Tag 1: Auf nach Bergen

Ist es wirklich schon wieder so weit? Ich war doch gerade erst in Norwegen und habe noch kaum etwas aufgearbeitet – aber es ist wirklich wahr: Mit dem 6. Februar startet meine nächste Tour. In der Zwischenzeit gab es aus Norwegen eher unschöne Nachrichten:

Der Sturm Tor wütete also ganz schön. Das kann ja heiter werden; ich freue mich schon auf die Fahrt über das Westkap.

Morgenrot in BaWü

Morgenrot in BaWü

Am viel zu frühen Samstagmorgen sieht es aber erst einmal vielversprechend aus: Um 10:25 startet der Flieger in Frankfurt, daher holt Marcus mich um kurz vor sieben Uhr ab. Schließlich halten wir nicht nur die Vorträge auf der Reise zusammen, sondern sind auch schon lange genug auf der Heilbronner Sternwarte tätig. Da bietet sich eine gemeinsame Fahrt zum Frankfurter Flughafen an. Zumindest in Baden-Württemberg ist das Wetter auch prächtig; klarer Himmel und schönes Morgenrot begleiten uns auf der Fahrt.

In Frankfurt finden wir trotz Baustelle auch rasch die Einfahrt zum Parkhaus und sind kurz nach acht am Baggage-Drop der Lufthansa, wo erst einmal alle Automaten-Computer abstürzen und wir zum klassischen Check-In geschickt werden, wo noch echt Menschen arbeiten und wir das Gepäck somit auch tatsächlich aufgeben können. Die Security streikt dieses Mal auch nicht, sodass wir mit ausreichend Zeit am Gate warten.

Das ist doch nicht unser Flieger???

Das ist doch nicht unser Flieger???

Und irgendwann kreuzt ein ziemlich großer Flieger der Star Alliance auf. Beim Online-Check-In sah der kleiner aus – und es ist auch nicht unserer, beim Boarding machen wir erst einmal eine Flughafenrundfahrt mit dem Bus, bis wir unser Maschinchen erreichen, das uns (ausgerechnet) nach Oslo bringt.

Übrigens habe ich es seit November geschafft, bei SAS Frequent Flyer mit Silber-Status zu werden. Das bringt mir etwa eine Gratis-Cola pro Flug ein zusätzliches Gepäckstück und einen besseren Platz auf der Warteliste, falls das Flugzeug überbucht ist. So was schafft doch Vertrauen… Und nein, ich bin nicht zu viel in Norwegen.

Übrigens lief der Hinflug zwar unter Flagge von SAS, wurde aber von der Lufthansa durchgeführt. Damit gab es eine Mahlzeit an Bord (Sandwich oder Joghurt-Müsli) und zwei Freigetränke. Die Sitzreihe hinter uns plündert die Biervorräte – keine schlechte Idee: Das letzte bezahlbare Bier für die nächsten zehn Tage… aber der Bedarf an Koffein ist stärker, und um kurz vor zwölf muss ich nicht mit Bier anfangen.

In Oslo landen wir beinahe pünktlich; der Flug war noch etwas turbulent, und in Oslo wurde – O-Ton vom Flugkapitän – eine Landebahn umgedreht, sodass wir eine Schleife fliegen drehen mussten. Eine umgedrehte Landebahn weckt seltsame Bilder in mir…

Frisch gelandet Flughafen Oslo

Frisch gelandet Flughafen Oslo

Oslo mit seinen knappen Umsteigezeiten ist mir ja noch in schlechter Erinnerung, knapp zwei Stunden sollten aber reichen. Und tatsächlich habe schon recht bald meine Tasche in den Händen. Bloß der aufgesattelte Rucksack fehlt. Und die Namensschilder. Und die Schlösser sind anders. Und überhaupt ist das gar nicht mein Gepäck, das kommt erst eine halbe Stunde nach der Landung auf das Gepäckband. Ups…

Immerhin, der Zeitpuffer ist groß genug, und es langt, sodass wir den Anschlussflieger problemlos erreichen und kurz nach halb vier in Bergen landen, wo Kai und Margit uns schon erwarten. Margit nimmt Marcus und die erste Hälfte der Gruppe schon mal mit dem Transferbus zum Schiff, Ich warte mit Kai auf den Rest, und bei verhältnismäßig wenig Regen machen wir uns dann auf die Fahrt durch die Stadt und zum Schiff.

Zum Fotografieren taugt das Wetter nicht wirklich, aber es mittlerweile noch hell genug, dass sich die Fahrt lohnt – das war im Januar schon noch anders. Am Hurtigrutenterminal (dessen Haupteingang immer noch defekt ist) gibt es dann das üblicher Prozedere mit Sicherheitseinweisung, Kabine in Beschlag nehmen und ab zum Kiwi auf der anderen Straßenseite, Vorräte kaufen, anschließend etwas Verwaltung: Wann können wir unsere Vorträge halten, was planen Kai und Margit, und überhaupt: Die letzte gemeinsame Fahrt ist ein Jahr her, was ist seitdem passiert?

Anschließend geht’s in Restaurant zum Bergen-Buffet. Da heißt es zunächst einmal anstehen, bis Plätze frei sind – anscheinend sind an die 400 Gäste an Bord. Aber ich muss sagen, das Warten hat sich gelohnt: Das Buffet überzeugt wirklich. Lecker. Ich werde auf der Fahrt wohl besser auf das Frühstück verzichten, sonst heißt es wirklich 11 Tage 11 Kilo…

Meine Kabine ist auch überraschend geräumig, das Schiff hat ein schönes Umlaufdeck und ein schön großes Achterdeck zum Polarlichter beobachten – die Trollfjord macht einen guten Eindruck. Und neben der hübschen Nordkapp und der rüstigen Lofoten fährt sie immerhin auch noch. Irgendwie scheint nämlich grad die halbe Hurtig-Flotte außer Gefecht zu sein. Die Finnmarken war letzte Woche in Bergen liegen geblieben und tuckert jetzt endlich wieder nach Norden, die Midnatsol wurde nach den Umrüstarbeiten für die Arktistouren nach Bergen geschleppt und liegt gerade in Florø im Dock, und auf der Werft in Rissa liegen die Kong Harald (deren Umbau länger dauert als geplant) und die Polarlys (die jetzt umgebaut werden soll) neben der Spitzbergen, die in Frühjahr/Sommer in Dienst gehen soll.

Auf der Infoveranstaltung vom Schiff werden ein paar Neuigkeiten erwähnt. Es gibt wieder eine Kaffeeflatrate, aber mit Karte statt Becher und nur für eine Fahrt, aber immerhin, und weil so viele an Bord sind, soll man zehn Minuten vor Abfahrt an Bord sein.

Aber für heute ist ohnehin keine Exkursion mehr geplant, stattdessen wird das Schiff erkundet (wo können wir unsere Kameras festschrauben, ohne zur Säge greifen zu müssen), was gibt es an Getränken, und wo kann man es am besten aushalten (sieht überall gut aus). Und natürlich: Wir haben WLAN ergattert:-) Und jetzt geht es von Bergen ab durch den Regen, auf die Reise zu hoffentlich klarem Himmel, ruhiger See und grünen Lichtern.

Tag 2: Ålesund und erstes Licht!

Ruhige See in der Stadhavet

Ruhige See in der Stadhavet

Der erste Morgen sollte eigentlich standesgemäß mit ordentlich Geschaukel beginnen, aber die See ist uns gnädig: Rund ums Westkap gibt es zwar leichten Seegang, aber das habe ich schon ganz anders erlebt. Trotzdem reicht es, um meine Planung durcheinander zu bringen. Eigentlich wollte ich auf der Reise ja auf das Frühstück verzichten, aber ich bin früh genug wach, um doch einen Blick auf das Frühstücksbuffet zu werfen. Man könnte was finden, auch wenn ich mich zurückhalte und vor allem auf die Getränke losgehe. Die Trollfjord hat noch O-Saft-Spender statt Flaschen, was weniger stilvoll ist als auf der Finnmarken, aber doch hygienischer sein dürfte (später entdecke ich auch die Flaschen – der Fortschritt ist nicht aufzuhalten). Auf ein Gelage verzichte ich trotzdem, schließlich steht heute Ålesund auf dem Programm, und somit verfrühtes Mittagessen, damit ab 12:00 Uhr die Jugendstilstadt erkundet werden kann.

Versorgungsschiffe in Torvik

Versorgungsschiffe in Torvik

Daher pendle ich am Vormittag zwischen dem Umlaufdeck 6 und der Reiseleitersprechstunde. Dabei gibt es nicht nur genügend Gelegenheiten, um ins Gespräch zu kommen, sondern am Hafen in Torvik auch einen ungewohnten Anblick: Zwei Versorgungsschiffe von Ölplattformen liegen im Hafen. Der niedrige Ölpreis hat die norwegische Wirtschaft schwer getroffen; ein ziemlicher Teil der Flotte wird zurzeit nicht benötigt. Die beiden gelben Riesen direkt vor der Finnmarken sind beeindruckend und bedrückend zugleich, da sie zeigen, wie sehr das Land trotz allem vom Öl abhängt.

Nach dem Mittagessen steht dann Ålesund auf dem Programm, mit dem Standardprogramm: Der Bezwingung des Hausbergs Aksla. Da heute Sonntag ist, haben auch kaum Läden auf, vom Souvenirshop mal abgesehen.

Direkt am Liegeplatz nimmt das Bankskøyta-Projekt immer konkretere Formen an, auch wenn das Jahr der Vollendung jetzt auf 2016 korrigiert wurde. Der Rumpf des Fischerbootes sieht schon ziemlich fertig aus, und eine kleine Schiffsschraube ist am Heck ebenfalls zu erkennen. Irgendwie hatte ich die bei einem Fischerboot dieses Alters nicht erwartet…

Ålesund-Panorame

Ålesund-Panorame

Der Aufstieg zum Aksla ist dieses Mal kein Problem, es gibt nur noch wenige Eisfelder auf den Treppenstufen. Auch wenn es kaum Sonne gibt, lohnt sich der Ausblick immer wieder. Und man entdeckt jedes Mal neue Dinge: Die kleinen Lagerhäuser auf der rechten Seite der Hauptinsel, unterhalb der prächtigen Schule, gehören zu den ältesten Gebäuden der Stadt und haben den Stadtbrand von 1904 überlebt. Kaum vorstellbar, dass alles, was jetzt Jugendstil ist, mal ein Flammenmeer war.

Anschließend blieb noch genug Zeit für einen Abstecher in den großen Souvenirshop von Ålesund und einen kleinen Gang entlang des Ufers, bis zu dem Denkmal, das an die Verluste der Englandfahrten im 2. Weltkrieg erinnert – einige Schiffe (auch einige der Hurtigrute) wurden während der Fahrt über die Nordsee von der deutschen Marine versenkt, als sie nach England fliehen wollten. Dafür wurde die Schiffe, die auf der Hurtigrute unterwegs waren, vor allem von der englischen oder russischen Marine versenkt. Zweifelsfrei eines der dunkleren Kapitel des letzten Jahrhunderts.

20160207-DSC_3878Der Nachmittag war ruhig: Ich versuche immer, hier meinen ersten Vortrag zu halten, aber diesmal präsentiert das Schiff um 15 und 16 Uhr das Ausflugsprogramm. Macht aber nichts: Wer stattdessen an Deck war, konnte einen wunderschönen Regenbogen quer über das Schiff bewundern. Da kann ich doch gleich nochmal meinen Vortrag aktualisieren, schließlich geht es heute um Erscheinungen am Himmel, vom Polarlicht bis zu Regenbogen.

Kurz nach 17 Uhr war dann Zeit für unsere Willkommensveranstaltung: Reiseleiter und Lektoren stellen sich vor, geben Tipps zur Tour und sehen, wer alles daran teil nimmt. Dann geht’s vom Vortragsraum auch schon zum Abendessen (18:30), das eine Unterbrechung hat: Um 19:30, also pünktlich zum Hauptgang, begegnen wir der MS Lofoten. Klar, dass da Anwesenheitspflicht an Deck ist…

Grauschleier über den Wolken – das erste (kameragrüne) Polarlicht.

Grauschleier über den Wolken – das erste (kameragrüne) Polarlicht.

Wir sehen schwarzes Schiff vor schwarzem Hintergrund, aber sie gibt sich immerhin mehr Mühe als die Nordkapp letzten Monat vor Berlevåg. Eigentlich wollte ich das ja filmen, aber da ist wieder so ein ominöses Wolkenband am Himmel… Der Test zeigt: Kameragrünes Licht, es ist soweit – das erste Polarlicht. Klar, dass ich dann die falschen Kameraeinstellungen habe, um die Schiffsbegegnung wie geplant zu filmen.

Ein paar Minuten später macht dann auch das Schiff die Durchsage, und man versammelt sich an Deck 6. Hier gibt es zwei Dinge zu tun: Den Leuten erklären, dass der graue Schimmer über den schwarzen Wolken in Wirklichkeit grün und Polarlicht ist, und zweitens die Kamera seitlich an die Reling tackern, weil ich nicht mehr bis zum Bug durchkomme – die Trollfjord gibt mir nicht ganz so viele Möglichkeiten wie die Nordkapp, um meine Kamera aufzubauen.

Es ist bei weitem noch nicht die große Show, aber immerhin – für heute wurde zwar Polarlicht bis hinab nach Ålesund angekündigt, aber auch Wolken, daher ist das schon sehr gut, und die Pflicht ist jetzt schon erfüllt:-)

Zu unserem 21-Uhr-Vortrag sind dann auch schon die ersten Bilder in der Präsentation, und das Interesse an der Zugabe („Wie fotografiere ich Nordlicht?“) ist groß. Auch nach dem Vortrag können wir dabei helfen, die ersten Kameras polarlichttauglich einzustellen – perfekt, so kann schon mal geübt werden. Der Abend klingt dann bei einem Mack Nordlys aus, in Anbetracht der Wetterprognose erwarten wir eine ruhige Nacht. Feierabend.

Irgendwann gebe ich das mit den Wetter- und Polarlichtprognosen wirklich auf… Gegen ein Uhr kommt die Durchsage, dass wie Polarlicht haben, und Junge, was für eine Show: Links vom Schiff ist es deutlich grün. Nach einer halben Stunde kommen dann langsam die Wolken, aber gut eine Stunde bleiben wir an Deck. Ich habe schon weiter im Norden schlechtere Polarlicht gehabt.

Tag 3: Von Trondheim ins Boblebad

Wenn es das erste wirklich gute Polarlicht schon in der ersten Nacht gibt, wird die Reise sehr entspannt: Der Erfolgsdruck ist weg, jeder (der den Weckruf um 1 Uhr gehört und darauf reagiert hat) glaubt uns, dass es wirklich grünes Polarlicht gibt, und die ersten Bilder haben auch geklappt. Auch deshalb packe ich den ersten Vortrag samt Fototipps nach Möglichkeit in den ersten Tag.

Vår Frue Kirke

Vår Frue Kirke

Den dritten Tag der Reise können wir daher entspannt angehen. Das Schiff liegt zwar schon seit 6 Uhr morgens im Hafen von Trondheim, aber Marcus und ich starten erst nach dem Frühstück so gegen halb zehn in Richtung Innenstadt, um im Starbucks zu frühstücken etwas zu trinken und kurz die Highlights abzuklappern: Am Rockheim-Museum vorbei (ein Museum zu Rock- und Popmusik) geht es über Bahnhof und Fluss Richtung Innenstadt zum Marktplatz mit Einkaufszentrum, der steinernen Marienkirche (Vår Frue Kirke) und dem Starbucks mit angeschlossener Buchhandlung (diesmal ohne Beute – den Ringens Herrene [Herr der Ringe] werde ich mir nicht auf Norwegisch antun).

Die königliche Residenz

Die königliche Residenz

Diesmal suche ich endlich auch Stiftsgården, die Residenz des Königs, die ich bislang noch nie bewusst gesehen hatte. Bemerkenswert: Stiftsgården ist das größte Holzhaus Norwegens und für eine königliche Residenz überraschend unauffällig. Keine Ahnung, wie oft ich schon daran vorbei gegangen bin. Der gelbe Holzbau ist nicht sonderlich umzäunt oder geschützt – überraschend volksnah. Kein Wunder, dass mir das nie als königliche Residenz ins Auge gestochen war.

Viel Zeit bleibt nicht, daher beschränken wir uns auf einen kurzen Besuch am Nidarosdom, bevor es raschen Schrittes über vereiste Straßen durch Bakklandet mit seinen hübschen Holzhäuschen zurück zum Schiff geht, das wir auch pünktlich zehn Minuten vor Abfahrt erreichen. Wegen der vielen Passagiere soll man auf dieser Tour ja schon zehn Minuten vor Abfahrt an Bord sein.

Etwas irritierend sind die vielen Plastikflaschen, die in einigen Bäumen an unserem Weg hängen. Vielleicht wird hier gegen das niedrige Flaschenpfand von nur 1 NOK protestiert? Ich weiß es nicht…

Munkholmen

Munkholmen

Pünktlich um 12 Uhr verlassen wir dann Trondheim und fahren in Schlangenlinien an der Insel Munkholmen vorbei durch den Trondheimfjord. Die Trollfjord kann sich ganz schön in die Kurve legen… Da vorerst keine besonderen Termine oder Fotoziele mehr anstehen, ist es Zeit für das Mittagessen. Es bleibt aber bei einer Kleinigkeit, da wir recht bald die Werft in Rissa passieren. Hier erledigen wir auf einen Schlag die meisten Schiffsbegegnungen auf dieser Tour: Kong Harald und Polarlys werden gerade in Rissa umgebaut, und die neue Spitsbergen liegt versteckt vor der Polarlys.

Zum Ausgleich dafür gab es heute früh kein Treffen mit der Midnatsol, die wegen Nacharbeiten erst später als geplant wieder in den Liniendienst einstieg – mittlerweile ist sie aber wieder auf Tour.

Anschließend bleibt etwas Zeit, um Kameras zu erklären und den heutigen Vortrag vorzubereiten, bevor der nächste Termin ansteht: Der unaussprechliche Leuchtturm Kjeungskjær Fyr.

Gegen 16 Uhr fahren wir dann durch den wirklich engen Stokksund; die nächsten Felsen sind nicht weit entfernt. Und auch unter der Brücke ist nicht mehr viel Platz, wenn sich die Trollfjord durchquetscht. Beeindruckend, und eine Route, die relativ selten genommen wird.

Dann sind wir wieder gefragt, der nächste Vortrag steht an. Marcus erklärt den Sternenhimmel, anschließend gibt Margit noch eine Vorschau auf die nächsten Tage, dann ist Abendessen angesagt und ein ruhiger Tagesausklang. Wir treiben uns in der Bar herum, bis ich meinen nächsten Termin in Rørvik habe: Den Pfandzettel im Coop einlösen, den ich vor gut zwei Wochen vergessen hatte. Immerhin 17 Kronen und die Gelegenheit, die Vorräte wieder aufzufüllen…

Chic: Die Nordlys

Chic: Die Nordlys

Bei nur einer halben Stunde Aufenthalt bleibt immerhin noch etwas Zeit, um die vor uns liegende MS Nordlys zu knipsen, zumindest von außen. Im April bin ich ja wieder auf der Trollfjord, vielleicht langt es dann für einen Blick in das Schiff.

Da der Himmel nun bedeckt ist und es in Rørvik leicht zu regnen anfängt, lassen wir den Tag gemütlich ausklingen. Gegen 22 Uhr sind Marcus und ich weitestgehend alleine – das nächtliche Polarlicht und die frühe Stadtrundfahrt durch Trondheim fordern wohl ihren Tribut, zumindest finden wir kaum vertraute Gesichter auf dem Schiff. Ein letzter Rundgang über das Oberdeck zeigt statt Grün nur Wolken am Himmel, aber der Whirlpool lächelt uns an. Wird es in den nächsten Nächten klar? Wer weiß, aber vielleicht ist das unsere einzige Chance, den Whirlpool in Ruhe zu nutzen, also tun wir das – der perfekte Tagesausklang. So macht der Job Spaß, und den Himmel haben wir auch immer im Blick.

Und morgen früh übernimmt das Schiff den Weckruf, wenn wir voraussichtlich kurz nach sieben den Polarkreis überqueren. Und ich stelle entsetzt fest, dass wir morgen früh eine Schiffsbegegnung mit der Nordkapp haben – Zeit das Blog zu beenden, damit ich morgen früh rechtzeitig an Deck bin. Geht ja nicht, dass ich der Lofoten winke und die Nordkapp verschlafe…

Tag 4: Nordkapp, Gamle Salten & Finnmarken – vom Polarkreis bis Bodø

Nachdem wir gestern mit der kleinen MS Lofoten das schönste Schiff der Flotte gesehen hatte, hieß es heute (am 9.2.2016) wieder früh aufstehen, um das schönste Schiff der Flotte zu begrüßen: Die MS Nordkapp. Ja, jeder hat so seine eigenen Favoriten… Und da die Schiffsbegegnung für kurz nach acht angekündigt war, konnte ich auch gleich noch ein Stunde früher aufstehen, um zur Polarkreisüberquerung kurz nach sieben mitzumachen. Schließlich wird beides mit Gehupe untermalt, da kann man ohnehin nicht durchschlafen.

Polarkreisüberquerung um 7:20

Polarkreisüberquerung um 7:20

Das Deck ist überraschend voll, bei über 300 Passagieren gibt es doch einige Frühaufsteher. Die Crew bietet Champagner an, und im Nieselregen halten wir Ausschau nach der Wiking-Insel mit dem Monument. Etwa um 7:20 passieren wir den Polarkreis, für vernünftige Bilder ist es aber noch zu dunkel. Wenig später ist Deck 9 auch schon wieder leer, und ich gehe unter die Dusche – mich frisch machen für das Treffen mit meinem Lieblingsschiffchen.

Dank der Marinetraffic-App ist klar, dass sie die Zeiten gut einhält, und am Bug stehen kurz nach acht schon die üblichen Verdächtigen in einer leichten Mischung aus Schnee und Gischt. Kurz nach acht ist es bereits hell genug, dass man etwas sieht, sodass ich nicht nur fotografiere, sondern auch die Filmoption der kleinen Panasonic mal wieder ausprobiere. Leider halten die beiden Schiffe recht viel Abstand, sodass die Nordkapp klein bleibt – aber egal, das Pflichtprogramm der Reise ist erledigt: Polarlicht gucken und Nordkapp grüßen:-)

Ørnes

Ørnes

Apropos Pflichtprogramm: Durch das frühe Aufstehen ist auch genug Zeit, um zu frühstücken, bevor wir mit Ørnes einen der idyllischeren Häfen anlaufen. Berühmt ist das Örtchen für seine Postkartenidylle und den nahe gelegenen Svartisen-Gletscher. Wohl wegen Problemen mit der Ladeklappe verzögert sich die abfahrt um ein paar Minuten.

Wenig später darf Mette, unser Tour Guide, auf dem Sonnendeck mit dem Mikrofon kämpfen: Neptun soll für die Polarkreistaufe an Bord kommen, aber bevor die Gäste angespornt werden können, um den Herrn des Meeres an Bord zu rufen, muss Mette sich erst einmal selbst Gehör verschaffen. Irgendwann funktioniert die Technik, und während eine atemberaubende Landschaft am Schiff vorbei zieht, verteilt Neptun Eis – wobei er mir recht freundlich gestimmt erscheint.

Denkmal für das Unglück auf der Erling Jarl

Das Denkmal für das Unglück auf der Erling Jarl 1958.

Im Stundentakt geht es dann weiter: Mittagessen ist heute schon etwas früher, damit alle genug Zeit haben, um vor Bodø noch etwas zu essen. In Bodø gehen Marcus und ich mit Margit auf Tour zum Salmon Center, das direkt am Scandic Hotel liegt. Auf wenigen Metern gibt es viel zu sehen: Das Salmon Center ist immer wieder ein gelungener Infopunkt rund um die Lachszucht, und ein paar Meter weiter Richtung Scandic ist das Denkmal für das Unglück auf der Erling Jarl, die hier im Januar 1958 Feuer fing. Das Restaurant auf dem Scandic bietet einen schönen Blick auf die Stadt und leckere heiße Schokolade – die sollte man ruhig genießen; wenn alle nur zum Schauen hochkommen, ist es vielleicht irgendwann für Besucher gesperrt. Wieder auf Meereshöhe gibt es dann eine Überraschung: Margit kennt dank ihres Engagements für die alte Nordstjernen auch den Kapitän der Gamle Salten, die vor dem Scandic am Kai liegt. Das Schiff sucht gerade einen neuen Einsatzzweck, und als Margit den Käpitän sieht, erkennen die beiden sich gleich wieder und kommen ins Gespräch. Und uns bietet sich die Möglichkeit, einmal an Bord des Oldtimers zu gehen.

Das kleine, aber gut erhaltene Schiff gibt einen Eindruck davon, wie es früher in Norwegen zuging. Mit Baujahr 1953 hat sie den selben Aufbau wie die typischen Hurtigrutenschiffe. Die Salten war aber nie fest im auf der Hurtigrute, sondern immer nur als Ersatzschiff, wenn die regulären Schiffe ausfielen. Dann wurde sie immer wieder an die Hurtigrutenreedereien vermietet. Das sehr, sehr schicke Schiffchen war in letzter Zeit als Restaurantschiff und für Chartertouren im Einsatz, was sich leider nicht gerechnet hat – anscheinend gibt es aber bereits einen neuen Betreiber, sodass seine Zukunft vorerst gesichert sein dürfte.

Im Inneren geht es recht beengt zu, vor allem in der ersten Klasse und der Hochzeitssuite aber durchaus mit einem gewissen Luxus und vor allem einem Stil, den es heute kaum noch gibt. Die früher typische Kombination aus Waschbecken und herunterklappbarem Tisch ist in vielen Kabinen, die Dusche ist aber auch in der ersten Klasse auf dem Gang – mitsamt einer Liste, um sich eine Termin zu reservieren. Dazu gibt es die alten Lichtschalter zum Drehen (warum baut die eigentlich keiner mehr?) und teilweise überraschend enge Türen – die Toiletten waren noch für schlankere Passagiere gedacht… Aber auch der Kapitän hat nicht zu viel Luxus, nur eine schmale, steile Treppe führt durch eine sehr niedrige Türe auf die Brücke. Damals mussten die Schiffe noch selbst gesteuert werden und fuhren nicht GPS-gesteuert ihre Route entlang.

Die Trollfjord in Bodø

Die Trollfjord in Bodø

Da wir auf der Hurtigrute sind, bleibt nicht viel Zeit, um das Schiff zu genießen – und wegen der hohen Auslastung der Trollfjord sollen wir ja auch noch zehn Minuten vor Abfahrt an Bord sein. Immerhin habe ich diesmal von Amts wegen keinen Zeitdruck: Unser nächster Vortrag steht erst um 17:30 an, da das Schiff sowohl um 15:30 als auch um 16:30 eine DVD mit Nordlicht-Fotos auf deutsch, englisch und norwegisch zeigt. Damit habe ich aber auch ein festes Zeitlimit für meinen Vortrag, aber soll’s: Die Sonne und das Leben der Sterne lassen sich in 45 Minuten abhandeln, wenn man nicht zu sehr in’s Detail geht – und wer mehr Details wissen will, kann uns ja jederzeit ausquetschen. Im Anschluss gibt Kai noch eine Vorschau auf die nächsten Angebote für die Gruppe, und dann steht auch schon das Abendessen an.

MS Finnmarken in der Nacht

MS Finnmarken in der Nacht

Die tägliche Zusammenfassung des Tages durch Mette kurz vor 20 Uhr schenke ich mir wieder, gemütliche Gespräche in der Bar auf Deck 8 sind reizvoller. Nordlicht gibt’s auch keins, daher müssen wir uns mit Mack Nordlys behelfen. Nicht ganz so gut, aber besser als nichts… Nur für die Schiffsbegegnung mit der Finnmarken unterbreche ich das alternative Abendprogramm dann doch, aber sie ist bei weitem nicht so eindrucksvoll wie das Treffen der beiden Schiffe im Januar, als sie nur wenige Meter aneinander vorbei fuhren, und Fotos gelingen kaum in dieser finsteren Nacht.

Wenig später erreichen wir Svolvær und nutzen die Zeit für einen kurzen Spaziergang. Hübsches Städtchen, zweifellos – kein Wunder, dass sich hier einige Künstler niedergelassen haben. Von den eindrucksvollen Bergen im Hintergrund sehen wir allerdings nicht viel; dichte, schneeschwere Woken hängen tief am Himmel. Auf den Stockfisch-Gestellen hängt die erste Ware; wie schon letzten Monat wird gegen die Umweltschäden durch die Ölindustrie protestiert.

Fiskekake statt Trollfjord

Fiskekake statt Trollfjord

Aus irgendwelchen Gründen verlassen wir Svolvær mit etwas Verspätung, mittlerweile wird das Wetter auch wieder schlechter: Es nieselt etwas – die Chancen auf ein schönes Polarlicht im Raftsund sind gleich null. Es dauert auch nicht lange, bis die Durchsage kommt, dass wir wegen Schnee und Wind auch den Trollfjord links liegen lassen werden. Daher gibt es magischen Trolltrunk (zum kaufen) und frischen Fiskekake (gratis) auch schon gegen halb elf, kurz nach der Abfahrt aus Svolvær. Da der Blick in den Himmel auch nur Schnee verheißt, können wir den Tag gemütlich in der Bar auf Deck 8 ausklingen lassen. Schade eigentlich – ein tolles Polarlicht wäre jetzt ganz nett gewesen, und die Wettervorhersage für Tromsø morgen hat sich auch verschlechtert.

Tag 5: Tromsø & Polarlicht

Der Tag fängt trübe an

Der Tag fängt trübe an

Heute früh hätte es die Chance gegeben, die Trondenes-Kirche in Harstad zu fotografieren (und kurz vorher die südgehende Polarlys), aber das mit dem früh aufstehen klappt nicht immer. Der Blick aus dem Fenster etwa eine Stunde nach Harstad bestätigt dann, dass das Bett durchaus eine gute Wahl war: Es ist trübe und neblig. Das Schiff füllt die Zeit zwischen dem Frühstück und dem nächsten Hafen derweil mit einer DVD über Tromsø auf. Volles Programm auf der Hurtigrute.

In Finnsnes gibt es eine unerwartete Sehenswürdigkeit: Die Noorderlicht liegt im Hafen, ein hübscher Zweimaster, der lange auf Spitzbergen stationiert war. Das Schiff wurde 1910 als Dreimastschoner für den Einsatz als Feuerschiff gebaut und hieß damals noch Flensburg. Für den Vormittag hat Kai noch ein Bonusprogramm für unsere Gruppe vorbereitet: Eine kleine Kunstführung durch das Schiff. Wie alle Schiffe hat auch die Trollfjord keine kahlen Wände, sondern ist mit zahlreichen Gemälden und Kunstwerken geschmückt. Ein besonderes Highlight ist natürlich der kleine Salon, in dem die Gemälde ausgestellt sind, die ursprünglich auf der Harald Jarl waren. Als das Schiff stillgelegt wurde, kamen sie auf die neue Trollfjord, was auch die geschwungenen Ecken des Salons erklärt. Einige Bilder mussten dafür trotzdem begradigt werden, was sie zum Glück gut überstanden. Der Einbau in die Harald Jarl war seinerzeit weniger angenehm: Da die Elektrik bei der Planung vergessen wurde, mussten die Bilder in Höhe ein Stück gekürzt werden…

Das größte Kunstwerk auf der Trollfjord übersieht man leicht: Gegenüber des Fahrstuhlschachts ist die Route in stilisierter Form dargestellt. Da muss man auch erst einmal drauf kommen.

Kurs auf Tromsø

Kurs auf Tromsø

Tromsø ist natürlich der wichtigste Hafen an diesem Tag; von 14:30-18:30 sind wir hier. Das Wetter wird zusehends besser, trotzdem brauchen wir dieses Mal nicht auf das Abendessen an Bord verzichten – sowohl die schwache Polarlichtaktivität als auch der Wetterdienst versprechen einen ruhigen Abend. Tromsø kenne ich mittlerweile ja auch schon ziemlich gut, daher steht nach ein paar Fotostopps eine Einkaufstour auf dem Programm. Viele Erfolg habe ich diesmal nicht, aber immerhin kennt man mich in meiner Lieblingsbuchhandlung schon. Hat was, in Norwegen als Stammkunde begrüßt zu werden…

Die vier Stunden vergehen schnell, und um 18:30 ist wieder Abfahrt, pünktlich zum Abendessen. Danach gehen Marcus und ich noch einmal auf das Umlaufdeck, aber selbst die Kamera kann nur ein sehr schwaches Polarlicht nachweisen. Immerhin sind ein paar Sterne zu sehen – dafür meint des ACE-Satellit, dass gerade gar nichts vom Sonnenwind Richtung Erde unterwegs wäre.

Wir machen es uns auf Deck 8 bequem und nehmen allen, die fragen, die Hoffnung auf Polarlicht. Und keine fünf Minuten später kommt die Durchsage, dass jetzt Polarlicht zu sehen ist – tatsächlich, ein deutlicher, schwach grüner Bogen erstreckt sich über den Horizont. Also die Kamera holen und versuchen, an der Reling ein passendes Eckchen zu finden – gar nicht so leicht, die Reling ist doch etwas größer und unpraktischer als auf der Nordkapp. Aber es geht, und meine Kamera ist so auch abseits der japanischen Reisegruppen, die mit Weißlicht Personenfotos machen und alle blenden. Nur blöd, dass das Polarlicht und die Wolken die Show nach hinten verlagern, und ich sie doch umsetzen muss.

Über eine Stunde hinweg haben wir ein recht ruhiges Polarlicht, aber es zeigt schon Farbe und auch etwas langsame Bewegung. Es lohnt sich, an Deck auszuharren – immer wieder wird es etwas heller, bevor schließlich die Wolken den Kampf gewinnen. Als Tourguide Mette das letzte Mal alle rausschickt, ist nichts mehr zu sehen – aber sie macht wohl ohnehin gerne Durchsagen.

Vor Skjervøy ist dann Feierabend: Die Wolken haben den Kampf gegen das Nordlicht gewonnen. Aber wenn man bedenkt, dass eine geschlossene Wolkendecke und kein Polarlicht vorhergesagt waren, war das wirklich eine beeindruckende Show.

Den Rest des Abends ist die Bar dann recht leer – kaum zu glauben, dass wir ncoh etwa 100 Passagiere an Bord haben, die eigentlich mit der Kong Harald fahren wollten, die ja noch in Rissa auf der Werft liegt. Trotzdem langt es für einen gemütlichen Abendausklang, Der Kurs führt uns über die Loppa, wo das Schiff langsam ins leichte Schaukeln kommt, und bald wird es noch leerer auf Deck – Zeit, diesen Abend zu beenden.

Tag 6: Honningsvåg und Finnkirka

Havøysund

Havøysund

Mittlerweile sind wir im hohen Norden angekommen, und in Havøysund begrüßt uns Schneetreiben. Schlechte Aussichten für das Nordkapp, aber hier oben kann das Wetter ja in wenigen Minuten wechseln. Eigentlich ist es ja eine Schande, hier nicht an Deck zu sein, aber ich werfe trotzdem mal einen Blick in die englische Präsentation „Hurtigruten in Antarctica, Greenland, Spitsbergen & Norway“, die Mette wohl vor ein paar Tagen schon einmal gehalten hat, für die neu dazugekommenen Gäste der Kong Harald aber noch einmal wiederholt. Mit aufwändigen Werbefilmchen und professionellen Bildern sollen Geschmack darauf gemacht werden, gleich die nächste Reise zu buchen, und besonderen Wert legt sie auf die Explorer-Reisen, die unter dem Motto „Respect where you go – take nothing but pictures“ stehen. Als ich dann respektvoll ohne Blitz ein paar Fotos mache, kommt gleich der Anpfiff, doch bitte keine Fotos oder Filme zu machen. Daher zu dieser Präsentation nur folgendes: Der Antarktis-Vortrag von Marco auf meiner ersten Tour auf der Norkapp war um Welten besser, auch weil er nicht auf Verkaufen abgezielt hat, sondern wirklich über seine Reisen dorthin erzählt hat. Mette war angeblich auch mal da unten… Schwamm drüber. Werbung kann ich auf Youtube sehen, dann gehe ich doch lieber wieder hier raus an Deck.

20160211-P1080573Mit leichter Verspätung erreichen wir Honningsvåg, sodass genug Zeit für das Frühstück bleibt, das wieder einmal mit dem Mittagessen zusammenfällt. Auch ohne Frühstück ist der Kalorienbedarf gedeckt, daher steht eine kleine Wanderung durch den Ort an. Das Nordkapp kenne ich ja schon (und die Ausflügler berichten später, dass es diesmal ganz untypisch Nebel gab), aber Marcus kennt den Aussichtspunkt über Stadt noch nicht. Es ist beinahe wie im Januar, nur mit noch mehr Schnee: Die Tour ist echte Arbeit, lohnt sich aber immer wieder. Ich sinke bis zum Mantelsaum in den Schnee ein; vor uns war in letzter Zeit wohl keiner hier oben.

Blick vom Berg

Blick vom Berg

Das Wetter schwankt zwischen leichtem Schneetreiben und Schneeregen, während am Horizont dunkle Wolken drohen – daher bleiben wir nicht allzu lange, sondern machen einen kleinen Rundgang über die Kirche zum Hafen. An der Schule ist wieder einmal viel Betrieb (und Pausenhöfe klingen wirklich überall gleich), und die Kirche ist offen. Ein Blick in das kleine Holzgebäude lohnt sich: Schlicht, aber heimelig, so weit im Norden.

Mittlerweile geht der Niederschlag in ekelhaften Regen über, sodass wir erst einmal das Schiff ansteuern, um uns und die Kameras trockenzulegen. Am Hafen entlang bietet sich wieder die Chance, das Schiff von der anderen Seite zu knipsen.

Das Kafe Retro

Das Kafe Retro

Das Kafe Retro ist nur wenige Meter vom Schiff entfernt: Einfach gerade aus bis zur um Ende der Straße, wo einen ein grauer Bau entgegenlächelt, und dann nach rechts schauen, dann hat man es schon gefunden, in der Storgata 1b. Das Cafe ist winzig und wird von einer sympathischen Russin aus Riga geführt. Wer das Glück hat, an einem der wenigen Tische einen Platz zu finden, sollte unbedingt einmal auch mit ihr reden und nicht nur stoisch auf seinen Kaffee schauen. Die überbordende Deko ist auch einen Blick wert – das Cafe bietet mehr, als man von außen erwartet. Die Preise sind auch sehr moderat – 35 NOK oder (aktuell) 3,62 EUR für eine heiße Schokolade ist mehr als fair.

Heiße russische Schokolade

Heiße russische Schokolade

Der Rest des Tages verläuft sehr entspannt. Viertel vor drei sind alle Ausflügler wieder an Bord, und bis zum nächsten Hafen (Kjøllefjord) steht nichts weiter auf dem Programm außer der Finnkirka. Das Wetter bessert sich und der Himmel klart auf, sodass wir pünktlich an Deck sind, um die Info zu hören, dass das Schiff Verspätung hat. Hrmpf. Auf der Suche nach dem besten Platz probieren wir Deck 9 aus (vom Umlaufdeck habe ich sie schon oft genug fotografiert), wo sich dann auch die Chance für Gespräche bietet. Irgendwie kommt das Thema auf Schiffsunglücke…

Die Finnkirke wird wieder kitschig beleuchtet, bevor der Krabbenfischer die Blicke auf sich zieht, der in voller Fahrt an unserem Schiff anlegt – dummerweise hängt ein Rettungsboot direkt über der Einstiegsluke und versperrt uns den Blick. Macht aber nichts: Der Blick nach oben zeigt Polarlichter…

Also schnell noch das Stativ geholt und das Objektiv gewechselt, bevor wir den Ort erreichen. Sogar im Hafen ist es noch gut zu sehen, aber bis wir ihn verlassen, versperren schon wieder Wolken den Blick. Also ab zu Nordkap-Buffet, das Abendessen beginnt heute schon um 18 Uhr. Der Rest des Tages bleibt dem gemütlichen Beisammensein vorbehalten: Ein Geburtstag ist zu feiern, wenn der Himmel schon bedeckt bleibt.

Wer lange aufbleibt, hatte in dieser Nacht übrigens Glück: Kurz nach drei gab es noch einmal ein richtig gutes Polarlicht, das sogar vom Hafen in Vardø zu sehen war. Aber nicht für mich, ich verschlafe es – da meine Kabine auf dem Umlaufdeck ist, hatte ich die Vorhänge zugezogen und wurde nicht von dem Grünschimmer geweckt. Ich spekuliere da lieber auf Tromsø auf der Rückfahrt…

Tag 7: Kirkenes, Eismeerbaden und etwas grünes Licht

Im Hafen von Kirkenes

Im Hafen von Kirkenes

Schon ist eine Woche vergangen, und mit Kirkenes haben wir den Wendepunkt der Reise erreicht. Bislang war ich nur einmal in der kleinen Stadt – wenn ich zum ersten Mal auf einem Schiff bin, nutze ich den Aufenthalt gerne, um das Schiff zu fotografieren. Schließlich gibt es im Winter genug Ausflüge, sodass kaum noch Passagiere an Bord sind, und viele verlassen das Schiff auch hier.

Im Rückblick hätte ich doch ruhig nach Kirkenes gehen sollen: Die Stadt hatte Barents-Festival und Markt, es war also richtig was los. Aber egal, auch so war der Vormittag gut ausgefüllt. Statt der üblichen Abfahrt um 12:30 blieb das Schiff sogar bis 13:00 im Hafen – eventuell wegen der vielen Ausflügler, die letzten Busse kamen von der Hundeschlittenfahrt erst kurz vor 13 Uhr zurück. Für einen kleinen Gang zum nächsten Rema 1000 langt die Zeit, auch wenn es umgezogen ist. Dabei gibt es schöne Fotomöglichkeiten für das Schiff, und auch der Kiosk direkt am Kai (in dem auch eine Station für die Tax Refunds ist)ist immer einen Blick wert. Alleine der süße Huskyschlitten am Eingang ist schon einen Blick wert.

Die weitere Fahrt verläuft ruhig: Der nächste Hafen ist Vardø, das planmäßig um 15:45 angelaufen werden sollte. Die Überfahrt ist ruhig und bietet genug Zeit für die Sprechstunde und die Vorbereitung des nächsten Vortrags. Ansonsten ist Entspannung angesagt – im Vortragsraum läuft ein Film über Vardø und den Pomorenhandel mit Russland (in drei Stunden um 14:45, 15:15 und 15:45 – da ist wohl schon eine spätere Ankunft in Vardø eingeplant), um die Zeit zu überbrücken.

Durch die spätere Abfahrt kommen wir natürlich auch erst später in Vardø an. Irgendwann auf der Fahrt wird angekündigt, dass wir bis 17 Uhr bleiben würden, was Hoffnung macht, dass wir vielleicht doch eine ganze Stunde in dem Städtchen zur Verfügung haben könnten. Als wir um 16:00 am Ausgang stehen, kommt die Durchsage, dass wir doch erst gegen 16:15 ankommen. Damit können wir den Besuch beim Hexendenkmal auch wieder beerdigen: Mette gibt über ihren geliebten Bordfunk bekannt, dass bitte alle zehn Minuten vor Abfahrt wieder an Bord sein sollen und bewirbt trotzdem den Besuch bei der Festung Vardøhus – aber bei weniger als einer halben Stunde frei verfügbarer Zeit ist schon das knapp, schließlich muss man ja auch erst einmal von Bord kommen. Die Zeiten, an denen einfach die Gangway an das Schiff gelegt wurde, sind vorbei, und die moderne Technik braucht etwas länger. Ich möchte es wirklich einmal erleben, dass wir pünktlich in Vardø ankommen und eine volle Stunde Zeit haben. Schauen wir uns also das Eismeerbaden an.

Bei dem knappen Zeitfenster beobachten wir auch das Eismeerbaden nur vom Schiff aus. Das Plantschbecken ist direkt am Kai, und Eis haben wir auf dem Deck auch. Der Norweger hat ein entspanntes Verhältnis zum Eis und weiß, dass es glatt ist, dementsprechend sind nur ein paar Wege an Deck eisfrei. Eigentlich seltsam, dass nur beim Verlassen des Schiffs zum Tragen von Spikes aufgerufen wird… Ein paar Mutige finden sich immer, die in die Barentssee springen; einen längeren Aufenthalt macht aber keiner – schließlich muss das Schiff gleich weiter.

Polarlicht!

Polarlicht!

Kurz nach der Abfahrt ist Marcus mit unserem vorletzten Vortrag dran. Ein paar leichte Schläge während der Vortrags zeigen an, dass wir auf offener See sind, aber im großen Ganzen bleibt es ruhig genug. Das Abendessen schließt dann auch schon direkt an unsere Reise durch das Sonnensystem an. Der nächste Halt ist Båtsfjord, und wir liegen am Rand einer Wolkendecke. Ein klassischer Fall von immer mal wieder rausschauen, ob wir Wolkenlücken haben. Kurz vor Berlevåg ist es dann so weit: Der Himmel reißt ausreichend weit auf, und ein schönes Band ist kurzzeitig zu sehen. Zwischen der Durchsage des Schiffs und der Einsatzbereitschaft der Kameras vergeht natürlich etwas Zeit, sodass die schönsten Momente kaum auf die SD-Karten gebannt werden können.

Quer durch den Großen Wagen.

Quer durch den Großen Wagen.

Es ist nicht die größte Show, aber bei dem Kampf gegen die Wolken der letzten Tage ist man ja froh über alles – und da die Trollfjord recht ruhig vor dem Hafen liegt, bleibt auch genug Zeit, um zu fotografieren. Ein Polarlicht quer durch den Großen Wagen hat auch seinen Reiz, auch wenn es visuell schon wieder recht schwach ist.

Der Rest der Nacht verläuft leider wieder unter Wolken, aber einmal ausschlafen ist auch kein Fehler.

Tag 8: Von Hammerfest nach Tromsø

Nördlich von Hammerfest

Nördlich von Hammerfest

Wir sind mittlerweile wieder auf dem Weg nach Süden, und das Highlight des Tages – die Begegnung mit der MS Lofoten – ignoriere ich. Schließlich hatte ich ihr schon einmal während dem Abendessen zugewunken. Eigentlich hatte ich mir Ausschlafen vorgenommen, das klappt aber nicht: Die allgemeinen Infos zur Abfahrt in Havøysund kommen kurz vor acht nicht über das normale Sprechsystem, sondern über die Notfall-Lautsprecher – da stehe wohl nicht nur ich senkrecht im Bett. Das Frühstück fällt zugunsten der Reiseleiter-Sprechstunde trotzdem knapp aus, und sogar den leckeren Energiekaffee an Deck auf der Höhe von Melkøya verpasse ich – Kameras wollen erklärt werden.

Je näher wir Hammerfest kommen, desto besser wird das Wetter, und alles ist bereit für eine kurze Tour durch die Stadt. Sie wird beinahe eine Kirchentour, zumindest hat die Stadt einige Gotteshäuser zu bieten – katholisch, evangelisch, Methodisten… Mein erster Halt ist aber „meine Bank“ am Musikpavillon. Es liegt noch mehr Schnee als im Januar, aber diesmal habe ich mein Mäntelchen dabei, sodass ich Platz nehmen kann. Anschließend geht die Rundtour erst zum Kulturhaus und dem Zufluchtsraum in seiner Nähe, dann zu der Kapelle und Kirche, die das Stadtbild prägen.

Die Eisbärenstadt

Die Eisbärenstadt

In die Kapelle kommen wir nicht hinein, aber die Kirche hat offen. Der Blick hinein lohnt sich immer. Für das nahegelegene Grenzlandmuseum (Gjenreisningsmuseet for Finnmark og Nord-Troms) habe ich keine Zeit, da ich mal wieder in der Buchhandlung und dem Eisbärenclub vorbeischauen will. Da nächste Woche mal wieder Mammut Salg mit vielen Sonderangeboten ist, sind die meisten Bücher abgedeckt, sodass ich nichts hübsches finde. Aber der Eisbär im Eingang der Buchhandlung begrüßt mich trotzdem freundlich. Vielleicht schaffe ich es im April in das Museum.

Im Eisbärenclub wurde etwas umgeräumt, aber da es ziemlich voll ist, heißt es für mich zurück auf’s Schiff: Mittagessen und Vortrag vorbereiten. Heute bin ich wieder dran und darf Geschichten über die Sternbilder erzählen. Irgendwann habe ich das Buch dazu vielleicht auch endlich einmal druckfähig…

Der Nachmittag wäre eigentlich ideal für den Vortrag, da es sonst nicht viel zu tun gibt, aber wir haben den Termin diesmal nicht gekriegt. In Øksfjord halten wir auch nur eine Viertelstunde, was immerhin für ein paar schöne Fotos langt, anschließend geht es auch schon auf die Lopphavet. Auch diese offene Seestrecke ist außergewöhnlich ruhig – der immer noch recht bewölkte Himmel geht zumindest mit recht ruhiger See einher.

Øksfjord

Øksfjord

Um 16:30 führen Matrosen vor, wie man Knoten knüpft, während für mich der Endspurt beginnt: 17 Uhr ist mein Abschlussvortrag. Danach gibt Margit noch eine kurze Vorschau, und dann steht auch schon wieder das Abendessen an.

Der Abend klingt in der Bar aus – so langsam kommt man noch mit weiteren Gästen ins Gespräch. Das Tagesprogramm sieht keine Überbrückung für die Fahrt nach Tromsø vor, trotzdem wird ein Film über den Männerchor von Berlevåg gezeigt, auf norwegisch mit englischen Untertiteln. Und das Polarlicht? Als wir das letzte Mal rausgesehen haben, war bedeckt und kein Licht, sodass wir uns in der Bar festgeschwätzt hatten.

Lite, lite lys über Tromsø

Lite, lite lys über Tromsø

Kurz vor Tromsø kamen dann einige Passagiere rein und schwärmten davon, was das für ein tolles Polarlicht in der letzten halben Stunde gewesen war. Toll – es hat natürlich keiner für nötig gehalten, kurz reinzuschauen und an der Bar Bescheid zu sagen. Da das Polarlicht hinter dem Schiff war, hat der Kapitän das natürlich auch nicht gesehen (die Brücke ist vorne auf Deck 7, da hat er noch zwei Decks über sich und keine Sicht nach hinten), sodass es keine Durchsage gab. Und der Wetterbericht war für die Zeit nach Tromsø optimistischer, wobei das Wetter natürlich sehr unvorhersagbar ist. Für uns blieb daher nur noch das, was Dan auf meiner letzten Tromsø-Tour als lite, lite lys bezeichnet hat: Wenig, wenig Licht.

Domkirke bei Nacht

Domkirke bei Nacht

Im Hafen blitzt immer wieder es Polarlicht zwischen den Wolken durch, aber letztlich lohnt es sich nicht, darauf zu spekulieren. Stattdessen nutzen wir den Samstagabend in der großen Stadt zum Ausgehen: Die Stadt wird wieder von Studenten bevölkert, und es ist viel los auf Tromsøs Straßen. Im Rorbua am Hafen ist die Musik etwas laut, daher landen wir im Bahnhof, wo es nicht nur Guinness gibt, sondern die Musik auch leise genug für eine Unterhaltung ist.

Wieder auf dem Schiff wird noch etwas Polarlichtwache gehalten, aber es gibt bis kurz nach zwei Uhr weder größere Wolkenlücken noch sichtbares Polarlicht. Sehr, sehr schade.

Tag 9: Vesterålen und Lofoten

Die Risøyrenna

Die Risøyrenna

Eigentlich wäre es schön, einmal die Trondenes-Kirche in Harstad vom Schiff aus zu fotografieren. Aber morgens um acht ist das Licht im Februar noch nicht so schön, und am Tag nach Tromsø ist die Nacht ohnehin viel zu kurz, und Frühstück wird auch überbewertet… Langer Rede kurzer Sinn: Während die Teilnehmer der Vesterålen-Bustour pünktlich von Bord gehen, bekomme ich von Harstad nicht viel mit. Mein erstes Fotomotiv ist die Risøyrinne mit ihren unzähligen Kormoranen um kurz nach zehn. Die 4,5 km lange Fahrtrinne ist eigentlich unspektakulär, die Landschaft rund herum macht mehr her – von der Rinne sieht man nun einmal nur die Markierungen; dass sie nur sieben Meter tief ist, ist von oben nicht zu erkennen. Die Trollfjord hat 5,1 Meter Tiefgang; damit die neuen Schiffe (Trollfjord, Midnatsol, Finnmarken) auch bei Ebbe in die Risøyrenna passt, musste sie extra ausgebaggert werden.

Risøyhamn

Risøyhamn; rechts ist die Treppe zum Königsstein im Schnee zu erkennen.

In Risøyhamn wollte ich eigentlich kurz zum Königsstein spurten, aber als mir einfiel, dass das dieser Hafen ist, legen wir fast schon wieder ab. So bleibt es bei einem Bild mit dem Teleobjektiv vom Schiff aus.

Der nächste Halt ist dann Sortland. Wie immer werden wir unter der Brücke hindurch fahren, während die Busse mit den Ausflüglern auf der Brücke entlang fahren, aber es bleibt noch genug Zeit für das Mittagessen. Während wir anschließend in der Reiseleiterecke bei der Sprechstunde sitzen, kommt die Durchsage, dass wir jetzt unter der Brücke durchfahren.

Die Ausflugsbusse

Die Ausflugsbusse

Sehr hilfreich; für mehr als ein Handy-Bild durch die Scheibe langt es bei dieser kurzen Vorwarnzeit nicht. Da gab es schon deutlich mehr Action an Bord, wenn den Bussen mit Norwegerfahnen und Bettlaken zugewunken wird – auf dieser Fahrt bleibt das Event eher eine Randnotiz.

In Sortland mache ich nur ein paar Fotos, ohne vom Schiff zu gehen – die Reiseleiterecke wird doch ganz gut frequentiert. Anschließend wird noch etwas gearbeitet, schließlich schreibt das Blog sich auch nicht von selbst. Aber wer kann auf dieser Reise schon ständig am Laptop sitzen – irgendwann kommt die Sonne zwischen den Wolken hervor und lockt alle Fotografen ins Freie.

Endlich Sonne!

Endlich Sonne!

Bis Stokmarknes wird das Wetter immer besser, und es lohnt sich nicht, noch einmal die Kabine zu gehen. Stokmarknes war die Heimat von Richard With, dem Gründer der Hurtigrute, und beherbergt heute das Hurtigrutenmuseum. Mit der aktuellen Hurtigrutenreederei hat es aber nichts zu tun, und seit dem letzten Eigentümerwechsel von Hurtigruten ASA kostet das Museum auch für die Rundreisepassagiere immer wieder mal Eintritt. Seit 1. Januar wird es wieder einmal mit 50 NOK Eintritt versucht, daher gehen die meisten Gäste auch nicht in das Museum und auf die alte Finnmarken, sondern in den überschaubaren Ort. Bis wir von Bord kommen, ist es auch schon wieder 14:30, sodass nur eine Dreiviertelstunde bleibt.

Vor der Finnmarken steht an Land übrigens ein unauffälliger weißer Container, in dem der Salon der ersten Finnmarken eingelagert ist – das Hinweisschild, das einst über den Inhalt aufklärte, ist auch schon längst verschwunden. Die Finnmarken selbst ist der Witterung ziemlich schutzlos ausgeliefert, aber ein Schutzbau ist in Planung. Vielleicht klappt es einmal.

Mein Ziel ist diesmal die große Brücke, um von dort einmal einen Blick auf Stokmarknes und die alte Finnmarken zu werfen. Die Zeit langt gerade so für einen Fotostopp auf der Brücke, dann muss es auch schon wieder zurück zum Schiff gehen.

Fischfilettieren

Fischfilettieren

Kurz nach der Abfahrt aus Stokmarknes wird auf Deck 9 Fisch filettiert, aber die grandiose Landschaft ist faszinierender: Die Sonne liefert ein unglaubliches Farbenspiel ab. Jetzt haben wir das Wetter, das man sich in Norwegen erwartet. Die Reise führt in nur wenige Metern Entfernung an hohen Felsen vorbei, durch den Raftsund und bis zum Trollfjord, den wir gegen 17 Uhr erreichen. Von dem perfekten Licht, mit dem über die Bordsprechanlage alle nach draußen gelockt werden, merke ich zwar nicht viel, aber die Stimmung ist dennoch faszinierend. Etwas nerviger ist der Hinweis, dass man doch bitte an Deck gehen, den Trollfjord anschauen und etwas zu trinken kaufen soll. Wenn der Hinweis weniger aufdringlich wäre, hätte man vielleicht sogar Lust auf einen Sekt…

Aber egal: Bei der Dämmerungsstimmung fasziniert der Trollfjord auch ohne Alkohol, und man will eigentlich gar nicht zum Abendessen gehen, das heute auch schon um 17:30 beginnt (zumindest für die erste Sitzung) – aber so bleibt mehr Zeit für Svolvær, das wir gegen 18:30 erreichen.

Svolvær bietet Schnee statt Polarlicht, und da Sonntag ist, haben die Galerien auch geschlossen. Wir nutzen die Zeit für einen Abstecher in den Anker, eine von mehreren netten Kneipen in dem Städtchen, gefolgt von einem kleinen Stadtrundgang.

Pünktlich um 20:30 müssen wir wieder auf dem Schiff sein: Margit hält einen Vortrag über die historischen Postschiffe MS Lofoten und MS Nordstjernen, während ich gegen 20:45 der MS Nordkapp winken muss. Im Tagesprogramm fehlt diese Schiffsbegegnung (eigentlich eine Unverschämtheit, mein Schiffchen zu ignorieren), daher stehe ich fast alleine am Bug, während die beiden Schiffe einander hupend begrüßen und sogar ein kleines Konzert mit den Schiffstyphonen geben.

Stamsund

Stamsund

Der letzte Hafen des Tages ist Stamsund, wo wir nur einen halben Steinwurf von den Hafengebäuden entfernt anlegen. Da es mittlerweile stärker schneit, spricht aber alles für einen ruhige Abend – nach Polarlicht Ausschau zu halten ist bei Schneefall sinnfrei. Stattdessen kann man fast schon an das Packen denken – Trondheim ist nicht mehr fern.

Tag 10: Sandnessjøen, Brønnøysund und Abschlussfeuerwerk

Der mystische Norden bleibt zurück

Der mystische Norden bleibt zurück

Kaum zu glauben, dass die Reise schon zu Ende geht – wir waren doch gerade erst in Kirkenes? Trotzdem steht heute schon die südgehende Polarkreisüberquerung an. Das Wetter ist jetzt endgültig so, wie man es von Norwegen erwartet: Alle paar Minuten anders. Die Inseln im Norden bleiben im Nebel hinter uns zurück, während die Wiking-Insel mit dem Polarkreis-Monument vor uns auftaucht. Alle Mann sind an Deck versammelt und die Kameras in Position, als wir es passieren.

Wie es im Tagesprogramm so schön heißt, wird das mit einer „kleinen Vorführung arktischer Tradition gefeiert“ – mit anderen Worten, auf Deck 9 gibt es Lebertran. Sogar der Berg Hestmannen versteckt seinen Kopf davor im Nebel und mag nicht; ich verzichtete ebenfalls auf diese Kostprobe Norwegens.

Wenig später führt die Reise nach Nesna, wo wir nur einen kurzen Aufenthalt haben. Marcus sortiert noch Bilder für unsere Abschlussveranstaltung am Nachmittag, ich bin mit meinen Reiseberichten zum Glück nicht ganz so ausgelastet – ich pflege mein Blog auf dieser Tour fast in Echtzeit. Dabei hilft auch, dass das Schiff diesmal keine Infoveranstaltung zur Ausschiffung in Trondheim macht – stattdessen gibt es zum dritten Mal auf dieser Fahrt die Präsentation Hurtigruten in Antarctica, Greenland, Spitsbergen and Norway. Es sind noch wohl wenige Plätze frei…

Nesna

Nesna

Daher kann ich in Nesna auch problemlos an Deck gehen. Das Wetter bietet alles: Wolken über Nesna, blauen Himmel hinter uns und schwarzen Himmel an steuerbord, kurz darauf auch noch Schneeschauer – schön, auch wenn es nun schlecht aussieht für die Vorbeifahrt an der Bergkette der sieben Schwestern.

Da wir einmal die Gelegenheit nutzen wollen, um in Sandnessjøen von Bord zu gehen, steht ein frühes Mittagessen an. Eigentlich hat zwar noch keiner Hunger, aber wir sind nur von 12:00 bis 12:30 in dem Örtchen. Bislang war ich da noch nie von Bord gegangen, da der Nachmittag immer ein volles Programm hat. Aber es lohnt sich, der Ort hat zahlreiche Statuen und Sehenswürdigkeiten zu bieten. Immerhin langt die Zeit, um einmal zum Marktplatz zu gehen und über die Parallelstraße wieder retour zum Schiff. Eine Baustelle sorgt noch für etwas Nervenkitzel, da der direkte Weg versperrt ist. Es heißt wirklich hurtig sein auf der Hurtigrute.

Die kleine Spitsbergen als neuester Zugang zur Hurtigrutenflotte soll ja Gerüchten zufolge eine Zeit lang eine abgespeckte Hurtigrute fahren, mit weniger Häfen und dafür mehr Zeit in einigen Orten. Das hat mit der klassischen Postschiffreise zwar nicht mehr viel zu tun, aber ich kann den Sinn dahinter schon verstehen.

Die sieben Schwestern sind schüchtern

Die sieben Schwestern sind schüchtern

Interessant ist auch der Blick von der Rückseite auf die sieben Schwestern. Leider sind sie mal wieder schüchtern, auch als wir sie dann auf der südgehenden Route passieren, verbergen sie sich hinter tiefhängenden Wolken.

Die Zeit zwischen 14:30 und der Ankunft in Brønnøysund nutzen wir für unsere Abschlussveranstaltung: Noch einmal auf die Reise anstoßen, Abschiedsworte sagen und die Tour Revue passieren lassen. Ein Highlight ist der Rückblick in Bildern, den Marcus vorbereitet hat, und mindestens genauso wichtig sind die Infos zur Abreise, die Kai noch speziell für unsere Gruppe gibt – wie wird abgeflogen, wann sind die Kabinen zu räumen (erst kurz vor zehn, wenn unsere Busse fahren – perfekt) und ein paar andere Kleinigkeiten.

Die Trollfjord in Brønnøysund

Die Trollfjord in Brønnøysund

Und dann sind wir auch schon bei bestem Wetter in Brønnøysund. Im Einkaufszentrum gibt es die letzte Chance zum Shoppen, danach führt der Weg unweigerlich zur Eisdiele – die aber gerade kein Eis hat, alle Behälter sind blitzblank. Mist. Erst gab’s seit Bergen kein Eis mehr auf dem Schiff, und jetzt hier auch nicht. Ich bin auf Entzug… Dann schauen wir uns halt noch einmal den Ort an. Die Stadt ist Sitz des Brønnøysundregistrene und entspricht somit etwa Flensburg: Hier werden jede Menge Daten gesammelt, von Einwohnermeldedaten bis zum KFZ-Register. Da passt es, dass ich hier auch den ersten mobilen Blitzer in Norwegen sehe.

Wesentlich hübscher sind die roten Häuschen und die kleine Fähre, die an eine geschrumpfte MS Lofoten erinnert – süß. Dazu die beeindruckende Abendstimmung, es dürfte einen schönen Abend geben.

Bei der Abfahrt aus Brønnøysund gibt es noch ein Treffen auf Deck 9, schließlich fahren wir am Torghatten vorbei, dem berühmten Berg mit Loch. Der einsame Berg auf der Insel Torgar ist eindrucksvoll, aber von dem Loch ist genauso wenig zu sehen wie von der ehemaligen Wikingersiedlung, die im Mittelalter ein überregionales Machtzentrum war. Wir fahren keinen Schlenker, um einen Blick auf das Loch zu werfen, sondern direkt Richtung Rørvik.

Da morgen früh viele Gäste das Schiff verlassen, steht heute auch das Captain’s Dinner an. Norwegen ist generell recht leger, und auch diese Veranstaltung verläuft entspannt: Die Crew wird noch einmal vorgestellt, damit man weiß, wer in den letzten Tagen vor und hinter den Kulissen geackert hat. Diesmal paradiert die Crew nicht einmal durch den Speisesaal, sondern singt ein Ständchen – da unser Tisch ganz am Heck ist, bekommen wir davon nicht viel mit und können uns bald unserem letzten Abendmahl an Bord widmen: Es gibt Ente.

In Rørvik haben wir eine Stunde Aufenthalt, was wieder ausreicht, um im Coop das Leergut der letzten Tage zu entsorgen. Vom nächsten Schiff, das eine Viertelstunde nach uns anlegen sollte (wohl die Polarlys), ist noch nichts zu sehen, daher gehen wir wieder auf die Trollfjord und zeigen noch einmal Flagge in der Bar. Im Augenblick sieht es noch nicht so gut aus mit Wetter und Polarlicht. Ein paar Blicke an Deck bringen ebenfalls nichts, erst gegen halb elf wird sporadisch von leichtem Licht am Horizont gemunkelt. Während die Bar sich langsam leert – morgen ist Ende der Reise, und so mancher muss noch packen oder will ausschlafen – , gehe ich noch einmal an Deck. Da ist wirklich ein wenig kameragrünes Licht, auch wenn das Auge noch keinen Unterschied zwischen Wolken, Meer und Polarlicht erkennt. Bescheid sagen, ja oder nein? Ich hole Marcus an Deck, es sieht schon besser aus, und wir flitzen von Deck 9 zur Rezeption auf Deck 4, wo der Rezeptionist auch gerne die Durchsage macht (bzw. die deutsche Übersetzung der Nordlichtmeldung vorliest).

Auf dem Weg nach oben mache ich noch kurz in der Kabine halt und hole meine große Nikon-DSLR samt der Halterung für die Reling, die kleine Panasonic habe ich eh in der Jackentasche – für das Stativ ist keine Hand frei. An Deck beginnt mittlerweile die große Show, auf die alle gewartet haben. Gerade noch rechtzeitig bekomme ich die Nikon an die Reling; leider hat die Trollfjord ein dickeres Geländer, sodass die Kamera anstößt und nicht nach oben geneigt werden kann. Mit der Pana bin ich flexibler, aber es dauert, bis ich mein Stativ holen kann: Wer seine Kamera noch nicht unten im Koffer verstaut hat, knipst jetzt den verbleibenden Speicher voll, und es gibt immer wieder Problemchen, die ich lösen darf. Mit dem Mond und den Wolken ist es ein beeindruckendes Schauspiel, das ich so auch noch nicht hatte. Und dann tanzt die Aurora auch noch für uns, endlich – das ist das Schauspiel, auf wir alle gewartet haben, der perfekte Abschluss. Jetzt glauben mir endlich alle, dass Polarlicht wirklich grün sein kann, und die Durchsage konnte auch jeder hören, der die Hoffnung noch nicht aufgegeben hat. Ein wunderschöner Abschluss der Reise!

Nach etwa einer Stunde klingt die Show ab und wird ab Mitternacht durch einen Schneesturm ersetzt. Gut, dass wir die Kabinen morgen nicht schon um acht Uhr räumen müssen: Einige versuchen noch, das Polarlicht zu feiern (leider hat die Bar auf Deck 8 schon zu), und mein Rechner läuft die Nacht über durch, um die Bilder zu verarbeiten. Von der kleinen Zugabe gegen halb zwei bekomme ich nichts mehr mit, aber sie war auch nicht mehr so schön wie die Abschlussveranstaltung um Mitternacht. Ich bin gespannt, wen die Aurora nun alles in ihren Bann gezogen hat!