Island im Dezember: Vom Golden Circle bis Kirkjufell

Time to move on: Heute (10. Dezember 2016) heißt es, Selfoss adieu zu sagen. Der Golden Circle ist das Zwischenziel (quasi Island in a Nutshell mit den wichtigsten Sehenswürdigkeiten, obwohl die Insel noch viel mehr zu bieten hat), und danach Grundarfjörður auf der Halbinsel Snæfellsness. Vorher steht natürlich noch ein Besuch in der Bäckerei neben dem Hotel auf dem Plan, Proviant bunkern.

Kerið

Der erste Halt ist der gut 200 Meter große und 7-14 Meter tiefe Kratersee Kerið. Wir erreichen ihn um halb zehn; Sonnenaufgang ist in rund einer Stunde – alles andere als ideale Fotobedingungen. Das Bild rechts wurde 10 Sekunden bei Blende 3,2 und 200 ISO (wegen wenig Rauschen und Stativ) belichtet, den Rest hat Lightroom gemacht. Im Mai war er leichter zu knipsen… und auch zu einer Wanderung hinab zum Kratersee reizen die Lichtverhältnisse eher wenig. Dafür ist das Kassenhäuschen noch unbesetzt.

Eine halbe Stunde steht der nächste Halt auf dem Plan: Gewächshäuser. In Heilbronn würde ich wohl nie auf die Idee kommen, beim Pflanzen-Kölle einen Foto-Stopp zu machen, aber das ist Island.

Gewächshäuser in Reykholt

Also nichts wie raus aus dem Auto und in Reykholt den Gurken beim Wachsen zuschauen. Kurz vor zehn ist von der Sonne auch noch nichts zu sehen, aber Strom scheint wie in Norwegen billig zu sein: Die Gewächshäuser sind taghell beleuchtet.

Nach Reykholt treffen wir dann auch die ersten Kleinbusse, die unseren Mini-Konvoi aus zwei SUVs splitten. Es ist nicht ganz einfach, den Bus zu überholen, der sich am Kreisverkehr in Reykholt zwischen uns gesetzt hat. Auch wenn in Island wenig Verkehr ist, gibt es sportlichere Fahrzeuge als ein vollbeladenes SsangYong-SUV. Irgendwann klappt es, und wir sind vor der Bus-Tour am Faxafoss Wasserfall.

Faxafoss

Der Faxafoss oder Faxi wird wird gelegentlich schon dem Gullni hringurinn oder Golden Circle zugeschlagen, einen Besuch wert ist er allemal. Kurz nach uns kommen auch der überholte Sprinter an, dann ein paar Landrover und ein zum Bus aufgemotzter, hochgelegter Pickup.

Es ist also Zeit, weiterzuziehen, auch wenn sich kurz nach zehn Uhr die Dämmerung schon bemerkbar macht. Mit dem nächsten Halt sind wir definitiv auf dem Golden Circle: Die Geysire rund um den Namensgeber Geysir erwarten uns.

Der eigentliche Geysir ist ja schon lange eher zurückhaltend und bricht nur sporadisch aus, aber auch der wesentlich aktivere Strokkur enttäuscht diesmal: Nur sehr selten spuckt er eine beeindruckende Wasserfontaine aus, die meisten sind nur wenige Meter hoch. Da ging schon mehr…

Meine kleine Panasonic LX-100 beherrscht zum Glück auch im RAW-Modus die Dauerfeuer-Funktion, aber der Strokkur macht es uns nicht leicht. Erst, als wir bei den blauen, mineralienreichen Blesi-Tümpeln sind, gibt er sich wieder etwas Mühe und mach seinem Ruf als aktiver Geysir wieder Ehre. Endlich eine schön hohe Wasserfontaine. Sowas fehlt in Heilbronn noch (wobei, so wenig Schnee wie hier als liegt, müsste es unter Heilbronn eigentlich warm genug sein…)

Die Hänge oberhalb des Haukadalur-Gebiets sind gesperrt, auch wenn man noch keine Spikes bräuchte, um sie zu erklimmen. Also ziehen wir weiter zum nächsten Stopp: Dem Gullfoss. Über 100 m3/s Wasser stürzen seine beiden Fallstufen hinab. Vom Parkplatz oberhalb des Wasserfalls führt die Treppe hinab in die Gischt; erst näher am Wasserfall gibt es die Möglichkeit zu Fotografieren, ohne alle paar Sekunden das Objektiv trockenlegen zu müssen. Selbst für Dezember ist hier noch viel los; wir sind bei weitem nicht die einzigen Besucher des imposanten Wasserfalls.

Auch wenn der Sonnenuntergang schon bedrohlich nah ist, haben wir diesmal etwas mehr Zeit und können nicht nur zum Gullfoss selbst gehen, sondern auch vom Parkplatz ebenerdig ein Stück flussaufwärts. Der klare Himmel am Horizont ist fast noch sehenswerter als der Wasserfall… Nur für unsere Kameradrohne ist es zu windig; einzelne Böen kratzen arg an den 20-25 m/s (Windstärke 5), mit denen die Drohne noch zurecht kommt. Im Vergleich zur Black Beach gestern ist das zwar nichts, aber wir wollen die DJI Phantom doch auch wieder nach Hause mitnehmen… Schade eigentlich. Aber wenn ich mir manchen Bus auf dem Parkplatz anschaue, ist das wohl noch gar nichts. Hier wurden eindeutig alte Armee-Bestände für den Tourismus zweckentfremdet.

Auf zum Bruarfoss

Sei’s drum, wir haben noch ein paar Kilometer vor uns. Der Bruarfoss ist unser nächstes Ziel. Auch er stand schon im Mai auf dem Programm; diesmal ist der Weg zu ihm die reinste Schlammschlacht. Ich habe ja die Schuhe gewechselt und die neuen, wasserdichten Rockport an, die ich ich während des längeren Zwangsaufenthalts der Finnmarken Ende Oktober in Trondheim gekauft habe. Die Schuhe halten zwar, was sie versprechen, aber es sind doch nur Halbschuhe…

Das Bild rechts gibt nur einen vagen Eindruck von dem Moor, das wir durchwaten mussten. Trotzdem hat es sich gelohnt: Der Bruarfoss brilliert mit blauem Wasser, und es blieb genug Zeit, um auch einmal zu ihm herab zu steigen und Nahaufnahmen zu machen. Noch sehenswerter waren aber die anderen Touris, die blauäugig mit weißen Stiefeln den Weg in Angriff nahmen…

Der Rückweg ist eine ähnliche Schlammschlacht durch das Gebüsch. Gut, dass wir Mietwägen haben – in mein Auto würde ich so niemanden einsteigen lassen…

Moosüberwucherte Lava

Anschließend geht es weiter Richtung Þingvellir. Am Ufer des Þingvallavatn laden moosüberwucherte Lavafelder zu einem Fotostopp ein, bevor es pünktlich zum Sonnenuntergang zum eigentlichen Þingvellir geht. Ab 930 war er Gerichtsort (Männer wurden hier geköpft, und Frauen ertränkt), auch heute beeindruckt die Gegend noch. Die steilen Basaltklippen lassen eine Riesenfestung vermuten, auch wenn sich hinter ihnen „nur“ eine Hochebene verbirgt. Es liegt an einer Grabenbruchzone, die die eurasische von der amerikanischen Kontinentalplatte trennt. Der Fluss Öxára mit dem Wasserfall Öxárarfoss fließt an den steilen Klippen entlang. Als wir da sind, taucht der Sonnenuntergang den Himmel in ein blutrotes Licht – Wahnsinn.

Durch die Allmännerschlucht führt der Weg hinauf zum Busparkplatz samt Souvenirshop und Toiletten. Diese bieten nicht nur einen schönen Ausblick (auch die Isländer bauen recht luftig), sondern kosten auch Eintritt – der für uns ungewohnt ganz unkompliziert per Kreditkarte bezahlt werden kann…

Mit dem Þingvellir endet unser Besuch am Golden Circle auch schon. Der nächste geplante Halt ist das Hotel in Grundarfjörður, mit der Option, in Borgarnes zu Abend zu Essen. Da gibt es nur ein Problem: Die Aurora boealis…

Schon kurz vor Borgarnes zeigt sie sich am Himmel, also fahren wir durch und halten kurz nach der Stadt an, um die Kameras aufzubauen. Die Prognose „alle halbe Stunde ein Auto“ bewahrheitet sich zwar nicht, aber auf der anderen Straßenseite gibt es eine Art Feldweg, auf dem die Kameras einigermaßen lichtgeschützt aufgebaut werden können. Etwa von 18:20 bis 18:40 können wir das Nordlicht als Bogen über dem Nordhorizont beobachten. Nicht ganz „the greatest show in heaven, hell and earth“, aber schon ganz nett. Auf alle Fälle die Chance für Beweisfotos, während im Süden der fast volle Mond die Wolken beleuchtet.

Tja, Licht ist Licht… immerhin für einen netten Zeitraffer hat es gelangt:

Wichtige Erkenntnis: Auch rote Stirnlampen sind auf den Fotos deutlich zu sehen. Rot ist zwar gut für Dunkeladaption vom Auge, aber die Kamera sieht das anders. Das gilt übrigens auch für Deep-Sky-Astrofotografen: Die ganzen Wasserstoffnebel im All leuchten auch rot, da sind rote Lampen kontraproduktiv…

Nachdem uns die Wolken eingeholt haben, geht die Fahrt weiter durch das Niemandsland, genauer gesagt bis nach Grundarfjörður auf der Halbinsel Snæfellsness. Lange Strecken ohne Besiedelung erwarten uns. Irgendwann gegen 20 Uhr erreichen wir das Framnes-Hotel, um es gleich wieder zu verlassen. Schließlich gibt es noch ein paar Wolkenlücken und Polarlicht, also nichts wie los zum Kirkjufell.

Kirkjufell

Der Kirkjufell ist wohl einer der markantesten isländischen Berge und wirklich fotogen. Marcus und ich gehen bis auf die andere Seite des Wasserfalls, wo ich mein Fotostativ verfluche: Der Kugelkopf hat eine schöne Arretierung, mit der er auch geklemmt noch beweglich sein sollte, stattdessen blockiert er komplett. Zum Glück habe ich das Taschenmesser wieder griffbereit, das dank Sicherheitskontrollen am Flughafen im Gepäck war, und kann ihn wieder lösen. Immerhin ein paar Aufnahmen mit Berg, Wasserfall und Polarlicht sind dann noch möglich. Am selben Ort sind noch ein lokaler Guide mit einer Gruppe, er gibt Fototipps – aber über das Stadium sind wir hinaus.

Aber dann holen uns die Wolken ein – Zeit, aufzubrechen und sich auf die Suche nach Nahrung zu begeben. Das erste Restaurant in Grundarfjörður hat wegen Weihnachtsfeier geschlossen („Don’t even think about it“), das zweite wegen Feierabend, und das war’s auch schon. Im Hotel können wir das Restaurant gerne benutzen, wenn wir eigenes Essen haben… willkommen im winterlichen Nordost-Island. Bei Keksen & Co klingt der Abend somit in der Hotel-Lobby aus. Morgen steht dann die Snæfellsnes-Halbinsel auf dem Programm. Dank des späten Sonnenaufgangs müssen wir nicht allzu früh aufstehen. Island im Winter hat seine Vorteile – auch wenn im Lauf der Nacht der Regen anfängt, gegen die Fenster zu klopfen.

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