Ein ruhiger Tag im Paradies! Naja, mehr oder weniger. Auf der südgehenden Route haben wir zumindest keine großen Häfen mehr, von daher könnte es ein ruhiger Tag werden. Ich wache mal wieder viel zu früh auf und gehöre dann tatsächlich zu den ersten, die heute am Frühstücksbuffet sind. Es gibt diese leckeren kleine Pfannkuchen…
Dafür ist es draußen weniger lecker: Tief hängende Wolken verheißen nichts Gutes, und für heute ist tatsächlich ein Regentag angesagt. Kaum zu glauben nach dem gestrigen Traumwetter in den Vesterålen.
Aber was soll’s, im Schiff ist es auch gemütlich. Ich mache es mir wieder an unserem Plätzchen vor dem Restaurant für die Reiseleitersprechstunde gemütlich und versuche mein Blog zu schreiben, während draußen die trübe Landschaft vorbei zieht.
Einen großen Vorteil hat dieses Blog: Ich bin dazu gezwungen, meine Bilder zeitnah durchzuschauen, und sitze nicht am Ende der Reise auf einem riesigen Bilderberg. Nur mit produktiv arbeiten ist heute nicht viel. Immer wieder bietet sich die Gelegenheit für ein Schwätzchen, aber wenn ich das nicht wollte, wäre ich in meiner Kabine. Und gegen halb neun steht schon der erste Punkt auf dem Tagesprogramm: Wir überqueren den Polarkreis. Im Winter ist das die Passage, bei der man endlich eine Chance auf eine unverwackelte Nicht-Langzeitaufnahme der bekannten Kugel auf der Insel Vikingen hat; diesmal ist das Wetter eher gegen uns und fast dunkler als auf der nordgehenden Route. Die Tage werden länger, und das Wetter wieder schlechter.


Aber für ein paar Fotos langt es. Dann ab auf Deck 7, zur arktischen Zeremonie auf dem Sonnendeck: Es gibt Lebertran statt Eis. Den Löffel darf man behalten, aber ich habe schon ein paar zuhause und verzichte diesmal. Wobei der Lebertran gar nicht so schlecht schmeckt wie man als denkt. (Kommt natürlich auch auf die Erwartungshaltung an.) Sagte ich, dass es kein Eis gibt? Vom Himmel kommt ein bisschen was runter, als ich wieder ins Schiff gehe…
Und weiter geht es, die nächste Durchsage kommt: Ab 9:30 gibt es Polarkreisstempel. Die Durchsage kommt auf Norwegisch, Englisch und Deutsch, und kurz darauf auf Französisch. Ich glaube, der ein oder andere im Expeditionsteam ist froh, wenn die Franzosen von Bord gehen. Die Durchsage klingt fast so flüssig wie mein Französisch… Wobei das Schiff eh überraschend voll ist; normalerweise wird es ab Kirkenes leerer, aber jetzt sind sogar vier Gruppen an Bord.
Was nicht im Tagesprogramm steht: Um 10 Uhr ist ein kleiner Sektempfang: Oft steigen viele Passagiere in morgen in Trondheim aus, daher gibt es heute schon die Farewell-Veranstaltung. Der Captain und Svenja vom Expeditionsteam sagen ein paar nette Worte und lassen die Reise kurz Revue passieren – mit einem Danke an alle, die dabei waren, vor und hinter den Kulissen. Dann erhebt der Captain sein Glas: “It’s a little bit early, but skål!”, und wir stoßen noch einmal an. Und dann: “Back to the bridge, back to work” – die Offiziere verabschieden sich, wir bleiben noch ein bisschen und trinken aus.
Kurz Verschnaufen und rausschauen, während wir um 10:25 in Nesna anlegen. Nein, draußen ist es nicht schön, langsam kommt der angekündigte starke Regen.
Aber kein Problem, um 11 Uhr hält Magnus – der Emmanuel vom Expeditions-Team abgelöst hat – einen informativen und unterhaltsamen Vortrag über die norwegischen Fjorde. Wie sind sie entstanden, wie haben Gletscher die Landschaft geformt, warum wurden die Lofoten nicht abgeschliffen, wo ist der längste Fjord (Grönland), wo ist der tiefste (Antarktis), wo sind die schönsten (natürlich Norwegen!), wie viele gibt es hier – das und vieles mehr erzählt er eine Dreiviertelstunde lang vor einem gut gefüllten Vortragsraum. So interessant das war: Ich weiß, warum ich bei den meisten meiner Vorträge (naja, drei von fünf) versuche, bei etwa einer halben Stunde zu bleiben und danach noch für Fragen zur Verfügung stehe.
Ale er fertig ist, legen wir auch schon in Sandnessjøen an. Der Halt dauert eine halbe Stunde – zu wenig, um in die Fußgängerzone mit ihren vielen Skulpturen zu gehen. Nicht, dass ich das bei dem Wetter wirklich wollte…
Ach ja: Um 11:45 legen wir nicht nur an, auf der Leinwand mittig auf Deck vier wird auch der Gewinner vom Fotowettbewerb bekannt gegeben. Der ist diesmal komplett an mir vorbeigegangen. Das geht glaub auch per App, aber seit es das Tagesprogramm nur auf dem Fernseher oder in der Hurtigruten-App gibt (die nur im schiffs-WLAN funktioniert), kriege ich nur noch die Hälfte mit.
Ich nutze die Zeit, um kurz essen zu gehen (ich begnüge mich mit einem Obstsalat). Der nächste Programmpunkt ist erst um 12:45. Die Sieben Schwestern sind eine markante Gebirgskette, die wir heute mal wieder nicht hinter Sandnessjøen sehen. Die Damen sind nicht nur vollverschleiert, sondern regelrecht abgetaucht.
Aber immerhin: Man sieht die Küste noch!
Später habe ich echte Probleme zu sagen, wo die Küste ist. In Fahrtrichtung an der backbord-linken Seite müsste sie sein. Was für eine Suppe. So viel zur wunderschönen Helgelandküste. Aber immerhin habe ich jetzt bis 15 Uhr fast zwei Stunden Ruhe, ohne Termine – aber auch nur, weil ich auf das tägliche Treffen mit dem Expeditions-Team um 14 Uhr verzichte. Nur die französische Gruppe wird per Durchsage noch zu einem Vortrag zusammengetrommelt, dann ist endlich Ruhe.
Aber was heißt schon Ruhe? Ich mache mein Blog von gestern fertig, und meinen Nordlicht-Zeitraffer von dieser Reise. Heute Abend planen wir unseren kurzen Reiserückblick, vor der eigentlichen Farewell-Veranstaltung morgen.
In Brønnøysund wird das Wetter etwas besser, man sieht die Küste wieder. Vom Torghatten, dem berühmten Berg mit Loch, ist hingegen nichts zu sehen. Nach ein paar Schnappschüssen an Deck entscheide ich mich, mit kleinem Gepäck in den Ort zu gehen – die wasserdichte Handykamera muss langen.
Mein erster Fotostopp fällt aus: An dem Stein, der die Mitte Norwegens markiert, ist zu viel Betrieb für ein Foto. Also ab in Amfi, einmal durch die üblichen Läden und zuletzt in den Coop. Keine Rentierwurst, und zuhause ist der Kühlschrank leer…
Also raus aus dem Amfi, und noch einmal zum Stein: Nein, da ist jetzt eine rund 40-köpfige Touri-Gruppe. Dann gibt es diesmal kein Bild von dem Wegweiser auf dem Stein.
Im Kiwi habe ich mehr Erfolg: Es gibt nicht nur Wurst, sondern auch Berlinerboller – fast wie unsere Berliner, aber mit Schokoguss und Vanillefüllung. Lecker.
Damit beende ich meinen Ausflug, auch wenn der Regen nachgelassen hat. Das Schiff macht gerade eine Test-Exkursion: Tangtur, bzw. Küstenwanderung. Macht Sinn, das bei Schlechtwetter zu testen – und ich weiß, warum ich den Ausflug nicht teste. Im Gegenteil, ich bin nicht unfroh, wieder im trockenen Schiff zu sein. Noch ein Techniktest für heute Abend, und dann können wir ablegen.
Zur Abfahrt bin ich auf Deck 7, die kleine Walinsel anschauen, die wir etwa zwei Minuten nach dem Ablegen passieren. Jemand hat auf einer Insel einen freundlichen Wal nachgebaut, hat auch was.
Und dann mache ich doch noch ein Foto von Norwegens Mitte: Vom Schiff aus ist der Stein am Kai auch zu sehen. Nur bräuchte ich dafür jetzt das Tele, während die Wal-Insel ein Fall für das normale Objektiv ist. Und im Regen wechsle ich kein Objektiv. Bei aller Liebe…
Um 18 Uhr steht dann das Captain’s Dinner an. Die Ansprache und den Sekt hatten wir ja schon, daher gibt es nur ein 5-Gänge-Essen ohne Captain (der ist natürlich auf der Brücke, arbeiten). Da macht es eigentlich gar keinen Sin, dass jetzt drei Essenssitzungen zusammengelegt werden.
Früher war es öfter so, dass der Captain zwar auch nicht da war, aber immerhin wurde Abschiedssekt beim Betreten des Restaurants ausgegeben und hier dann anschließend die kleine Abschiedsrede gehalten wurde (auch damals meist vom Expeditionsteam). Aber jedes Schiff ist anders, und keine Reise ist gleich.
Viel zu viel Essen und eineinhalb Stunden später sind wir durch, und um 20 Uhr machen Sven und ich dann unseren Reiserückblick. Wie alle großen Reisenden haben wir mehr gesehen, als wir uns erinnern können, und erinnern uns an mehr, als wir gesehen haben – da sind Fotos eine gute Erinnerungsstütze. Dann noch ein bisschen Plaudern über die Hurtigrute und Norwegen, und Feierabend.
Von wegen. Erst legen wir noch in Rørvik an, dem letzen Hafen vor der Folda. Und dann begegnen wir noch der nordgehenden MS Nordkapp, da muss ich natürlich winken. Wir begegnen ihr unter der Brücke – fast könnte man rüberspringen…


Noch eine letzte Durchsage: Die Fahrt über die Folda könnte etwas Bewegung síns Schiff bringen, bitte alle losen Sachen absturzsicher verstauen.
Und dann, kurz nach halb elf, habe ich tatsächlich Feierabend, kann meine Bilder des heutigen Tages sichten und mein Blog soweit schreiben, dass ich es morgen nur noch einmal Korrektur lesen muss. Während ich schreibe, ist tatsächlich erstmals etwas Bewegung im Schiff, wir haben drei Meter Wellen und Ostwind – sie kommen also von vorne rechts. Aber es ist nichts wildes, alles bleibt im Regal.
Und damit endlich gute Nacht!