Hurtigrute Tag 2: Ålesund

Das Tagesprogramm

Die erste Nacht an Bord ist rum, vom Westkap habe ich nichts mitgekriegt, und als ich gegen halb acht in die Gänge komme, ist es draußen nicht allzu freundlich, aber immerhin trocken. Wir haben Kurs auf Torvik, das eigentlich nicht viel hermacht: Wo wir anlegen, sind nur ein paar Häuser.

Der Halt ergibt erst Sinn, wenn man beim Anlaufen nach rechts schaut: Dort liegt Ulsteinvik verborgen hinter einigen vorgelagerten Inseln. Der Ort hat über 6000 Einwohner, seit der Jahrtausendwende Stadtrecht und ist mit zwei Werften Industrieregion. Eine davon ist die Kleven-Werft, wo unser Schiff 1994/1995 gebaut wurde.

Aber ein Werft-Aufenthalt steht für die Nordkapp heute zum Glück nicht an, nach dem kurzen Stop in Torvik geht es für uns weiter nach Ålesund. Um 9 Uhr schieben wir noch kurz unseren Welcome-Drink ein – wegen Ausflügen sind tagsüber nicht alle Gäste da, und erst am Abend des zweiten Tags Hallo zu sagen ist immer komisch. Also beginnen wir mit Prosecco und O-Saft als Begleitung zu den wichtigsten Infos für die nächsten Tage.

Torvik

Wir halten uns kurz, da Ålesund gleich auf dem Programm steht, und die Gespräche danach enden abrupt wegen einem prächtigen Regenbogen, der sich noch einige Zeit hält. Hübsch, das hatte ich hier auch nicht. Das Wetter ist angenehm warm und noch trocken. Also ab an Deck, Regenbogen knipsen, zurück in die Kabine, Objektiv wechseln, zurück an Deck, schwächeren Regenbogen vollständig knipsen, und dann auf in den Ort.

Im Ort zeigt sich, dass der November durchaus interessante Lichtstimmungen produzieren kann. Die Stadt glänzt in der tiefstehenden Morgensonne, und immer wieder zieht der Regenbogen die Blicke Leute auf sich, während ich am Hafen entlang meine Runde durch das Jugendstilzentrum und weiter zur Kirche mit dem kleinen Aussichtshügel mache.

Wieso eigentlich Leute? Wo kommen die ganzen Leute her? Wir haben einen Mittwochmorgen im November, da ist außer uns doch sonst kaum jemand unterwegs, und jetzt ist eine überraschend hohe Dichte an Kinderwägen unterwegs, und man spricht Deutsch? Und was sind das für neue Häuser?

Am Kreuzfahrtkai

Der Rätsels Lösung: Am Kreuzfahrtkai liegen Aida Nova (6200 Passagiere) und Nieuw Statendam (2100) Passagiere. Ålesund gehört ja zu den beliebtesten und am besten besuchtesten norwegischen Häfen, und ich will gar nicht wissen, was hier im Sommer los ist. Hop-On-Hop-Off-Busse drehen die Runde, ein Straßenzug fährt durch den Ort, Deutsch dominiert, und die Souvenirgeschäfte sind brechend voll.

Ich bin froh, dass im Kiwi nicht viel los ist und ich in Ruhe das Nötigste einkaufen kann.

Zurück am Anleger: “Isch das so’n Postschiff, so eine Hurtigrute? Sieht so aus?” Die Aida hat eindeutig vor allem deutsche Passagieren an Bord, und ich habe leichte Probleme, vor lauter Touris mein Standardbild vom Schiff zu machen, dass sich in der Fassade spiegelt.

Die Nordkapp mit nicht zu vielen Leuten

Ja, ich weiß, ich bin Teil des Problems, dass Norwegen von Touristen überrannt wird. Ich weiß, dass die Lofoten auch im Spätherbst schon an der Grenze dessen sind, was sie vertragen, und dass nicht nur Südnorwegen im Sommer von Wohnmobilen überrannt wird. Aber das jetzt im November zu erleben, ist schon eine andere Hausnummer. Und da muss ich auch mal eine Lanze für die Hurtigrute brechen: Unsere Schiffe haben immer noch einen Versorgungsauftrag; weiter im Norden sieht man dann, wie wir immer wieder Fracht ein- und ausladen. Die Schiffe werden von den Einheimischen als Fähre genutzt, und der Tourismus sorgt dafür, dass sich das ganze zusammen mit den staatlichen Fördermitteln rechnet und die Gemeinden im Norden nicht abgeschnitten werden. Und sogar unsere großen Schiffe haben unter 1000 Passagiere. Hier liegen gerade zwei Städte am Kreuzfahrtkai, zumindest nach norwegischen Verhältnissen…

Was macht man, wenn einem die Stadt zu voll ist? Man geht ins Museum. Das Ålesund Museum hat offen, und ich besuche erst einmal das Freigelände, das einen netten Blick auf die Stadt und den Hausberg bietet. Kennen Sie die Bilder von den Bergsteigern, die in einer langen Menschenkette auf den Mount Everest wollen? So sieht es am Aksla auch aus. Was für ein Gewusel. Das tue ich mir nicht an…

Stattdessen also ins Museum, das die Geschichte Ålesunds darstellt. Durchaus interessant: Als Norwegen noch zu Dänemark gehörte, gab es einen blühenden Handel mit Dänemark, der 1814 abrupt endete, als Norwegen kurz unabhängig und dann Schwedisch wurde – Bergen hatte das Monopol für den internationalen Fischhandel. Es dauerte, bis Ålesund wieder Handel mit den dänischen Handelspartnern treiben durfte.

Der Stadtbrand von 1904 ist natürlich ebenso Thema wie der zweite Weltkrieg (ein in die Wand eingebautes Radio ist eines der Ausstellungsstücke), und im Obergeschoss gibt es alte Läden – Fotostudio, Hutmacher, Zahnarzt, Optiker und Kino.

Highlight ist das “Ei” – das erste vollständig geschlossene Rettungsboot, das hier um 1904 entwickelt wurde. Die Idee: Wenn das Schiff untergeht, kann man sich einschließen. Selbst wenn man das Boot nicht rechtzeitig zu Wasser lassen kann, wird es allenfalls kurz untertauchen, bevor es aufsteigt. Ein großer Fortschritt gegenüber den offenen Holzbooten. Leider war es nicht kommerziell erfolgreich, da zu teuer, und der Erfinder ging nach Amerika, wo er als LKW-Fahrer arbeitete – obwohl er mit dem Ei sogar eine Atlantiküberquerung schaffte und Boston erreichte!

Auf dem Freigelände steht eines dieser Rettungsboote, im Dachgeschoss ein etwas größeres, begehbares Exemplar der Uræd. Damit über den Atlantik, Respekt. Wikipedia hat ein paar Infos zum Erbauer Ole Brude. Bislang hatte ich auch immer das Bootshaus auf dem Gelände übersehen, in dem noch eine Reihe offener Ruderboote warten. Mit 100 NOK ist der Eintritt auch noch günstig und lohnt sich.

Danach gehe ich zurück zum Schiff, mache kurz Pause und stoße gegen halb zwei zu Maren, die gerade im nachlassenden Nieselregen den Aksla erklimmt. Jedesmal die über 400 Stufen auf den Berg… aber der Regen lässt nach, und Ålesund liegt vor uns. Die Aida überragt sogar das Rathaus, während von der Nordkapp am Anleger rechts kaum der Schornstein zu sehen ist.

Ålesund mit Kreuzfahrtschiffen

Für mich war es das mit Ålesund für dieses Jahr – noch kurz in die Tourishops schauen, die jetzt leerer sind, und dann ab auf’s Schiff. Ich verpasse das Treffen mit dem Expeditionsteam und gehe meinen ersten Vortrag noch einmal durch, um 18 Uhr gibt es Abendessen, und um 19:45 bin ich dran. Neben uns sind noch zwei englische Astronomy-Tours an Bord, da passt es für meine Vorträge, dass es bedeckt ist – da kann ich das Abends machen. Das Wetter darf sich aber gerne noch ändern…

Fenalår

Ich gönne mir für den ersten Vortrag wieder etwas mehr Zeit und rede knapp eine Stunde über das Nordlicht und was uns erwartet, im Anschluss darf ich auch die erste Kamera einstellen.

Damit passt das perfekt, um gegen 21:15 im Panoramasalon zu sein, wo der Küchenchef Fanalår vorstellt – sechs Tage gesalzenes und ein halbes Jahr getrocknetes Lammfleisch. Das gibt es gerne an Festtagen, wir können heute ein Häppchen probieren. Lecker.

Dazu gibt es noch Infos über Aquavit. In den 70ern war der seit mindestens 500 Jahren bekannte Branntwein aus der Mode gekommen, es gab nur noch sieben Marken, wie eine Zeitung bemerkte – und zur Rettung des Aquavit aufrief. Mit Erfolg, heute gibt es 320 Hersteller und mehr als 420 Marken. Na dann mal Skål – aber nur gegen Aufpreis, schließlich sind wir in Norwegen. Da gibt es keinen Gratis-Alkohol.

Norwegischer Aquavit besteht übrigens zu mindestens 95% aus norwegischen Kartoffeln, mehr Fremdkartoffeln sind nicht erlaubt. Dazu noch Kümmel und mindestens ein halbes Jahr im Fass, dann kann angestoßen werden.

Ich begnüge mich mit dem Fenalår und bin gerade noch rechtzeitig an Deck, um der südgehenden Hurtigrute Polarlys vor Molde zu winken. Durchsage gab es keine, aber dann wären wahrscheinlich alle rausgestürmt und hätten im leichten Regen gefragt, wo das Polarlicht ist. Nach Molde mache ich beinahe Feierabend – noch Bilder sortieren und den Blog schreiben, dann bin ich für morgen auf dem aktuellen Stand. Das richtige Polarlicht gibt es vorerst nicht, und ab halb eins kommt etwas Bewegung ins Schiff.

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