Der Tourismus läuft eindeutig wieder an.

Als wir ankommen, ist die Sicht bestenfalls mäßig – also erst einmal in die Nordkaphalle und zum dritten Untergeschoss. Dort könnte man einen kurzen Film von einer Viertelstunde im Kino anschauen, oder man biegt in den Gang ab, in dem einige Dioramen die Geschichte des Nordkaps darstellen. Außerdem gibt es hier eine kleine Kapelle und einen Ausstellungsraum, der an den Besuch des thailiändischen Königs erinnert, und am Ende erwartet einen die Höhle des Lichts, in der ebenfalls ein (mit 6 Minuten deutlich kürzerer) Film läuft, der ebenfalls das Nordkap im Lauf der Jahreszeiten zeigt. Dafür langt die Zeit. Wenn man auf den Kinofilm verzichtet, ist unser verkürzter Aufenthalt zwar nicht üppig, aber lang genug. Wieder oben zeigt der Blick aus dem Fenster eine sehr schöne Lichtstimmung, und am Globus ist auch nicht viel los: Perfekt. Also nichts wie raus, erst einmal links abbiegen, um den Felsen mit dem Nordkap-Globus zu fotografieren, ebenso wie die benachbarte Landzunge Knivskjellodden, die sogar noch weiter nach Norden reicht.

Zehn Minuten später, auf dem Rückweg, wird die Sicht schon wieder schlechter, aber für die Erinnerungsbilder am Globus langt es. Alles richtig gemacht:-)

Kinder der Welt

Eineinhalb Stunden Aufenthalt haben wir insgesamt am Nordkapp, damit bleibt noch etwas Zeit für den Souvenirshop und die “Kinder der Welt” – die runden Steine, die ein Stück abseits vom Parkplatz stehen. Aber statt den Wag durch den Schnee dorthin zu suchen, begnüge ich mich mit einem Foto.

Und dann endet der Aufenthalt auch schon, es geht zurück in den Bus. Pünktlich zur Abfahrt um 14:30 sind wir wieder in Honningsvåg, zum Glück wartet das Schiff noch ein paar Minuten auf uns. Bei Hurtigrutenausflügen ist das aber nie ein Problem. Übrigens: Die ersten Nordkap-Taxis standen bei der Ankunft auch schon am Hafen und boten günstigere Fahrten zum Nordkap an. Auf die wartet das Schiff zwar nicht, aber die Fahrer wissen, was sie tun.

Anschließend gibt es Waffeln und heiße Schokolade zu kaufen, um die Zeit bis zum Nordkapbuffet und die Überfahrt nach Kjøllefjord zu überbrücken. Wer will, kann sich einen Vortrag über die Sami anhören. Derweil gibt es schlechte Nachrichten: Der Schneemobil-Ausflug von Kjøllefjord nach Mehamn wurde abgesagt, da unklar war, ob wir in Mehamn anlegen kommen. Dabei ist die Barentssee gar nicht einmal so unruhig…

Kjøllefjord erreichen wir ohne Probleme; die Felsformation der Finnkirche wird diesmal nicht angekündigt. Zwischen dem Sami-Vortrag und dem Treffen mit dem Expeditionsteam wäre das wohl zu viel. Kjøllefjord liegt tief verschneit in der Abenddämmerung und wirkt wie ein Weihnachtsdorf. Es ist die richtige Jahreszeit für den Ort.

Der Rest des Abends ist ereignislos: Es gibt Nordkapbuffet (wunderbar für Liebhaber von Meeresfrüchten, ich halte mich wie immer an das Rentier – ich war hier auch schon nur beim Käsebrot gelandet), und wir legen ohne Probleme in Mehamn an. Danach noch ein paar Mal raus schauen: Anders als vorhergesagt regnet es immerhin nicht, aber es ist auch kein Stern in der Wolkendecke zu erkennen. Bei Berlevåg begegnen wir diesmal keinem Schiff (da Havila Kystruten eigentlich vier Abfahrten bedient, aber aktuell nur ein Schiff hat, gibt es Lücken im Fahrplan), das Meer ist ziemlich ruhig, und wir steuern den Hafen zwar an, drehen aber vorher ab. Es gibt wohl keine Fracht.

Und damit ist der Tag auch am Ende, ich kann bedenkenlos ins Bett. Wieder keine Nachtschicht, Mist.

Hurtigrute Tag 5: Tromsø

Der Tag beginnt recht früh: Um 10 Uhr habe ich meinen ersten Vortrag. Damit findet er statt, noch bevor wir Finnsnes erreichen. Wie Günter ihn so schön ankündigt: Es geht um das, was wir gerade nicht sehen können – die Sonne. Rechtzeitig vor dem Halt in Finnsnes bin ich fertig; bei der halben Stunde Aufenthalt lohnt es sich auch kaum, von Bord zu gehen. Das einzige erreichbare Ziel wäre das Denkmal für den Wikinger-Reisenden Othar, das auch vom Heck des Schiffs am Hafenbecken zu sehen ist. Heute begnüge ich mich mit dem Rundblick vom Schiff: Die Brücke nach Senja, das Haus mit der Schoko-Werbung und das Hafenbecken.

Die Nordlicht-Lieferung?

Hoffnung macht immerhin ein LKW, der am Hafen entlang fährt – bringt der die ersehnte Nordlicht-Lieferung? Langsam wird es Zeit. Allerdings hält er nicht am Schiff.

Mist.

Die Fahrt von Finnsnes nach Tromsø ist ruhig, und das Wetter ist prinzipiell gut, aber bewölkt. Ich hatte hier auch schon dichten Nebel. Die schneebedeckten Berge bieten daher eine immer wieder schöne Kulisse, und kurz vor Tromsø ruft das Expeditionsteam zum nächsten Point of Interest: Dem Rystraumen bei der Insel Ryøya. Wir merken davon nur wenig, das Wasser ist lediglich etwas aufgewühlter. Ein Projekt, hier Turbinen zur Stromgewinnung zu installieren, ist mittlerweile Geschichte, auch wenn es die Häuser in der Umgebung mit Strom versorgen konnte.

Ebenso Geschichte ist der Versuch der Uni Tromsø, 1981 auf der Insel wieder Moschusochsen anzusiedeln – das letzte Tier starb 2018.

Kurz darauf laufen wir in Tromsø ein, wo das Schwesterschiff der Trollfjord, die Midnatsol, bereits angelegt hat. Immerhin: Das neue Prostneset-Gebäude passt wenigstens zur Trollfjord. Bei den anderen Schiffen liegt die Gangway links von dem Treppenturm, sodass man einen kleinen Irrweg vor sich hat, um endlich zur Rolltreppe und in die Stadt zu gelangen. Von der Gangway der Trollfjord kommen wir direkt zur Rolltreppe.

In Tromsø steht Shopping an – es wäre zwar nett gewesen, mal wieder auf den Storsteinen zu fahren, aber das Wetter ist nicht optimal, und später erfahre ich, dass aktuell auch nur Gruppen hochgedurft hätten – warum auch immer. So sammel ich Kassenzettel für die Tax Free Mehrwertsteuerrückerstattung. Eine gute Regenjacke für die britischen Inseln ist fällig…

Danach geht es einmal durch die Stadt: Über den Hafen rauf auf den Aussichtspunkt bei der Marineschule, und dann zurück ins Stadtzentrum. Beim Abstieg kommt uns wohl eine Ausflugsgruppe der Midnatsol entgegen: Alle uniform in rot gekleidet. Da lobe ich mir doch unsere Gruppenreise, bei der wir nur Angebote machen, aber jeder ganz individuell unterwegs sein kann, wenn er will.

Tromsø selbst erholt sich langsam wieder von der Pandemie, es gibt weniger Leerstände als noch vor einem halben Jahr. In den Souvenirshops und Buchhandlungen werde ich trotzdem fast nicht fündig. Nur ein Elch muss mit, man hat ja noch nicht genug…

Ansonsten präsenstiert sich Tromsø bei Tauwetter nicht von seiner besten Seite.

Unsere Abendessensitzung um 18:30 ist theoretisch kurz nach der Abfahrt aus Tromsø, aber wir haben Verspätung. Anscheinend ist die Hundeschlittentour zu spät. Aber wir haben ja vorhin auch eine Viertelstunde beim Anlegen vertrödelt…

Die Überfahrt nach Skjervøy ist frustrierend: Es gibt tatsächlich ein paar Wolkenlücken, aber es nichts zu sehen außer etwas grauem Dunst, der auf der Kamera einen Hauch von Grün zeigt. Das könnte mal Polarlicht geben, wenn es sich etwas Mühe gibt. Nicht mal der alte Trick funktioniert, dass ich aufgebe und ins Schiff gehe, um dann von den Draußengebliebenen zu hören, dass ich die Show verpasst hätte. Ich wäre ja sogar zu Opfern bereit. Als wir Skjervøy erreichen, kommentiert das einer der Leute am Bug treffend: “Ein Gutes hat der Wind: Wir gehen jetzt rein.”

Über Skjervøy ist eine größere Wolkenlücke, und tatsächlich werden die grauen Wolken kurz heller – für etwa eine Minute gibt es tatsächlich einen kleinen hellen Streifen, den die Kamera deutlich grün sieht. Aber der Spuk ist fast sofort wieder vorbei. Zum Glück bin ich nicht gleich zur Rezeption gerannt, um Bescheid zu sagen. Es war nur ein kurzer Teaser, danach kann nur noch die Kamera Grün nachweisen, das bald hinter den Wolken verschwindet, während wir die offene Seestrecke der Loppa ansteuern.

Eigentlich mag ich meinen Job ja. Aber das ist frustrierend. Immerhin ist für Morgen Polarlys angesagt: Da treffen wir die südgehende Hurtigrute MS Polarlys, die in dieser Nacht in der Barentssee ihr erstes Erfolgserlebnis haben wird. Und ich? Mache Feierabend, als wir auf die Loppa einbiegen und die Wolkendecke sich schließt. Falls der Captain doch was sieht: Die Infotaste am Telefon ist an.

Hurtigrute Tag 4: Polarkreis, Bodø & Lofoten

Schönstes Wetter am Polarkreis

Das wird ein langer Tag: Heute überqueren wir den Polarkreis. Normalerweise findet das zwischen 7 und 8 Uhr statt, wenn ich mir meine letzten Reiseberichte so anschaue. Zur Polarkreisüberquerung veranstaltet das Schiff immer einen Wettbewerb: Wer den Zeitpunkt am exaktesten schätzt, kann die Postschiffflagge gewinnen. Da das Tagesprogramm nur auf den Monitoren und nicht in gedruckter Form vorliegt, gehen diese Ereignisse allerdings etwas unter, und nur weil Günter sich daran erinnert und die Teilnahmezettel gestern Abend noch organisiert hat, kann unsere Gruppe doch daran teilnehmen. Meine Schätzung war 8:25, da wir doch ganz gut daran sind, beim An- und Ablegen Verspätung einzufahren. Später sehe ich, dass der Point of Interest zwischen 7:30 und 8:30 stattfinden soll – damit bin ich noch im “offiziellen” Zeitfenster… Also klingelt der Wecker schon vor 7 Uhr und gibt mir die Möglichkeit, die prä-arktische Morgendämmerung zu genießen.

Um 7:57:22 passieren wir dann die Insel Vikingen und überqueren den Polarkreis, der in unmittelbarer Nähe der Insel mit der Weltkugel liegt.

In der Arktis!

Kurz vorher wurde zum Point of Interest auf Deck 9 gerufen. Als die Insel in Sicht kommt, drängen alle an die Backbordreling, sodass ich wieder auf das Umlaufdeck 6 gehe. Da ist doch mehr Platz.

Anschließend noch ein wenig die Landschaft genießen und frühstücken, bevor Ørnes auf dem Programm steht. Das Örtchen mit 1600 Einwohnern liegt malerisch zwischen schneebedeckten Bergen und gilt zurecht als der vielleicht schönste Hafen. Wohnen wollte ich hier trotzdem nicht… In der Nähe ist auch der Svartisen-Gletscher, Norwegens zweitgrößter Gletscher, der in den letzten Jahrzehnten deutlich geschrumpft ist. Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob man ihn prinzipiell vom Schiff aus erspähen kann, oder ob die sichtbaren Schneefelder nichts damit zu tun haben.

Kurz nach Ørnes der nächste Point of Interest: Die Polarkreistaufe. Auf Deck 9 gibt es nicht nur den Beweis-Stempel für die Polarkreisüberquerung, sondern das Expeditionsteam tut alles, damit der Gott Njörd kommt und die Zeremonie durchführt. Passenderweise kommt er auf der Trollfjord nicht über das Dach, sondern von den beiden großen Pools auf Deck 9.

Zusammen mit unserer Kapitänin und dem Expeditionsteam gibt Njörd die Gewinnerin des Wettbewerbs bekannt und tauft sie auch gleich als erste, danach kommen alle anderen dran, die wollen.

Ich verzichte, ich habe einmal mitgemacht. Aber ich bleibe dabei, dass das Eis im Nacken im Winter weniger unangenehm ist als im Sommer – schließlich hat es etwa Außentemperatur. Während draußen die Landschaft vorbeizieht, begebe ich mich wieder ins Schiff – ein bisschen was organisieren (gibt es noch einen Platz auf der Fahrt zum Nordkap? Ja, ich habe Glück) und dann um halb zwölf die Reiseleitersprechstunde.

Bodø erreichen wir pünktlich kurz nach 13 Uhr. Die Stadt hat einen großen Flughafen und war ein Zentrum einer NATO-Übung, als ich vor ein paar Jahren hier war; heute sind trotz des Ukraine-Kriegs beruhigenderweise keine Düsenjäger in der Luft. Nur die Küstenwache zeigt Präsenz.

In Bodø ist genug Zeit für eine kleine Runde durch den Ort. Die Busfahrt zum Saltstraumen, einem der stärksten Gezeitenströme der Welt, hätte sich diesmal als Ausflug gelohnt: Die Strömung war stark, und es waren einige Strudel zu sehen. Irgendwann muss ich den Ausflug doch einmal machen, aber bevorzugt mit dem Boot… so ging es einmal durch den wie immer windigen Ort, an den beiden Denkmälern für die Schiffskatastrophen der Hurtigrute vorbei (an die Prinzesse Ragnhild, die hier 1940 nach einer Explosion unterging, erinnert ein Denkmal am Hurtigrutenanleger, und an die Brandkatastrophe auf der Erling Jarl von 1958 erinnert ein Denkmal beim Scandic Hotel) weiter zur alten Gamle Salten, und dann zurück ins Einkaufszentrum und über Kirche, Rathaus und Wandmalereien zurück zum Schiff.

Auf dem Vestfjord

Direkt nach dem Auslaufen stand mein zweiter Vortrag auf dem Programm: Der Sternenhimmel. Derweil ziehen draußen immer mehr Wolken auf, und die Fahrt über den Vestfjord schaukelt zwar nicht zu sehr, aber das Wetter war schon besser.

Um 17:15 besuche ich erstmals das Treffen mit dem Expeditionsteam. Hier gibt es immer wieder interessantes über Land und Leute, und manchmal erfahre auch ich etwas neues über Norwegen. Da es auf die Lofoten geht, steht der Stockfisch im Mittelpunkt. Fesk og potedes, Fisch & Kartoffeln

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https://www.youtube.com/watch?v=bjjhCEiSDSk

Kurz vor Stamsund erreichten wir dann ruhigeres Gewässer, aber kein besseres Wetter: Aus Wolken wurden Regenwolken, und die See war überraschend unruhig während unserer Weiterfahrt entlang der Lofoten bis nach Svolvær. Immerhin liegt die große Trollfjord ruhig im Wasser: Als wir gegen 21 Uhr der südgehenden Nordlys begegnen, wird der Seegang an ihr erst richtig deutlich.

In Svolvær haben wir – da das Anlegen mal wieder etwas länger dauert – weniger als eine Stunde Zeit. Die Luft ist gut: Noch hängt kein Stockfisch an den Trockengestellen rund um den Hafen und erfüllt den Ort mit Fischaroma. Die Zeit langt gerade, um die Spikes anzuziehen und zur Kirche zu spazieren: Hinter ihr wurde im Herbst 2020 das “Eye of the North” errichtet. Ein glänzendes Kunstwerk mit Blick auf die Kirche.

Auf dem Rückweg fängt es zu regnen an – ich mache mir eigentlich keine Hoffnung auf den Trollfjord, aber zurück auf dem Schiff kommt dann doch die Durchsage: Es gibt den Point of Interest kurz nach 23 Uhr, und gegen Mitternacht sollen wir an der Mündung des Trollfjord sein – hineinfahren ist im Winter zu gefährlich. Zum POI schaue ich kurz hoch auf Deck: Alle drängen sich unter das Dach auf Deck 9, während der Koch Suppe ausschenkt – ich schaue mir das nur kurz an, bevor ich mich wieder in die Kabine verziehe. Das ist mir gerade zu voll und zu nass. Keine Chance auf Polarlicht im Trollfjord.

Viertel vor Mitternacht gehe ich wieder an Deck, wo mir alle entgegenkommen: Die Trollfjord fährt Bug voraus auf den Fjord zu, die besten Plätze sind diesmal ganz vorne und im Panoramasalon. Bis ich vorne bin, sehe ich gerade noch, wie die Scheinwerfer die Felswände und den strömenden Regen beleuchten, bevor sie abgeschaltet werden – gerade so verpasst. Schade.

Also: Feierabend für heute, es war ohnehin ein langer Tag.

Hurtigrute Tag 3: Trondheim

Trondheimfjord

Ein schöner Morgen in Norwegen: Wir fahren durch den Trondheimfjord, der Himmel ist locker bedeckt und die See ruhig. Der Trondheimfjord ist zwar der langweiligste Fjord der Strecke, da die steilen Gebirge fehlen und er eher an einen breiten Fluss erinnert, aber die Fahrt ist trotzdem schön.Er ist nur für norwegische Verhältnisse langweilig:-)

Morgens um 8 ist es es bereits hell, und die alte Königsstadt Trondheim erwartet uns für einen Kurzbesuch: Nur rund drei Stunden Aufenthalt sind im Fahrplan vorgesehen. Vorher passieren wir noch die Mönchsinsel Munkholmen und die südgehende Kong Harald, die nur einen Steinwurf entfernt an uns vorbei fährt. Für die endet die Reise bald, die für uns gerade erst begonnen hat.

Nach der Schiffsbegegnung dauert es noch etwas, bis wir anlegen: Die Trollfjord wendet und tastet sich langsam und vorsichtig rückwärts an den Kai. Eine gute Viertelstunde dauert es, bis die Gangway endlich aufgeht und wir in den Ort können. Dabei ist Eile angesagt: Etwa 20 Minuten braucht man, um durch das Hafen- und Industriegelände nach Trondheim selbst zu gelangen; bis zum Dom sind es etwa 30 Minuten. Damit bleiben nur gut eineinhalb Stunden für Trondheim, da man ja auch vor der Abfahrt wieder am Schiff sein muss. Da bleibt keine Zeit für Experimente, ich mache den üblichen Rundgang und beginne in Nedre Elvehavn. Das alte Hafen- und Industrieviertel wurde in schmucke Wohnungen und Restaurants umgewandelt.

Nur Schnee wird hier keiner geräumt, die Straßen sind glatt… Bakklandet mit den alten Holzhäuschen, die früher der armen Bevölkerung als Wohnstätten dienten und heute heiß begehrt sind, schließt direkt an. Ein paar Meter weiter kommt die alte Stadtbrücke – ich gehe noch ein paar Meter weiter, um die Gamly Bybro samt Nidarosdom zu fotografieren. An meinen üblichen Platz am Wasser gehe ich aber nicht – die Stufen sind doch zu glatt.

Dann rasch weiter zum Dom (der wegen Gottesdienst nicht zu besichtigen ist, und die Führung ist nur mit dem Hurtigruten-Ausflug möglich), und dann drängt die Zeit auch schon fast. Gut, dass ich meien Foto-Spots schon kenne…

Also rasch weiter zum Stadtzentrum: Der Weihnachtsmarkt ist weg, und der neu gestaltete Marktplatz liegt unter Schnee verborgen. Gibt fototechnisch nicht so viel her, und auch die Statue von Olaf trägt heute keinen Schal. Also langsam den Rückweg zum Schiff einschlagen – es ist wirklich schade, dass die Schiffsbegegnungen in den Häfen Gecshichte sind und wir somit nur noch einen kurzen Aufenthalt in Trondheim haben. Hier würden sich ein, zwei Stunden mehr lohnen, voe allem unter der Woche, wenn die Läden offen haben. Da gewinnt die Stadtrundfahrt an Reiz, mit der man auch in den Dom hinein kommt. Der alte Tip, mit der Stadtrundfahrt in den Ort zu fahren und anschließend zu Fuß zurück zum Schiff, lohnt sich mit der neuen Liegezeit nicht mehr.

Auf dem Schiff mache ich erst einmal Pause – die Trollfjord ist zwar angenehm leise, aber ich habe doch in den letzten beiden Nächten schlecht geschlafen. Aber jetzt… zumindest bis gegen 15 Uhr, als Kjeungskjærfyr auf dem Programm steht, der berühmte rote Leuchtturm. Niri macht auf Deck 9 einen Point of Interest; als der Leuchtturm in Sicht kommt und alle an die Reling drängen, räume ich das Feld und gehe auf Deck 6, das Umlaufdeck. Da ist doch mehr Platz.

Der Leuchtturm könnte mal etwas neue Farbe vertragen…

Anschließend steht mein erster Vortrag an, in kleinem Rahmen – aber für unsere Gruppe langt der Seminarraum. Danach stünde bei besserem Wetter der Stokksund auf dem Programm – aber mittlerweile haben wir mehr Wellen, und das schöne Wetter ist Geschichte. Für heute Abend ist wie die nächsten beiden Tage Regen angesagt. Sauwetter, da fährt kein Schiff durch den engen Stokksund. Trotzdem haben die wellen ihren Reiz – das Gathering mit dem Expedition Team verpasse ich daher wieder einmal.

Blick Richtung Stokksund

Es ist recht eindrucksvoll, dass die Wellen neben dem Schiff fast stillzustehen scheinen. Aber pünktlich zum Abendessen ändert sich das – wir kommen auf die offene Seestrecke der Folda, es gibt etwas Bewegung im schiff, und das Restaurant leert sich. Gut zwei Stunden schaukelt es, bis wir Rørvik erreichen.

Auch hier treffen wir kein Schiff im Hafen, stattdessen begegnen wir der Vesterålen auf See und legen dann nur kurz in Rørvik an.

Mittlerweile regnet es, und es ist unangenehm nasskalt. Zeit, wieder ins Schiff zu gehen, Bilder zu sichten und zu bloggen. Gegen 23 Uhr ist auch nichts mehr los – wahrscheinlich bereiten sich alle darauf vor, dass wir morgen früh wohl zwischen 7 und 8 Uhr den Polarkreis überqueren. Das gibt wieder eine kurze Nacht.

Hurtigrute Tag 2: Ålesund

Norwegen wirkt. Zumindest verdränge ich langsam das heimatliche Chaos und ein halbes Jahr Homeoffice. Das ist kein Urlaubsmodus (ich bin ja nicht zum Vergnügen hier), aber es lädt die Batterien trotzdem auf.

Am Westkapp

Die Nacht war angenehm ruhig (dafür, dass 3-4 Meter hohe Wellen rund ums Westkap angekündigt waren), das große Schiff schluckt die Bewegung wohl ganz gut – mittschiffs auf jeden Fall, aber wenn man am Schiff entlang schaut, sieht man doch einen ordentlichen Hub. Das meiste haben wir aber in der Nacht bzw. am frühen Morgen gehabt, mit etwas Glück konnte man es also verschlafen. Mit dem alten Fahrplan waren wir im Winter zwei Stunden später in Bergen abgefahren, was den Bergentag deutlich entspannter machte, dafür fiel das erste Frühstück immer mit dem Geschaukel am Westkap zusammen. Die Gegend – die Stad – ist nicht ohne, hier gehen immer wieder Schiffe verloren – deshalb wurde auch der Bau eines Schiffstunnels beschlossen, der die Halbinsel Stad durchqueren soll und den Schiffen bei Sturm eine sichere Passage ermöglichen wird.

Torvik

Ganz so ruhig wie üblich wird unser Frühstück aber doch nicht: Wir haben eine Stunde Verspätung eingefahren, möglicherweise wegen dem Gegenwind. Also legen wir erst um Viertel nach neun kurz an, während der Reiseleitersprechstunde: Günter gibt Tipps zu Ålesund und dem Leben auf dem Schiff, ich geselle mich wie meistens dazu – was zur Folge hat, dass ich die ersten irritierten Blicke abkriege, weil ich zwischendrin rausstürme, um ohne Jacke und kurzärmlig meine Fotos vom Hafen zu machen. Aber es wird ja langsam Frühling in Norwegen:-)

Der Tagesplan in digital

Nach der Reiseleitersprechstunde besuchen wir den Vortragsraum: Hier stellt das Expeditionsteam grade die Ausflüge auf der nordgehenden Route vor. Das Tagesprogramm gibt es auf dieser Reise nur digital auf den Bildschirmen des Schiffs und nicht ausgedruckt. Gut für die Umwelt, allerdings wird so auch sicher gestellt, dass ich die meisten Veranstaltungen des Schiffs nicht mitbekomme… Anschließend schnappen wir uns Niri und klären unsere Vortragstermine ab, die ja nicht mit den Veranstaltungen des Schiffs kollidieren sollen. Eigentlich ist gerade der Supergau eingetreten: Wir haben noch eine 50-köpfige französische Reisegruppe an Bord, die Walhalla belegt – also das Amphitheater, den großen Vortragsraum des Schiffs. Aber wir sind eine kleine Gruppe und können ausweichen, in einen kleinen Seminarraum, der für 21 Leute groß genug ist. Fast perfekt, und die Zeiten passen auch.

Die vier Gäste, die noch fehlen, sehen wir nicht mehr: Sie haben umgebucht, auf dem Schiff hinter uns fährt ebenfalls eine Nordlicht-und-Sterne-Gruppe mit Mathias, der seine Reise hier verbloggt. Und die Polarlys mit Margit (von meiner letzten Tour und von Nostalgische Postschiffreisen – erste Ansprechpartnerin für alle, die auf den alten Postschiffen unterwegs sein wollen, aber sie vermittelt auch Reisen auf den moderneren Hurtigrutenschiffen) und Tim ist auch wieder unterwegs. Jetzt brauchen wir nur noch klaren Himmel!

Ålesund erreichen wir schließlich mit einer Stunde Verspätung. Und um 16 Uhr ist unser Welcome-Drink, es bleiben also nur fünf von eigentlich zehn Stunden Aufenthalt, um die Stadt zu erkunden. Heute ist für mich Wandertag angesagt: Erst einmal geht es auf den Storhaugen hinter der großen gelben Schule.

Blick vom Storhaugen

Der Weg führt dann wieder durch das Jugendstilzentrum und auf den Aksla – und dann immer weiter bis zu einem runden Aussichtsturm (dem Rundskue) bei den großen Sendemasten hinter dem Aksla. Dann noch kurz Einkaufen und zurück aufs Schiff, nach rund 12 km. Daher habe ich diesmal auch kaum Bilder der Stadt, es ging in die Natur. Friluftsliv nennt der Norweger das.

Das Wetter wirkt bedrohlich, aber es hält, und die Mühe wird mit einem ungewohnten Rundblick auf Ålesund und seine Umgebung belohnt. Ohne Spikes wäre das aber nicht machbar gewesen: Die Treppen hoch auf den Hausberg sind teils vereist, und der Schnee auf seinem Gipfelzug bis zum Aussichtsturm Rundskue wäre sonst ebenso unmöglich.

Anschließend geht es zurück, noch einen Blick in die Läden im Stadtzentrum werfen, bevor ich zur Welcom-Drink muss. Was für ein Stress.

Auf dem Rückweg gibt es noch etwas Kunst, das Holzhaus, bis zu dem das Feuer kam, das vor über hundert Jahren das historische Ålesund vernichtete und dem wir das Jugendstilzentrum verdanken, und dann war es das auch schon mit Ålesund: Es geht zurück zum Schiff. Sowohl Hurtigruten als auch Kystruten sind ausgeschildert: Beide Reedereien befahren mittlerweile die historische Postschifflinie, aber Hurtigruten AS hat die Namensrechte, sodass die zweite Reederei (Havila Kystruten) einen neuen Namen gebraucht hat. Der englische Text auf dem Schild am Hafen ist pragmatischer: Zum Schiff. Es kann nur eines geben.

Der Welcome-Drink um 16 Uhr zieht sich dann doch fast bis zum Abendessen: Ich darf die ersten Kameras einstellen, und man kommt ins Gespräch. Schön. Die Tour wird nicht langweilig werden:-)

Beim Abendessen wurde die Neuerung beibehalten, dass man das Drei-Gänge-Menü aus drei Varianten zusammenstellen kann. Eine gute Sache, und pünktlich zum Ablegen sind wir mit dem Abendessen fertig.

Um 21 Uhr gibt es noch etwas zu erleben: Der Schiffskoch präsentiert mit getrocknetem Lamm auf Deck 8 eine Kostprobe von Norwegen und vertreibt so die Zeit, bis wir schließlich Molde erreichen. Mit einer halben Stunde Verspätung legen wir dort an – und rein zufällig erhasche ich einen Blick auf die südgehende Havila Capella, die uns kurz vor Molde entgegen kommt. Durchgesagt wurde die Schiffsbegegnung nicht, schade eigentlich. Liegt aber wohl an der Uhrzeit.

Das markante Scandic-Hotel kündigt Molde an, und das Anlegen dauert wieder einige Zeit. Damit ist der letzte Tagespunkt erledigt, heute tut sich nichts mehr. In diesem Sinne: Gute Nacht!

Hurtigrute Tag 1: Bergen in seltsamen Zeiten

Heute startet meine letzte Hurtigrute dieser Saison (vom 25. Februar bis zum 8. März 2022), und es wird immer seltsamer. Die Tour im Oktober fing mit einem kaputten Flugzeug in Amsterdam und Kofferchaos bis Tromsø an, dafür war Corona absolut kein Thema mehr; bei der Dezembertour hatte alles geklappt, wobei Corona drohend über allem schwebte und Norwegen die Maßnahmen hochfuhr, als wir die Tour beendeten (wobei wir auch die letzten waren, die überhaupt noch mit einfachem Schnelltest ins Land und aufs Schiff kamen), und jetzt sinken die Corona-Zahlen in Norwegen langsam wieder deutlich unter die 2000er-Marke, und die Pandemie ist praktisch für beendet erklärt. Aber gut: Vor der Abreise hatte ich nur zur Sicherheit noch einen offiziellen Schnelltest in Deutschland gemacht, und um bei dieser “vorsichtigen” Probennahme irgendwas zu finden, müsste es schon mit dem Teufel zugehen. Kein Wunder, dass auch in Deutschland die Zahlen sinken.

A propos Teufel: Jetzt ist in der Ukraine die Hölle los. Und ich gehe dahin arbeiten, wo andere Urlaub machen, nach Norwegen. Alles sehr surreal.

Und weil es so schön ist, werden heute Flughäfen blockiert, um gegen den Klimawandel zu protestieren:

https://twitter.com/ennolenze/status/1496917675393572869

Ich halte diesen Blog ja eigentlich politikfrei, aber manchmal kann ich nicht anders.

Da grenzt es fast schon an ein Wunder, dass ich an der Dauerbaustelle auf der A8 bei Pforzheim gut durchkomme und am KLM-Schalter in Stuttgart keine Wartezeit habe. Und die gute Frau ist leicht verwundert, dass ich für Norwegen weder European Passenger Location Form noch PCR-Test brauche. Damit muss ich auch kein Impfzertifikat vorzeigen.

Es könnte so schön sein…

Aber deutsche Effizienz ist ja berühmt: Nur eines von drei Security-Gates hat offen, sodass doch eine Dreiviertelstunde drauf geht, bis ich endlich im Terminal bin. Schließlich soll man ja zwei stunden vorher da sein. Dafür haben wir zur Abwechslung mal freundliches Personal an der deutschen Security, muss man auch mal erwähnen.

Davon abgesehen läuft es aber: Das Flugzeug ist da, das Wetter ist schön (nach eineinhalb Monaten trübem, stürmischen Mistwetter wird’s in Süddeutschland schön, wenn ich gehe), und zur angenehmen Zeit um 11:45 heben wir ab Richtung Amsterdam. Die Maschine ist natürlich ausgebucht, wie man es von KLM gewohnt ist.

Über den Aufenthalt in Amsterdam gibt es nicht viel zu sagen: Gut eineinhalb Stunden, davon geht die Hälfte für den Weg von Terminal B nach D drauf. Der kleine Garten vor Terminal D, an dem es Frischluft gäbe, ist weiterhin gesperrt, also ab zum Gate und dann zum Flieger. Wieder mal sehr voll; die Durchsage bittet darum, doch Handgepäcktrolleys aufzugeben. Mittlerweile sollte unsere ganze Gruppe da sein, in Bergen zeigt sich, dass das nicht geklappt hat. Vier fehlen, weil die Verbindungen nicht geklappt haben. Lag es an den Klimaaktivisten oder dem Streik der Security in Düsseldorf?

Bergen!

In Bergen – wo sich die ersten Passagiere sofort die FFP2-Maske runterreißen – erwartet uns Günter, unser Reiseleiter, der auch gleich seine Beziehungen spielen lässt: Während es auf den letzten Touren fast direkt aufs Schiff ging, machen wir endlich wieder einen Abstecher durch das Paradies (der Stadtteil Bergens heißt wirklich so) und sehen etwas von der Stadt. In letzter Zeit konnte man froh sein, wenn es für einen Abstecher nach Bryggen gelangt hat.

Bryggen

Fototechnisch war die kleine Stadtrundfahrt nicht trivial – die Busscheiben spiegeln und sind getönt, dazu kommt noch die anbrechende Dämmerung – aber schön war es allemal, endlich wieder einmal etwas mehr von Bergen zu sehen.

Und dann: Ab auf’s Schiff! Günter kann Gruppen-Checkin machen und verteilt die Unterlagen plus mein Buch an alle Gäste, dann geht es in die Hurtigruten-Lounge, den Sicherheitsfilm anschauen, und dann auf die Trollfjord. Genau: Die Trollfjord, die eigentlich unter neuem Namen Expeditionsreisen ab Hamburg durchführen sollte, ersetzt jetzt die normalen Linienschiffe, die Werftaufenthalt haben. Sonst würden wir heute ohne Schiff da stehen, da die Richard With, die eigentlich fahren sollte, in der Werft ist und einen neuen Antrieb erhält. Also sind wir mit einer gerade mal 25-köpfigen Gruppe (wenn hoffentlich alle das Schiff erreichen) auf dem größten Schiff, das gerade die klassische Postschiff-Route fährt. Und auf einem echten Schiff: Die Trollfjord wurde noch nicht umgebaut und hat noch das klassische Schiffs-Feeling. Sehr schön!

An Bord steht die übliche Hektik an: Irgendwann gegen 18:30 sind wir am Schiff, dann heißt es Kabine beziehen und etwas essen – bis 20 Uhr soll es Essen geben, also ab zum Bergen-Buffett. Habe ich schon mal erwähnt, dass die Trollfjord für die beste Küche bekannt war? Stimmt immer noch. Um 20:30 legen wir ab, da muss man natürlich an Deck sein.

Abfahrt aus Bergen

Dann noch ein schneller Rundgang durch’s Schiff und aus Versehen eine Infoveranstaltung mitkriegen: Hier stellt sich die Crew vor und Niri vom Expeditionsteam erklärt das Wichtigste. Irgendwie sind die Termine völlig untergegangen, ich konnte auch noch keinen Tagesplan finden.

Anschließend ab in die Kabine, auspacken, und dann ist der Tag auch schon gelaufen. Morgen liegen wir dafür dann in Ålesund – fast wie ein Kreuzfahrtschiff…

Hands on: Unistellar eVscope 2

Irgendwie scheine ich es langsam zum Influencer zu schaffen – Letztes Jahr hatte Unistellar bei mir angefragt, ob ich nicht Interesse hätte, ihr neues Teleskop zu testen. Weil ich Astrofoto-Buch und Blog und so habe. Pünktlich zum schlechten Wetter um Weihnachten kam dann ein Paket bei mir an.

Daher als Vorwarnung zu diesem Beitrag: Ich habe das Teleskop zwar von Unistellar kostenlos bereit gestellt bekommen, erhalte für den Test aber kein Geld. Alle Meinungen sind also meine.

Sauber verpackt: Das eVscope 2 mit Rucksack im Versandkarton.

Auf den ersten Blick ist das eVscope 2 ein schicker kleiner Newton. Im Karton stecken ein großer Wanderrucksack, der Teleskop mit Montierung am Stück aufnimmt, sowie ein Stativ auf dem Level eines guten Fotostativs (Alu, leicht und ausreichend stabil) sowie etwas Zubehör: Die Schnellstartanleitung, ein Satz Schraubenzieher, das Lade-/Netzteil. Das sieht so schön und sauber aus, wie man es gerne von einem Komplettset erwartet.

Für einen Listenpreis von 3799,-€, für den das Teleskop ab Februar 2022 auf den Markt kommt, wäre das natürlich mager, wenn es nur ein normales Goto-Teleskop wäre. Schließlich ist die Optik nur ein 4,5″ /450 Newton.

Der Trick ist, dass es kein klassisches Teleskop ist – das Okular sitzt an der Höhenachse und ist digital (ähnlich einem Kamerasucher), statt einem Fangspiegel gibt es eine Kamera mit Sony IMX347 Sensor, und statt Handcontroller oder Feintrieben eine App für das eigene Smartphone. Das Ding macht EAA – also “elektronisch unterstützte Astronomie” (Electronically Assisted Astronomy). Seit in den letzten Jahren die Kameras immer besser geworden sind, ist das ein neuer Trend: Die Kamera macht recht kurzbelichtete Aufnahmen des Himmels und addiert sie automatisch zusammen, sodass man live zuschaut, wie das Teleskop Photonen sammelt.

Blick ins eVsope 2: Kein Fangspiegel, dicke Spinne für die Kamera

Der große Vorteil gegenüber dem visuellen Beobachten: Das Auge macht 24 Bilder pro Sekunde, wer mehr sehen will, braucht ein größeres Teleskop – hier wird das Licht gesammelt.

Der große Vorteil gegenüber der Astrofotografie: Man spart sich die stundenlange Nachbearbeitung der Bilder.

EAA ist also weder klassisches Beobachten noch klassische Astrofotografie, sondern eher Beobachten mit einem Nachtsichtgerät. Noch vor Corona hatte ich einen Abend lang mit dieser neuen Sparte herumprobiert: Auf der Sternwarte haben wir eine ATIK Horizon, die ebenfalls Live-Stacking unterstützt. Das hatte sogar einigermaßen funktioniert; leider hat ATIK eine eher unintuitive Software, und das Teleskop sitzt klassisch auf einer großen, schweren und exakt eingenordeten parallaktischen Montierung. Daher war es mühsam, die Ergebnisse waren aber schon ganz gut.

Das eVsope verspricht nun, dass man eben keine schwere Montierung aufbauen und einnorden muss, sondern das Teleskop einfach nur hinstellt und loslegt. Klappt das?

Der erste Test

Das eVsope 2 auf meinem Balkon. Im Hintergrund ein 80/910mm Refraktor.

Auch wenn der Rucksack perfekt ist, um das Gerät auf den Acker zu bringen: Ich entschied mich gleich für den Härtetest auf dem Balkon im Dorf. Nicht besonders dunkel, aber ein durchaus brauchbarer Himmel. Und ein auf Komfort ausgelegtes Teleskop wird wohl eher im Garten als in den Hochalpen aufgebaut werden.

Also erst einmal den eingebauten Akku aufladen, die App installieren und dann eine prognostizierte drei-Stunden-Wolkenlücke nutzen. Das Stativ ist ruckzuck aufgebaut, das Teleskop wird mit zwei Schrauben gesichert. Kleine Kritik: Es gibt keinen Messingspannring, die Schrauben gehen also direkt auf das Metall. Und die Schrauben haben keine Verliersicherung, sondern können ganz herausgedreht werden. Zwei Ersatzschrauben gehören sicherheitshalber zum Lieferumfang. Das Teleskop hat anders als z.B. ein Celestron Evolution keine Tragegriffe, ist aber noch handlich genug, um es auf das Stativ zu setzen – bei dem Preis wären mir Griffe dennoch ganz lieb, schließlich hält man einen guten Brutto-Monatslohn in der Hand. Dann die Montierung anschalten, Staubschutzkappen abnehmen, das Handy mit dem WLAN verbinden und die App starten – los gehts.

Erster Eindruck: Die deutschsprachige (!) App ist übersichtlich strukturiert und macht auch ohne eigene Anleitung keine Probleme; Tooltips erklären die Funktionen beim ersten Benutzen. Die Verbindung erfolgt über den WLAN-Accesspoint, den das Teleskop bereit stellt. Mit dem iPhone 13 Mini: Gar kein Problem, und ich kann das Teleskop über die Richtungstasten in der App auf ein Stück klaren Himmel richten. Vorbildlich.

Das elektronische Okular

Und jetzt beginnt die Magie: Die Kamera nimmt ein Bild des Himmels auf, zeigt es sowohl im digitalen Okular als auch auf dem Handy, macht ein Platesolving (also analysiert und identifiziert den Himmelsausschnitt), und das war’s: Die Montierung weiß, wo das Teleskop hinzeigt, die Nachführung läuft, die App macht Beobachtungsvorschläge – perfekt. Ich muss nur noch scharf stellen; den Hauptspiegel hinten am Teleskop, und das elektronische Okular mit dem Dioptrienausgleich direkt am Okular. Eine Justage der Optik spare ich mir – das Bild sieht ordentlich aus, und die Schärfe eines schnellen Newtons ist nicht mein Hauptinteresse in dieser Nacht.

Außerdem war der erste Test sehr gehetzt: Am 31. Dezember, zwischen dem, was zum Jahreswechsel 2021/22 als Silvesterfeier durchgeht und den aufziehenden Schießpulverschwaden aus der Nachbarschaft, die irgendwoher doch Böller bekommen hat, war nicht so viel Zeit. Also blieb etwa eine Stunde in der späten Abenddämmerung. Normalerweise sage ich, dass man sich zwei bis drei Abende gönnen sollte, um ein neues Teleskop kennenzulernen, bevor man ernsthaft ans Beobachten geht. Mir bleibt jetzt eine gute Stunde, und ich bin angenehm überrascht: Nachdem ich das Gerät angeschaltet habe, verbinde ich mein Handy ohne Probleme mit dem Teleskop und fahre ein Stück klaren Himmel an. Kurz darauf ist das Platesolving abgeschlossen – wir reden hier von Sekunden – und das Teleskop weiß, wo es hinzeigt, und ich kann Objekte anfahren. Nach ein bisschen Herumprobieren bietet die Bedienung per App keine Rätsel mehr: Ich kann Objekte suchen und anfahren, wenn ich das Live-Bild auf dem Monitor zoome, verändert sich auch der Zoom im Okular, und es gibt Grenzen, unterhalb derer keine Objekte angefahren werden – aber die App zeigt an, wann die Ziele hoch genug stehen. Wer will, kann diese Grenzen auch ändern.

Die automatische Bildverbesserung wird separat aktiviert, nun wechselt die Anzeige vom Livebild zum Livestacking: Dabei werden wie bei echter Astrofotografie die einzelnen Bilder übereinandergelegt, sodass das Bildrauschen verschwindet und die eigentliche Bildinformation zu Tage tritt. Nach ein, zwei Minuten sieht man schon deutlich mehr als direkt nachdem ein Objekt angefahren wurde.

Es gibt zwei Möglichkeiten, das Bild anzuschauen: Auf dem Smartphone oder in dem elektronischen Okular. Das elektronische Okular von Nikon ist der größte Unterschied zu den Konkurrenzprodukten von Vaionis oder den kleineren Modellen von Unistellar. Zusammen mit der Fokussiermöglichkeit gibt es einem das Gefühl, wirklich an einem Teleskop selbst zu beobachten. Leider ist das Bild im Okular schlechter als auf dem Handydisplay oder im Sucher einer Kamera: Wo das Handy recht kleine Sterne zeigt, sieht man im Okular Blobs – vergleichsweise fette, aufgeblähte Sterne. Dafür ist der Einblick gut und unkompliziert möglich, selbst wenn man das Handy in die Tasche gesteckt hat, während das Teleskop Licht sammelt.

Auf die Schnelle – mit der Objektsuche habe ich mich noch nicht vertraut gemacht – schlägt mir das Teleskop den Monkey Head Nebula als Beobachtungsziel vor, nachdem ich an Beteigeuze scharf gestellt habe – der Orionnebel steht noch zu niedrig. Jetzt muss ich zugeben, dass ich den Affenkopfnebel NGC 2174 bislang nicht wirklich auf dem Schirm hatte. Mit 40 Bogenminuten Durchmesser ist er auch kein offensichtliches Ziel für diesen Standort (man kann in der App in drei Stufen wählen, wie gut der Himmel ist). Aber gut, für einen Test wird es langen.

Nun hat das Teleskop ein Bildfeld von 37×54 Bogenminuten, damit ist der Nebel bildfüllend und dementsprechend schwer auszumachen. Aber es tauchen immerhin einige Sterne mehr auf, die Bildaddition funktioniert also. Sie sind nicht ganz rund – aber dafür, dass das Teleskop ungeschützt vor Wind auf einem Balkon auf einem vollständig ausgezogenen Stativ steht, ohne Autoguider und azimutal montiert, ist das gar nicht schlecht. Und man bedenke: EAA ist keine Astrofotografie, sondern elektronisch unterstütztes Beobachten. Es geht um die Live-Beobachtung.

Ich bin durchaus beeindruckt. Wenn alle Teleskope sich so einfach in Betrieb nehmen lassen würden, wären einige meiner Bücher überflüssig….

Aber bevor mir noch Silvesterböller in das teure Leihteleskop fliegen (und ich als Silvesterfeier-Boykottierer in die Nerd-Ecke gestellt werde), breche ich diese Sitzung ab: Deckel drauf und am Stück reintragen. Eine Beobachtung mit dem Fernglas ist auch nicht weniger aufwändiger…

Die zweite Nacht

Am nächsten Abend ist es überraschenderweise auch klar. Also das Teleskop noch einmal rausstellen, auf einen klaren Fleck am Himmel zwischen dem Dach des Nachbarhauses und der Markise vom Balkon richten, und dann ein sinnvolles Objekt in diesem Beobachtungsfenster suchen. Der Gewinner: M1, der Krebsnebel.

Das Teleskop fährt ihn flüsterleise an, korrigiert noch ein bisschen, et voilà: Da ist er. Nach zwei Minuten ist er deutlich besser zu sehen, ob ich ihn dann zehn oder 15 Minuten im Okular lasse, macht keinen großen Unterschied. Im Okular sieht er hübsch aus, auf dem Handy sieht man, dass es ein paar Nachführfehler gab. Andererseits ist das auch kein Wunder, wenn man beim Beobachten mit dem Okular an das Teleskop kommt. Wenn es um hübsche Bilder geht, sollte man die Stativbeine weiter spreizen, sie nicht vollständig ausfahren, und vor allem das Teleskop nicht berühren. Dann sollten die runden Sterne möglich sein, die auf der Unistellar-Seite abgebildet sind.

Auf dem Handy sieht das übrigens so aus:

Die Plejaden sind zu groß für die Brennweite des eVsope 2.

Der Krebsnebel passt als Ziel deutlich besser zum eVscope als der Affenkopfnebel – und das Bild ist besser als das, was mir das C14 von unserem Verein in der Stadt zeigt. Das kleine Gerät hat Potential.

Wie schlägt es sich an den anderen Paradeobjekten des Winterhimmels?

Erstes Ziel sind natürlich die Plejaden, während der Orionnebel noch höher steigt. Das Bildfeld ist leider zu klein, sie passen nicht komplett drauf. Das passiert einem bei langbrennweitigen Teleskopen natürlich auch; dieser Sternhaufen ist eher ein Ziel für ein Fernglas oder ein Rich-Field-Teleskop. Interessanter Effekt: Nach etwa 10 Minuten wird das Bild nicht mehr spürbar besser, ein Hauch des Reflexionsnebel ist zu erahnen.

Etwa 20 Minuten lasse ich das Teleskop laufen. Und in der Zwischenzeit? Wie bei echter Astrofotografie ist mir langweilig, und ich werfe einen Blick durch den kleinen Refraktor, den ich daneben aufgestellt habe. Im echten Okular ist von dem Plejadennebel nichts zu sehen (M1 probiere ich ohne Lichtverschmutzungsfilter gar nicht erst), dafür gibt es die nadelscharfen Sterne, für die ich Refraktoren liebe.

Fünf Minuten Orionnebel

Endlich steht auch der Orionnebel hoch genug, dass ich ihn anfahren kann.

Nett: Schon nach kurzer Zeit sind Farben zu erkennen. Wer sagt denn, dass Deep-Sky-Objekte schwarzweiß sind? (Klar – jeder erfahrene Beobachter, der ihnen in großen Geräten höchstens einen Hauch von Farbe zugesteht.) In kleinen Geräten und an lichtverschmutzten Standorten zeigen praktisch nur Doppelsterne Farbe. Oder dieses eVsope…

Ja, die Sterne sind fett und etwas verwackelt, und das Zentrum ausgebrannt, aber das geht schon sehr in die Richtung von dem, was ich gerne während einer öffentlichen Führung zeigen würde. Da habe ich zu oft erlebt, dass ich vom Anblick einer Galaxie begeistert war, und die Gäste das mit einem “Dieses Nebelfleckchen?” kommentierten.

Das Gerätchen liefert, wobei M42 natürlich auch kein schweres Ziel ist. Die App gibt noch ein paar Möglichkeiten zur Belichtungssteuerung, und wie lange die einzelnen Aufnahmen belichtet werden – damit dürfte sich noch mehr herausholen lassen. Aber da ich für diesen Test nicht bezahlt werde, belasse ich es bei den Standardeinstellungen und überlege mir die nächste Gemeinheit: Der Pferdekopfnebel.

Dieser berühmte Staubnebel vor den leuchtenden Emissionsnebeln im Orion ist visuell eine echt schwere Nuss; mit meinem 80mm-Refraktor und an diesem Standort brauche ich das gar nicht erst probieren.

Und das eVscope? Es schwenkt ohne Murren dieses Ziel an, das ich noch nie im Teleskop probiert habe, und fängt an, mich beim Beobachten elektronisch zu unterstützen.

10 bis 55 Minuten Pferdekopfnebel

Nach 10 Minuten ist das Pferdchen zu erahnen, nach einer halben Stunde ist die beste Sichtbarkeit erreicht. Die Sterne sind rund, und die Silhouette ist auch nicht schwerer zu erahnen als im Okular eines großen Dobsons an einem guten Standort.

Das ist meine erste Beobachtung (und Aufnahme) des Pferdekopfnebels.

Mit einem 4,5″-Telesköpchen, das ich einfach auf den Balkon gestellt habe.

Mitten im Dorf.

Eigentlich eine Unverschämtheit.

Ich habe damit nur ein Problem: Das war zu einfach. Ich war zwischendrin im warmen Wohnzimmer und habe mir den Verlauf auf dem Handy angeschaut, oder draußen mit dem Refraktor ein bisschen Jupiter beobachtet. Mir war langweilig, und ich habe nicht das Gefühl, ihn wirklich selbst beobachtet zu haben. (Und trotzdem: Mein erstes Pferdchen!)

Danach baue ich ab, der Akku ist nach zwei Nächten am Ende. Die Ladezeit nutze ich, um die Bilder über mein Heim-WLAN zu Unistellar hochzuladen: Zur möglichen wissenschaftlichen Auswertung sammelt Unistellar die Daten. Es ist auch möglich, die gesammelten Gigabyte an RAW-Dateien wieder herunterzuladen, der direkte Zugriff ist nicht vorgesehen: Man muss den Support kontaktieren und erhält dann einen Downloadlink. Das geht recht flott, aus den RAW-Dateien konnte ich aber auch nichts besseres herausholen. Ein Direktzugriff auf den Speicher des Geräts ist aber nicht möglich.

Außerdem sind gleich drei Bereiche vorgesehen, in denen Unistellar-Nutzer die Wissenschaft unterstützen können: Asteroiden-Beobachtung, Exoplaneten-Jagd und “Planetare Verteidigung” vor möglichen Meteoriten-Einschlägen. Damit gewinnt das “Just-for-Fun”-Beobachten sogar wissenschaftlichen Nutzen, es bleibt im Idealfall nicht bei der vergänglichen Beobachtung im Okular.

Eine dritte Nacht

Mit dem Rucksack ist alles griffbereit für den spontanen Einsatz

Wofür das eVscope wirklich hervorragend geeignet ist: Spontan beobachten! Es ist ein echtes Grab-and-Go-Teleskop, weil alles im Rucksack ist. Man braucht nur noch das eigene Smartphone und ggf. ein Ladekabel – unten an der Montierung des eVscope ist ein USB-Ausgang, der wohl zum Laden des Handys genutzt werden kann.

Am 10. Januar gab es eine überraschende Wolkenlücke, und ich nutzte die Zeit, um mir den Rucksack mit dem eVscope, etwas zu trinken und meine Jacke zu schnappen, um auf den nächsten Acker zu fahren, wo ich einen deutlich dunkleren Himmel habe als auf dem heimischen Balkon.

15 Minuten später – davon 10 Minuten Fahrzeit – war das Gerät auch schon einsatzbereit. Im Nordosten drohte bereits die nächste Wolkenbank, aber noch war über mir klarer Himmel.

Da ich in der letzten Nacht ein paar verwackelte Sterne hatte, stellte ich das Stativ zuerst einmal niedrig ein: Die Beine nicht ausfahren, und maximaler Spreizwinkel. Das sollte noch etwas mehr Stabilität bringen. Die Initialisierung verlief wieder problemlos: Das Teleskop grob in die Zielrichtung ausrichten (senkrecht nach oben wollte ich es für die Orientierung am Himmel dann doch nicht zeigen lassen, etwas einfacher darf das System es schon haben), die Sternerkennung aktiviert und fertig. Ab zur Objektsuche in der App, die zahlreiche Vorschläge macht.

Das erste Ziel: M27, der Hantelnebel. Ein nicht zu kleiner Planetarischer Nebel, der auch in kleineren Teleskopen ein hübscher Nebelfleck ist. Im eVscope dauerte es keine zwei Minuten, bis er in Farbe zu sehen war. Chic, was da auf meinem Handy-Display auftauchte. Um Erschütterungen zu vermeiden, schaute ich währenddessen nicht in das elektronische Okular, und werde mit runderen Sternen belohnt.

Nach zwei Minuten war das Bild bereits hübsch, nach sechs Minuten nicht wesentlich besser. Also schon weiter zum nächsten Ziel? Warum nicht… Die App schlägt NGC 6946 vor – die Feuerwerksgalaxie im Cepheus mit 9. Größe. Schauen wir mal. Surrr… die Montierung fährt das Ziel schön leise an; mit dem Kaffeemühlengeräusch vieler Goto-Montierungen hat das nichts zu tun.

Hier lohnt sich die längere Belichtungszeit: Zunächst ist nichts zu sehen, wenig später schälen sich die Spiralarme immer besser heraus. Hübsch.

Und jetzt? Ein Blick zu den Wolken, die näher kommen… ach was soll’s, weiter zum nächsten Ziel. M33 steht hoch über mir, die Dreiecksgalaxie. Kein leichtes Ziel, da sie größer als der Vollmond ist, und der halbvolle Mond obendrein den Himmel aufhellt. Surr, Verbesserte Sicht starten, Blick auf’s Handy: Check, da ist sie. Nach wenigen Minuten sind die Spiralarme erkennbar und nach zehn Minuten deutlicher. Bei Nacht und auf dem Handy sind sie übrigens deutlich schöner als bei Tag auf dem Laptop. Umgebungslicht macht sich auch hier bemerkbar.

War ja einfach, wobei die Galaxie wohl von etwas mehr Belichtungszeit profitieren würde. Ich nutze die Zeit, um die Bilder nach Hause zu schicken. Zurück kommt die Frage, was ich davon halte, dass vom Sofa aus genauso viel zu sehen ist wie bei mir in der Kälte? Tja, da ist was dran – es fühlt sich nicht wie Beobachten an, da ich doch immer nur auf’s Handy schaue.

M82

Aber was soll’s, wenn ich schon mal draußen bin, wird die Zeit genutzt. Über dem Großen Wagen tut sich eine Wolkenlücke auf, also ab zu M82. Die “Zigarre” ist eine hübsche unregelmäßige Galaxie und ein hübsches Paar mit M81.

Es dauert keine Minute, bis die Zigarre mit ihren Staubbändern zwischen den Sternen zu sehen ist.

Eigentlich eine Unverschämtheit, wie gut das funktioniert.

Immerhin sind die Sterne nicht ganz perfekt, und ich entscheide mich, den Fokus zu überprüfen. Ab zu Albireo, der ist hübsch hell, und ich kann mal sehen, was das kleine Gerät an Doppelsternen kann.

Im Staubschutzdeckel ist eine Bahtinov-Maske versteckt, die ein Beugungsmuster verursacht, anhand dessen man die Schärfe wunderbar beurteilen kann. Um es einfacher zu haben, parke ich das Teleskop zwischendrin kurz und bringe das Stativ auf seine maximale Höhe. So kann ich bequem durch das Okular schauen, während ich Albireo fokussiere.

Wie erwartet sind Doppelsterne keine Spezialität des eVscope 2 – da braucht man Vergrößerung, Licht sammeln bringt wenig. Albireo wird nicht wirklich getrennt, aber ich kann gut sehen, dass es zwei Sterne sind, und ich im Fokus bin.

Für schärfere Sterne müsste ich es mal mit Justage des Spiegels probieren, aber darauf habe ich gerade keine Lust. Außerdem: Das Stativ ist nicht das stabilste, und das Teleskop wackelt ziemlich, sodass schon das Fokussieren nicht ganz trivial ist. Aber für meine Zwecke langt es – leider kann ich es auch nicht einfach auf ein stabileres, schwereres Stativ setzen.

Lieber noch ein wenig Beobachten statt zu justieren – zurück zum Großen Bären: M81 ist nach drei Minuten so strukturlos, wie ich das vom klassischen Teleskop gewohnt bin, M82 bleibt hübsch.

Dann machen die Wolken im Norden dicht, und was bietet sich als Ziel an? Natürlich der Mond! Unter “Moon” finde ich ihn in der App, und bald ist er bildfüllend auf dem Handydisplay.

Der Mond zeigt wunderbar das Bildfeld des eVscope 2

Die Bildverbesserung bringt hier übrigens nichts (außer dass er kurz überbelichtet wird). Höher Vergrößern macht nur bedingt Spaß: Es bleibt halt digitaler Zoom, kein optischer. Leicht erschreckend ist der Blick ins Okular, wo er lila eingefärbt erscheint – auf dem Handy sieht er deutlich farbechter aus.

Damit fehlen in meiner Sammlung nur noch offene Sternhaufen. Ein schneller Schwenk zu h Persei, dann manuell ein Stück zur Seite, um h&Chi Persei gemeinsam einzufangen.

Ganz nett, wobei hier die fetten Sterne natürlich stärker auffallen – sie machen zwar die unterschiedlichen Sternhelligkeiten deutlich, aber der Anblick ist doch anders als im Teleskop. Und längere Beobachtungszeit ändert gar nichts am Bild. Ein Blick nach oben: Oha. Wolken.

Das habe ich beim Blick ins Okular gar nicht mitgekriegt. Der Stacking-Algorithmus ist so intelligent, dass er Wolken erkennt – oder schaue ich doch nur auf ein Dia? Nein – wenn ich auf das unverbesserte Livebild gehe, sind auch nur noch Wolken zu sehen. Also doch kein Fake… Der beliebte Trick, die Hand vor das Objektiv zu halten, um zu zeigen, dass man keine Bild sieht, funktioniert am eVscpoe übrigens auch nicht.

Damit mache ich Feierabend. Das geht wunderbar schnell: Teleskop parken, Staubschutzdeckel aus dem Auto holen, Teleskop in den Rucksack und das Stativ daneben. Keine fünf Minuten.

Und zumindest eines hat der Abend mit einer klassischen Beobachtungsnacht gemeinsam: Es wird irgendwann kalt, wenn man auf dem Acker steht.

Fazit: Das Teleskop

Größenvergleich alt gegen neu: Ein computergesteuerter 80mm-Refraktor und das eVscope 2

Diese kurze Testphase mit dem eVscope war wie ein Reinschnuppern in die Zukunft der Amateurastronomie: Ein vollständiges, ordentlich verpacktes Teleskop, das einem die ganzen Technikprobleme abnimmt, sich vollständig automatisch am Himmel orientiert und die Objekte anfährt und verfolgt, die man auswählt – sei es aus der Datenbank oder über Koordinaten. Das elektronische Okular und die manuelle Scharfstellung geben einem noch mehr das Gefühl, selbst zu beobachten, als bei denjenigen robotischen Teleskopen, die das Bild nur auf dem Handy-Display zeigen. Der Preis dafür ist, dass man es gelegentlich doch (wie jeden Newton) justieren sollte. Aber das ist kein Problem, und auch Out-of-the-Box liefert es gute Ergebnisse.

Was ich noch verbessern würde

Amateurastronomen sind fast alle Bastler, und obwohl das eVscope 2 ein rundes Komplettset ist, das sofort funktioniert und keine Nachkäufe benötigt, gibt es natürlich ein paar Dinge, die ich verbessern würde.

  • Das Stativ hat keine Ablagemöglichkeit z.B. für das Handy. Es gibt Stativablagen aus Stoff oder Nylon, die zwischen die Stativbeine gehängt werden und so eine kleine Ablagefläche bereitstellen. Kann man für eine Handvoll Euro nachkaufen.
  • Das Teleskop kann auf mehrere Geräte Bilder übertragen, kennt aber nur einen (Haupt-)Benutzer, der es steuert. Bei meinen Tests wurde ich öfter auf einen Gast-Status zurückgesetzt. Nachdem ich das einmal kapiert hatte, konnte ich die Kontrolle über das Teleskop aber problemlos zurückbekommen. Hier wäre zumindest ein Infofester nett, das einen über den Statuswechsel benachrichtigt – der umso unerwarteter war, da ich es alleine benutzte. Davon abgesehen funktioniert die App einwandfrei, auch wenn das Handy sich in den Ruhemodus begeben hat und die WLAN-Verbindung getrennt hat.
  • Die Akku-Anzeige ist in der App versteckt und hat nur einen groben Ladestandsindikator statt einer Prozentanzeige. Das macht Apple mit dem iPhone auch nicht besser, aber es stört mich trotzdem.
  • Das Nikon-Okular hat noch Luft nach oben, was die Schärfe angeht. Die Sterne sind fett, ein wenig erinnert es mich an alte Dias in einem Diabetrachter. Das kann der Sucher meiner Panasonic besser.
  • Die beiden Klemmschrauben, mit denen das Teleskop auf dem Stativ befestigt sind, sind nicht unverlierbar. Aber vorbildlich: Zwei Ersatzschrauben liegen gleich bei.

Aber das sind Kleinigkeiten, und die Hälfte per App-Update lösbar. Unter dem Strich ist das eVscope 2 sein Geld wert. Das mag bei knapp 3800€ Einführungspreis verwegen klingen, aber: Es ist ein Komplettpaket mit Transport-Rucksack. Für einen ähnlichen Preis erhalte ich wahlweise einen gut transportablen Refraktor mit Goto-Montierung und wirklich gutem Zubehör, der weniger zeigt (oder zumindest anders) und für den ich mir eine Transportmöglichkeit selbst anfertigen muss, oder z.B. ein CPC925, das einen ähnlichen Komfort bietet, ebenfalls beeindruckende Bilder zeigt, aber nur mit dem Auto transportabel ist. Natürlich erhält man für weniger Geld auch schon sehr schöne Pakete, aber wenn das Gesamtpaket ähnlich viel Spaß machen soll, kann man in ähnliche Preisregionen kommen. Ich erinnere nur an das Schmierfett, das bei günstigen Teleskopen gerne am Okularauszug klebt – wer sich mit so etwas abgibt, bleibt in Preisregionen weit unterhalb des eVscope. Für Pfennigfuchser ist es nichts.

Gelegentlich wird es mit dem iPhone verglichen: Nicht billig, aber “It just works”. Und das tut es – wer sich für EAA begeistern kann, ist hier richtig.

Fazit: EAA – Electronically Assisted Astronomy

“Klassische” EAA am Laptop

Das war meine erste erfolgreiche Begegnung mit EAA, nach den ersten Tests in dieser Richtung mit einer ATIK Horizon und der Infinity-Software am großen Sternwartenteleskop. Zwischem dem Livestacking mit der ATIK und dem EAA-Beobachten mit dem eVscope liegen Welten: Mit der ATIK am fest aufgestellten Teleskop habe ich noch richtig was zu tun, um Ergebnisse zu erhalten (richtiger Abstand zum Reducer, um ein scharfes Bild mit dieser Kombination zu bekommen…), und die Software hatte den Rechner ins Stottern gebracht, weil der Prozessor mehr als ausgelastet war. Bis da alles lief, hat es gedauert, und der Aufwand am Teleskop ist nicht viel geringer als bei der Astrofotografie. Das eVscope ist dagegen echtes, unkompliziertes Grab-and-Go.

Jetzt muss ich zu meinem Urteil über EAA dazu sagen: Ich mache seit bald 30 Jahren Astronomie, visuell (meist so einfach wie möglich mit einem Rich-Field-Refraktor, bei dem die einzige Elektronik der Leuchtpunktsucher ist, aber auch mit großen Goto-Teleskopen) als auch Astrofotografie (mit der üblichen Materialschlacht).

EAA ist nichts für mich. Vielleicht romantisiere ich das, aber ein Reiz der Astronomie liegt für mich darin, die Objekte selbst zu finden und im Okular zu sehen – zu wissen, dass die Photonen nach zig Lichtjahren ausgerechnet in meinem Auge liegen. Der andere Reiz liegt für mich darin, die Technik zu verstehen und zu beherrschen– wobei ich natürlich auch Technik mag, die einfach funktioniert, und die ich nur noch an ihre Grenzen bringen muss.

Das eVscope nimmt mir das alles ab und zeigt mir gleich die beeindruckenden Bilder, die man erwartet – verwöhnt von einigen Jahrzehnten bunter Hubble-Bilder als auch dem (mittlerweile) klassischen Vorspann von Star Trek & Co.

Nur: Ich muss dafür überhaupt nichts machen, sondern bekomme es fertig serviert. Das ist einerseits toll – es funktioniert einfach, und man sieht was! – , andererseits ist das ein bisschen wie wenn ich auf eine Foto-Safari mitgenommen werde und am Ende die Bilder vom Reiseleiter aufs Handy geschickt bekomme, ohne selbst mehr dazu beizutragen als Wünsche, was ich gerne sehen würde. Das ist gleichzeitig faszinierend und langweilig. Für mich wäre der Haupteinsatz wohl, dass es neben mir ergänzend auf dem Acker steht und die Grenzen des Beobachtbaren verschiebt, während ich rein visuell beobachte. Oder für einen sehr unkomplizierten und schnellen Blick auf Deep-Sky-Objekte während einer Wolkenlücke vom heimischen Balkon aus, für die ich ansonsten einen Sternatlas oder eine Goto-Montierung bräuchte (und dann doch nicht viel sehen würde).

Gesamt-Fazit: Toll, aber nicht für jeden

eVscope und “klassisches” Goto-Teleskop stehen nicht in Konkurrenz zueinander, sondern sprechen unterschiedliche Zielgruppen an.

Ganz klar: Das eVscope funktioniert problemlos und tut das, was es soll: EAA, also mit der Elektronik beim Beobachten helfen, sodass man das Universum endlich auch ohne Vorkenntnisse oder Bedienungsanleitung lesen in Farbe und bunt sieht, sobald es eine größere Wolkenlücke gibt. Viel unkomplizierter geht es nicht, und das elektronische Okular gibt einem noch das Gefühl, nicht nur aufs Handydisplay zu starren.

Aber: EAA ist eine eigene Sparte. Es ist keine Astrofotografie (es geht nicht um perfekte Fotos) und kein echtes visuelles Beobachten (bei dem man nur mit Auge und Teleskop beobachtet), sondern etwas eigenes, am ehesten vergleichbar mit einem Restlichtverstärker. In Form des eVscopes wurde EAA so perfektioniert, dass man sich nicht mit der Technik beschäftigen muss, sondern einfach loslegen kann.

EAA mit vollautomatisierten Teleskopen ist nichts für alle, die

  • gerne selber Hand anlegen wollen
  • die nadelscharfen Sterne sehen wollen, die einem ein guter Refraktor zeigt
  • die Puristen sind und die Dinge selbst sehen wollen statt auf einem Display
  • die Herausforderung darin sehen, “Faint Fuzzies” im Okular zu jagen
  • Pfennigfuchser sind (wobei ein gutes visuelles Teleskop auch nicht billiger ist und weniger zeigt)
  • Mit denselben Ansprüchen an EAA geht wie an die Astrofotografie

Ein eVscope ist dagegen wohl ideal für alle, die

  • unkompliziert eindrucksvolle Ergebnisse sehen wollen
  • von Deep-Sky-Objekten mehr als Nebelflecken sehen wollen, ohne ein großes Teleskop an dunkle Standorte schleppen zu müssen
  • ein Komplett-System wollen, das einfach funktioniert
  • einfach mal Abends das Teleskop auf die Terasse stellen wollen, um einen Blick in den Himmel zu werfen – gerne auch mit Freunden an einem gemütlichen Abend, statt dafür alleine an einen möglichst dunklen Ort in den Hochalpen zu fahren
  • technik-begeistert sind, aber nicht an der Technik herumschrauben wollen
  • einen einfachen Einstieg in die Astronomie suchen und das nötige Kleingeld haben
  • alle, die Öffentlichkeitsarbeit machen: Auf einer Sternwarte als Ergänzung zu den Beobachtungen mit klassischen Teleskopen kann ich es mir sehr gut vorstellen.

EAA ist also nichts für jeden. Aber wer in die Zielgruppe fällt, erhält mit dem eVscope ein durchdachtes, rundes Gesamtpaket, das begeistert. Ich werde es mir nicht zulegen – aber z.B. für die öffentlichen Führungen an meiner nächsten Sternwarte wäre es durchaus eine interessante Ergänzung.

Den stolzen Preis sehe ich dabei wie gesagt gar nicht einmal als Problem: Ein guter visueller Setup ist auch nicht billiger, und zeigt gerne weniger.

Mich hat vor allem mein dritter Beobachtungsabend sehr an meine erste Beobachtungsnacht mit einem Celestron CPC1100 erinnert. Das Gerät kostetete vor einigen Jahren mit etwas Zubehör ähnlich viel, ist deutlich größer und schwerer (Kofferraum und Rückbank eines Ford Fiesta waren voll), aber ebenfalls rasch aufgebaut, und das Goto hatte einwandfrei funktioniert (Heute ist das CPC925 in derselben Preisklasse, das nicht viel schlechter ist als sein größerer Bruder, und sich mit einem StarSense-Modul ebenfalls automatisch am Himmel orientiert). Auch hier hatte ich in einer Nacht sehr viele Objekte angeschaut und wenig wirklich beobachtet. Aber andererseits hatte ich die Galaxien auch mit eigenem Auge gesehen und nicht nur auf dem Bildschirm.

Das ist vielleicht mein größtes Problem mit dem eVscope: Ich schaue ohnehin schon den ganzen Tag auf irgendwelche Monitore und Displays, da will ich das in meiner Freizeit nicht auch noch. Dann lieber ein echtes Okular, mit schwachen, aber nadelscharfen Sternen und geisterhaften Nebelfleckchen, hinter denen sich Galaxien, Sternhaufen und Gasnebel verbergen.

Aber wer sich für EAA begeistern kann, erhält ein Rundum-Sorglos-Paket, das einer neuen Gruppe von Astronomie-Begeisterten den Einstieg in die Himmelsbeobachtung ermöglicht.

Kleines Update zur Nacht vom 24. Januar

Bald geht das eVscope zurück, und es ist Zeit für ein kleines Update. Ich hatte nämlich noch eine klare Nacht auf der Sternwarte verbracht, und nach dieser Nacht finde ich das Gerät oberaffengeil, weil es einfach funktioniert. Während ich einiges an Frust gesammelt habe… Ich wollte nämlich einiges an neuem Equipment testen, das sich im letzten halben Jahr bei mir und im Verein angesammelt hat. Endlich war Zeit dafür, und ich konnte auf der Sternwarte groß aufbauen.

Baustelle Nummer 1 – Astrofotografie/AutoGuider:

Meine erste Baustelle war unsere CGEM-Montierung, an der ich einen Autoguider testete: Den StarAid Revolution. Mit diesem Stand-Alone-Autoguider konnte ich bereits meine heimische Montierung einnorden, obwohl ich keine freie Sicht nach Norden hatte, jetzt stand ein Guiding-Test an – nachdem endlich ein Netzteil da war und ich alle Verlängerungshülsen parat hatte, um mit meiner DSLR in den Fokus zu kommen. Ach ja: Beim Autoguider und seinem Leitrohr waren auch endlich alle Adapter richtig sortiert, dass ich ihn fokussieren konnte.

Der StarAid Revolution verspricht echtes Plug&Play: Einfach alles zusammenstöpseln und loslegen, er kalibriert sich automatisch (wenn man mal über das Handy scharf gestellt hat).

Der Test sieht gut aus (das war das Erfolgserlebnis an diesem Teleskop), dafür weigerte sich meine Nikon, mehr als neun Bilder am Stück zu machen. Die Intervallfunktion war – sagen wir mal, unkooperativ. Also: Erfolgreicher Test, aber trotzdem keine brauchbaren Ergebnisse.

Nur an unserer großen Alt-Montierung konnte ich ihn nicht testen: Der Autoguider hat ein ST-4-Kabel, die Steuerung eine völlig andere Buchse. Mittlerweile weiß ich, dass das Kabel doch an die Meade Pictor/ST-7-Buchse passt, obwohl sie anders heißt. Es leben die Standards.

Baustelle Nummer 2 – Aufbewahrung:

Die nächste Baustelle ist zwar kein Teleskop, aber hängt damit zusammen: Die Sternwarte hat sich einen Hotech Laser-Kollimator gekauft, um die wenigen Vereinsabende mit klaren Nächte nicht mit Teleskopjustage zu verschwenden. Das funktioniert auch wunderbar und ist sauber in einer eleganten Tasche verpackt. Nur der dazugehörige Getriebeneiger passt natürlich nicht in die Tasche und geht so im Verein garantiert verloren. Also brauchen wir noch eine weitere Tasche, um Tasche plus Getriebeneiger gemeinsam zu verstauen.

Ich habe ja schon viel Zeit mit dem Planen von Aufbewahrungskoffern von Teleskopen verbracht. Um so mehr weiß ich die saubere Lösung des Unistellar für das eVscope zu schätzen. Selbst wenn das Stativ irgendwo anders aufgeräumt wird: Es steht Unistellar drauf, sodass man es jederzeit zuordnen kann. Selbst in einem Verein.

Gerät Nummer 3 – EAA:

Die ATIK am ED80/600-Refraktor, huckepack auf dem großen C14

Das Thema EAA ist je eigentlich alt. Schon vor Corona hatte die Sternwarte eine ATIK Horizon für den ED80/600-Refraktor gekauft, der am großen C14 montiert ist, unserem Hauptgerät. Die Kamera wird von der Atik Infinity-Software unterstützt, die Live-Stacking und -Alignment kann – also EAA macht. Es hat nur die Zeit zum Testen gefehlt. Aber heute!

  • Frust 1 war bei den ersten Tests, dass unser alter Rechner zu langsam war. Auf dem neuen Laptop läuft die Infinity-Software jetzt immerhin flüssig. (Sharpcap hatte für Vereine üble Lizenzbedingungen, als ich das letzte Mal nachgeschaut hatte, und scheidet daher aus). Immerhin das klappt jetzt.
  • Frust 2: Mit dem 0,8x-Reducer (der das Teleskop auf 80/480 f/6 bringt) komme ich gerade so in den Fokus – aber auch nur, weil wir die überlange 2″-Steckhülse, die innen am Okularauszug angestoßen war, schon vor Jahren abgesägt hatten. Damit ist natürlich auch das Filtergewinde Geschichte, Lichtverschmutzungsfilter gehen also nicht. Außer, ich kaufe noch eine neue Steckhülse.
  • Frust 3: Die ATIK verbraucht 13mm Backfokus, der Reducer hat 55mm Backfokus. Mit einer 30mm und einer 12mm T-2-Verlängerung stimmen also die Abstände. Das heißt, sie würden, wenn die Adapter keine so langen Gewinde hätten, dass die T-2-Verlängerungen dadurch noch einmal 1-2mm mehr Abstand vom Kameragehäuse haben und der Sensor 57mm vom Reducer entfernt ist.
  • Frust 4: Trotz Zugentlastung gibt es immer wieder Unterbrechungen in der Stromversorgung der Kamera. Falscher Stecker? ATIK verkauft das Netzteil ja dankenswerterweise extra, es gehört nicht zum Lieferumfang.
  • Frust 5: Die absolut unintuitive Software von ATIK, die alles anders, aber nichts besser macht. Irgendwann werden die Bilder dann sogar gespeichert, und ich finde raus, wie man das LiveStacking aktiviert.
  • Frust 6: Das Ergebnis nach einer Viertelstunde Live-Stacking…
M1 mit runden Sternen, aber… naja…

Also ganz ehrlich: Das sind zwar schön runde Sterne, aber wirklich toll ist das jetzt auch nicht, verglichen mit 2-5 Minuten am eVscope. Jedenfalls nicht so toll, dass ich es in einer Führung zeigen würde um zu demonstrieren, wie viel mehr Astrofotografie gegenüber dem bloßen Auge zeigt. Ja, mit dem Histogramm wurde der Hintergrund dunkel, aber viel hübscher wurde das Ganze dann auch nicht.

Später in der Bildbearbeitung konnte ich etwas mehr herausholen, aber darum geht es ja nicht – Ziel ist der Live-Eindruck.

Baustelle 4 – Nochmal eVscope 2:

Spaßeshalber hatte ich das eVscope noch einmal daneben gestellt. Einfach nur angeschaltet, nichts nachfokussiert. Um gelegentlich mal durchzuschauen, was es so macht. Und dafür hatte ich nicht das Handy gezückt, sondern einfach nur mal einen Blick durch das Okular geworfen. Ganz unkompliziert im Vorbeigehen.

Und jetzt, nach diesem Abend mit den großen Teleskopen, muss ich mein Urteil revidieren: das Gerät ist oberaffengeil, endlich ein Stück Technik, das genau das macht, was es soll. 

M1 sieht beim Blick ins Okular auch nicht schlechter aus als auf dem Laptop, ein paar andere Ziele waren nett, ein paar waren wie im echten Teleskop beim Heilbronner Stadthimmel abgesoffen und nicht zu sehen, die recht dicken Sterne störten mich im Okular diesmal gar nicht mal mehr so sehr. 

Ich habe die Ergebnisse mal bewusst auf etwa die Größe skaliert, wie sie ohne Zoom im Okular zu sehen waren. Weiterhin unkollimiert, nur einige Tage vorher mal fokussiert.

Krebsnebel M1, Eulennebel M97, NGC 9205 und der Eskimonebel, wie sie etwa im Okular aussahen.

Und das ist das, wofür man den Aufpreis für das elektronische Okular zahlt.

Also ganz offen – da überzeugt mich das eVscope jetzt wesentlich mehr als der ähnlich teure Ansatz mit der ATIK. Da kann ich mich darauf verlassen, dass es bei einer Führung (wenn ich Zeitdruck habe, weil Leute um mich herum stehen) funktioniert und was nettes zeigt. Bzw. das macht, was ich mir erwarte: Es zeigt den Unterschied zwischen bloßem Auge und der Kamera. Ohne dass ich dann noch am Laptop versuchen muss, mit Histogramm und irgendwelchen schlecht dokumentierten Einstellungen ein ansehnliches Bild herauszuarbeiten. Und mich in den wenigen Nächten, die ich im Verein bin, in die Technik einzuarbeiten. Und jedesmal neu fokussieren muss, auch wenn mal alle Adapter vorhanden sind und ich die Kamera nur noch anschließen muss. Ja, die Bilder vom eVscope können weg – aber wenn ich am Teleskop ständig durch’s Okular schaue, sind sie auch verwackelt. So what?

Die Chancen sind gar nicht so schlecht, dass ich jetzt die Anschaffung so eines Geräts befürworte, sobald es etwas billiger werden und in unseren Etat passt. Schon, weil alles zusammen sauber verstaut ist. Ja, das Stativ hängt offen an der Seite vom Rucksack, aber auch da steht Unistellar drauf, sodass man es zuordnen kann, wenn es wo anders eingelagert wird.

Hurtigrute Tag 12: Back to Bergen

Viel gibt es heute nicht mehr zu berichten. Die Wetterprognose sah übel aus, aber ich hatte schon schlimmere Westkapp-Passagen – es war zwar Bewegung im Schiff, aber ziemlich gleichmäßig. Leider war es auch genug, um meine Kabine ordentlich zum quietschen und knarzen zu bringen. Ab halb vier war ich wach, und während die Wellen mich in den Schlaf wiegen wollten, kam die Kabine mit einem Qiiiiiietsch-knarz, quiiiiietsch-krrrrrr dazwischen. Und nein, das waren nciht nur die klappernden Kleiderbügel – die kann man ja in den Schrank legen. Als der Wecker kurz nach sieben klingelte, war ich also alles anderes als ausgeschlafen.

Punktlandung

Florø erreichten wir nur mit geringer Verspätung, was für die letzte Etappe Hoffnung machte. Die Stadt wurde erst 1860 für den Heringsfang gegründet und ist die westlichste Stadt Norwegens; zu sehen gibt es vor allem die Containerstapel und ein Polizeirevier, das mich immer an die alten Lego-Polizeistationen erinnert. Also statt Landgang Duschen, Frühstück und dann finales Kofferpacken. Noch ein paar mal umpacken, und meine Kofferwaage steht bei 22,6kg. Dann in der Kabine umschauen und feststellen, was noch alles fehlt, dann bin ich bei 22,95kg (die vom Flughafen zeigt dann 22,7 an – beim letzten Flug waren Koffer- und Flughafenwaage sich noch einig). Das passt genau zu den 23kg, die KLM ohne Aufpreis gestattet, und mein Rucksack ist auch bis zu m Platzen gefüllt. Ich hätte für den Rückflug natürlich auch die dicke Thermohose anziehen können, aber das wollte ich mir doch nicht antun – und so passt es ja gerade.

Bis 10 Uhr muss der Koffer an den Aufzügen stehen, um später an Land gebracht zu werden, und die Kabine geräumt sein. Ein letzter Kontrollblick: Mist. Ich hatte ja noch einen KAlender gekauft und an die Wand gehängt. Jetzt wird’s wirklich eng… Quetsch, passt.

Ha det brat

Dann war es das mit der Kabine. Das Handgepäck kann im rechten Konferenzraum des Schiffs zwischengeparkt werden, im linken machen wir unsere Abschiedsveranstaltung. Letzte Fragen und gute Wünsche, dann noch ein kurzer Reiserückblick, und das war es dann – das alles bei wieder erwarten ruhiger See, wobei der Captain sich auch immer sehr nah and er Küste hält und wo möglich den Windschutz von Inseln sucht.

Wir sind rechtzeitig fertig, um den hübschen Steinsund durch die Fenster an uns vorbeiziehen zu sehen (wir müssen ja noch aufräumen), während Onkel Heinz den letzten Point of Interest an Deck macht, und dann gibt es vier Stunden lang bis zur Ankunft in Bergen nichts weiter zu tun als Mittagessen, ein letztes Eis im Multe und Abwarten.

Auch der Schiffshund hat genug…

Dazu immer der bange Blick auf die Uhr: werden wir rechtzeitig da sein? Allmählich könnte die Reise zu Ende gehen – das Wetter ist nicht so ansprechend, dass man viel Zeit draußen verbringen wollte. Aber immerhin ist die See überraschend ruhig, und die Temperaturen deutlich im Plus-Bereich. Von dem Schnee, der uns vor eineinhalb Wochen in Bergen begrüßt hatte, ist nichts mehr übrig, stattdessen gibt es das für diese Jahreszeit eher typische Schmuddelwetter.

Letztendlich erreichen wir Bergen mit gerade einmal einer Viertelstunde Verspätung etwa um 15 Uhr. Bis die Gangway unten ist und alle das Schiff verlassen haben, vergeht noch einige Zeit, sodass wir letztlich um 15:40 alle im Bus sind. Dann noch gute 20 Minuten Fahrt bis zum Flughafen, und etwa um 16 Uhr fluten wir die beiden Check-In-Schalter vom KLM. Dann ab durch die Security, und ich habe noch gut 15 Minuten Luft, bevor das Boarding beginnt.

Der Rückflug ist gemütlich: Vor uns sitzt Margit, hinter uns die beiden Ärztinnen aus Mannheim, die zum harten Kern der Nordlichtbeobachter gehörten udn mit denen wir viel Spaß hatten. Amsterdam erreichen wir überpünktlich (der Flugzeug-Captain sollte vielleicht mal bei der Hurtigrute anheuern, dann schaffen wir Reise sogar in zehn Tagen), und am Flughafen trennen sich unsere Wege: Für mich geht es nach Stuttgart, für die anderen nach Frankfurt. Aber wir stehen gleichzeitig an der Startbahn. Dann noch der Rückflug, Auto suchen und ab nach Hause, auspacken, Corona-Schnelltest machen (alles okay) und Feierabend. Uff.

Meine nächste Tour soll im Februar stattfinden – mal sehen wie die Lage dann ist und ob die Reise wieder so schön wird.

Wer selbst auf die Reise gehen will, gebucht werden kann übrigens auch bei unseren beiden Reiseleitern:

Hurtigrute Tag 11: Südlich von Trondheim

Trondheim am Morgen

Über Tag 11 der Reise gibt es nicht viel zu berichten – außer vielleicht, dass Tag 11 der vorletzte unserer 11-tägigen Seereise ist. Die dreieinhalb Stunden am ersten Abend in Bergen zwischen dem Ablegen um 20:30 und Mitternacht zählen als erster Tag des Tagesprogramms; die 11 Tage Reisedauer beginnen also jeweils um 20:30 – und da wir am letzten Tag gegen 14:45 Bergen erreichen, vergehen somit nur 11 Reisetage.

Viel passiert heute aber nicht. In Trondheim gäbe es für Frühaufsteher die Möglichkeit zu einer Stadtrundfahrt, aber um 7:20 bin ich nicht in Ausflugsstimmung. Von den drei Stunden Aufenthalt bleibt somit nicht genug übrig, um einmal in die Stadt zu gehen, also gibt es Frühstück und ein paar Bilder von Deck, während die Dämmerung langsam einsetzt.

Wir legen kurz nach halb zehn ab, während die Richard With schon vor Trondheim rumdümpelt und darauf wartet, dass wir den Anleger frei machen.

Nachdem wir den Anleger verlassen haben, geben wir nicht etwa Gas, sondern werden langsamer: Eine kleine Sicherheitsübung kostet uns eine halbe Stunde. Eigentlich wird sowas ja in Ålesund oder Honningsvåg gemacht, wo das Schiff einige Stunden im Hafen liegt; heute wird in Sichtweite von Trondheim ein Beiboot zu Wasser gelassen, dreht einige Runden ums Schiff und wird dann wieder hochgeholt. Wir witzeln, ob da noch jemand was aus Trondheim braucht, oder ob für die stürmische Fahrt nach Bergen geübt wird…

Norwegen unter Wolken

Anschließend beginnt ein weitestgehend ereignisloser Tag. Wir tuckern durch den Trondheimfjord und das Wetter wird schmuddelig: Zu den Wolken gesellt sich gelegentlich etwas Regen. Ansonsten ist die See noch ruhig, nach Mittag macht sich etwas Seegang bemerkbar.

An Bord gibt es um 10 Uhr einen Vortrag vom Schiff, dann Mittagessen (Altnordischer Pilzeintopf mit Kartoffelbrei) und das letzte Treffen mit dem Expeditionsteam. Onkel Heinz warnt vor bis zu vier Meter hohen Wellen, die uns heute Abend und morgen erwarten – einige Gäste überlegen sich, die Hustadvika auszulassen und mit dem Ausflug ins Marmorbergwerk über Land nach Molde zu fahren. Seegang sind wir auf der Tour ja praktisch noch gar nicht begegnet. Morgen könnte es interessant werden…

Neue Mülleimer

An Bord gibt es sonst wenig neues. In Trondheim kamen lange Kartons an Bord, in denen neue Mülleimer steckten – langsam wird das Schiff durchrenoviert und die alten Eimer ersetzt. Neu im Mülltrennungssystem sind Essensreste; gebrauchte Masken haben weiterhin eine eigene Tonne.

Um 14:45 nutzt Margit die freie Zeit für einen abwechslungsreichen Vortrag über norwegische Weihnachtsbräuche, und das war es dann auch fast schon für heute. Die Zeit bis Kristiansund vergeht mit Gesprächen, und trotz der Rettungsübung kommen wir nur etwas verspätet an – das Schiff hat doch tatsächlich etwas Zeit aufgeholt. Für einen kleinen Spaziergang durch den Ort, an dem uns die Bergwerks-Ausflügler verlassen, ist die Zeit trotzdem etwas knapp – schließlich will der Vortragsraum noch aufgeräumt werden.

Aber immerhin lockert die Wolkendecke in Kristiansund auf, und der Halbmond bietet einen netten Anblick über dem nächtlichen Örtchen.

Auf der Hustadvika

Danach geht es auf die Hustadvika – im letzten August war die Kong Harald hier mit Motorproblemen einige Stunden in Seenot geraten, diesmal geht alles gut – auch wenn der etwas stärkere Seegang einige überredet, zu Reisetabletten zu greifen. Von bis zu drei Meter hohen Wellen ist aber nicht viel zu sehen: Die See wirkt ruhig, nur wenn man am Schiff entlang schaut sieht man, dass das Heck sich doch sichtbar hebt und senkt.

Gegen 20 Uhr passieren wir Bud und biegen in geschützteres Fahrwasser ab. Die Lichter eines Gasterminals bei Aukra zeigen, dass die Fahrt nun erst einmal ruhiger wird. Molde erreichen wir ziemlich pünktlich, der Bus mit den Ausflüglern erreicht auch gerade den Kai, als wir anlegen.

Molde

Und damit beginnt unsere letzte Nacht an Bord so richtig. Die nächsten Häfen – Ålesund um halb eins, Torvik um halb drei und Måloy um halb sechs – sind weitestgehend uninteressant. Wenn es heller wäre, wäre Måløy interessant: Dort begegnen wir der nordgehenden Havila Capella, die nun endlich auf ihre Jungfernfahrt geht. Aber für ein Treffen in der Finsternis stehe ich nicht um die Zeit auf.

Zwischen Torvik und Måløy liegt auch die Stad-Halbinsel mit dem Vestkapp (eigentlich die Halbinsel Kjerringa) und einem Örtchen namens Honningsvågen – fast wie am Nordkapp. Da könnte es stürmisch werden – nicht umsonst wurde jetzt der Bau eines Schiffstunnels beschlossen, um die Halbinsel Stad nicht mehr umrunden zu müssen. Mehrere Meeresströmungen kreuzen sich dort, und uns erwartet ordentlicher Gegenwinf.

Ein Highlight gibt’s am Abend noch: Wir begegnen der nordgehenden Nordnorge. Allerdings ohne Ansage, daher schaue ich ihr nur aus dem Multe zu. Irgendwie scheint sie eine neue Hupe zu haben…

Im großen Ganzen war’s das für die heute. Noch ein paar Bilder tauschen, und dann gehen die meisten ins Bett, bevor wir wieder offene See erreichen. In diesem Sinne schon einmal: Gute Nacht.