Hurtigrute Tag 5: Tromsø

Das Tagesprogramm

Nach der überraschenden Fahrt in den Trollfjord und dem langen Tag gestern war heute Ausschlafen angesagt, oder besser verschlafen – ich verpasse unseren Halt in Harstad und werde nach dem Auslaufen von der Durchsage geweckt, dass wir jetzt der südgehenden Hurtigrute begegnen. Die Info ist etwa fünfmal lauter als die normalen Durchsagen vom Expeditionsteam und ich stehe senkrecht im Bett. Nun gut, kurz vor acht kann man schon mal aufstehen, auch wenn ich für die Schiffsbegegnung zu spät bin.

Wir fahren heute durch den Rest der Vesterålen, das meiste liegt schon hinter uns, und unser nächster Hafen ist Finnsnes mit der Insel Senja. Das Wetter bleibt ausbaufähig: Die Wolken sorgen dafür, dass es sich fast wie Polarnacht anfühlt.

Der heutige Tag hat nicht viele Programmpunkte. Nach dem Frühstück kurz die Reiseleitersprechstunde anbieten und den letzten Vortragstermin abklären, dann darf ich mal Zuhörer spielen: John Mason, der für Hurtigruten UK seit 20 Jahren die englischsprachigen Polarlichttouren begleitet, hält um 10 Uhr einen öffentlichen Vortrag über “Hunting the Light with Hurtigruten”. Ich lerne dabei nicht viel Neues, aber er erzählt zum Glück auch nichts anderes als ich:-)

Es braucht Geduld, und man muss immer bereit sein. Er reitet nur noch mehr auf dem Wetter rum als ich…

Pünktlich zu Finnsnes ist er fertig, und ich kann noch einen Blick auf den Hafen werfen. Von unserem Anleger glaubt man kaum, wie weit sich der Ort eigentlich zieht: Er geht nicht nur bis zu der großen Brücke nach Senja, sondern auch hinter dem Berg weiter. Während unseres kurzen Halts lohnt es sich aber kaum, von Bord zu gehen. Das weiße Häuschen mit der Schokowerbung direkt am Anleger ist gut zu sehen, und das Denkmal für Ottar fra Hålogaland kann man vom Heck am Ende des Hafenbeckens auch sehen. Er war einst ein wohlhabender Wikinger-Händler, der am englischen Hof von seiner Heimat erzählt hatte – genauer gesagt dem angelsächsichen König Alfred dem Großen von Wessex anno 890.

Die Fahrt von Finnsnes nach Tromsø ist ereignislos – es gibt das Treffen mit dem Expeditionsteam und Mittagessen, beides lasse ich ausfallen und widme mich meinem Blog. Die Landschaft draußen gibt nicht viel her – eigentlich ist sie ganz hübsch, aber es ist regnerisch-trüb und gibt daher nicht viel her. Am Gezeitenstrom Rystraumen gehe ich kurz raus. Es gibt zwar nicht viel zu sehen davon, dass wir hier gegen einen starken Gezeitenstrom ankämpfen und die Maschinen der Nordkapp richtig arbeiten müssen, aber letzten Monat hatte ich unter anderem hier Urlaub gemacht. Meine Unterkunft ist nicht ganz leicht auszumachen, aber immerhin sieht man eine halbe Stunde vor Tromsø das Ufer wieder, auch wenn es regnet.

Wie der Urlaub war? Eine Woche ziemlich schön, und dann eine halbe Woche schlechtes Wetter. Wir waren auf der Insel Kvaløya nördlich von Tromsø, und am Tag vor der Abreise war die einzige Brücke wegen Sturm gesperrt. Wenn unser Flieger da geflogen wäre, hätten wir eine 2,5-Stunden-Fahrt über Nordkjosbotn machen müssen. So hatten wir den Tag in der Unterkunft abgewettert. In Nordkjosbotn an der Straße nach Finnland ist heute übrigens die Mack-Brauerei, die jeder mit Tromsø verbindet. Aber Mack hat da nur noch die Ølhallen.

Und heute regnet es auch wieder. Ich glaube allmählich, dass Bergen nur deshalb als regenreichste Stadt gilt, weil es in Tromsø auch mal schneit statt zu regnen. Ich habe bald mehr Sonnentage in Bergen als in Tromsø gehabt, zumindest in letzter Zeit.

In Tromsø habe ich keinen Ausflug geplant, shoppen steht auf dem Programm. Neue Schuhe, Wurst, Stockfisch, Getränke, was zu lesen, und ganz wichtig Mørketidsboller – das ist eine Art Berliner mit Schokoüberzug und Vanillefüllung, die es günstig beim Coop gibt. Sehr lecker.

Ansonsten mache ich nur die kurze Runde durch den Ort, bevor der Regen zu stark wird. Auf den Straßen gibt es kleine Sturzbäche, da lohnen sich die Aussichtspunkte nur bedingt.

Ich beginne mit Tromsøs Greatest Touri-Shop und der Domkirche. Deren Türe ist sogar offen, aber nur wegen einer normalen Veranstaltung und nicht zum Sightseeing. Trotzdem strömen Touri-Massen rein, aber ich drehe vorher um. Muss ja nicht sein. Hinter der hölzernen Domkirche warten versteckt einige Grabsteine, die mit dem kleinen Stadtpark 2017 restauriert wurde. Weiter am Hafen entlang geht es zu den alten Speicherhäusern, dann noch einen Blick auf das Denkmal am Marktplatz und die Festung – das muss heute an Touri-Programm reichen.

So komme ich entspannt immer wieder auf das Schiff, um meine Einkäufe zu verstauen, bis ich irgendwann vor verschlossener Klappe stehe: Bei vier Stunden Liegezeit machen sich die Gezeiten bemerkbar, da muss die Gangway angepasst werden.

Ich bleibe dann doch mal an Bord, um 18 Uhr gibt es Nordkap Tromsø-Buffet. Vielleicht mache ich das schon zu lange, aber ich lande da regelmäßig bei Wurst- und Käsebroten. Une meinen Mørketidsbollern:-)

Buffet geht schnell, und so habe ich genug Zeit, um meinen vorletzten Vortrag vorzubereiten. Um 19:45 geht es los, diesmal wieder etwas theoretischer um die Sonne und das Leben der Sterne. John Mason hat für heute Abend eine Spur von klarem Himmel angedeutet, aber ich halte das für Zweckoptimismus: Nach dem Vortrag begegnen wir erst der Finnmarken und dann der Vesterålen, jeweils in Regen oder Schneegraupel, und in Skjervøy ist es noch dazu ekelhaft windig – am Bug kann ich mich in den Wind lehnen.

Und nach Skjervøy geht es auf die Loppa. Loppa macht Hoppa, diesmal wirklich: Es schaukelt gut, ich beschränke mich auf einen Kaffee, während ich im Multe auf Deck 7 Bilder sortiere und Blog schreibe. Nicht, dass mir die Tasse auf den Laptop stürzt, den brauche ich noch. Draußen tanzen erste Schneeflocken vor dem Fenster, die Gischt spritzt hoch und im Schiff ist gut Bewegung – so mag ich die Seefahrt, aber ich habe auch Mitleid mit allen, die Seekrank werden. Aber für eine Herbst-/Winterfahrt hatten wir bislang ruhige See. Jetzt sind 4-5 Meter hohe Wellen angesagt, schräg von hinten.

Für heute kann ich also Feierabend machen. Selbst wenn da eine Wolkenlücke sein sollte, wird heute hoffentlich niemand zum Polarlichtgucken an Deck geschickt. Dafür ist das definitiv kein Wetter. Da genieße ich den Schutz unseres Schiffchens und vertraue auf den Kapitän.

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