Hurtigrute Tag 6: Honningsvåg

Diese Reise ist schlecht für meinen Tagesrhythmus: Der Wecker steht auf kurz nach acht, und ich wache bereits um halb acht auf. Obwohl es gestern wieder spät war, dem Nordlichtalarm um Mitternacht sei Dank. Damit bleibt mir genug Zeit, um nicht nur Havøysund zu sehen, sondern auch die südgehende MS Lofoten.

Sie ist das älteste Schiff, dass noch auf der Hurtigrute fährt. Nächstes Jahr, wenn der neue Staatsvertrag gilt und neben Hurtigruten AS auch Haviland die Kystruten (wie die Strecke jetzt heißt, weil die Namensrechte an der Hurtigrute mit der Reederei verkauft wurden) befährt, wird sie aus dem Liniendienst gehen. Die „alte Dame“, die seit 1964 im Dienst ist, erfüllt die neuen Bestimmungen bezüglich Behindertengerechtigkeit nicht, und dank Denkmalschutz darf sie auch nicht umgebaut werden. Wahrscheinlich wird sie dann ähnlich wie die Nordstjernen eigene Touren betreiben – ob entlang der Küste oder nach Spitzbergen, wird sich zeigen. So schön wie heute habe ich sie jedenfalls selten gesehen. Überhaupt sind das gute Wetter und die ruhige See fast unheimlich.

Havøysund als erster Hafen des Tages präsentiert sich schön in der Morgensonne, und zum ersten Mal wird mir bewusst, wie sehr die Kirche einer Stabkirche ähnelt. Nett. Wir erreichen den Hafen mit etwas Verzögerung, was sich über den gesamten Tag hindurchzieht. Havøysund fällt für mich daher mit dem Frühstück zusammen.

Wolkenspiele vor Honningsvåg

Den Point of Interest zur Magerøya-Straße schenke ich mir: Die Zeit verbringe ich teils auf Deck 5, teils in der Reiseleitersprechstunde und teils bei den Bordreiseleitern, meine Videos zur Verfügung stellen. Den Text des Point of Interests dürfte ich kennen: Der mautfinanzierte Tunnel zur Insel, den wir gerade überqueren, die Rentiere, die den Magerøyasund entweder schwimmend oder auf Fähren des Militärs überqueren, das Nordkapp auf der Insel Magerøya, das somit weder auf dem Festland liegt noch der nördlichste Punkt der Insel ist – alles interessant, aber ich muss es nicht jedesmal hören. Lieber das tun, was man auf dieser ereignisreichen Reise ohnehin viel zu selten macht: Einfach mal an Deck stehen und Norwegen genießen!

Kurz vor Honningsvåg taucht eine dunkle Wolkenwand auf und wir fahren durch einen Schneeschauer – schlechte Aussichten für das Nordkap? Nach fünf Minuten endet der Spuk zum Glück, und wir haben wieder bestes Wetter. Wer den Nordkap-Ausflug gebucht hat oder ihn mit einem der lokalen Anbieter, die am Kai stehen, auf eigene Faust macht, wird mit Sonnenschein und Windstille belohnt. Da ich den Ausflug selbst zahlen müsste, verzichte ich wieder (vielleicht auf der nächsten Tour, mal sehen) und erstürme mit Hans und Stefan den Aussichtspunkt über dem Ort.

Honningsvåg ist wunderbar verschneit, auch wenn das den Aufstieg etwas mühsam macht. Durch fast kniehohen Tiefschnee zu stapfen macht nur bedingt Spaß, lohnt sich aber: der Ausblick auf den Ort von hier oben ist immer wieder schön. Beim Rückweg sehen wir das Expeditionsteam beim Schneeschuhhike und hören, wie die Teilnehmer aufgefordert werden, es langsam angehen zu lassen – „without snowshoes, it would be impossible“. Unser Gelächter wird mit einem „It’s easier where you are“ kommentiert:-)

Naja, stapfen wir halt den leichten Weg zurück – um zwanzig vor eins sind wir wieder im Ort, etwas zu spät, um rechtzeitig zum Mittagessen wieder an Bord zu sein. Wegen der Sicherheitsübung gibt es heute nur bis 13 Uhr Essen, normalerweise langt es mir. Egal – ich habe noch einen Apfel und „Sjokoladeterapie“ auf der Kabine, also gönne ich mir noch den Umweg zur Fischereischule auf der anderen Hafenseite, um unser Schiffchen zu knipsen. Sind ja perfekte Bedingungen dafür…

Anschließend noch ein paar Bildchen vom Ort und zurück zum Schiff – trotz Bilderbuchwetter wird es langsam etwas frisch.

Ein kitschiger Sonnenuntergang

Honningsvåg verlassen wir mit einer leichten Verspätung, dann kommt Überfahrt nach Kjøllefjord. Die Barentssee zeigt sich als echter Ententeich, und gegen 17 Uhr kommt die Finnkirche in Sicht. Statt einem Point of Interest an Deck gibt es jetzt vom Expeditionsteam Norwegen Land & Leute mit dem Tagesrückblick. Wer schwänzt, kann nicht nur die Finnkirche sehen, sondern auch einen wunderbar kitschigen Sonnenuntergang.

Vor Kjøllefjord

Früher wurde die Felsformation beleuchtet und beschallt, heute wird der ehemalige samische Opferplatz ignoriert – ob aus Respekt oder wegen Streiterein darüber, wer den Betrieb der Lichtanlage bezahlt, ist unklar. Auch der Krabbenfischer, der in Kjøllefjord früher an Bord kam, ist Geschichte. Die Firma ist wohl bankrott, und mit dem Fischer kam kein neuer Vertrag zustande.

Daher sehen nur eine handvoll Leute die Felsformation, die bei Tageslicht wirklich an eine Kirche erinnert: Ein hoher Turm, an den das flache Kirchenschiff anschließt. Im Januar 2016 hatte ich sie mal beleuchtet und mit Mond erlebt – das war richtig mystisch, heute im Sonnenschein ist die schmale Mondsichel über ihr lediglich nett anzuschauen.

Kjøllefjord

Im hübsch verschneiten Kjøllefjord machen wir nur kurz Halt, bevor es bei schönstem Wetter weiter geht. Für uns heißt das Abendessenzeit, jetzt ist das Nordkap-Buffet auf dem Programm. Also feste Sitze, aber freie Essenswahl. Es mag sein, dass ich mich am Rentiergeschnetzelten leicht überfressen habe, aber ich hatte ja auch kein richtiges Mittagessen…

Anschließend heißt es abwarten. Bislang hatten wir ja bestes Wetter, Nordkap mit Sonne und ohne Wind ist sehr selten. Aber zumindest das Weltraumwetter könnte mal etwas unruhiger werden. Wir haben sternklaren Himmel, ruhige See und nur acht Grad unter null – aber bestenfalls ein Hauch von einer Ahnung von Polarlicht. Die Hoffnung stirbt zuletzt, aber sie stirbt – gegen Mitternacht gebe ich auf. Immerhin ist für morgen auch klarer Himmel angesagt. Wir werden sehen.

Einziger Lichtblick: Ich bin mit meinem Blog auf dem aktuellen Stand.