Endlich werden wir vom Kreuzfahrtschiff zur echten Hurtigrute: Es geht nordwärts, und am Morgen sind wir schon längst im Trondheimfjord. Mit 130 km ist er der drittlängste Fjord Norwegens, aber auch einer der langweiligsten: Keine Steilklippen säumen seine Ufer, sondern flache Hänge, Wiesen und Siedlungen – schön zum leben und anschauen, aber nicht so sonderlich spektakulär.
Das Wetter ist dagegen spektakulär: Die Sonne steht die ganze Zeit über tief am Himmel und taucht den Fjord in ein schönes Licht, während nur wenige Wolken am Himmel sind. November in Norwegen kann wirklich schön sein!
Am Ende des Fjords liegt die alte Königsstadt Trondheim, in der wir planmäßig um 9:45 anlegen, sobald die (laut Durchsage) südgehende Hurtigrute (?) Havila Polaris den Anleger frei macht.
Hm… eigentlich gehört die Polaris ja zur Reederei Havila und nicht zu Hurtigruten. Die Reederei Hurtigruten hat die Namensrechte an der Streckenbezeichnung Hurtigrute übernommen, als die letzten beiden Reedereien zu Hurtigruten AS verschmolzen. Seit mit Havila und Hurtigruten sich wieder zwei Reedereien die Strecke teilen, heißt die Strecke entlang der Küste daher Kystrute statt Hurtigrute. Eine Winkekonkurrenz mit dem südgehenden Schiff gibt es aber trotzdem nicht – vielleicht nächste Woche, wenn wir südgehend sind und einem echten Hurtigrutenschiff begegnen.


Aber egal, wir winken dem anderen Schiff trotzdem zu, nachdem wir an der alten Mönchsinsel Munkholmen vorbeigefahren sind. Gehupt wird auch, sogar mit einer kleinen Zugabe. Dann legen wir auch schon an. Nur drei Stunden haben wir für Trondheim, und gut 20 Minuten braucht man, um an den Rand der kompakten Innenstadt zu kommen.



Ich mache wieder meine Standardrunde – für Experimente ist ja nicht viel Zeit. Nedre Elvehavn ist ein altes Industrie- und Hafenviertel, das schmuck saniert wurde. Wir haben deutliche Plusgrade, daher ist von der winterlichen Eisbahn in einem alten Dock noch nichts zu sehen, aber die ersten Lichter hängen schon.



Das Industrieviertel grenzt an Bakklandet an, das kleine Viertel mit den kleinen, zweistöckigen Holzhäusern. Das einstige Arbeiterviertel ist heute ebenfalls saniert und hat dementsprechend teure Wohnungen, zusammen mit ausreichend Cafés und allem anderen, was es zu einem lebenswerten und schönen Stadtteil macht.




Es lohnt sich, immer wieder zwischen den Häusern den Weg zum Fluss zu suchen, von wo aus der Dom schon zu sehen ist. Aber erst einmal kommt die Abzweigung nach rechts zur alten Stadtbrücke (Gamle Bybro). Links ist der berühmte Fahrradlift und der Weg zur Festung, die mit den aktuellen Liegezeiten unerreichbar ist. Ein paar Meter weiter ist am Ufer mein Fotospot, um Dom und Brücke aufs Bild zu bannen.

Mittlerweite ist 10:30, vor einer Dreiviertelstunde haben wir angelegt, und in rund zwei Stunden geht es schon weiter. Also ab über die Brücke – heute bleiben wir von Kreuzfahrtschiffen verschont, die Stadt ist angenehm leer. Erst am Nidarosdom treffe ich auf die Ausflugsbusse von Hurtigruten und Maren, die gerade erfolgreich den Baumeister des Doms sucht – die Skulptur steht gut versteckt hinter einer Brüstung am rechten Turm.
Der Dom kann gegen Eintritt besichtigt werden und lohnt sich – ich war zuletzt im Januar 2024 drin, mit dem Ausflug in die geheimen Gemächer des Nidaros-Doms. Diesmal wird der gar nicht angeboten. Auch wenn das Schiff voll ist, fand er nur selten statt.
Mir langt diesmal der Blick von außen und in den Shop, der sich ebenfalls lohnt. Dort stehen einige Fassadenteile als Rekonstruktion, und andere Abgüsse und Modelle gibt es zu kaufen. A propos Fassade: Ein QR-Code verweist auf https://vestfronten.no/en, wo man die unzähligen Figuren der Westfassade des Doms virtuell erkunden kann. Nett.






Dann mache ich mich auch schon auf den Rückweg durch die Stadt. Ein kurzer Blick in den Trondheim Torg, wo alte Holzhäuser einfach mit eingebaut wurden, ein Blick zum Stiftsgården, dem großen gelben Holzhaus, das heute Königsresidenz ist (wenn die Königsfamilie nicht im besser beheizten Hotel Britannica residiert), und dann zur Vår Frue Kirke. Die ist offene Kirche, also Begegnungsstätte: Innen spielen Leute Schach, unterhalten sich und genießen Kaffe und Kuchen, die es dort gibt. Von außen hat sie sich verändert: Der Turm wird saniert und ist mit weißen Plastikplanen verkleidet.



Draußen steht die Sonne gerade hübsch hinter den Wolken über dem Nidarosdom. Ein Blick zurück, und ich mache mich auf den Rückweg zum Schiff. Da bin ich zwar schon um 12 Uhr, eine halbe Stunde hätte ich noch mehr für Trondheim gehabt. Aber meine Einkaufsliste für Trondheim ist leer; einen Coop mit Mørketidsbollern habe ich nicht gefunden. Schade eigentlich, aber im Rema am Hafen gibt’s immerhin noch eine Rentierwurst.
Ansonsten schaue ich nur in wenige Läden – der Kruschtelladen im Trondheim Torg hat Christbaumkugeln, und man merkt, dass Norwegen eine Monarchie ist, die hinter ihrem Königshaus steht. Ich spare mir das Geld und ziehe weiter…
So bleibt mir genug Zeit, um zu duschen, bevor wir ablegen, das Mittagessen ausfallen zu lassen und es mir auf Deck 7 im Multe-Café bequem zu machen, um den nächsten Vortrag vorzubereiten, die Bilder des Tages sortieren und mein Blog anzufangen. Der nächste Hafen ist Rørvik gegen 21:40, bis dahin tut sich nicht viel.
Habe ich schon erwähnt, dass der Trondheimfjord lang und wenig spektakulär ist?



Schön ist er trotzdem, und die Sonne scheint auch noch. Ich halte es daher nicht lange am Rechner aus, bevor ich den Laptop durch die Kamera ersetze und raus auf Deck 5 gehe, das Umlaufdeck. Ist schon schön, dieses Norwegen. Irgendwann gehe ich dann wieder rein, mache ein bisschen was am Rechner (auf Deck 4, im “Reiseleiterbüro”, wo die Sonne nicht reinscheint) und bin gegen 14:30 wieder auf Deck 7: Das Küchenteam serviert Miesmuscheln, die hier im Trondheimfjord gezüchtet werden. Ich verzichte diesmal auf die Geschmacksprobe, aber man kommt ja ins Gespräch, und die Sonne macht ein paar schöne Lichtspiele.

Je weiter wir uns von Trondheim entfernen, desto mehr Wolken sind angesagt. Schlecht für das Polarlicht, aber gut für die Fotografen. Immer wieder bricht die Sonne durch die Wolken und zeigt wunderschöne Lichtstrahlen.
Und dann nähern wir uns Kjeungskjærfyr, dem berühmten roten Leuchtturm. Laura macht auf Deck 7 einen Interessepunkt: Das Leuchtfeuer (fyr) hat seinen Namen wohl, weil die Schären (kjær) an die Rücken von Lämmern (Kjeung oder so) erinnern. Er wurde 1880 erbaut, blinkt alle fünf Sekunden, macht wegen der Mitternaachtssonne im Sommer zwei Monate Pause, und mehr habe ich nicht mitbekommen, da ich runter auf Deck 5 zum Bug gehe, wo ich ungestörter – aber auch uninformierter – fotografieren kann. Er zieht schön vor der untergehenden Sonne vorbei, sehr chic. Also wirklich chic.



Nachdem der Tag nun gegen 16 Uhr mit dem Sonnenuntergang endet, beziehen Maren und ich noch kurz vor dem Restaurant Stellung für eine Reiseleitersprechstunde – wer Fragen hat, kann kommen, ansonsten machen wir es uns bequem. Das ist das Schöne an den Hurtigruten-Gruppenreisen: Wir bieten an, zwingen aber niemanden. Parallel bewirbt das Schiff wieder den Cameralla Fotoclub und zeigt einen Film mit Fototipps – der letztes mal so grauenhaft KI-synchronisiert war, dass ich da keine Lust drauf habe.
Um 17:15 macht Laura vom Expeditionsteam wieder das deutschsprachige Gathering – und verweist auf die KI-generierte Ausflugspräsentation, die wir auf den Fernsehern in der Kabine anschauen können. Tja, das fasse ich nicht mal mit der Kneifzange an, da bin ich altmodisch. Ich will meine Infos von Menschen, die erwecken wenigstens nicht den Eindruck, unfehlbar zu sein.
Zum Abendessen um 18 Uhr kommen wir dann auf die Folda. Der Termin wurde mir als “die Wellen kommen von hinten, macht nichts” angepriesen. Tja, das Essen war gut (Rentierhaxe), aber spätestens beim Aufstehen zeigt sich dann, dass wir doch “a little bit of movement in the ship” haben. Aber Bravo: Fast alle aus unserer Gruppe halten durch! Und in nächster Zeit sind zwar weiterhin Wolken angesagt, aber die Wellen werden weniger. Aktuell haben zwei Schiffe vor der Barentssee umgedreht; wir dürften gut durchkommen – südgehend noch besser als nordgehend.
Ich kann meinen Mond-Vortrag jedenfalls durchziehen und beende das mit einer kleinen Meteoriten-Show. Die machen sich immer gut im Handgepäck – wann hat man schon mal ein Stück All in der Hand?
Schließlich erreichen wir ruhigeres Fahrwasser und nähern uns Rørvik. Die Richard With scheint etwas Verspätung zu haben, also warten wir im Nieselregen, bis sie den Anleger frei macht.


Noch eine kurze Schiffsbegegnung mit Lichthupe, dann legen wir kurz an, bevor unsere Fahrt durch die Nacht weiter nordwärts geht. Morgen früh werden wir den Polarkreis überqueren – wohl irgendwann zwischen 7:30 und 8:30, je nach See und Fracht. Eine gute Gelegenheit, den Tag zu beenden, morgen früh wird der Wecker zeitig klingeln.


