Heute ist ein langer Tag: Irgendwann zwischen 7:30 und 8:30 werden wir den Polarkreis überqueren. Also bin ich schon gegen 7 Uhr wieder auf den Beinen. Der Norden begrüßt uns je nach mentaler Einstellung stimmungsvoll, geheimnisvoll, düster oder mit Mistwetter, aber es noch deutlich heller als ich erwartet hatte. Die Tage werden wirklich schnell kürzer, ein paar Tage hin oder her bei der Abfahrt machen schon einiges aus.
Kurz nach halb acht kommt die Durchsage, dass wir ein 18 Minuten den Polarkreis überqueren werden. Die Veranstaltung samt Sektverkauf ist auf Deck 7; ich bin wieder auf Deck 5 backbord – wir fahren zwischen der Insel Vikingen mit dem Polarkreismonument und dem Festland hindurch, sodass wir die Kugel links sehen.
Etwa um 7:54 ist es soweit, wir passieren die Kugel, und das Schiff tutet – willkommen im Norden!




Fun Fact: Die Insel Vikingen ist eigentlich ein Stück südlich vom Polarkreis, aber am Polarkreis war nichts, um die Kugel aufzustellen. Auf Apple Maps sieht man das ganz gut. Aber egal: Wir sind jetzt offiziell im Norden, und während der Rest vom Schiff das Frühstücksbuffet stürmt, bleibe ich noch ein bisschen an Deck und warte auf die südgehende Hurtigrute, die wir dann doch erst fast eine halbe Stunde später passieren. Die Nordnorge hatte wohl mit schlechtem Wetter zu kämpfen, oder wir früher als normal – es schwankt immer, wenn wir den Polarkreis passieren, auf die Schnelle hatte ich gestern Zeiten zwischen 7:35 und 8:54 gefunden. Aber so ist immerhin nicht mehr viel Betrieb im Restaurant, als ich endlich frühstücken gehe.
Viel Ruhe gibt es heute nicht: Nach dem Essen ist unsere Reiseleitersprechstunde, die Poststelle vom Schiff macht auf, damit man sich den Polarkreisstempel abholen kann, und gegen 10 Uhr kommt Ørnes in Sicht, eigentlich einer der schönstgelegenen Häfen – wenn man denn was von der Landschaft sieht. Heute macht der Norden seinem finsteren Ruf dagegen alle Ehre. Leichter Regen und generell eher ekelhaft-mystisch.
Normalerweise macht der Hafen mehr her. Aber der Regen lässt nach, die Temperaturen sind auch noch deutlich über null, und man kann es eigentlich draußen aushalten.
Das sollte man auch: Kurz nachdem wir den Hafen schon wieder verlassen, steht der nächste Punkt auf dem Plan. In der traditionellen arktischen Zeremonie wird nicht nur der Gewinner des Polarkreiswettbewerbs bekannt gegeben, sondern auch Njörd angerufen, der lokale Meeresgott. Stattdessen erscheint Freya auf dem Oberdeck und tutet ins Horn – ihr männlicher Kollege braucht da immer zwei Anläufe, bei ihr klappt es auf Anhieb.
Sie kommt runter zu Kapitän und Expeditionsteam, um dem Gewinner die Reedereiflagge zu übergeben und die Polarkreistaufe durchzuführen: Käpitan und Freya stehen mit der Eiskelle bereit für die Taufe.


Bis Bodø steht danach erst einmal nichts auf dem Programm, ich ziehe mich zurück, um den nächstenVortrag vorzubereiten. Bei dem Wetter verpasst man draußen auch nicht viel.
Bodø erreichen wir planmäßig, nur die Ribboat-Safari zum Saltstraumen Gezeitenstrom fällt aus – zu windig, zu unsicher. Immerhin bleibt der angekündigte Starkregen aus, es nieselt nur leicht. Bei der Einfahrt sieht man, dass gebaut wird: Ein Stück vor dem alten Flughafen entsteht der neue zivile Flughafen; anstelle des alten Airports entsteht ein neues Wohnviertel. Dafür wurde der Militärflughafen und Nato-Stützpunkt an andere Orte abgegeben.
Vor dem grauen Himmel gibt die Skyline von Bodø nicht viel her, dafür haben wir eine recht ruhige Fahrt – die hohen Wellen neben uns scheinen fast still zu stehen, und und wir gleiten ruhig durch die See.




Im Hafen liegt ein wohl französisches Kriegsschiff, das laut Vesselfinder nicht existiert – es ist incognito und hat den Transponder abgeschaltet, einen Namen finde ich auch nicht auf dem Rumpf. Die Gamle Salten liegt weiterhin im Hafen – ein altes, schwarzweißes Schiff ähnlich denen, die Mitte des letzten Jahrhunderts auf der Hurtigrute unterwegs waren.
Da das Wetter nicht allzu trocken aussieht, lasse ich diesmal meine Kamera an Bord (die ist mir hier schon einmal im Regen kaputt gegangen) und begleite Maren ein Stück weit in die Stadt, zu Marktplatz, Dom und Rathaus. Die Hauptstraße ist gesperrt. Bodø war die letzten Jahre eigentlich Dauerbaustelle, allmählich verschwinden die alten Gebäude, die nach der vollständigen Zerstörung der Stadt im zweiten Weltkrieg rasch hochgezogen wurden, und es entstehen immer mehr neue, moderne Gebäude. Jetzt ist wohl die Hauptstraße dran…
Vor ein paar Jahren war Bodø auch europäische Kulturhauptstadt, was ebenfalls Spuren hinterlassen hat. Mittlerweile lohnt es sich, in Bodø auszusteigen!








Der Dom hat offen und ist von innen deutlich hübscher als von außen, auch das Rathaus hat offen – zahllose Schreibtische sind da an die Wand genagelt. Ob die Beamten hier deshalb effizienter arbeiten als in Deutschland, weiß ich aber nicht… Hinter dem Rathaus ist auch das berühmte Gebäude mit dem Nordlicht-Graffiti – vor einigen Jahren gab es einen Wettbewerb, seitdem gibt es hier viele Wandgemälde, die langsam verschwinden oder Umbauten zum Opfer fallen. Beim Nordlicht hier fehlt auch schon eine Platte…
Dann setze ich mich ab, ein paar Kleinigkeiten erledigen. Die Stadt verändert sich – die Buchhandlung im Einkaufszentrum ist umgezogen, und das Fotogeschäft in Bodø hat zu gemacht. Mist – damit gibt es nördlich von Trondheim keine Gelegenheit mehr, fehlendes Fotoequipment zu kaufen.
A propos Veränderungen: Unser Schiff hat auch neue Türen. Auf Deck 5 führen jetzt Schiebetüren nach außen; Generationen von Touristen, die an den automatischen Türen gezerrt und dabei die Motoren geschrottet haben, haben sich durchgesetzt. Jetzt sind die alten Türen weg (hinten gibt es sie noch), und an den Schiebetüren ist der Hinweis, nicht am Türgriff zu zerren. Mal sehen, wie lange sie halten.
Ich bin letztlich früher als geplant wieder auf dem Schiff und nutze die Gelegenheit zum Duschen, bevor es auf den Westfjord geht.
Die Überfahrt wird wie angekündigt etwas schauklig, die Wellen treffen uns von der Seite. Aber es geht, nichts fällt aus den Schränken – da geht deutlich mehr Seegang. Während der Überfahrt bietet das Expeditionsteam noch zwei Vorträge an, aber ich nehme mir frei und feile noch ein wenig an meinem eigenen.
Als wir Stamsund kurz nach dem Abendessen erreichen, ist die See wieder ruhig, aber es regnet leicht – da kann ich meinen Vortrag um 19:45 bedenkenlos halten, mit Polarlicht ist hier nicht zu rechnen. Schade eigentlich, langsam wird es Zeit für Wolkenlücken. Aber die Prognose ist mies…
Also erzähle ich etwas über den Sternenhimmel, bevor wir Svolvær erreichen. Die Schiffsbegegnung verpasse ich, abe rich bin mir auch nicht sicher, ob die südgehende Havila Capella überhaupt in der Gegend ist – Vesselfinder findet sie nicht, und Marinetraffic ist mit dem letzten Update unbenutzbar geworden.


Von Stamsund sehen wir wie immer nur den Hafen, aussteigen lohnt sich nicht – der eigentliche Ort liegt hinter den beeindruckenden Felswänden, die in der Dunkelheit kaum zu sehen sind.
In Svolvær halten wir immerhin fast eine Stunde, das langt, um sich die Beine zu vertreten. Am Hafen begrüßen uns die beleuchteten Fischgestelle, auf denen zum Glück noch nicht genug Stockfisch trocknet, um den ganzen Ort mit Fischgestank einzunebeln.



Ich drehe nur eine kleine Runde über den Marktplatz zur Kirche und dann zurück zum Schiff. Vor dem Kriegsmusem fehlt mir was: Da war doch mal eine leuchtende Fassade mit den Seezeichen der Region? Ich habe den Verdacht, dass das ganze Gebäude fehlt. Auf dem Handy habe ich keine alten Bilder davon, ich muss mal in meinem Blog wühlen…
Egal, es regnet, also zurück aufs Schiff und einen Platz auf den regengeschützten Sofas auf Deck 7 sichern, unter dem Heizstrahler. Habe ich schon gesagt, dass heute ein langer Tag ist? Bei der Ausfahrt wird heißer Trollknert verkauft, und für 23 Uhr ist kostenlose Fischsuppe angekündigt. Gegen 23:30 passieren wir nämlich den Trollfjord. Wenn das Wetter es zulässt, werden wir an seiner Mündung halten und ihn mit den Scheinwerfern anstrahlen. Aber ehrlich gesagt glauben weder Maren noch ich daran – ich schätze die Chancen auf 40:60. Aber was soll man machen außer durchhalten, bis etwas durchgesagt wird?
Es kommt keine Absage, also gehen wir kurz nach 23 Uhr Richtung Bug und stellen uns in den Regen, während das Schiff den kleinen Abstecher zum Trollfjord macht. Wir halten vor der Mündung, es wird voll am Bug, und ich gehe ein paar Meter zurück, weg von dem Gedränge.
Wie erwartet halten wir vor der Mündung, die Scheinwerfer tasten die Dunkelheit ab und zeigen vor allem Regen.
Dann kommen die Uferwände immer näher und werden immer höher – ich glaube es ja nicht, wir fahren tatsächlich in den Trollfjord hinein?!





Im regnerischen November in den Trollfjord – damit hätte ich nicht gerechnet. Ich hatte gedacht, der wäre schon längst wegen Lawinengefahr gesperrt, aber wir fahren in absoluter Stille in den Fjord, nur der Wasserfall ist zu hören, während die Scheinwerfer einen Eindruck vom Fjord geben. Am Ende des Fjords wenden wir – eindrucksvoll, auch wenn immer nur Teile des Fjords zu sehen sind. Nur den namensgebenden Troll sehe ich diesmal nicht.
Gegen Mitternacht verlassen wir den Trollfjord, und ich mache Feierabend.






