Straße der Megalithkultur, Tag 3

Das waren jetzt zwei Nächte im selben Hotel in Ganderkesee – Zeit, weiterzuziehen. Da die Tour als entspannter Urlaub geplant war, stehen heute nur sechs Stationen der Megalith-Straße auf dem Plan, plus das Museumsdorf in Cloppenburg (man will ja nicht nur Steine sehen). Klingt machbar, oder? Blöd nur, dass das Museum schon um 18 Uhr zu macht, und das Hotel Check-In bis 19 Uhr hat – aber es ist nur eine knappe Dreiviertelstunde vom Museum entfernt, zumindest das passt. Also los geht’s!

29 a/b – Reckumer Steine

29a: Reckumer Steine

Das erste Tagesziel sind die Reckumer Steine, Station 29 a und b. Langsam kriege ich Island- oder Schottland-Feeling: Mangels Hotelfrühstück gibt’s Sandwich vom Discounter, und über Single-Track-Roads geht es über die Felder bis zu einer Kreuzung in einem kleinen Wäldchen. Ich biege natürlich falsch ab und parke am Waldrand etwas weiter weg als nötig. Habe ich schon erwähnt, dass die Straße der Megalithkultur nur von einer Richtung kommend gut ausgeschildert ist?

29a: Reckumer Steine

Station 29a ist gut erhalten und liegt am Rand des kleinen Wäldchens; vom Weg aus ist es gut zu sehen, vom angrenzenden Acker aus eher schlecht. Auch hier gibt es eine Infotafel mit einem kurzen Überblick zum Grab, das noch einen guten Eindruck der einstigen Größe bietet: Fast alle Steine sind erhalten und kaum verrutscht. Es ist in diesem Sommer sehr angenehm, dass die meisten Ziele baumumstanden sind…

Reckumer Steine, 29b

Der Sage nach handelt es sich um zwei verfeindete Schäfer, die einst mit ihrer Schafherde zu Stein erstarrten. Der zweite Schäfer ist einen kleinen Fußmarsch entfernt in einem weiteren Wäldchen, auf einem abgemähten Acker. Als der Acker vor zwei Wochen noch nicht abgemäht war, kam man wohl nicht hin; wir haben gutes Timing.

Ich glaub, ich steh im Wald:
Reckumer Steine 29b

Einmal rund um das Wäldchen findet sich auch ein Zugang zu den Steinen. Vor lauter Wald ist nicht viel von der langgestreckten Anlage zu erkennen – schwer zu fotografieren, aber schön mystisch:-)

Bei dieser Station verstehe ich die Aufteilung auch – 29 a und b liegen nur einen kurzen Fußweg auseinander, sind aber soweit eigenständige Gräber. Unser nächstes Ziel sind die Großen Steine bei Kleinenkneten – gleich drei unterschiedliche Gräber, die nahe beieinander liegen.

25 a-c – Große Steine bei Kleinenkneten

Nur eine Viertelstunde dauert es mit dem Auto zu den Großen Steinen bei Kleinenkneten. Beeindruckend: Die Straßen sind zwar gerne einspurig, aber alle baumumstandene Alleen. Von Heide ist hier übrigens nicht viel zu sehen: Wir fahren meist an abgeernteten Feldern voller Heuballen entlang, bis wir den kleinen Parkplatz erreichen. Von hier sind es nur ein paar Meter bis zum ersten Großsteingrab.

Und das ist wirklich groß…

25 a – Große Steine
Blick in eine der Kammern von 25 a

Gleich drei Kammern schließen hier aneinander an, alle umfasst von einer einfachen Steinreihe. Im Foto kann man das kaum festhalten, aber einige Zeit hier verbringen. Vor der Bretagne braucht sich die Gegend hier wahrlich nicht verstecken, auch wenn sie für ihre Megalith-Anlagen nicht so bekannt ist. Zwischendurch begegnen wir hier auch ein paar Radfahrern – ganz alleine sind wir nicht auf der Route.

Das nächste Grab liegt hinter ein paar Bäumen versteckt und ist mit fast 50 Metern Länge das drittlängste Hünenbett der Region. Nach Untersuchungen Ende der 1930er Jahre wurde es restauriert – so sah ein Hünengrab wohl zur Blütezeit der Jungsteinzeit aus.

25 b – ein restauriertes Grab

In der Mitte ist auch der niedrige Eingang, durch den man in das Innere des Grabs gelangt – eine recht kleine Kammer, in Anbetracht der enormen Ausmaße des ganzen Hügels.

Vergleichsweise klein: 25 c

Im Vergleich zu diesen beiden Riesen ist 25 c schon eine Enttäuschung: Im Vergleich wirkt es winzig. Auch befindet es sich nicht mehr am originalen Ort, sondern musste in den 1930ern dem Dötlinger Flugplatz weichen. Immerhin wurde es nicht zu Baumaterial weiterverarbeitet…

Bei den Großen Steinen kann man einige Zeit verbringen, die Anlage hat was. Aber irgendwann muss es doch weiter gehen.

26 – Pestruper Gräberfeld

Das Pestruper Gräberfeld begrüßt uns mit einem richtigen Parkplatz, auf dem Bäume Schatten spenden. Mit rund 500 bronze- und eisenzeitlichen Grabhügeln ist es das größte erhalte Gräberfeld dieser Zeit im nördlichen Mitteleuropa. Einst war es noch größer, aber erst seit 1992 steht es unter Schutz. Unter den meisten Hügeln befinden sich Urnen mit Asche; die Toten wurden vor der Bestattung verbrannt.

Ich hätte jetzt gerne eine Drohne – vom Boden aus sieht man vor allem eine schöne Heidelandschaft, die Hügel kommen erst aus der Luft richtig zur Geltung. Also geht es nach einem kleinen Spaziergang zurück zum Auto mit der Kühltruhe. Unsere Getränkevorräte gehen bedrohlich zur Neige. Gut, dass wir keine Radtour machen…

27 b – Bargloyer Steinkiste

Beim nächsten Ziel bin ich mir nicht sicher, wo der offizielle Parkplatz (ein Wendehammer) ist, also wird ein paar Meter weiter am Straßenrand geparkt. Mit 2×1,5m ist sie richtig süß nach all den großen Steinen der letzten Stationen, und auch deutlich jünger: Sie entstand erst 2000 bis 1600 Jahre vor Christus, also bereits in der Bronze- oder Eisenzeit. Solche Steinkisten sind in der Gegend eher selten und beherbergten nur eine Einzelperson, im Gegensatz zu den Großsteingräbern.

27 b – die Bargloyer Steinkiste

Auffällig sind die zahlreichen „Näpfchen“ – Vertiefungen an der Oberseite, deren Sinn auch wir nicht klären können. Immerhin sind sie hier deutlicher zu sehen als gestern auf dem Hexenstein.

27 a – Hohe Steine

Die nächste Station ist mit dem Auto knapp 10 Minuten entfernt, trägt aber dennoch die selbe Stationsnummer. 27a liegt an einer Bundesstraße, der Parkplatz wird auch von LKWs gut genutzt. Genauer gesagt von Viehtransportern: Die Gegend verdient ihr Geld wohl vor allem mit Schlachthöfen. Tönnies und Wiesenhof hatten die Corona-Zahlen hochgetrieben, kaum dass wir die Reise geplant hatten, und hier halten wir zwischen LKWs mit Schlachtvieh, das in der Sonne schmort, bis es dran ist. Da ist der Tod eine Erlösung… Kein schöner Anblick.

26 a – Hohe Steine

Vom Parkplatz sind es 150 m durch den Wald, immer dem Schild nach. Dort erwartet uns eine gut erhaltene, langgestreckte Anlage mit einer überlangen Kammer. Chic.

26 a – Hohe Steine

Die Idylle lässt einen kurz die Viehtransporter vergessen, die im Schatten warten… aber auf dem Rückweg zum Auto kommen wir wieder daran vorbei. Ja, die Wurst kommt nicht aus dem Nichts auf den Tisch. Darf man nie vergessen.

28 b – Große Steine bei Thölstedt

28 b, ein Wildniswunderland

Die nächste Station hätte ich ohne Navi glatt verpasst: Die Großen Steine bei Thölstedt liegen zugewuchert am Straßenrand im Wald, und das Schild ist nicht übermäßig groß. Das Grab ist gut erhalten und noch teilweise in seinem Hügel, aber auch ungepflegt und kaum zugänglich. Es gibt zwar eine Bank, aber ohne Sense oder Machete gehe ich da nicht hin. Also nur ein kurzer Stop, bevor es zu 28a weiter geht, rund fünf Minuten weit weg.

28 a – Visbeker Braut

Der Sage nach sollte die Visbeker Braut gegen ihren Willen verheiratet werden und flehte Gott um Hilfe an – der verwandelte sie und ihr Gefolge auf dem Weg zur Hochzeit in Steine, ebenso ihren Bräutigam, den 4 km entfernten Visbeker Bräutigam (Station 24a).

28 a, die Visbeker Braut

Geparkt wir in einigem Abstand, dann geht es über einen staubigen Weg zur Braut.

Am Kopf der Visbeker Braut

Heute sehen wir hier ein 80 Meter langes Feld, das an drei Seiten von einer Steinreihe aus über 100 Findlingen eingeschlossen ist. Uff. Das ist groß… An der Stirnseite gibt es eine kleine Kammer und ein paar große Findlinge – möglicherweise waren die hohen Steine aber auch die heute verschollenen Decksteine der Kammer, die im 19. Jahrhundert dort aufgestellt wurden, um das Grab wieder herzurichten. Wie dem auch sei: Imposant. Ich bin beeindruckt.

24 a-d – Heidenopfertisch und Visbeker Bräutigam

Zum nächsten, nur 10 Minuten entfernten Ziel kommen wir wieder von der falschen Seite und erwischen den Feldweg eine Abfahrt zu früh. Etwas mehr Bodenfreiheit wäre schön, bis ich endlich eine Wendemöglichkeit finde… Immerhin zeigt das GPS an, dass ich nicht allzuweit vom Ziel entfernt bin. Aber das kostet alles Zeit, bis ich endlich auf dem Parkplatz der Wirtschaft bin, der auch von der Megalith-Straße genutzt werden darf.

Um halb drei haben wir den Parkplatz von Station 24 erreicht und liegen damit eigentlich nicht ganz schlecht in der Zeit. Nur, dass sich Station 24 ganz schön verteilt: Eine halbe Stunde bis zu den am weitesten entfernten Steinen? Also mindestens eineinhalb Stunden, eher zwei Stunden, wenn man was sehen will? Das wird aber knapp mit dem Museum… Mal schauen, wie weit wir kommen.

Waldgeister

Die Wirtschaft hat zu und macht erst am Wochenende Nachmittags wieder auf (echt isländisch…), dafür begrüßt uns der Wald mit knorrigen Eichen. Da hat Tolkien wohl die Inspiration für Ents her.

Der Heidenopfertisch ist nach wenigen Schritten erreicht und bestimmt ein beliebtes Ziel in der Hochsaison (wann immer die sein mag). Die Deckplatte ist mächtig und erinnert wirklich an einen Riesentisch: 3x5m ist sie groß, und über einen Meter dick.

Der Heidenopfertisch

Hinter ihm wächst ein mächtiger Baum – der Ort inspiriert die Phantasie doch sehr. Durch ein hübsches Wäldchen gehen wir weiter den Fußweg entlang und kommen sogar zu dem Feldweg, den wir gerade entlang gefahren waren. Ganz falsch war ich also doch nicht… Nicht ganz zehn Minuten sind es bis zum Visbeker Bräutigam. Hier sind gleich mehrere Megalithgräber versammelt, und der Bräutigam ist der imposanteste: 170 Steine, von denen noch 130 erhalten sind, bildeten einst eine 104 x 9 m große Umfassung. Wie soll man das denn bitteschön fotografieren?

24a, Grab 1 von 5: Der Visbeker Bräutigam
24a, Grab II: Ein Hügel

Grab II macht weniger her: nur ein etwa meterhoher Hügel ist zu sehen, aus dem zwei Steine hervorgucken. Dafür ist das Grab darunter wohl noch intakt.

Grab #III übersehen wir auf dem ausgedehnten Gelände, obwohl es gar nicht mal so klein ist – nur etwas abgelegen. Dafür umrunden wir den Bräutigam und stoßen auf den Brautwagen, Grab #V. Einige mächtige Steine liegen in einer Reihe.

24 a, Grab V: Der Brautwagen
24a, Grab IV

Und noch ein kleineres Grab liegt am Weg, Nummer IV. Ganz schön viel für eine Station.

Und dann der Super-GAU: Mein Kamera-Akku ist leer, und der Ersatzakku ist im Auto. Dazu tickt die Uhr… Doch noch weiter zu Station 24 c&d, den Kellergräbern? Oder abbrechen und ohne Zeitdruck ins Museum? Wir entscheiden uns, dass wir erstmal genug Steine hatten, und fahren nach Cloppenburg ins Museumsdorf.

Museumsdorf Cloppenburg

Am Museum angekommen, gibt es den nächsten Schock: Wir sind eindeutig wieder in der Zivilisation angekommen. Auf dem großen Parkplatz stehen mindestens zehn, vielleicht sogar zwölf Autos. Da erwarten uns ja Menschenmassen… auf dem vollkommen leeren Busparkplatz fehlt eigentlich nur noch das Tumbleweed. Social Distancing und Kultururlaub passt gut zusammen.

Museumsscheune

Es ist mittlerweile kurz vor 16 Uhr, als wir das Museum betreten, aber zwei Stunden reichen für einen Rundgang durch das schöne, große Museumsdorf. Aktuell sind nur die Untergeschosse und nicht alle Mühlen zugänglich, aber mehr als drei Stunden sind nicht nötig, um einmal entspannt durch das Gelände zu schlendern und überall hineinzuschauen. Mit Führung geht natürlich auch länger.

Sehr nett ist die Zugangsregelung: Mit den Eintrittskarten erhalten wir eine rote Karte, mit der wir kleine Häuschen für andere Besucher sperren können. Nötig ist sie aber nicht, wir begegnen kaum jemandem.

Der Blick in die Häuser lohnt sich aber: Die niedersächsischen Bauernhäuser gehen eindeutig auf die Wikinger-Langhäuser zurück – die offizielle Bezeichnung ist wohl „Hallenhaus„. Kamine (also mit Schornstein) sind eher rar, dafür ist der Stall ins Haus integriert. Aber nicht so wie wir das kennen, unten der Stall, der gleichzeitig als Fußbodenheizung für den Wohnbereich im Stockwerk darüber dient, sondern als eine Einheit. Man schaut durch das Scheunentor an den Ställen vorbei direkt auf den Kamin und das gute Geschirr in der Küche. Das künftige Essen schaut den Bauern also beim Essen zu. Inspirationen für den Hausbau finde ich hier eher weniger, das Konzept überzeugt mich nicht.

Nur die gute Stube und die Schlafkammern waren in der Regel einzelne Räume hinter der Küche. Auch im 19. Jahrhundert hatten wohl nur die Prachtbauten einen vom Stall getrennten Wohnbereich.

Mächtiger Kamin bei reichen Bauern

Gut eineinhalb Stunden brauchten wir für diesen Einblick in die neuere niedersächsische Geschichte. Lohnt sich, und ein Eis gab’s in der Dorfkneipe auch noch. Mit Barzahlung, wegen den EC-Karten-Gebühren. Hat echt was von Museum…

Quakenbrück

So verließen wir das Museum sogar noch etwas früher als nötig und fuhren zum Hotel nach Quakenbrück. Zugegeben: Das hatte ich nur wegen dem Ortsnamen ausgesucht. Es liegt etwas abseits der Route, sodass heute 127 km auf dem Plan standen.

Quakenbrücker Marktplatz

Check-In war bis 19 Uhr, und eine Stunde vorher kam der Anruf vom Hotel, ob wir’s auch rechtzeitig schaffen. Ja, keine Sorge. Im Hotel in der Stadtmitte angekommen kam dann die Frage, ob wir gut durchgekommen wären – ja, kein Problem, im Museumsdorf war nichts los, und die Straße von Cloppenburg war auch frei. – Fragende Blicke… – Wir machen hier Urlaub. Straße der Megalithkultur. – Aha, ist das ein Museum, oder was macht man da?

Die Gegend ist echt nicht auf Touristen ausgelegt. So muss das vor 30 Jahren in Island gewesen sein, oder nach dem Krieg in Schottland. Faszinierend.

Blick aus dem Hotelzimmer

Quakenbrück ist ein schmuckes kleines Fachwerkstädtchen mit flachen Häuschen, die aber fast alle noch einen Kran angebaut haben, mit dem früher Lasten ins Obergeschoss gebracht wurden. Dazu kommen überraschend breite Straßen – hier wurde echt in die Breite gebaut.

Wir haben Glück und finden am Marktplatz sogar ein Restaurant, das um 19 Uhr noch offen hat und leckeres Essen (Schnitzel in allen Variationen), leider finden uns die Wespen auch. Mistviecher, elendige. Wenn mich ein Vieh attackiert, weil ich es von dem Essen wegschiebe, das ich auf der Gabel habe, weil ich es nicht mitessen will, kann mir kein Tierfreund erzählen, dass die Biester nicht aggressiv wären. Und unglaublich dämlich.

Dementsprechend kurz fällt der Restaurantbesuch aus. Einerseits ist’s ja schön, dass man draußen essen kann, aber ich freue mich doch, wenn Corona vorbei ist und man auch wieder drinnen essen gehen kann. Naja, noch ein kurzer Rundgang durch das Städtchen, und dann geht’s ins Hotel. Auch hier: Ein völlig überhitztes Badezimmer…

2 thoughts on “Straße der Megalithkultur, Tag 3

  1. Es fällt auf, ein straffer Zeitplan, man sollte sich auch nicht zu lange an den einzelnen Gräbern aufhalten .
    Oder mehr Tage einplanen.
    Alles in allem interessant. 🤗👍👌

    • Ja, straffer als geplant – die Radroute war auf acht Tage ausgelegt, da lag die Idee nahe, dass man mit dem Auto schneller wäre. Leider gab’s keine Tipps zur Routenplanung mit dem Auto, und die reine Nummerierung der Stationen war nicht hilfreich – das sah auf dem Papier entspannter aus.

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