Baader Solar Projection Screen – bereit für die Sonnenfinsternis

Der BSPS am AstroMaster 90AZ

Es ist heute fast schon eine Seltenheit, dass es neue Produkte für visuelle Beobachter gibt. Irgendwie will gefühlt jeder in jedes Teleskop nur noch eine Kamera reinstecken… Aktuell rennen alle Smartscopes hinterher (zugegeben: Ich habe mir auch eines geleistet), und die Dinger funktionieren ja auch einwandfrei. Nur zu tun hat man dabei nichts.

Neu für visuelle Beobachter waren in letzter Zeit eigentlich nur die Houdini-Okulare, mit denen sich Benutzer von schnellen Newtons den Komakorrektor sparen können. Bringt mir aber nichts, ich hab keinen Newton.

Umso schöner ist, dass es mal was Neues für die Sonnenbeobachter gibt: Einen Sonnenprojektionsschirm, den Baader Solar Projection Screen, kurz BSPS. Als Vorwarnung muss ich gleich sagen: Ich bin da nicht ganz unparteiisch, da ich die Produktentwicklung als Betatester begleiten durfte und das Teil in diversen Prototypenstadien schon im letzten Sommer testen konnte. Das hat natürlich ganz gut gepasst, weil für mein Buch Sonne, Mond und Finsternisse (gibt’s wieder auf Amazon, und behandelt sowohl die kommenden Sonnenfinsternisse als auch die Sonnen- und Mondbeobachtung) eh gut im Thema drin war.

Sonnenprojektion mit dem Großteleskop

Die Sonnenprojektion ist natürlich die einfachste Möglichkeit, die Sonne mit mehreren Zuschauern gleichzeitig zu beobachten: Dabei nimmt man ein Teleskop mit (hitzebeständigem!) Okular und projiziert die Sonne auf eine weiße Fläche. Eine schöne Sache, bei der man auch gleich was über Optik und Bildentstehung lernt. Als ich in den 90ern mit dem Hobby angefangen hatte, war das auch noch eine gängige Methode bei uns auf der Sternwarte: Ein großer Projektionsschirm wurde am 150/2250mm-Refraktor befestigt, und die Sonne so gezeigt.

Was ich aber auch gelernt hatte: Es ist die gefährlichste Methode. Man muss immer eine Hand am Teleskop halten. Wir hatten es nicht nur einmal, dass irgendein Vater gemeint hat “Sohn, das ist Blödsinn, was der Kerl von der Sternwarte da erzählt, du kannst in das Okular reinschauen”. Das stimmt natürlich nicht und würde sofort die Netzhaut versengen, wenn da jemand reinschaut. Deshalb gilt bei der Sonnenbeobachtung immer: Nie das Teleskop unbeaufsichtigt lassen, und immer bereit sein, es schnell aus der Sonne zu schwenken.

Sonnenprojektion mit dem Billig-Refraktor

Mit einem kleineren Projektionsschirm sinkt das Risiko, dass jemand hineinschaut, aber es ist immer noch ein offenes System, wo jemand reinlangen kann. Das ist heutzutage durchaus problematisch… deshalb nutze ich bei öffentlichen Veranstaltungen eigentlich nur noch einen Folienfilter vor dem Objektiv oder besser einen Herschelkeil, das ist sicherer. Die klassischen Sonnenprojektionsschirme sind weitestgehend vom Markt verschwunden.

Der Sonnenprojektionsschirm hat jetzt den Charme, dass er wieder die Sonnenprojektion ermöglicht, und somit die Beobachtung der Sonne durch mehrere Beobachter gleichzeitig (ohne Kamera und Computermonitor dazwischen!). Das ähnelt der Sun Gun, verwendet aber keine Projektionstuch, sondern eine spezielle, feste Kunststoffscheibe. Sie wird fest mit einem Okularprojektionsansatz verschraubt, in dem ein geeignetes Okular sitzt. So kann niemand in den Strahlengang greifen. Das beste Bild liefert er beim Einblick leicht von der Seite, der sich durch den Einsatz des Zenitspiegels automatisch ergibt; wenn man senkrecht hineinschaut, ist das Bild je nach Teleskop zwar hell, aber nicht zu hell. Leicht von der Seite ist es optimal.

Coole Sache. Nachdem der große Sonnenprojektor von Solarscope nicht mehr erhältlich ist, gab es bislang ja nur noch den kleinen Sonnenprojektor von AstroMedia. Schön und günstig, aber man sieht auch, wie schnell die Sonne wandert. Mit dem BSPS kann ein vorhandenes Linsenteleskop genutzt werden. Das Sonnenbild ist dabei 6-8 cm groß; wesentlich kleiner darf es auch nicht sein, da die Scheibe sonst zu heiß wird und sich verformt. Wenn man die Sonne bildfüllend hat, wandert sie ohne Nachführung auch schnell aus dem Bild, aber ein Teleskop kann ja problemlos auf eine Montierung mit motorischer Nachführung gesetzt werden. Bei der Gelegenheit hatte ich mich auch einmal mit der Hitze im Teleskop beschäftigt: Auch ein Okularauszug aus Kunststoff ist kein Problem; dort wo er von der Sonne berührt werden könnte, bleibt er überraschend kühl. Dem Teleskop passiert also nichts, auch wenn die Sonne aus dem Bild läuft.

Sonnenprojektion mit Billigokular

Beim Okular sieht das schon anders aus, das ist nahe am Brennpunkt. Ein einfaches Okular mit Linsenfassung aus Kunststoff zeigt rasch Schmelzspuren, und seit jeher gilt der Hinweis, keine Okulare mit Kanabalsam als Linsenkit zu verwenden. Dieser Kit kann nämlich trübe werden, wenn er heiß wird. Für die Projektion empfiehlt Baader daher die hauseigenen Classic Ortho bzw. Plössl Okulare. Sie haben eine doppelte Feldblende aus Metall und überstehen die Sonnenprojektion; bei meinen Tests ist lediglich die Eloxierung ausgebleicht und etwas goldbronzefarben geworden. Ein übliches Problem, auch einige eloxierte Teile der Außenseite meines schwarzen Teleskops zeigen mittlerweile einen Goldbronzeschimmer…

Um den Schirm zu verwenden, braucht man einen Okularprojektionsansatz und ein für die Sonnenprojektion geeignetes Teleskop – also einen Refraktor mit bis zu etwa einem Meter Brennweite, wenn man die ganze Sonne sehen will. Getestet hatte ich ihn an allem vom VarioFinder 60/250 bis zum 150/1200 und 150/2250 Großrefraktor, an letzterem ist aber nur noch ein Teil der Sonne zu sehen. Am besten sind langsamere Teleskope, an lichtstarken Geräten ist das Bild bei gleicher Vergrößerung deutlich heller. Am 90/500 geht es aber auch problemlos.

Wenn man den Kartonbausatz einmal gebaut hat, ist die Montage einfach: Ein Okular in den Okularprojektionsansatz stecken, diesen an die Projektionsbox schrauben, und das ganze an den Zenitspiegel vom Teleskop. Okular und Okularprojektionsansatz gehören nicht zum Lieferumfang. Welches Okular man benötigt, hängt von der Teleskopbrennweite ab und steht auf der Kartonbox. Auch der Okularprojektionsansatz muss separat gekauft werden. Wer schon eine Zeitlang beim Hobby ist, hat wahrscheinlich schon einen in irgendeiner Schublade, die Teile gibt es mittlerweile für wenig Geld. Der “OPFA” von Baader besteht aus den üblichen T-2-Bauteilen. Das hat den Vorteil, dass man die Verlängerungshülsen auch anderweitig verwenden kann. Die Abstandsangaben aus der Anleitung beziehen sich natürlich auf den OPFA.

Am VarioFinder muss der OPFA mit dem Zenitprisma verschraubt werden

Der einzige Fallstrick kann dann noch das Teleskop sein: Es muss ausreichend Fokussierweg für die Okularprojektion haben. Um die zusätzliche Okularbefestigung auszugleichen, muss der Okularauszug ein paar Zentimeter weiter eingefahren werden als üblich. Bei ein paar Teleskopen konnte ich daher keinen normalen Zenitspiegel verwenden, sondern musste den OPFA mit einem T-2-Prisma verschrauben. So bin ich an jedem Teleskop in den Fokus gekommen. Nach ein paar Jahrzehnten Amateurastronomie hatte ich da genug Spiegel in der Schublade, und den meisten Sternwarten mit Öffentlichkeitsarbeit wird es ähnlich gehen. Alle anderen müssen ggf. nachmessen, bevor sie kaufen.

Geradsichtig ist möglich, aber mühselig

Theoretisch kann man die Projektionsbox natürlich auch geradsichtig an das Teleskop anbauen und kommt so auf jeden Fall in den Fokus, aber dann müsste man von unten auf die Box schauen. Und was die Sicherheit angeht: Sollte der Zenitspiegel aus dem Teleskop fallen, fällt das Sonnenlicht nach unten und nicht Richtung Beobachter. Bei geradsichtigem Aufbau entfällt diese zusätzliche Sicherheitsebene.

Mit Zenitspiegel und Teleskop hat man einen wunderbaren kleinen Aufbau, um die Sonne zeigen und verfolgen zu können. Mein mobilster Setup war der VarioFinder auf meiner alten StarAdventurer-Montierung. Das ist nicht nur für die Öffentlichkeitsarbeit praktisch, sondern auch für die nächste Sonnenfinsternis, um den Verlauf der partiellen Phase in Ruhe zu verfolgen. Und Spaß macht es auch:-)

Und noch was aus der Ecke Öffentlichkeitsarbeit: Gerade wenn man mobil unterwegs ist, läuft die Nachführung nicht immer ganz perfekt. Wenn man die Gäste dann fragt “Siehst du was?” und ein zögerliches “Jaaa…” kommt, ist die Sonne meistens rausgewandert. Mit einem kleinen Leitrohr kann man nicht nur die Nachführung überprüfen, sondern auch den wartenden Gästen zeigen, was es gerade zu sehen gibt.

BSPS als Leitrohr am Refraktor mit Objektivsonnenfilter

Jetzt natürlich zum Wichtigsten: Was sieht man überhaupt? Bilder sagen mehr als Worte:

Die Sonnenflecken sind deutlich zuerkennen, ebenso die Randabdunklung, und die Granulation geht auch ein wenig.

Was will man mehr?

Dauerhafte Stabilität und Kratzschutz vielleicht… Die Projektionsbox besteht aus Karton und kann verkratzen. Der Vorteil dieser Konstruktion ist natürlich, dass der Versand kein Problem ist, und man sie leicht zusammenbauen kann. Der Bausatz ist vorgestanzt und hat Klebestreifen, so ist die Konstruktion nicht komplizierter als die eines Objektivsonnenfilters. Wer etwas langlebigeres will, kann eine Box auch selbst 3D-drucken, die Druckdatei stellt Baader bereit – inklusive Schutzdeckel mit Sicherheitshinweisen wahlweise auf Deutsch oder Englisch. Mit ein paar Spax-Schrauben werden Projektionsscheibe und Gewindeadapter dann schnell verbaut, und man hat einen stabilen Projektionsadapter. Wenn man dann noch den Okularprojektionsadapter mit Okular angebaut lässt, ist das eine sichere Möglichkeit zur Projektion.

3D-gedruckte Box und die Karton-Box

Mir macht das Teil Spaß, auch wenn es natürlich keine Konkurrenz zum Herschelkeil ist.