Tag 4: Polarkreis und Bodø (und noch mehr Polarlichter)

Letztes Jahr war die Polarkreisüberquerung ja ein ziemliches Highlight: Gefühlt waren alle 300 Passagiere an Deck, der Tourguide hatte gut Spannung aufgebaut, und gegen 7:12 morgens passierten wir mit lautem Gehupe die Insel mit dem beleuchteten Globus, und in wenigen Sekunden entstanden hunderte unterbelichtete und verwackelte Bilder der Insel.

Irgendwo da ist die Polarkreiskugel. und die paar wackeren Passagiere, die schon auf waren.

Irgendwo da ist die Polarkreiskugel. und die paar wackeren Passagiere, die schon auf waren.

Dieses Mal forderte das Polarlicht seinen Tribut, und nur eine Handvoll Gäste waren auf Deck 7 versammelt, sodass die Crew kaum Sekt verkaufen konnte. Der Globus lag im Dunkel und wurde nur sporadisch vom Suchscheinwerfer gestreift. Immerhin der Schiffstyphon war wie gewohnt, und um 7:20 passierten wir die Insel. Anschließend: Frühstück. Gähn.

Aber wieder ins Bett gehen lohnte sich auch nicht mehr, stattdessen suchte ich den Panoramasalon auf – während der letzten Reise gab es da keine Plätze am Fenster, diesmal hatte ich eine Chance und konnte mich gleichermaßen den EMails wie auch der Landschaft widmen. Derweil tuckerte die Nordkapp weiter Richtung Ørnes, einem der schöneren Häfen in einer grandiosen Landschaft.

Ørnes. Der Berg im Hintergrund erinnert mich an einen liegenden Trollkopf. Ist der seit der letzten Vesterålenreise hierher gewandert?

Ørnes. Der Berg im Hintergrund erinnert mich an einen liegenden Trollkopf. Ist der etwa seit meiner letzten Vesterålenreise hierher gewandert?

Der Platz am Bug war zugig, aber die Aussicht lohnt sich immer wieder. Während der kurzen Liegezeit im Hafen widersetzten sich einige Passagiere der Kälte, und wir konnten einige Bilder der letzten Nacht vergleichen. Es ist sehr angenehm, dass dieses Mal schon so weit im Süden und vor meinem ersten Vortrag geübt werden konnte: So hatte jeder ausreichend Zeit, sich doch mit seiner Kamera zu beschäftigen, und auch manche kleine Kompaktknipse konnte das Grün am Himmel festhalten. Mittlerweile kennt man auch einige Reiseteilnehmer und ist per Du, es wird langsam familiär. Und es ist sogar etwas von meinem Vortrag hängen geblieben: Gegenüber der Sonne, die gerade am Horizont kratzte, konnten wir den Erdschatten samt Venusgürtel erspähen. Die Idylle rundeten ein paar Seeadler auf einer kleinen Insel ab.

Kunst auf der Nordkapp

Kunst auf der Nordkapp

Von Ørnes aus geht die Reise weiter nach Bodø. Letztes Mal war ich mit Vortragsvorbereitungen beschäftigt und hatte von der Stadt nichts mitgekriegt, diesmal hatte ich etwas Zeit dafür. Bis dahin war aber noch volles Programm: Unser Reiseleiter Kai gab eine Kunstführung durch das Schiff. Wie alle Hurtigrutenschiffe ist auch die Nordkapp ein Gesamtkunstwerk, und die Bilder haben sogar eine Bedeutung. Und nach dem unterhaltsamen kleinen Rundgang weiß man sogar, was dahinter steckt: Welche Sagen hier verewigt wurden, und dass manche Szene den Fischfang und -transport vor gerade einmal 100 oder 150 Jahren zeigt. Die Bilder sind nicht nur Deko, und auch der Künstler hat sich wohl in dem Tryptichon verewigt. Sehr nett.

King Neptune ließ sich aber nicht blicken – hatte der Herrscher des Meeres etwa auch wegen Polarlichtern verschlafen?

Wandschmuck in Bodø. Heilbronn hat das auch, aber da sind die Graffiti nicht so schön.

Wandschmuck in Bodø. Heilbronn hat das auch, aber da sind die Graffiti nicht so schön.

Für Bodø hatte ich nicht ganz so viel Zeit wie unsere Passagiere, da um 15:30 mein zweiter Vortrag anstand – diesmal über die Sonne, und kurz nach der Abfahrt. Allerdings erinnert mich Bodø auch an Heilbronn: Es wurde im Krieg weitestgehend zerstört und viel zu schnell wieder aufgebaut. Der Glockenturm ist noch das sehenswerteste Ziel, neben ein paar Wandmalereien. Meine Tour führte mich zum Getränkekauf ins REMA1000, und dann wieder zurück in den Vortragsraum auf dem Schiff. Das war gar nicht so einfach – weniger wegen der vereisten Straßen als vielmehr wegen des starken Gegenwinds.

Zum Vortrag waren dann auch alle Gäste wieder an Bord, und ich handelte die Sonne und das Leben der Sterne ab. Weiterer Programmpunkt: Die drehbare Sternkarte und ein Crashkurs in Orientierung am Himmel. Die wichtigsten Sternbilder hatten wir schon am ersten Abend live gezeigt, ebenso den Komet Lovejoy in Felicitas‘ Fernglas. Daher konnte ich mich hier kurz fassen. Problematisch war nur, dass nicht jeder die drehbare Sternkarte erhalten hatte. Zum Glück erhält man auch als Lektor gelegentlich ein Exemplar, das dann als Ersatz dient, aber der Hinweis sei gestattet: Wer die Themenreise bucht, sollte überprüfen, ob den Unterlagen auch wirklich eine Sternkarte beiliegt. Das gilt natürlich nur, wenn sie auch zum Umfang gehört – keine Ahnung, ob sie auch in Zukunft dazu gehört. Wer keine hat, kann den Sternenhimmel übrigens zum Beispiel mit seinem Smartphone und einer kostenlosen App wie Celestron SkyPortal erkunden.

Magischer Trolltrunk gefällig?

Magischer Trolltrunk gefällig?

Da die Wetter- und Weltraumwettervorhersagen so gut waren, verkniff ich mir dieses Jahr die Teilnahme am Lofotr Wikinger-Fest (obwohl ich eigentlich im Museumsshop noch einkaufen wollte). Eine weise Entscheidung: Wegen Niedrigwasser fuhr die Nordkapp nach dem Abendessen in Schleichfahrt Richtung Raftsund und Svolvaer. Mit rund einer Stunde Verspätung konnten wir dann in Svolvaer anlegen und die Ausflügler wieder an Bord nehmen. Wer wollte, konnte immer noch die Zeit nutzen, um die Magic Ice Galerie zu besichtigen.

Oder er nutze die Zeit zum Aufwärmen – es gab schon wieder Polarlicht, und gar nicht mal so schlecht. Über Svolvaer als „Hauptstadt des Lichts“ standen zwar schon die ersten Wolken, aber bis dahin gab es wieder einen schönen ruhigen Tanz, bei dem auch etwas Farbe zu sehen war – trotzdem war es nicht immer leicht, zwischen Wolken und Aurora zu unterscheiden.

Nach gut 200 Aufnahmen und 80 Minuten beendete ich die Aufnahmeserie, um im Hafen die Speicherkarte zu leeren und den Akku zu laden. Der Batteriegriff mit dem zweiten Original-Akku von Nikon war eine geniale Anschaffung. Erinnert sich noch jemand an meinen letzten Reisebericht, bei dem mein Ersatzakku den Geist aufgeben hatte? Den mir mein örtlicher Fachhändler als super-robust und ganz toll verkauft hatte? Dieser Hähnel Extreme Li-Ion? Und der nach der ersten Nacht den Geist aufgegeben hatte? Der Austauschakku ist genauso gut – extrem bedeutet wohl, dass er keine extremen Breitengrade mag. Scheißdrecksgelump, außerschwäbisches. Gut, dass ich noch die Originale dabei habe.

Aber wie es sich gehört, komme ich danach wieder an Deck und werde zuerst gefragt, ob ich auch im Hafen fotografiert hatte, es wäre gerade wieder ganz toll gewesen.

Toll. Ganz toll.

Natürlich hatte ich nicht fotografiert. Aber bei der anschließenden Fahrt durch den Raftsund wieder:-) Das Licht gab sich wieder Mühe, ich sah Farbe und manch anderer hielt sie auch im Bild fest. Von der Fahrt wird es kein Video geben, da das Licht seitlich von uns war und die Belichtungszeiten zu lang für die Landschaft, aber über den schneebedeckten Bergen war es ein beeindruckender Anblick. Wow.

Nur die Crew hatte ein Problem: Eigentlich gab es den magischen Trolltrunk und Fiskekake auf dem Sonnendeck, aber alle standen am Bug, Polarlichter gucken. Der Halt am Trollfjord fiel wegen unserer Verspätung aus, aber wenn er genauso gut angeleuchtet worden wäre wie die Kugel am Polarkreis, hätten wir ohnehin genauso viel gesehen wie bei der letzten Fahrt vorne am Bug.

Und sehr beruhigend: Ab Mitternacht ließ die Aktivität nach, und wir konnten beruhigt ins Bett gehen. Endlich schlafen… wobei der Raftsund auch bei Nacht sehr beeindruckend ist. Amazing!

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