Island im Tiefflug, Teil 1

Island im Mai 2016 – die Reiseroute anhand der GPS-Daten der Bilder

Island im Mai 2016 – die Reiseroute entlang der Ringstraße anhand der GPS-Daten der Bilder

Es ist vollbracht und schon wieder viel zu lange her: Eine Woche Island auf der Ringstraße, zehn Leute, drei Autos und 2400 km in sieben Tagen. Eigentlich genau die falsche Art, um Island zu erkunden, aber was soll’s: Für einen ersten Eindruck langt es, wobei die Flut von Eindrücken auch erst einmal verarbeitet werden muss. Von der Bilderflut mal ganz abgesehen…

Der Reisetermin war die letzte Maiwoche, eingekeilt zwischen den ATT in Essen und den Beginn der isländischen Urlaubssaison Anfang Juni, um noch einigermaßen erschwingliche Preise mitzunehmen. Den Flug führte Eurowings ab Stuttgart durch: Gut 3,5 Stunden mit -2 cm Beinfreiheit. Zum Glück war die Maschine nicht ausgebucht und man durfte sich umsetzen, ansonsten wären Stehplätze bequemer gewesen… Im Prinzip war es ein Nachtflug: Abflug zu Beginn der Nacht gegen 22:00 in Stuttgart, Ankunft im Hellen gegen Mitternacht in Keflavík. Beeindruckend, wie es immer heller wurde, je weiter es nach Norden ging. Ich weiß ja im Prinzip, dass es jetzt schon an der Ostsee kaum dunkel wird, aber es ist schon beeindruckend, am Abend über Heilbronn den den Mond über den Wolken zu sehen und gegen Mitternacht dann aus dem Flugzeug erstmals die Mitternachtssonne. Vom Boden aus blieb sie dann zwar wieder unter dem Horizont, aber es war immer noch helle Dämmerung. Kein Wunder, dass die Isländer sich den Ärger mit der Uhrenumstellung zur Sommerzeit sparen.

Keflavík ist ein schöner, sauberer Flughafen, und die Autovermietung nur ein paar hundert Meter weit weg – da wir reserviert hatten, holte uns ein Shuttleservice ab; und nachdem der Papierkrieg endlich erledigt war, hatten wir dann drei Autos zur Verfügung: Einmal Chevrolet Captiva und zweimal SsangYong Rexton. Nie vorher gesehen, aber überraschend bequem und geräumig. Über großzügige Kreisverkehre und gut ausgebaute Straßen ging es dann zum Hotel; die Abenddämmerung ging schon in die Morgendämmerung über – Zeit für Feierabend.

Tag 1 – Golden Circle – 250 km

Der Tag begann mit einem überschaubaren, aber guten Frühstücksbuffett inclusive einem glutenfreien Toaster. Seit wann sind Glutenunverträglichkeiten eigentlich so in Mode gekommen?

Zum Auftakt steht der Golden Circle auf dem Programm, und wir trennten uns erst einmal: Bei meinem Auto leuchtete das  Check-Engine-Lämpchen nach ein paar Kilometer Fahrt auf, und während die eine Gruppe zu heißen Quellen aufbrach, besuchte ich nochmal Sixt und tauschte das Auto gegen einen fast brandneuen Rexton. Keine schlechte Entscheidung bei der Fahrtstrecke, die noch vor uns lag, und er fuhr auch deutlich ruhiger…

Der Island-Ponytrail zum Þingvellir

Der Island-Ponytrail zum Þingvellir

Der nächste Treffpunkt, an dem wir die Gruppe wiedersehen wollten, war Þingvellir. Kein Problem, wofür hat man ein Navi? Ganz einfach: Um nach endlosen Kreisverkehren rund um Reykjavik die Straße rechts zu verlassen und nach einigen Feldwegen den alten Islandponytrail zum Þingvellir zu finden… Ich habe ja nichts dagegen, offroad zu fahren, aber nicht wenn die Steine auf dem Weg deutlich höher sind als die Bodenfreiheit des SUVs.

Die alte Straße war trotzdem eindrucksvoll: Wir hatten alle Touris hinter uns gelassen und waren allein in der kargen isländischen Landschaft, an irgendeinem tieferen Graben. Sogar das Wetter war okay: Der Regen hatte aufgehört, und es war einfach nur ruhig und leise. So etwa habe ich mir Island vorgestellt, wenn auch vielleicht noch mit etwas mehr Feuer und Eis. Trotzdem hieß es umkehren und den asphaltierten Straßen folgen, bis mein Navi mir eine neue, landschaftlich weniger reizvolle Route vorschlug.

Wir treffen die anderen dann am Þingvellir, wo die Parkplätze mittlerweile mit Parkticket-Automaten ausgerüstet wurden. Noch sind sie nicht in Betrieb, aber mit der Hochsaison dürfte sich das ändern.

Das Þingvellir ist historisch bedeutsam, weil hier das Parlament tagte und wichtige Entscheidung traf – die Übernahme des Christentums zum Beispiel, und welche Männer geköpft wurden und welche Frauen im Fluss ertränkt. Raue Sitten. Heute ist es eher geologisch bedeutsam, da hier Europa und Amerika immer weiter auseinanderdriften (das Flachland ist neues Land, wegen Wolken war für uns nur eine Kontinentalplatte sichtbar).

Ein Wasserfall im Nirgendwo

Ein Wasserfall im Nirgendwo

Unser Rundweg führte vom Öxarárfoss an den steilen Basaltwänden der Allmännerschlucht entlang zum Gestastofa Besucherzentrum, und da es langsam wieder zu regnen anfing bald weiter zu den Autos, nach einem Blick über den Grabenbruch. Nächster Halt: Erst ein See und dann ein Wasserfall irgendwo im Nirgendwo, aber auch hübsch.

Und weiter geht’s zu den Geysiren in der Region Haukadalur. Bei der Gelegenheit: Mittagessen, und eine Begegnung mit der zu Recht nicht berühmten isländischen Küche. Es gibt keinen vergammelten Hai oder flambierten Hammelkopf, sondern etwas viel typischeres: Burger und kalte Chicken Nuggets. Ich beginne zu verstehen, warum einige Urlauber ihr eigenes Essen mitbringen… Ans Restaurant ist ein riesiges Outdoor-Geschäft angeschlossen, für alle, die die falsche Kleidung mitgebracht haben, aber die eigentliche Show ist auf der anderen Straßenseite: Die Geysire. Ein gewisser Schwefelgeruch ist nicht zu ignorieren, und die Landschaft wird unwirklich: Zahlreiche Dampfwolken steigen aus dem Boden auf, der in vielen Gelbtönen schimmert. Alle paar Minuten schleudert der Strokkur-Geysir Wassermassen in die Luft, während er von den Schaulustigen umringt wird. Wie mag das hier erst zur Hochsaison abgehen? Der Namensgeber der Geysire, der Stori Geysir, liegt ein paar Meter weiter und bricht nur sporadisch mal aus – warten lohnt sich nicht.

Das Ödland des Haukadalur ist faszinierend – eine karge, braun-bunte Landschaft mit zahlreichen kleinen Wasserläufen und Seen, die trotzdem nicht zum Verweilen einlädt. Also weiter geht’s, nachdem die Ausbrüche des Strokkur ein paar Mal gefilmt und geknipst wurden. Seine aufsteigende Wasserblase war zu erwischen, während die weiße Wasserfontäne vor dem grauweißen, dichtbewölkten Himmel wenig her gibt. Die tiefblaue Blesi-Thermalquelle ist da schon lohnenswerter.

Nächster Stopp, nachmittags gegen halb fünf: Gullfoss, der „Goldene Wasserfall“, der sich in zwei Stufen in eine Schlucht ergießt. Bei Regen eine nasse Angelegenheit, aber eine erste Chance, mal mit den ND-Filtern zu spielen, die ich eingepackt habe. Es stimmt: Wenn man Cokin-Filter stapelt, kriegt das Bild einen Braunstich. Aber bei einer Fünftel Sekunde verschwimmt alles schon ganz nett, und der Regenhimmel erinnert mit etwas Bildbearbeitung fast an eine Nachtaufnahme.

Der Tross drängt weiter, aber das Wetter macht auch keine Lust auf Fotoexperimente (eher auf eine Küchenrolle, um die Kamera wieder trocken zu legen), also geht’s weiter. Überlassen wir den Gullfoss den anderen Touris; wobei der Andrang noch überschaubar war. Nächstes Ziel: Das Hotel in Selfoss.

Der Kerið

Der Kerið

Auf dem Weg dahin wird nochmal Halt gemacht: Linkerhand ist ein Parkplatz, eines der vielen Hinweisschilder auf eine Sehenswürdigkeit und Leute mit Kameras – ein Grund, da auch hinzugehen. Uns erwarten ein Kassenhäuschen und der mit Grundwasser gefüllte Kratersee Kerið. Er entstand wahrscheinlich, als der Boden einbrach, und ist kein Vulkan- oder gar Meteoritenkrater – aber ganz sicher ist das noch nicht. Man kann oben herum gehen und bis zum Kratergrund heruntersteigen; der Weg ist teilweise ausgebaut – weitere Baumaßnahmen werden mit den Eintrittsgeldern finanziert. Hübsch, und dahinter verbirgt sich ein Wäldchen. Island soll ja langsam wieder aufgeforstet werden, nachdem die ursprünglichen Wälder von den Siedlern verarbeitet wurden.

Ampelsmiley

Ampelsmiley

Das Tagesendziel ist Selfoss. Hier zeigt sich: Island lohnt sich wegen der Landschaft, nicht wegen der Architektur. Die Häuser sind einfach und nicht unbedingt schön, zumindest von außen. Die größte Sehenswürdigkeit sind die Ampeln…

Dafür kann man sich noch einmal an das Preisniveau gewöhnen: Eine Flasche Pepsi kostet so viel wie eine Flasche Wasser (und ist mit den Preisen am Stuttgarter Flughafen im Duty-Free-Bereich durchaus konkurrenzfähig), und das Abendessen im Restaurant Tryggvaskali ist teurer als eine Tankfüllung. Fairerweise ist es das Geld aber auch wert. Der Lachs war hervorragend, das Skyr war okay, wenn auch etwas wenig – das Eis dazu wurde großzügiger portioniert. Das Restaurant selbst von außen unscheinbar, aber innen urgemütlich. Auch die No-Fish-Fraktion wird auf der Speisekarte fündig. Ich sag nur Tenderloin… Es gibt also doch gutes Essen in Island.

Und das Hotel? Bequem, mit Free WiFi und noch im Umbau. Frühstück war keins inklusive, dafür gab es ein nettes Kaffeebuffet. Sehr angenehm übrigens in Island: Wasser gibt’s im Restaurant eigentlich immer gratis, auch wenn man manchmal nachfragen muss. Und es ist Trinkwasser; das Leitungswasser in der Region trägt deutliche Spuren von Schwefel…

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