Tag 7: Kirkenes, Hexendenkmal und Polarlicht

Der Hafen von Kirkenes

Der Hafen von Kirkenes

Der Wendepunkt der Reise ist nicht der östlichste Punkt: Kirkenes liegt schon wieder ein Stück westlich von Vardø und nicht mehr im Einflussgebiet des Golfstroms, daher gibt es hier sogar schon Schnee. Die Lichtstimmung am frühen Morgen ist immer wieder beeindruckend und hat etwas unwirkliches. Die Stadt selbst ist einige Minuten vom Hafen entfernt, bietet aber nicht genügend Sehenswürdigkeiten, als dass ich jetzt noch einmal dorthin gehen müsste – ich war ja zuletzt vor neun Monaten dort. Der Ausflug zum Schneehotel oder die Huskyfahrt finden um diese Jahreszeit ebenfalls noch nicht statt: den Huskies ist es zu warm, und es gibt noch zu wenig Schnee, sodass weder Schlittenfahren noch Hotel bauen möglich sind. Die Alternative wäre die Fahrt zur russischen Grenze. Einige aus unserer Gruppe machen diese Tour auch: Durch die Flüchtlingskrise ist sie interessant geworden, da über Russland schon zahlreiche Flüchtlinge nach Europa kommen. Weil die Grenze nicht zu Fuß überquert werden darf, werden in Russland für ein Heidengeld Fahrräder verkauft, die hier dann entsorgt werden (oder vielleicht auch nach Russland gehen, um erneut verkauft zu werden). Der große Container, in dem sie einem Fernsehbericht zufolge landen, wird auf der Tour aber nicht gezeigt.

Blick aus dem Hafen.

Blick aus dem Hafen.

In Kirkenes leert sich das Schiff, es steigen nicht allzu viele Gäste zu – zu den Neuankömmlingen gehört aber auch eine Familie aus Syrien, die per Schiff in ein neues Flüchtlingslager gebracht wird. Die Welt ist klein…

Da die Nordkapp nächstes Jahr umgebaut werden soll, nutze ich die Gelegenheit, um noch ein paar Bilder vom leeren Schiff zu machen – die meisten Passagiere vertreten sich doch einmal die Beine in Kirkenes. Da ich die Nordkapp für das schönste Schiff der Flotte halte (ich mag voreingenommen sein), hoffe ich, dass sie ihren Charme behält. Wäre sehr schade drum – aber auch bislang hat ja jedes Schiff seinen eigenen Stil. Natürlich ist das Licht hier oben nicht besonders fotografenfreundlich, aber egal.

Die Überfahrt nach Vardø schaukelt ein wenig, ist aber noch weit von den gefürchteten Herbststürmen entfernt. Trotzdem erreichen wir Vardø erst kurz vor 16:00 – die Hurtigruten-App gibt 15:45 als Ankunftszeit an, der Fahrplan auf dem Schiff 16:00 Uhr… Wie dem auch sei, es bleiben immerhin gut 45 Minuten für die Stadt. Wer nicht selber Eisbaden will oder zumindest den Unverfrorenen dabei zuschauen möchte, kann die Festung Vardøhus besuchen (klein, aber hübsch), in das Museum über den Pomorenhandel gehen (etwas weiter weg) oder sich beeilen und das Hexendenkmal besuchen. Ich entscheide mich für letzteres – da kaum Schnee liegt, sollte der Weg jetzt im November machbar sein. Zu jeder größeren Stadt legt das Schiff ja Karten aus, diesmal ist der Weg sogar eingezeichnet. Gut 12 Minuten… Bei Schnee würde ich das nicht riskieren.

Für den größten Teil der Strecke gibt es Schilder, die einen durch den hübschen Ort lotsen. Ab Kirche und Friedhof beginnt das Abenteuer: Die Straßenbeleuchtung endet, und den Weg am Friedhof entlang muss ich mir mit der Taschenlampe suchen. Nach einem Parkplatz (soweit das in der Finsternis zu erkennen ist) geht es querfeldein: Ein paar Lichter sind am Fuß der Anhöhe zu erkennen, das muss es wohl sein. Quer durch den Acker stoße ich dann auf das langgestreckte Gebäude; je eine Rampe führt zu den Türen an beiden Enden des Steilneset minnested bzw. Heksemonument.

Es ist beeindruckend: Ich bin alleine in dem schummrig beleuchteten, langen Gang, und der Wind pfeift durch das Gebäude. Für jedes Opfer der Hexenverbrennungen gibt es eine Tafel mit den Anklagepunkten und ein kleines Fenster, in dem eine Glühbirne brennt. Viel mehr als fünf oder zehn Minuten bleiben mir leider nicht, da ich das Schiff nicht verpassen will – eigentlich viel zu wenig.

Vardø

Vardø

Der Rückweg ist spannend, da der Fußweg zur Kirche nicht zu sehen ist. Also wird wieder querfeldein durch Schnee und Wiese gejoggt, sodass ich dann rechtzeitig mit den Eismeertauchern wieder am Schiff bin. So faszinierend es ist, durch den Zeitdruck kann ich es als Exkursion nur bedingt empfehlen. Man muss schon bereit sein, ein paar Meter zu rennen.

Auf dem Schiff wartet dann auch gleich der nächste Programmpunkt: Moni hält ihren ersten Vortrag, nachdem wir an Vardø abgelegt haben. Es geht zwar über offene See, aber es ist ruhig genug für einen Blick auf die Sonne – der Stern von dem wir leben, und vor allem die Quelle des Polarlichts.

Nachdem wir Berlevåg abends um viertel nach zehn verlassen, begegnen wir der Finnmarken – und wieder gewinnt das andere Schiff die Winkekonkuranse, bei uns ist es ruhig. Wird Zeit, dass unsere Leute mal an Deck gejagt werden.

Vinkekonkurranse mit der Finnmarken

Vinkekonkurranse mit der Finnmarken

Nächsten Januar fahre ich ja mit der Finnmarken, mal sehen, was dann da abgeht:-) Aber wen interessiert die Lightshow der Schiffe, wenn es am Himmel gut abgeht: Wir haben ausreichend guten Himmel und tolles Polarlicht! Schon vor Berlevåg ging es los, und danach war tolle Show, direkt über uns. Endlich glauben mir alle, dass es wirklich grünes Polarlicht gibt – zumindest alle, die rechtzeitig an Deck sind. Wer zu früh schlafen geht, hat Pech, aber die Nachteulen werden von der Aurora in den Bann gezogen. Eine tolle Show, und viele strahlende Gesichter, als wir das anschließend im Svalbard-Salong feiern: Das Ziel ist erreicht, auch wenn nicht alle die ganz große Show miterlebt haben.

Tag 7 – Wendepunkt Kirkenes

Von dem guten Wetter der letzten Tage ist nichts mehr zu sehen: Kirkenes als Endpunkt der Reise steht an, wir haben in der Nacht den östlichsten Punkt der Fahrt umrundet und fahren jetzt ein Stück nach Südosten, in das norwegisch-russische Grenzgebiet. In Kirkenes bieten sich einige Touren an; die Schlittenhunde samt Schneehotel kenne ich schon, und Volker und Sabine wollen Snowmobil fahren. Mein Plan sieht vor, auszuschlafen und mir einmal Kirkenes anzuschauen. Zumindest der erste Teil davon scheitert, da ich die Infotaste aktiv habe. Vom Polarlichtalarm gegen vier Uhr habe ich zwar nichts mitgekriegt, aber etwa ab kurz vor acht kommen immer wieder Infos für die Passagiere, die in Kirkenes von Bord gehen. Und Korrekturen für diese Infos. Und Ergänzungen. Und ein Ständchen von Johann: „Dies ist eine wichtige Mitteilung: This is the end. The end, my friend. You’re leaving us in Kirkenes, my friend. This is the end, my friend.“ Mit Gitarrenbegleitung. Singen kann er, nur still sein kann er nicht – alle fünf Minuten kommt eine Durchsage… Also doch mal aufstehen, das Frühstück mitnehmen und dann mit Margit nach Kirkenes spazieren – Reiseleiter unter sich.

Der Weg in die Stadt ist nichgt weit, aber touristisch hat Kirkenes nicht so viel zu bieten: Viele kleine Häuser, jede Menge Schnee und Erinnerungen an den Krieg. Die Andersgrotta ist ein alter Bunker, vor dem noch aus deutscher Besatzungszeit ein Wegweiser steht; die Kirche ist recht hübsch und hat zwei Uhren, die wohl prinzipiell verschiedene Zeiten anzeigen, und einige Geschäfte zeigen, warum Kirkenes als Stadt gilt. Wohnen wollte ich hier nicht…

Dafür hat die Schneemobiltour Spaß gemacht, vielleicht verzichte ich nächstes Mal doch auf das Kulturprogramm. Aber der Rema war eine gute Gelegenheit, um die Vorräte aufzufüllen.

Von Kirkenes bis Vardø geht es dann an einem Stück durch, und die Fahrtzeit geht für Mittagessen und Vortragsvorbereitung drauf. An Bord wird – diesmal in der Bar – wieder der Film über Vardø und Pomoren-Handel gezeigt, zuerst auf Deutsch, dann auf Englisch. Blöd nur, dass während des englischen Films auch über die Bordsprechanlaga Infos über Vardø kommen und dem Film der Ton abgedreht wird, bis der Nachspann kommt. Anschließend erntet die Barkeeperin Applaus, als es ihr gelingt, die widerspenstige Leinwand wieder einzufahren…

Vardø selbst war einmal ein sehr umtriebiger Hafen und beherbergt noch immer die nördlichste Festung der Welt: Vardøhus. Da doch einiges an Schnee liegt und wir etwas verspätet anlegen, verzichtete ich auf den Marsch zum Hexendenkmal und besichtige mit den anderen die Festung – das Eisbaden scheint diesmal auch auszufallen. Erste Erkenntnis: Die alte Festung hat nichts mit den Radarkuppeln auf der anderen Hafenseite zu tun, sondern liegt einfach auf der anderen Straßenseite, keine fünf Minuten vom Schiff entfernt (und an einem angeblich sehr guten und günstigen Laden vorbei – nächstes Mal dann). Zweite Erkenntnis: Man kann sie in fünf Minuten komplett besichtigen, vor allem bei dem eisigen Wind, der gerade weht. Dafür ist es klar – wird das heute doch noch mal was mit Polarlichtern?

Wenn der Weißabgleich der Kamera von der gelblichen Beleuchtung verwirrt wird, könnte man fast meinen, wir wären in Marokko und nicht in Nordnorwegen, aber der Wind zerstört die Illusion. Bei 30 NOK oder 5 Euro Eintritt kann man nicht zu viel von der Festung erwarten, und in der Tat ist sie sehr übersichtlich. Kein Wunder, dass sie nie angegriffen wurde – wahrscheinlich hat sie jeder Angreifer übersehen oder wurde an ihr vorbeigeweht… Was ich ganz übersehen hab: 1769/70 gab es hier ein Observatorium, um den Venustransit zu beobachten. Davon ist aber nur noch eine Gedenktafel übrig.

Aber es heißt ohnehin, schnell wieder an Bord zu gehen, schließlich steht nun unser vierter Vortrag an: In 60 Minuten durch das Universum. Viel mehr Zeit ist, schließlich fängt das Abendessen pünktlich um 18:30 an. Es schwankt etwas, und am Abend wird es ungemütlicher: Das, was auf den ersten Blick über dem Schiff an Polarlicht erinnert, ist Schnee. Die Bar ist dementsprechend leer, einige bringen sich vor dem Geschaukel in Sicherheit oder nutzen die Zeit, um sich von der Frischluft bei Schneemobil oder Hundeschlitten zu erholen. Einmal bei Zeiten ins Bett ist auch eine nette Abwechslung zur letzten Tour – auch wenn gerade alle Polarlichtvorhersagen auf knallrot stehen und weltweit einiges gesichtet wird, hat die Aurora keine Chance gegen die Wolken über der Barentssee.