Island im Dezember: Reykjanes und schon wieder nach Hause…

Wie heißt es in Blade Runner doch so treffend:

All diese Momente werden verloren sein in der Zeit, wie Tränen im Regen.

Der letzte Tag in Island beginnt, und es regnet. Gut, dass wir den Stadtrundgang schon gestern Abend erledigt haben. Daher steht jetzt nur noch ein Besuch in der Bäckerei ums Eck an, zum Frühstücken. Rund 20 Euro für zwei belegte Brote und eine heiße Schokolade. Aber was soll ich sagen: Es hat geschmeckt. (Und auf dem Weihnachtsmarkt in Deutschland ist es auch nicht billiger, nur wird da keine Kreditkarte akzeptiert.)

Perlan

Und dann: Hotel räumen und Abfahrt. Das erste Ziel ist Perlan, der Wasserbehälter über der Stadt. Kurz vor zehn Uhr ist er noch hübsch beleuchtet, und von der Aussichtsplattform auf dem Dach könnte man den Ausblick auf die Stadt genießen, wenn es weniger stark regnen würde. So bleibt es bei einer kurzen Runde um das Dach und der letzten Chance, nach Souvenirs zu schauen. Der Shop ist auch gut auf Weihnachten ausgerichtet.

Im Augenblick wird im Perlan umgebaut, einer der Tanks soll zu einem Museum werden. Vielleicht ergibt sich mal eine Gelegenheit, eines Tages da einen Blick reinzuwerfen. Aber wir können nicht warten, bis die Umbauarbeiten fertig sind: Der Südwesten will noch abgeklappert werden, einmal rund um die Halbinsel Reykjanes.

Der erste größere Halt ist Seltún, ein Gebiet mit heißen Schlammquellen, die munter vor sich hin blubbern. Ein Fest für die Sinne, schließlich wurde hier einst Schwefel gewonnen… Ein Steg führt durch das Gebiet, sodass man den Quellen (wohl) gefahrlos nahe kommen kann. Mittlerweile hat auch der Regen aufgehört, und Sonnenstrahlen brechen zwischen den Wolken hervor.

Das untere Gebiet kennen wir ja schon vom letzten Mal, aber ein Stück den Berg hinauf gibt es noch weitere heiße Quellen. Der Weg sieht erst einmal nach Schlammschlacht aus, aber vielleicht geht’s doch?

Ja, die ersten paar Meter sind ganz gut gangbar, also machen wir uns an den Aufstieg. Die Erkenntnis: Man kommt wirklich hoch – dafür könnte der Rückweg durchaus spannend werden, es ist doch recht steil… Aber es lohnt sich, nach einigen Höhenmetern bietet sich ein toller Ausblick auf Seltún und die übrige Umgebung:

Aber noch haben wir das Ziel nicht erreicht, der Dampf steigt einige Meter über uns aus dem Boden. Da wollen wir hin, der letzte Rest ist auch noch zu schaffen.

Wenn der Boden zu Knete wird

Bis man merkt, dass die Schuhe immer dicker und schwerer werden – wo wir weiter unten noch durch normalen Matsch gewandert waren, machen sich hier die heißen Quellen bemerkbar. Der Boden ist seltsam und bleibt an den Schuhen kleben, ohne wirklich viel Halt zu geben.

Die Hoffnung, auf nacktes Gestein ausweichen zu können, zerschlägt sich auch: Was wie Fels aussieht, hat die Konsistenz von Knete. Warm ist der Boden allerdings nicht – es ist ein seltsames Zeug, das mittlerweile sämtliches Profil an den Schuhen aufgefüllt hat. Da will man nicht zu lange an der selben Stelle stehen…

Die oberen Wärmequellen

Besonders vertrauenserweckend wirkt die Gegend nicht, und langsam kommen Bedenken auf, ob wir noch Schuhe haben, wenn wir wieder an den Autos sind. Bevor es an den Abstieg geht, muss einiges von dem Zeug aber wieder ab, sonst wird der Hang zur Rutschpartie. Es ist wiederspenstig, aber es geht irgendwie. Die Reste lassen sich dann ziemlich gut im Bach abspülen; und die Schuhe scheinen auch nicht allzusehr angegriffen worden zu sein – die Sohle ist noch dran.

Das war vielleicht das eindrucksvollste Stück Island bislang. Keine Absperrung, nur der gesunde Menschenverstand, der einen von der Natur fern hält, und ein Boden, wie man ihn definitiv nicht von zuhause kennt..

Anschließend geht es schnurstracks auf der Straße weiter zur Küste. Hier erwarten uns mal wieder schwarzer Strand und moosüberwucherte Lavafelder. Am Ufer gibt es irre Wolkenformationen, wilde Wellen und jede Menge Müll, bis hin zur Laptoptasche und großen Schrottteilen, die vielleicht mal zur Küchenzeile eines Boots oder Flugzeugs gehörten.

Und ein Stück weiter dann Ruinen: Massive Bauten aus groben Lavasteinen mit winzigen Fenstern und Türen. Wer hat hier freiwillig gelebt? Bei der Brandung dürfte man kaum mit Booten anlanden können, und Ackerbau ist völlig unmöglich. Ob die Bewohner eine Wette verloren hatten, dass sie hier siedelten?

Weit gefehlt – noch bis 1884 war Selatangar ein großer Stützpunkt für die Fischerei; in offenen Booten ging es im Winter auf Fischfang. Wahnsinn.

Angeblich geht in Selatangar auch der Geist von Tanga-Tómas um, der einst die Bewohner terrorisierte, aber von ihm ist nichts zu sehen – die Gegend ist wohl selbst für Gespenster zu unwirtlich. Beeindruckend, aber auch unglaublich karg.

Gunnuhver

Unsere Zeit in Island neigt sich wie der kurze Tag unerbittlich dem Ende zu, weiter geht es nach Gunnuhver. Vor rund hundert Jahren wurde die Gegend noch für die Blumenzucht genutzt, bis der Boden dafür zu heiß wurde – ein paar Fundamentreste des ehemaligen Hauses sind noch zu erkennen. Vor zwei Jahren war die Gegend gesperrt, da die Schlammquelle zum Schlammgeysir geworden war – hier gibt’s einen Film davon. Mittlerweile ist es etwas ruhiger geworden, und man kann die verbliebenen Stege wieder begehen. Imposant ist es trotzdem, was immer noch an Wassermassen aus der Erde schießt und den eingestürzten Steg umspült.

Die Klippen bei Valahnúkur

Von Gunnuhver sind es nur ein paar Minuten mit dem Auto zur Küste. Hoch ragt der Berg Valahnúkur über das Meer. Einst stand auf ihm Islands erster Leuchtturm, bis ihn 1887 ein Erdbeben schwer beschädigte. 1905 war der Leuchtturm endgültig einsturzgefährdet, er stand nur zehn Meter vom Abgrund entfernt, und selbst der Leuchtturmwärter traute sich nicht mehr, dort Wache zu halten. Die Reste des 1908 abgebrochenen Leuchtturms sind noch heute am Fuß des Berges zu sehen, neben der Ruine eines Lagerhauses, das den Turm einst versorgte.

Offen gesagt kann ich seine Bedenken nachvollziehen; einige Spalten oben am Berg scheinen neu zu sein…

Vom Valahnúkur hat man trotzdem immer noch einen tollen Ausblick, linkerhand unter anderem auf einen Strand mit riesigen, rundgeschliffenen Felsen. Sie wirken fast wie Kiesel, bis man einen Größenvergleich hat. Ideal für eine Fotosession zwischen den „Kieseln“. In die andere Richtung sind Gunnuhver und der neue Leuchtturm von Reykjanesviti schön zu sehen.

Jetzt bleibt nur noch ein natürliches Ziel: Die Brücke zwischen den Kontinenten. Ein netter Gag, und nur wenige Minuten entfernt. Hier driften die eurasische und die nordamerikanische Kontinentalplatte auseinander, und irgendjemand hat eine Brücke über eine Spalte gebaut, die dadurch entstanden ist. Sie führt über jede Menge kleine Lavasteine, die wie eine schwarze Schutthalde in dem kleinen Graben unter der Brücke liegen.

Das klassische Touri-Bild (und dafür ist die Brücke ja da; noch kann man auch ohne Brücke durch die Schlucht wandern): Jemand hält die Arme hoch und scheint so die Brücke zu stützen. Und das ganze möglichst, bevor der nächste Bus mit Touris kommt… aber wir haben Glück: Es kommt zwar ein Bus, aber nur mit vier Insassen. Es ist wirklich Nebensaison. Dafür ist das Wetter auch nicht so angenehm, dass man jetzt den ganzen Tag hier verbringen wollte.

Damit endet unser diesjähriges Sightseeing. Der nächste Halt ist das Hotel in Keflavik, danach um 17 Uhr die Blaue Lagune. Im Mai war ich zu dem Schluss „überteuertes Freibad“ gekommen; im Winter und bei Dunkelheit macht sie schon mehr Spaß. Über der Lagune steht der Vollmond, es ist klar und keine Spur von Grün am Himmel; irgendwann ziehen dann dunkle Wolken auf, und wir beenden den Badeausflug.

Das Wetter ist wechselhaft: Mal klar, mal wieder bedeckt – wir können guten Gewissens Essen gehen, stilgerecht im KFC (der für Vegetarier nichts im Angebot hat und daher durch ein Dunkin Donuts abgerundet wurde). Anschließend noch ein letztes Mal raus ins Dunkle fahren und warten: Teilweise sternklarer Himmel, aber keine Spur von Polarlicht. Schließlich wird der Mond von dichten Wolken bedeckt, wir kapitulieren endgültig und fahren in dichtem Regen die paar Kilometer zurück nach Keflavik, die Autos volltanken. Bis dahin hat sich der Regen in Schnee verwandelt – es war kein Fehler, die Nordlichtjagd abzubrechen.

Außerdem ist morgen früh schon um halb sechs Abfahrt vom Hotel: Die Mitreisenden am Flughafen absetzen, angemotzt werden, warum man hier mit dem Auto steht, die Autos bei Sixt abgeben, Gepäck einchecken und ab in den Flieger – das war es mit Island (und Skandinavien) für dieses Jahr.

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2 thoughts on “Island im Dezember: Reykjanes und schon wieder nach Hause…

  1. Bei uns reift immer mehr das Vorhaben, eines unserer nächsten Reiseziele mal nach Island zu legen.

    Im Moment hält uns nur noch der ziemlich hohe Preis, für einen Mietcaravan ab.

    • Hi!

      Ja, Island ist wie der ganze Norden nicht billig, aber mehr als nur eine Reise wert. Ein Wonhnmobil hat natürlich den Vorteil, dass ihr flexibler seid und euch auch mehr Zeit für manche Orte nehmen könnt, wenn kein vorgebuchtes Hotel erreicht werden muss. Eine Woche Island ist auch definitiv zu wenig, wenn ihr einmal rundrum und was sehen wollt:-)

      Viel Spaß!

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