Island im Dezember: Reykjanes und schon wieder nach Hause…

Wie heißt es in Blade Runner doch so treffend:

All diese Momente werden verloren sein in der Zeit, wie Tränen im Regen.

Der letzte Tag in Island beginnt, und es regnet. Gut, dass wir den Stadtrundgang schon gestern Abend erledigt haben. Daher steht jetzt nur noch ein Besuch in der Bäckerei ums Eck an, zum Frühstücken. Rund 20 Euro für zwei belegte Brote und eine heiße Schokolade. Aber was soll ich sagen: Es hat geschmeckt. (Und auf dem Weihnachtsmarkt in Deutschland ist es auch nicht billiger, nur wird da keine Kreditkarte akzeptiert.)

Perlan

Und dann: Hotel räumen und Abfahrt. Das erste Ziel ist Perlan, der Wasserbehälter über der Stadt. Kurz vor zehn Uhr ist er noch hübsch beleuchtet, und von der Aussichtsplattform auf dem Dach könnte man den Ausblick auf die Stadt genießen, wenn es weniger stark regnen würde. So bleibt es bei einer kurzen Runde um das Dach und der letzten Chance, nach Souvenirs zu schauen. Der Shop ist auch gut auf Weihnachten ausgerichtet.

Im Augenblick wird im Perlan umgebaut, einer der Tanks soll zu einem Museum werden. Vielleicht ergibt sich mal eine Gelegenheit, eines Tages da einen Blick reinzuwerfen. Aber wir können nicht warten, bis die Umbauarbeiten fertig sind: Der Südwesten will noch abgeklappert werden, einmal rund um die Halbinsel Reykjanes.

Der erste größere Halt ist Seltún, ein Gebiet mit heißen Schlammquellen, die munter vor sich hin blubbern. Ein Fest für die Sinne, schließlich wurde hier einst Schwefel gewonnen… Ein Steg führt durch das Gebiet, sodass man den Quellen (wohl) gefahrlos nahe kommen kann. Mittlerweile hat auch der Regen aufgehört, und Sonnenstrahlen brechen zwischen den Wolken hervor.

Das untere Gebiet kennen wir ja schon vom letzten Mal, aber ein Stück den Berg hinauf gibt es noch weitere heiße Quellen. Der Weg sieht erst einmal nach Schlammschlacht aus, aber vielleicht geht’s doch?

Ja, die ersten paar Meter sind ganz gut gangbar, also machen wir uns an den Aufstieg. Die Erkenntnis: Man kommt wirklich hoch – dafür könnte der Rückweg durchaus spannend werden, es ist doch recht steil… Aber es lohnt sich, nach einigen Höhenmetern bietet sich ein toller Ausblick auf Seltún und die übrige Umgebung:

Aber noch haben wir das Ziel nicht erreicht, der Dampf steigt einige Meter über uns aus dem Boden. Da wollen wir hin, der letzte Rest ist auch noch zu schaffen.

Wenn der Boden zu Knete wird

Bis man merkt, dass die Schuhe immer dicker und schwerer werden – wo wir weiter unten noch durch normalen Matsch gewandert waren, machen sich hier die heißen Quellen bemerkbar. Der Boden ist seltsam und bleibt an den Schuhen kleben, ohne wirklich viel Halt zu geben.

Die Hoffnung, auf nacktes Gestein ausweichen zu können, zerschlägt sich auch: Was wie Fels aussieht, hat die Konsistenz von Knete. Warm ist der Boden allerdings nicht – es ist ein seltsames Zeug, das mittlerweile sämtliches Profil an den Schuhen aufgefüllt hat. Da will man nicht zu lange an der selben Stelle stehen…

Die oberen Wärmequellen

Besonders vertrauenserweckend wirkt die Gegend nicht, und langsam kommen Bedenken auf, ob wir noch Schuhe haben, wenn wir wieder an den Autos sind. Bevor es an den Abstieg geht, muss einiges von dem Zeug aber wieder ab, sonst wird der Hang zur Rutschpartie. Es ist wiederspenstig, aber es geht irgendwie. Die Reste lassen sich dann ziemlich gut im Bach abspülen; und die Schuhe scheinen auch nicht allzusehr angegriffen worden zu sein – die Sohle ist noch dran.

Das war vielleicht das eindrucksvollste Stück Island bislang. Keine Absperrung, nur der gesunde Menschenverstand, der einen von der Natur fern hält, und ein Boden, wie man ihn definitiv nicht von zuhause kennt..

Anschließend geht es schnurstracks auf der Straße weiter zur Küste. Hier erwarten uns mal wieder schwarzer Strand und moosüberwucherte Lavafelder. Am Ufer gibt es irre Wolkenformationen, wilde Wellen und jede Menge Müll, bis hin zur Laptoptasche und großen Schrottteilen, die vielleicht mal zur Küchenzeile eines Boots oder Flugzeugs gehörten.

Und ein Stück weiter dann Ruinen: Massive Bauten aus groben Lavasteinen mit winzigen Fenstern und Türen. Wer hat hier freiwillig gelebt? Bei der Brandung dürfte man kaum mit Booten anlanden können, und Ackerbau ist völlig unmöglich. Ob die Bewohner eine Wette verloren hatten, dass sie hier siedelten?

Weit gefehlt – noch bis 1884 war Selatangar ein großer Stützpunkt für die Fischerei; in offenen Booten ging es im Winter auf Fischfang. Wahnsinn.

Angeblich geht in Selatangar auch der Geist von Tanga-Tómas um, der einst die Bewohner terrorisierte, aber von ihm ist nichts zu sehen – die Gegend ist wohl selbst für Gespenster zu unwirtlich. Beeindruckend, aber auch unglaublich karg.

Gunnuhver

Unsere Zeit in Island neigt sich wie der kurze Tag unerbittlich dem Ende zu, weiter geht es nach Gunnuhver. Vor rund hundert Jahren wurde die Gegend noch für die Blumenzucht genutzt, bis der Boden dafür zu heiß wurde – ein paar Fundamentreste des ehemaligen Hauses sind noch zu erkennen. Vor zwei Jahren war die Gegend gesperrt, da die Schlammquelle zum Schlammgeysir geworden war – hier gibt’s einen Film davon. Mittlerweile ist es etwas ruhiger geworden, und man kann die verbliebenen Stege wieder begehen. Imposant ist es trotzdem, was immer noch an Wassermassen aus der Erde schießt und den eingestürzten Steg umspült.

Die Klippen bei Valahnúkur

Von Gunnuhver sind es nur ein paar Minuten mit dem Auto zur Küste. Hoch ragt der Berg Valahnúkur über das Meer. Einst stand auf ihm Islands erster Leuchtturm, bis ihn 1887 ein Erdbeben schwer beschädigte. 1905 war der Leuchtturm endgültig einsturzgefährdet, er stand nur zehn Meter vom Abgrund entfernt, und selbst der Leuchtturmwärter traute sich nicht mehr, dort Wache zu halten. Die Reste des 1908 abgebrochenen Leuchtturms sind noch heute am Fuß des Berges zu sehen, neben der Ruine eines Lagerhauses, das den Turm einst versorgte.

Offen gesagt kann ich seine Bedenken nachvollziehen; einige Spalten oben am Berg scheinen neu zu sein…

Vom Valahnúkur hat man trotzdem immer noch einen tollen Ausblick, linkerhand unter anderem auf einen Strand mit riesigen, rundgeschliffenen Felsen. Sie wirken fast wie Kiesel, bis man einen Größenvergleich hat. Ideal für eine Fotosession zwischen den „Kieseln“. In die andere Richtung sind Gunnuhver und der neue Leuchtturm von Reykjanesviti schön zu sehen.

Jetzt bleibt nur noch ein natürliches Ziel: Die Brücke zwischen den Kontinenten. Ein netter Gag, und nur wenige Minuten entfernt. Hier driften die eurasische und die nordamerikanische Kontinentalplatte auseinander, und irgendjemand hat eine Brücke über eine Spalte gebaut, die dadurch entstanden ist. Sie führt über jede Menge kleine Lavasteine, die wie eine schwarze Schutthalde in dem kleinen Graben unter der Brücke liegen.

Das klassische Touri-Bild (und dafür ist die Brücke ja da; noch kann man auch ohne Brücke durch die Schlucht wandern): Jemand hält die Arme hoch und scheint so die Brücke zu stützen. Und das ganze möglichst, bevor der nächste Bus mit Touris kommt… aber wir haben Glück: Es kommt zwar ein Bus, aber nur mit vier Insassen. Es ist wirklich Nebensaison. Dafür ist das Wetter auch nicht so angenehm, dass man jetzt den ganzen Tag hier verbringen wollte.

Damit endet unser diesjähriges Sightseeing. Der nächste Halt ist das Hotel in Keflavik, danach um 17 Uhr die Blaue Lagune. Im Mai war ich zu dem Schluss „überteuertes Freibad“ gekommen; im Winter und bei Dunkelheit macht sie schon mehr Spaß. Über der Lagune steht der Vollmond, es ist klar und keine Spur von Grün am Himmel; irgendwann ziehen dann dunkle Wolken auf, und wir beenden den Badeausflug.

Das Wetter ist wechselhaft: Mal klar, mal wieder bedeckt – wir können guten Gewissens Essen gehen, stilgerecht im KFC (der für Vegetarier nichts im Angebot hat und daher durch ein Dunkin Donuts abgerundet wurde). Anschließend noch ein letztes Mal raus ins Dunkle fahren und warten: Teilweise sternklarer Himmel, aber keine Spur von Polarlicht. Schließlich wird der Mond von dichten Wolken bedeckt, wir kapitulieren endgültig und fahren in dichtem Regen die paar Kilometer zurück nach Keflavik, die Autos volltanken. Bis dahin hat sich der Regen in Schnee verwandelt – es war kein Fehler, die Nordlichtjagd abzubrechen.

Außerdem ist morgen früh schon um halb sechs Abfahrt vom Hotel: Die Mitreisenden am Flughafen absetzen, angemotzt werden, warum man hier mit dem Auto steht, die Autos bei Sixt abgeben, Gepäck einchecken und ab in den Flieger – das war es mit Island (und Skandinavien) für dieses Jahr.

Island im Dezember: Die Snæfellsnes-Halbinsel

Island hat im Dezember echte Vorteile: Man kriegt zwar vielleicht kein Abendessen, aber dafür kann man am nächsten Morgen ausschlafen – früh aufbrechen bringt eh nichts, wenn es frühestens gegen halb zehn zu Dämmern anfängt. Und da es an diesem Morgen weniger Regen gibt als vielmehr „Wasser mit Schlitzen drin“, wirkt das Hotel sogar beinahe reizvoll…

Die Kirche in Stykkishólmur

Trotzdem heißt es irgendwann Aufbruch, und bis wir kurz vor zehn Stykkishólmur erreichen, hat es sogar aufgehört zu schütten. Island hat ja einige kreative Kirchen, und die dieses 1000-Einwohner-Ortes gehört auch dazu: Ein moderner Bau, der trotzdem nicht schlecht aussieht. Für 11 Uhr ist eine Messe oder ein Konzert geplant; wir nutzen die Gelegenheit, um einen Blick ins Innere zu werfen. Der Pfarrer scheint auch der einzige zu sein, der an diesem Sonntagmorgen außer uns in dem Ort unterwegs ist.

Der nächste Halt ist die steile Insel Súgandisey mit dem kleinen Leuchtfeuer über dem Ort, die über einen Damm mit Stykkishólmur verbunden ist, gefolgt vom Hafen, an dem es viele hübsche, alte Häuser gibt, sowie die Skulptur eines Segelboots. Nettes Örtchen.

Unter den Wolken ist am Horizont sogar ein helles Schimmern zu erkennen. So richtig klar wird es heute zwar nicht, aber immerhin hält sich der Regen für den Rest des Tages zurück. Die Rundfahrt über die Halbinsel Snæfellsnes beschränkt sich daher nicht auf ein paar Fotos aus dem Auto heraus, sondern lohnt sich.

Der Saxholl, Mittags um 12

Die Route führt erst einmal weit nach Westen, zum Saxholl. 390 Stahlstufen führen zum Rand dieses Kraters hinauf; und oben ist das Wetter bald angenehmer als an seinem Fuß. Ich wüsste ja schon gerne, wer die Idee hatte, eine Treppe auf einen Vulkan zu bauen – aber sie läuft sich ganz gut, und oben ist es zwar windig, aber man kann es durchaus einige Zeit aushalten. Und trotz der tief hängenden Wolken lohnt sich der Ausblick auf die wilde Landschaft. Vom Snæfellsjökull ist aber nichts zu sehen, auch wenn man ihn über den Kraterrand anpeilen kann.

Der Weg zur Bucht von Djúpalónssandur

Und weiter gehts zum nächsten Halt: Der Bucht von Djúpalónssandur. Hier liegen in einer unwirtlichen Lavalandschaft die Reste eines Fischerboots, das 1948 verunglückte, ebenso wie einige große Steine, an denen die Fischer früher ihre Stärke beweisen konnten.

Etwas im Inland liegt ein kleiner See versteckt, und das Meer, das gegen die Felsen brandet, gibt einen Eindruck davon, wie gefährlich die Seefahrt sein kann. Mit einem Wikinger-Langboot wollte ich hier wirklich nicht unterwegs sein…

Auch diese Küste ist wieder ein schwarzer Lavastrand, die einzigen Farbtupfer sind die rostigen Überreste des Fischkutters Epine, die mittlerweile unter Denkmalschutz stehen. Es ist beeindruckend, wie weit die Stahlteile im Landesinneren liegen. Was für Kräfte waren hier am Wirken!

Noch beeindruckender und unwirklicher finde ich aber immer wieder die moosbewachsenen Lavafelder, die die Landschaft prägen.

Lóndrangar

Entlang der Küste geht die Fahrt weiter. Die Höhle von Vatnshellir ist geschlossen (im Mai waren wir kurz nach Einlass vorbeigekommen und hatten sie daher ebenfalls nicht besucht), erst bei den Felsnadeln von Lóndrangar steht wieder ein Halt an. Die Beobachtungsplattformen haben wir für uns alleine; es sind zwar noch ein paar wenige Touristenbusse unterwegs, aber im großen Ganzen haben wir unsere Ruhe – auch, weil die Busse die Fahrt in der umgekehrten Richtung machen.

In Arnarstapi wird getankt, bevor es an der imposanten Statue von Bárður Snæfellsás vorbei zur Küste geht. Bárður soll einer der ersten Siedler in der Gegend gewesen sein, bärenstark, zauberkundig und unbeherrscht. So tötete er seine beiden Neffen, da diese nicht auf seine Tochter aufgepasst hatten – einen der beiden stieß er in die Schlucht Rauðfeldar. Nach dieser verschwand er im Snæfellsjökull.

Unser Weg führte nicht zum Berg, sondern an die Steilküste. Der Wind war schwach genug, um einen Drohnenflug zu wagen, aber den Akkus war es zu kalt – hier und heute also kein Start, sondern nur landgestützte Fotos. Auf dem Rückweg kam dann sogar die Sonne hervor: ein ungewohnter Anblick!

In der Rauðsgíl-Schlucht

Ein kleines Stück nach Anarstapi erwartete uns das nächste Ziel, das wir letztes Mal übersehen hatten: Die Schlucht Rauðfeldar. Hier tötete Bárður einst seinen Neffen Rauðfeldur, seitdem heißt die Schlucht nach ihm.

Der Weg hinauf ist etwas versteckt, aber es lohnt sich: Die schmale, tiefe Schlucht oben am Berghang betritt man durch einen kleinen Bach, der irgendwo aus dem Bergesinneren kommt. Ein schönes kleines Versteck, in dem schon so mancher Vogel gestorben ist, wie die Gerippe am Boden der Schlucht zeigen.

Allzu tief kommt man nicht in den Berg – aber weiß, welche Geheimnisse in seinem Inneren schlummern? Jedenfalls bietet sich von Rauðfeldar auch ein großartiger Ausblick auf das Land.

Während die Sonne langsam hinter den Wolken untergeht, haben wir nur noch ein Ziel: Die schwarze Kirche von Búðir. Wo heute nur die Kirche, ein Friedhof, ein Hotel und besagte Kirche stehen, war wohl noch bis etwa 1930 ein wichtiger Handelsplatz. Heute steht die Kirche recht einsam da (wenn nicht gerade ein Bus Touristen vorbeibringt). Auch hier sollte man es nicht vergessen, einen Blick auf die Landschaft zu werfen.

Die Kirche selbst wurde 1848 gegen den Willen der Geistlichkeit errichtet, aber mit königlichem Segen. Heute ist sie eine der ältesten Holzkirchen Islands. Sie war bei unserem Besuch abgeschlossen, aber ein Blick durch’s Fenster war möglich. Auf dem Friedhofen leuchteten wieder beleuchtete Kreuze vor den eigentlichen Grabkreuzen.

Anschließend ging es praktisch Non-Stop nach Reykjavik, zu unserem nächsten Hotel und – für manche ganz wichtig – einer reichhaltigen Auswahl an Restaurants. Nach der samstagabends ausgestorbenen Snæfellsnes-Halbinsel ist die Hauptstadt ein echter Kulturschock: Sogar am Sonntag haben die Läden offen! Da es gerade nicht regnet, nutzen wir die Chance für einen Stadtbummel, gehen Essen (Rentierburger) und anschließend noch auf Fototour Richtung Harpa, dem Konzerthaus.

Die Hallgrímskirkja

Reykjavik hat ein beeindruckendes Nachtleben, gerade für Sonntagabend, und ist mehr als nur einen Besuch wert. In den Souvenirläden werde ich trotzdem nicht fündig, genauso wenig wie in den Buchhandlungen. Isländisch will ich nicht auch noch lernen, und fremdsprachige Bücher sind etwa dreimal teurer als bei uns. Nichts dagegen, die skandinavische Wirtschaft zu fördern, aber irgendwo ist dann doch Schluss.

Also bleibt es bei Fotos. Die Harpa wirkt bei Nacht imposanter als bei Tag: Die Beleuchtung wechselt ständig; eigentlich sollte man hier filmen statt zu fotografieren. Ich bleibe trotzdem bei ein paar Langzeitaufnahmen, bevor es weiter zum Sólfar geht, dem „Sonnenfahrer“ – der berühmten Skulptur eines Schiffs. Anschließend geht es über die Hallgrímskirkja zurück zum Hotel – Akkus aufladen und den Tag ausklingen lassen. Mit einer vollen Kreditkarte müsste man sich die Stadt mal ein paar Tage lang anschauen, aber so hat alles seine Grenzen…

Island im Dezember: Vom Golden Circle bis Kirkjufell

Time to move on: Heute (10. Dezember 2016) heißt es, Selfoss adieu zu sagen. Der Golden Circle ist das Zwischenziel (quasi Island in a Nutshell mit den wichtigsten Sehenswürdigkeiten, obwohl die Insel noch viel mehr zu bieten hat), und danach Grundarfjörður auf der Halbinsel Snæfellsness. Vorher steht natürlich noch ein Besuch in der Bäckerei neben dem Hotel auf dem Plan, Proviant bunkern.

Kerið

Der erste Halt ist der gut 200 Meter große und 7-14 Meter tiefe Kratersee Kerið. Wir erreichen ihn um halb zehn; Sonnenaufgang ist in rund einer Stunde – alles andere als ideale Fotobedingungen. Das Bild rechts wurde 10 Sekunden bei Blende 3,2 und 200 ISO (wegen wenig Rauschen und Stativ) belichtet, den Rest hat Lightroom gemacht. Im Mai war er leichter zu knipsen… und auch zu einer Wanderung hinab zum Kratersee reizen die Lichtverhältnisse eher wenig. Dafür ist das Kassenhäuschen noch unbesetzt.

Eine halbe Stunde steht der nächste Halt auf dem Plan: Gewächshäuser. In Heilbronn würde ich wohl nie auf die Idee kommen, beim Pflanzen-Kölle einen Foto-Stopp zu machen, aber das ist Island.

Gewächshäuser in Reykholt

Also nichts wie raus aus dem Auto und in Reykholt den Gurken beim Wachsen zuschauen. Kurz vor zehn ist von der Sonne auch noch nichts zu sehen, aber Strom scheint wie in Norwegen billig zu sein: Die Gewächshäuser sind taghell beleuchtet.

Nach Reykholt treffen wir dann auch die ersten Kleinbusse, die unseren Mini-Konvoi aus zwei SUVs splitten. Es ist nicht ganz einfach, den Bus zu überholen, der sich am Kreisverkehr in Reykholt zwischen uns gesetzt hat. Auch wenn in Island wenig Verkehr ist, gibt es sportlichere Fahrzeuge als ein vollbeladenes SsangYong-SUV. Irgendwann klappt es, und wir sind vor der Bus-Tour am Faxafoss Wasserfall.

Faxafoss

Der Faxafoss oder Faxi wird wird gelegentlich schon dem Gullni hringurinn oder Golden Circle zugeschlagen, einen Besuch wert ist er allemal. Kurz nach uns kommen auch der überholte Sprinter an, dann ein paar Landrover und ein zum Bus aufgemotzter, hochgelegter Pickup.

Es ist also Zeit, weiterzuziehen, auch wenn sich kurz nach zehn Uhr die Dämmerung schon bemerkbar macht. Mit dem nächsten Halt sind wir definitiv auf dem Golden Circle: Die Geysire rund um den Namensgeber Geysir erwarten uns.

Der eigentliche Geysir ist ja schon lange eher zurückhaltend und bricht nur sporadisch aus, aber auch der wesentlich aktivere Strokkur enttäuscht diesmal: Nur sehr selten spuckt er eine beeindruckende Wasserfontaine aus, die meisten sind nur wenige Meter hoch. Da ging schon mehr…

Meine kleine Panasonic LX-100 beherrscht zum Glück auch im RAW-Modus die Dauerfeuer-Funktion, aber der Strokkur macht es uns nicht leicht. Erst, als wir bei den blauen, mineralienreichen Blesi-Tümpeln sind, gibt er sich wieder etwas Mühe und mach seinem Ruf als aktiver Geysir wieder Ehre. Endlich eine schön hohe Wasserfontaine. Sowas fehlt in Heilbronn noch (wobei, so wenig Schnee wie hier als liegt, müsste es unter Heilbronn eigentlich warm genug sein…)

Die Hänge oberhalb des Haukadalur-Gebiets sind gesperrt, auch wenn man noch keine Spikes bräuchte, um sie zu erklimmen. Also ziehen wir weiter zum nächsten Stopp: Dem Gullfoss. Über 100 m3/s Wasser stürzen seine beiden Fallstufen hinab. Vom Parkplatz oberhalb des Wasserfalls führt die Treppe hinab in die Gischt; erst näher am Wasserfall gibt es die Möglichkeit zu Fotografieren, ohne alle paar Sekunden das Objektiv trockenlegen zu müssen. Selbst für Dezember ist hier noch viel los; wir sind bei weitem nicht die einzigen Besucher des imposanten Wasserfalls.

Auch wenn der Sonnenuntergang schon bedrohlich nah ist, haben wir diesmal etwas mehr Zeit und können nicht nur zum Gullfoss selbst gehen, sondern auch vom Parkplatz ebenerdig ein Stück flussaufwärts. Der klare Himmel am Horizont ist fast noch sehenswerter als der Wasserfall… Nur für unsere Kameradrohne ist es zu windig; einzelne Böen kratzen arg an den 20-25 m/s (Windstärke 5), mit denen die Drohne noch zurecht kommt. Im Vergleich zur Black Beach gestern ist das zwar nichts, aber wir wollen die DJI Phantom doch auch wieder nach Hause mitnehmen… Schade eigentlich. Aber wenn ich mir manchen Bus auf dem Parkplatz anschaue, ist das wohl noch gar nichts. Hier wurden eindeutig alte Armee-Bestände für den Tourismus zweckentfremdet.

Auf zum Bruarfoss

Sei’s drum, wir haben noch ein paar Kilometer vor uns. Der Bruarfoss ist unser nächstes Ziel. Auch er stand schon im Mai auf dem Programm; diesmal ist der Weg zu ihm die reinste Schlammschlacht. Ich habe ja die Schuhe gewechselt und die neuen, wasserdichten Rockport an, die ich ich während des längeren Zwangsaufenthalts der Finnmarken Ende Oktober in Trondheim gekauft habe. Die Schuhe halten zwar, was sie versprechen, aber es sind doch nur Halbschuhe…

Das Bild rechts gibt nur einen vagen Eindruck von dem Moor, das wir durchwaten mussten. Trotzdem hat es sich gelohnt: Der Bruarfoss brilliert mit blauem Wasser, und es blieb genug Zeit, um auch einmal zu ihm herab zu steigen und Nahaufnahmen zu machen. Noch sehenswerter waren aber die anderen Touris, die blauäugig mit weißen Stiefeln den Weg in Angriff nahmen…

Der Rückweg ist eine ähnliche Schlammschlacht durch das Gebüsch. Gut, dass wir Mietwägen haben – in mein Auto würde ich so niemanden einsteigen lassen…

Moosüberwucherte Lava

Anschließend geht es weiter Richtung Þingvellir. Am Ufer des Þingvallavatn laden moosüberwucherte Lavafelder zu einem Fotostopp ein, bevor es pünktlich zum Sonnenuntergang zum eigentlichen Þingvellir geht. Ab 930 war er Gerichtsort (Männer wurden hier geköpft, und Frauen ertränkt), auch heute beeindruckt die Gegend noch. Die steilen Basaltklippen lassen eine Riesenfestung vermuten, auch wenn sich hinter ihnen „nur“ eine Hochebene verbirgt. Es liegt an einer Grabenbruchzone, die die eurasische von der amerikanischen Kontinentalplatte trennt. Der Fluss Öxára mit dem Wasserfall Öxárarfoss fließt an den steilen Klippen entlang. Als wir da sind, taucht der Sonnenuntergang den Himmel in ein blutrotes Licht – Wahnsinn.

Durch die Allmännerschlucht führt der Weg hinauf zum Busparkplatz samt Souvenirshop und Toiletten. Diese bieten nicht nur einen schönen Ausblick (auch die Isländer bauen recht luftig), sondern kosten auch Eintritt – der für uns ungewohnt ganz unkompliziert per Kreditkarte bezahlt werden kann…

Mit dem Þingvellir endet unser Besuch am Golden Circle auch schon. Der nächste geplante Halt ist das Hotel in Grundarfjörður, mit der Option, in Borgarnes zu Abend zu Essen. Da gibt es nur ein Problem: Die Aurora boealis…

Schon kurz vor Borgarnes zeigt sie sich am Himmel, also fahren wir durch und halten kurz nach der Stadt an, um die Kameras aufzubauen. Die Prognose „alle halbe Stunde ein Auto“ bewahrheitet sich zwar nicht, aber auf der anderen Straßenseite gibt es eine Art Feldweg, auf dem die Kameras einigermaßen lichtgeschützt aufgebaut werden können. Etwa von 18:20 bis 18:40 können wir das Nordlicht als Bogen über dem Nordhorizont beobachten. Nicht ganz „the greatest show in heaven, hell and earth“, aber schon ganz nett. Auf alle Fälle die Chance für Beweisfotos, während im Süden der fast volle Mond die Wolken beleuchtet.

Tja, Licht ist Licht… immerhin für einen netten Zeitraffer hat es gelangt:

Wichtige Erkenntnis: Auch rote Stirnlampen sind auf den Fotos deutlich zu sehen. Rot ist zwar gut für Dunkeladaption vom Auge, aber die Kamera sieht das anders. Das gilt übrigens auch für Deep-Sky-Astrofotografen: Die ganzen Wasserstoffnebel im All leuchten auch rot, da sind rote Lampen kontraproduktiv…

Nachdem uns die Wolken eingeholt haben, geht die Fahrt weiter durch das Niemandsland, genauer gesagt bis nach Grundarfjörður auf der Halbinsel Snæfellsness. Lange Strecken ohne Besiedelung erwarten uns. Irgendwann gegen 20 Uhr erreichen wir das Framnes-Hotel, um es gleich wieder zu verlassen. Schließlich gibt es noch ein paar Wolkenlücken und Polarlicht, also nichts wie los zum Kirkjufell.

Kirkjufell

Der Kirkjufell ist wohl einer der markantesten isländischen Berge und wirklich fotogen. Marcus und ich gehen bis auf die andere Seite des Wasserfalls, wo ich mein Fotostativ verfluche: Der Kugelkopf hat eine schöne Arretierung, mit der er auch geklemmt noch beweglich sein sollte, stattdessen blockiert er komplett. Zum Glück habe ich das Taschenmesser wieder griffbereit, das dank Sicherheitskontrollen am Flughafen im Gepäck war, und kann ihn wieder lösen. Immerhin ein paar Aufnahmen mit Berg, Wasserfall und Polarlicht sind dann noch möglich. Am selben Ort sind noch ein lokaler Guide mit einer Gruppe, er gibt Fototipps – aber über das Stadium sind wir hinaus.

Aber dann holen uns die Wolken ein – Zeit, aufzubrechen und sich auf die Suche nach Nahrung zu begeben. Das erste Restaurant in Grundarfjörður hat wegen Weihnachtsfeier geschlossen („Don’t even think about it“), das zweite wegen Feierabend, und das war’s auch schon. Im Hotel können wir das Restaurant gerne benutzen, wenn wir eigenes Essen haben… willkommen im winterlichen Nordost-Island. Bei Keksen & Co klingt der Abend somit in der Hotel-Lobby aus. Morgen steht dann die Snæfellsnes-Halbinsel auf dem Programm. Dank des späten Sonnenaufgangs müssen wir nicht allzu früh aufstehen. Island im Winter hat seine Vorteile – auch wenn im Lauf der Nacht der Regen anfängt, gegen die Fenster zu klopfen.

Island im Dezember: Von Selfoss bis Vik und zurück

Ab nach Island!

Nach zwei anstrengenden Hurtigrutentouren war es mal wieder Zeit für Urlaub – was liegt da näher als fünf Tage Island?

Klar, prompt kam die Frage auf, was ich da im Dezember will – Island im Regen? Nun, kalt war es jedenfalls nicht: Während in Süddeutschland Nebel und Temperaturen um den Gefrierpunkt herrschten, lockte Island mit rund 8 Grad über Null und Spuren der Polarnacht. Also nichts wie hin. Nach den Erfahrungen mit Eurowings (null Beinfreiheit) im Mai wurde diesmal Icelandair gebucht, die einen wesentlich komfortableren Flug ab Frankfurt boten. Der Flieger startete gegen Mittag, was auch ganz angenehm war. Zur Begrüßung lief Weihnachtsmusik… bei rund vier Stunden Flugzeit hätte ich mir ein paar Kopfhörer für das Bord-Entertainment einpacken sollen; von den kurzen Flügen nach Norwegen bin ich das nicht mehr gewohnt. Aber was soll’s, es war genug Platz, um den Laptop auszupacken und etwas zu arbeiten.

Island im Weihnachtsfieber

Der Flughafen Keflavik ist Anfang Dezember schon ganz auf Weihnachten getrimmt. Den Yule-Lads (Jólasveinar oder Weihnachtsgesellen) war ich ja schon im Mai in Dimmuborgir begegnet, jetzt haben sie ihre Hochzeit.

Für Grýla und ihre Sprösslinge bleibt aber keine Zeit: Der Mietwagen muss abgeholt werden, was gar nicht so leicht war. Sixt Island will nichts von der online gebuchten Vollkasko wissen, von dem kostenlosen Zweitfahrer genauso wenig, aber dafür um so mehr von dem Tankpackage – egal, wie viel Benzin am Ende noch im Auto ist, Sixt tankt für 95 Euro voll. Auch wenn nur ein paar Liter fehlen. Zumindest das hat die gute Dame beherrscht; mal sehen, ob der Posten mittlerweile wieder von meiner Kreditkartenabrechnung verschwunden ist. Immerhin gabs wieder einen SsangYong Rexton, wie beim letzten Mal. Mit dem ging’s dann ab nach Selfoss, ins Hotel.

Schweinebauch im Tryggvaskali

Das heutige Tagesziel: Abendessen. Teuer, aber richtig gut. Im Trygvasskali waren wir ja schon im Mai, aber viel öfter als einmal pro Tour kann man sich das auch kaum leisten, wenn man aus einem Billiglohnland wie Deutschland kommt. Aber es war jede Krone wert (wobei ich diesmal gar kein Bargeld dabei hatte – Kreditkarte langt, wenn das Limit hoch genug gesetzt ist). Ein Geheimtipp ist das Restaurant wohl schon lange nicht mehr, schmecken tut es trotzdem.

Diesmal war auch genug Zeit, um einmal durch Selfoss zu schlendern. Ausreichend trockene Phasen gab es auch, und somit konnten ein paar Kalorien wieder abtrainiert werden. Mit Brücke, Kirche und jeder Menge Weihnachtsbeleuchtung dürften alle wichtigen Sehenswürdigkeiten des 6500-Einwohner-Orts abgedeckt sein… Faszinierend: Vor den Gräbern auf dem Friedhof stehen beleuchtete Kreuze, und eine wilde Verkabelung überzieht den Gottesacker. Diesen Weihnachtsschmuck hätte ich wirklich nicht erwartet.

Wie erwartet gilt: Kein Foto ohne Stativ, ein paar nette Fotos sind dabei dann doch herausgekommen. Kein schlechter Start, und eine gute Gelegenheit, um den ersten halben Tag auf Island zu beenden.

Sólheimasandur – dieser Weg führt zur DC-3

Der zweite Tag auf Island hat volles Programm, wenn auch wenig neues. Selfoss ist nämlich ein schöner Stützpunkt, aber bei weitem nicht das einzige Ziel auf Island. Auf der Rundreise im Mai war zu wenig Zeit, um das Flugzeugwrack an der Südküste zu besuchen, also sollten die fünf Stunden Tageslicht (plus Dämmerung), die Anfang Dezember zur Verfügung stehen, für Trip nach Vik und zurück genutzt werden. Das Wrack am Sólheimasandur-Strand ist mittlerweile nur noch zu Fuß zu erreichen, seit der Strand für Fahrzeuge gesperrt ist. Rund vier Kilometer führt der Weg durch das Ödland des schwarzen Strands, komplett ohne Schutz vor Wind. Und ich habe meinen Windmesser im Hotel vergessen…

Ein veritabler Sturm gibt uns Seitenwind und treibt Regen wie auch Sand vor sich her. Bestes Wanderwetter ist was anderes, aber immerhin ist es kein Starkregen. Was mögen sich die Leute gedacht haben, die 1973 mit dem Flugzeug hier wegen Treibstoffmangel und Vereisung notlandeten? Wohl irgendwas zwischen Gott sei Dank und Oh Mist.

Die Fahrtpiste führt fast geradlinig durch die Landschaft und lässt kein Ziel erkennen, erst kurz vor der Maschine macht sie eine leichte Kurve, und das graue Wrack lässt sich auf dem schwarzen Sand vor dem grauen Himmel erahnen. Nur der Rumpf ist noch von der alten DC-3 vorhanden und bietet ein eindrucksvolles Fotomotiv – und, viel wichtiger, etwas Schutz vor Wind und Regen.

Im Dezember sind wir auch fast die einzigen Touristen, die kurz vor 11 Uhr den ehemaligen Flieger aufsuchen. Die düsteren Wolken geben natürlich kein perfektes Foto-Licht, aber sie verleihen der Absturzstelle eine ganz besonders düstere Stimmung. Der Regen tut dazu sein übriges… Nächster Halt ist daher Vik mit dem Werksshop von Icewear. Die Chance, durchnässte Sachen gegen neue auszutauschen. Aber auch diesmal spricht mich nichts aus dem Sortiment an.

Von Vik bietet sich ein hübscher Blick zurück auf Kap Dyrhólaey und die Gesteinsformation der Reynisdrangar, die aus dem Meer ragen. Das Sightseeing vom letzten Mal machen wir nun in umgekehrter Reihenfolge und steuern nun die Black Beach an. Der Wind hat deutlich zugenommen und treibt die schwarzen Kiesel über den Strand. Natur pur, da merkt, dass man lebt. Und sandgestrahlt wird; eine dickere Hose wäre kein Fehler gewesen…

Auch auf dem Parkplatz macht der Wind sich bemerkbar: In Ruhe im Auto frühstücken ist kaum möglich, die Windböen wackeln so am Auto, dass sogar die Kaffeetasse überschwappt. Aber ehrlich gesagt macht das viel mehr Spaß als ein ruhiger Tag mit blauem Himmel.

Der Leuchtturm auf Dyrhólaey

Bevor die Sonnenstunden vorbei sind, stehen noch ein paar Wasserfälle auf dem Programm. Der Leuchtturm auf dem Kap muss zuvor natürlich auch noch besucht werden, trotz oder gerade wegen des Sturms. Die Fahrt auf den Berg kommt mir entspannter vor als vor einem halben Jahr, die Straße wurde wohl über den Sommer ausgebaut. Da oben bläst der Wind bei weitem nicht so extrem wie erwartet; trotzdem sollte man die Autotüre gut festhalten, wenn man sie öffnet.

Der Abstecher zum Sólheimajökull ist eine kurze und nasse Angelegenheit – prinzipiell kann man hier bis zum Fuß des Gletschers gehen, aber nur, wenn man dem Starkregen trotzen will. Ich muss ja nicht alles machen, daher gibt’s hier keine Foto. Island hat sich von seiner nasseren Seite gezeigt…

Wasser ist ein gutes Stichwort: Der nächste Halt ist der mächtige, 60 Meter hohe Skógafoss. Mittlerweile reißt sogar die Bewölkung auf, und die Wolken schimmern rot in der untergehenden Sonne – immerhin ist schon fast 16 Uhr. Nur rund ein Dutzend Autos parkt am Wasserfall, kein Vergleich zur Nebensaison im Mai. Dafür bleibt diesmal keine Zeit, um die schmale Treppe zu erklimmen, die am Wasserfall entlang führt. Also gibt es heute nur ein paar nasse Fotos vom Fuß des Skógafoss.

Seljalandsfoss

Weiter geht’s zum Seljalandsfoss, dem berühmten Wasserfall, hinter dem man hindurchgehen kann. Wer das noch nicht getan hat, nutzt die Gelegenheit, während ich – ganz ohne Filter – mal wieder Langzeitaufnahmen von Wasserfällen übe. Macht sich immer gut, und für kurze Belichtungszeiten ist es ohnehin schon zu dunkel, auch wenn er künstlich beleuchtet wird…

Trotzdem geht es anschließend noch ein paar Meter bis zum Gljúfrabúi, der verborgen in einer Spalte liegt. Ich hätte meine Schuhe nach dem Starkregen in Ålesund neulich doch noch neu imprägnieren sollen… aber der Anblick ist schon das Risiko für ein paar nasse Füße wert. Mit Taschenlampen gibt es auch genug Licht für ein paar Fotos dieses geheimnisvollen Wasserfalls.

Mittlerweile ist auch der Mond aufgegangen, und wir machen noch eine Stopp am Seljalandsfoss. Der Mond steht wunderschön über der Felskante, direkt über dem künstlich angeleuchteten Wasserfall: Fototime!

So machen Wasserfälle Spaß.

Durch die Nacht ging’s dann weiter nach Selfoss ins Hotel. Die Chinesen, die mit uns im Hotel sind, werden auf einmal unruhig: Hinter dem Hotel ist ein Polarlichtbogen zusehen. Aber wir sind noch weit vom Zentrum des Polarlichtovals entfernt, und die Wetterprognose ist auch nicht schlecht – also gehen wir erst einmal Pizza essen, die Nacht könnte lang werden.

First Light

Gegen 21 Uhr ziehen wir dann los, hunting the light. Das Problem: Windytv, Yr und die anderen Wetterprognosen haben eine etwas andere Definition von 13% Bewölkung als wir. Mit etwas Glück gibt es ein paar Wolkenlücken in der ansonsten geschlossenen Wolkendecke, durch die das Grün durchschimmert. Dabei ist durchaus Aktivität vorhanden. Zumindest ein paar Minuten können wir das Polarlicht beobachten, irgendwo in der isländischen Pampa.

Warten auf Wolkenlücken

Auf der Suche nach klarem Himmel fahren wir dann weiter, fast bis zum Þingvallavatn, dem See am Þingvellir. Irgendwo finden wir sogar einen hübschen Ort, an dem das Licht eine schöne Kulisse hätte.

Wenn die Wolken nicht wären.

Nach einer guten Stunde ist dann Kapitulation angesagt: Die leichte Bewölkung ist jetzt komplett zugezogen, und die Wetterprognose sieht auch schlecht aus. Wir hätten doch den ersten Grünschimmer in Selfoss nehmen sollen. Auf Polarlichtexpeditionen sollten keine Leute mitkommen, denen regelmäßige Mahlzeiten wichtig sind, oder die nicht von Keksen und Schokolade leben wollen…

Neues Buch: Nordlicht und Sterne mit Hurtigruten

Die Probedrucke vom neuen Buch – und bestellbar ist es auch schon!

Die Probedrucke vom neuen Buch – und bestellbar ist es auch schon!

Das Jahr neigt sich dem Ende zu, die Nordlichtsaison fängt wieder an, und ich habe den Sommer dazu genutzt, in aller Heimlichkeit ein Buch zu schreiben: Nordlicht und Sterne mit Hurtigruten. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal einen Reiseführer schreibe, aber hier ist er.

Auch wer die Reiseberichte in meinem Blog regelmäßig liest, wird hier noch ein paar neue Dinge finden, und vor allem sauber strukturiert. Auf 128 Seiten gibt’s in drei Teile gegliedert eigentlich alles, was ich für die Tour für wichtig halte:

  • Die Reise beschreibt jeden Tag der Fahrt auf der Hurtigrute auf einer Doppelseite mit einem Überblick, was es im Winter zu sehen gibt. Dabei liegt der Schwerpunkt natürlich nicht auf den Ausflügen, die Hurtigrute anbietet – die sind zur Genüge in den Katalogen und auf dem Schiff beschrieben – sondern auf allem, was man sonst noch so sehen kann. Damit ist es knapp genug, dass man es auch noch während der Reise lesen kann:-) Dazu kommen Tipps zur Fotografie, zum Leben an Bord und zu Schiffsbegegnungen. Das alles natürlich passend zum Winterfahrplan.
  • Nordlicht darf natürlich auch nicht fehlen. Wie entsteht es, welche Geschichten gibt es dazu, wie beobachte und fotografiere ich es am besten – also die ganzen Hintergründe, und hoffentlich nicht ganz so kompliziert aufbereitet wie in den anderen Büchern auf dem Markt.
  • Der Sternenhimmel macht den Abschluss: Was gibt es alles am Himmel zu sehen, wie ändert der Himmel sich im Lauf des Jahres, und – natürlich – ein paar Beobachtungstipps, die schon mit einem Fernglas zu sehen sind.

Nordlicht und Sterne mit Hurtigruten

Das Buch gibt es wieder einmal nur über Amazon als Print-on-Demand, also in guter Laserdrucker-Qualität – mein erster Probedruck ist noch unterwegs. Der Preis: 24,96€, im Farbdruck. Eine günstige Schwarz-Weiß-Ausgabe ist bei den vielen Reise- und Polarlichtfotos sinnlos… Im Preis inbegriffen ist das EBook (vorausgesetzt, Amazon Matchbook funktioniert in Deutschland – da bin ich mir gerade nicht sicher), das es beim Kauf des gedruckten Buchs kostenlos dazu gibt und das in den nächsten 36 Stunden online gehen müsste. [Update vom 23.10.16: Matchbook gibt’s laut Amazno nur in den USA, auch wenn ich’s generell aktiviert habe. Schade.] Oder man kauft das EBook (übrigens ohne DRM, sodass es auch abseits vom Kindle genutzt werden kann) für 7,50 Euro – günstiger konnte ich es nicht machen, da einerseits 19% Mehrwertsteuer drauf kommen und andererseits viele Bilder drin sind. Und bei Amazon zahlt der Verlag oder Autor die Portokosten für das EBook, nicht der Käufer, und die werden nach Dateigröße berechnet…

Blick ins Buch und so sollte auch demnächst bei Amazon erscheinen, um mal im Buch zu blättern. Das ist der Nachteil daran, dass ich keinen Verlag hinter mir stehen habe: Keine Buchhandlungen, in denen man es sich anschauen kann. Aber dafür bleibt es länger am Markt.

Irgendwann nächstes Jahr gibt’s das Buch übrigens auch noch in einer richtigen gedruckten Version als Beilage für die Nordlicht-und-Sterne-Themenreisen, die über Hurtigruten Deutschland gebucht werden. Das gilt natürlich nur für die Nordlicht-Reisen von Hurtigruten Deutschland (die auch im Reisebüro gebucht werden können) und nicht für die, die andere Reiseunternehmen auf den Hurtigruten-Schiffen anbieten. Aber das dauert noch ein wenig – erst muss es einmal gedruckt werden, und da laufen die Probedrucke noch. Mit 17×24 cm hat man endlich auch mal was in der Hand – es gibt viel zu viele Reiseführer etwa im DIN-Lang-Format (wohl um in die Hosentasche zu passen), die dann aber so dick sind, dass sie doch nicht passen. Die Kooperation mit Hurtigruten ist auch der Hauptgrund, warum ich diesmal wieder keinen Verlag mit ins Boot genommen habe: So kann ich schneller auf Änderungen reagieren.

Wer also keine Lust hat, mein Blog zur Reisevorbereitung auszudrucken, hat jetzt eine Alternative. Aber Achtung: Es kann sein, dass das Buch das Nordweh weckt. Und wer weiß, vielleicht sieht man sich ja mal im Norden. God tur!

Bilder aus Mallorca

Testaufbau für die Sonnenfinsternis

Testaufbau für die Sonnenfinsternis

Der Urlaub ist schon wieder vorbei, und ein paar Projekte neigen sich ebenfalls dem Ende entgegen – Zeit, mal wieder das Blog mit Inhalt zu füllen, auch wenn’s nur Urlaubsbilder sind – und nicht mal aus Skandinavien, sondern aus einer Woche Mallorca. Da unten sollte es im August ja eigentlich gutes Wetter geben, also war das gleich die Chance, die Ausrüstung für die Sonnenfinsternis nächstes Jahr einmal zu testen.

Das hat auch hervorragend geklappt: Ich habe prompt die Winkelschiene vom Star Adventurer vergessen und das 1kg-Gegengewicht umsonst nach Malle geflogen. Immerhin, bis auf zwei Wolkentage hat das Wetter auch gehalten. Einnorden mit Handy-Kompass funktioniert wohl gut genug, und die Nachführung sollte ebenfalls okay sein, das ist schon einmal vielversprechend für nächsten August. Nach drei Stunden in der Sonne (wenn auch später abgeschattet) ist auch bewiesen, dass das MacBook Air wirklich einen Lüfter hat. Die nächste Herausforderung: Scharfstellen mit dem manuellen Objektiv, und verlässlich ein Kontrollbild von der DSLR auf den Laptop zu zaubern. Wird noch spannend…

Der Eingang zu Ses Païsses

Der Eingang zu Ses Païsses

Aber ich hab da nicht nur Astro gemacht, sondern auch ein bisschen die Insel angeschaut – schließlich hatte ich vor drei Jahren noch nicht die ganze Insel gesehen, der Südwesten fehlte noch. Da gibt es zum Beispiel Ses Païsses, die Reste einer bronzezeitlichen Siedlung bei Arta. Damals wurde massiv gebaut, und mit zwei Euro ist der Eintritt auch noch bezahlbar. Zu sehen gibt es die noch recht hohen Mauern einer alten Siedlung, die sich um einen Turm gruppiert. Die Form sieht man irgendwie immer noch auf Mallorca, da gibt es noch einige ähnliche Gebäude.

Nächster Halt: Die Coves d’Arta, angeblich nicht ganz so touristisch geprägt wie die berühmteren Coves del Drac ein Stück weiter südlich. Sie sind auf jeden Fall sehenswert, und vor allem angenehm kühl und schattig. Anders als in Campanet darf man auch fotografieren. Ein natürliches Ökosystem gibt es da drin eh nicht mehr, rund um die Scheinwerfer wachsen einige Algen. Der Hinweis, zum Schutz der Natur nichts anzufassen wirkt ohnehin etwas unglaubwürdig, wenn zum besseren Durchgang Stalaktiten abgesägt wurden, es breite Wege gibt und der Führer auf Tropfsteinsäulen rumhämmert, um zu zeigen, dass sie hohl sind…

Wenn die Coves del Drac schon als touristisch ausgebaut verrufen sind, langt mir die Höhle bei Arta aber auch schon: Die bunte Lichtshow im „Höllengewölbe“, unterlegt mit Musik von den Carmina Burana, hätte es nicht unbedingt gebraucht. Aber der Besuch hat sich trotzdem gelohnt, ich kann’s empfehlen.

Zentrale Postverteilung

Zentrale Postverteilung

Ebenfalls einen Besuch wert: Der Puig de Randa samt Kloster war der Startpunkt einer eigenen Tagestour in den Süden Mallorcas. So manche kleine Straße dorthin wird wohl auch von der Post gemieden, aber mein Navi kennt da nichts.

Der Puig de Randa wird unter anderem von einem Kloster gekrönt und liegt oberhalb der Flughöhe der ganzen Flieger, die etwa im Dreiminutentakt Palma ansteuern. Interessanter Anblick, nachdem wir die Flieger von der Finca bei Costitx immer nur von unten gesehen haben… Auf dem Klostergelände stehen auch jede Menge alte Pflüge, außerdem konnten wir sehen, wie das Kloster per LKW mit Wasser versorgt wird.

Der Faro ses Salines

Der Faro ses Salines

Die Rundfahrt durch den Süden führte außerdem an den Salines de Llevant vorbei, die im Rahmen einer gut halbstündigen Führung besichtigt werden können. Da sieht man mal wieder, dass Salz ein Naturprodukt ist.

Und wenn man schon in der Gegend ist, fährt man natürlich auch beim nächsten Leuchtturm vorbei, dem Faro ses Salines. Die Idee hatten aber noch andere, in der Gegend gibt es einen gut besuchten Strand und dementsprechend wenige Parkplätze…

Mallorquinische Eier

Mallorquinische Eier

Aber die Touristenziele auf Mallorca sind ohnehin gut besucht – bei der Menge an Flugzeugen, die in der Woche Mallorca angesteuert haben, stellt sich eh die Frage, ob Mallorca nicht irgendwann mal voll ist. Der Plan, in Alcúdia in der Pizzeria zu essen, in der wir letztes Jahr waren, ist daher an fehlenden Plätzen gescheitert. So gab es die Möglichkeit, im Nachbarrestaurant lokale Spezialitäten zu probieren. Die wichtigste Erkenntnis: Mallorquinische Eier sind Spiegelei auf fettigen Pommes. Kann man mal essen, hätte ich jetzt aber nicht unbedingt als Spezialität bezeichnet.

Ein bisschen Astro musste zum Abschluss der kurzen Woche trotzdem noch sein. Zuerst mal das Erfolgserlebnis: Eine hübsche Strichspuraufnahme, nachdem ich bei eineinhalb Stunden Belichtungszeit gefühlte 50 Flugzeuge wegretuschiert hatte. Im Web-JPG verschmiert das leider etwas:

Strichspur-Mallorca

Weniger überzeugend war dagegen der Besuch auf der Sternwarte in Costitx. Die Einrichtung ist im Prinzip ganz hübsch: Ein Planetarium, eine Meteoritensammlung und eine ganze Menge Kuppeln für die Öffentlichkeitsarbeit. Geforscht wird da angeblich auch, wohl in dem Teleskop auf einem Turm. Wir hatten uns bereits vorher als Gruppe der Heilbronner Sternwarte angekündigt, sodass wir eine deutsche Führung erhielten. Eigentlich hatten wir ja gedacht, wir wären am Freitag alleine da – aber Pustekuchen, irgendwas zwischen 70 und 90 Gästen waren da, und im Lauf des Abends kamen noch zwei Busse dazu. Die Hoffnung, auf das Planetarium verzichten zu können und mehr Zeit an den Teleskopen verbringen zu können, zerschlug sich somit. Also genossen wir die Planetariumsshow doch. Gezeigt wurde: Sechs Jahre 20 Jahre Hubble Space Teleskop, wobei Bilder des HST an die (runde) Kuppel projiziert wurden, dazu gab es abgelesene Erklärungen auf Deutsch und Englisch von unserer Führerin. Der kleine Zeiss-Projektor war nicht in Betrieb, die Sterne im Hintergrund wurden wie die Bilder vom Beamer an die Kuppel projiziert. Immerhin die Musik war schön…

Der nächste Halt war die Meteoritensammlung, und in freier Rede war das Deutsch unserer Führerin besser als bei den vorgelesenen Texten im Planetarium (und der Inhalt auch). Es ist wohl die größte Meteoritensammlung in Spanien – 16 Meteorite, und alle echt! Dazu gab es noch die Möglichkeit zu einer Fotosession mit ET.

Und dann, endlich: Ab zu den Teleskopen. Vorher gab es noch die Warnung, bitte nichts anzufassen… Auf dem Freigelände stehen neun Kuppeln, in drei durften wir hinein. In jeder erwartete uns ein gabelmontiertes 10″-Meade Schmidt-Cassegrain. Das erste war auf Saturn gerichtet; als ich die Bodenlampe mit der Hand abschirmte, um am Okular nicht geblendet zu werden, kam gleich die Bitte, nichts zu verstellen, bevor wir Saturn nicht mehr im Teleskop hätten… Immerhin: Die Cassini-Teilung war zu sehen, wenn auch nicht allzu deutlich.

Ab zum nächsten Teleskop, auch hier war Saturn eingestellt, aber mit einem anderen Betreuer. Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, scharfzustellen: Was für ein Spiegelshifting. Und was für eine Dejustage. Von der Cassini-Teilung war nichts zu sehen… Unser Vorschlag, mal einen Sternhaufen einzustellen, wurde auch abgelehnt: Der Handcontroller ist kaputt, das Teleskop kann nicht verstellt werden. Hm… Dann halt weiter zu Teleskop #3, das auf Mars gerichtet war. Keine Ahnung, wie es sein kann, dass ich da ein Mehrfachbild gesehen habe. Fazit: Wenn das 15 Euro Eintritt wert war, müssen wir in Heilbronn entweder unser Niveau deutlich senken oder die Eintrittspreise gewaltig anheben. Mit etwas Pflege wäre das bestimmt eine tolle Sternwarte, so gingen wir freiwillig ziemlich früh wieder. Dann lieber noch einmal den Sternenhimmel über der Finca genießen, bevor es am nächsten zurück nach Deutschland ging.

Island im Tiefflug, Teil 7

Das wär’s dann mit Island: Wir räumen die Appartments in Borganes und machen uns auf den Weg zum Flughafen. Da der Flieger aber erst gegen Mitternacht starten soll, haben wir noch genug Zeit für Reykjavík und die Sehenswürdigkeiten auf der Halbinsel. Bleibt nur die Frage nach der Startzeit für die letzten 226 Kilometer. Halb acht steht im Raum, um möglichst viel Zeit für die Hauptstadt zu haben… Ich schlage für mein Auto noch etwas Zeit heraus, wir starten eine halbe Stunde später und frühstücken in aller Ruhe in der Tanke in Borganes, statt erst nach Reykjavík zu fahren.

„Richtig“ abschalten in Island, ah ja…

An der Tankstelle hatten wir gestern schon gefrühstückt und sind jetzt vor Kombinationen wie „Süße Waffel mit Lachs“ gewarnt; das Sandwich mit Garnelensalat war aber auch nicht so der Renner. Die Kassierin ist wieder hochmotiviert und knallt die eingeschweißten Brote nach dem einscannen lustlos auf den Tresen – vielleicht liegt’s an der Uhrzeit? Jedenfalls google ich zur Frühstückslektüre mal nach Island und Selbstmordrate. Interessant: Sie liegt niedriger als bei uns, und der zweite Treffer ist Werbung für Island: „Wer Erholung sucht und ein Land, in dem man vom Alltag völlig abschalten kann, der ist in Island genau richtig.“ So vollständig wollte ich hier eigentlich nicht abschalten, liebes Google…

Dann lassen wir die gute Frau doch lieber in Ruhe und machen uns auf den Weg nach Reykjavík, wo wir gegen halb zehn an der Hallgrímskirkja parken und die anderen suchen. Da ihr ursprünglich geplantes Restaurant gerade saniert wird, treffen wir sie an der Harpa, dem modernen Konzerthaus. Viel scheinen wir nicht verpasst zu haben, wenn ich mir die anderen Bilder so anschaue – uns hat es sogar noch für einen Blick in die Hallgrimmskirkja gelangt:-) Besonders lohnenswert ist der Betonbau aber nicht: Er ist groß, aber kahl.

Bevor wir an der Harpa zu den anderen aufschließen, steht noch ein kurzer Besuch an der Sólfar-Skulptur an. Das stilisierte Wikinger-Boot gehört ja zu den Wahrzeichen der Stadt; die Wohnblöcke dahinter fehlen auf den meisten Bildern verständlicherweise. Für die Harpa selbst bleibt uns nicht viel Zeit, es geht im Eilmarsch durch die Stadt. Einmal quer durch Reykjavík finden sich einige kleinere Häuser, zum Teil ganz aus Beton – seit die Wälder abgeholzt wurden, ist alternatives Baumaterial gefragt. Ein paar Impressionen:

Souvenirshop im Tresorraum

Souvenirshop im Tresorraum

Aber fragt mich nicht, wo in der Stadt sie aufgenommen wurden. Die kleine Panasonic hat leider kein eingebautes GPS, so sehr ich die Kamera auch sonst mag. In der Innenstadt dann eine Verschnaufpause: Wir finden einen Souvenirshop, der wohl in einer alten Bank ist – zumindest sind die Verkaufsräume im Kellergeschoss hinter dicken Panzertüren gesichert. So wertvoll sind Island-Pullis dann doch nicht.

Mir läuft hier noch ein Sagenbuch über den Weg, mit dem ich schon am Dimmuborgir geliebäugelt hatte – und die deutschsprachige Version ist hier sogar billiger. Island hat also keine Buchpreisbindung, wie’s aussieht. Die Ex-Bank akzeptiert auch meine Kreditkarte, beruhigend.

Der Marsch geht weiter durch die Einkausstraße, bis wir ein Restaurant für’s Mittagessen finden, das genug Platz für zehn Leute bieten dürfte. Es gibt noch einmal Burger, wer hätte das gedacht. Langsam kriege ich Lust auf einen Salat, aber hier oben wächst wohl in erster Linie Fleisch… Und, Überraschung: Meine Kreditkarte wird nicht akzeptiert. Zum Glück klappt’s mit der EC-Karte; mein Bargeldbestand ist mittlerweile gut reduziert.

Ich kann verstehen, warum sich die Bevölkerung in Reykjavík konzentriert: Man kann erkennen, dass es hier durchaus kulturelles Leben und eine lebendige Szene gibt, wobei die Häuser zwischen gepflegt und bruchreif schwanken. So manch kleine Hütte zeugt von vergangenen Zeiten und vor allem günstigen Grundstückspreisen. Einen Tag für die Hauptstadt einzuplanen ist wohl kein Fehler, aber was soll’s – wir wollen ja nur einen Eindruck vom Land. Also geht es weiter zum Perlan, dem Heißwasserspeicher der Stadt. Auf den Tanks steht eine Glaskuppel mit Restaurant und Aussichtsplattform; die verspiegelten Scheiben laden zu einer Art Selfie ein – ganz ohne Idiotenszepter Selfie-Stick.

Damit wäre auch Reykjavík abgehakt, und wir machen uns auf die Reise über die Halbinsel Reykjanes. Eine kleine Piste gibt noch einmal die Möglichkeit, das Auto zu waschen (ohnehin kein Fehler, bevor wir es heute Abend wieder abgeben). Die Ziele des Tages: Zunächst Gunnuhver, ein Thermalgebiet mit heißen Quellen und entsprechender Luftqualität… In den 1930er Jahren stand hier ein einfaches Haus – ein Däne mit seiner lettischen Frau züchtete hier Blumen, bis ihm der Boden unter den Füßen zu heiß wurde. Die Fundamente seiner Unterkunft sind noch erhalten, Blumen wachsen dort jedoch keine mehr. Bei unserem Besuch kommt nicht einmal nennenswert flüssiges Wasser aus dem Boden, sondern nur Dampf, der die Reste eines Stegs einhüllt. Auf der Google Maps ist hier ein See eingezeichnet…

Nächster Stop: die nahegelegene, schroffe Küste. Von den hohen Kliffs hat man einen schönen Ausblick auf den schwarzen Strand. Die Gegend hier könnte Tolkien zu seiner Vorstellung von Mordor inspiriert haben… Der Weg hinab zum Strand ist nicht weit, und man sieht jetzt erst, wie groß die „Kiesel“ sind. Das ist schon was anderes als die Black Beach bei Vík vor ein paar Tagen. Ohne Regen kann man sich hier einige Zeit aufhalten und Zwergenfotos machen – die Bilder lassen einen fast vermuten, die Leute wären mit Photoshop geschrumpft und zwischen Kiesel gesetzt worden.

Die Brücke zwischen den Kontinenten

Die Brücke zwischen den Kontinenten

Ein Ziel bleibt noch in diesem Ödland, bekannt von vielen Fotos: Die Brücke zwischen den Kontinenten. Island driftet ja auseinander, und im Westen kann man eine kleine Version des Grabenbruchs zwischen europäischer und nordamerikanischer Platte beobachten. Trotz Regen sind bei der Brú Milli Heimsálfa sogar beide Seiten der Kontinentalplatten zu sehen.

Wer will, kann versuchen, die Brücke zumindest fotografisch zu tragen, wobei mir die Making-Off-Bilder besser gefallen:-) Die Brücke ist ein netter Gag mit eigenen Accounts in den sozialen Medien, aber man kommt natürlich auch ohne sie problemlos von Kontinent zu Kontinent.

Der Blick von der Brücke

Der Blick von der Brücke

Das war es dann fast schon mit dem Touri-Programm. Es bleibt nur noch die Blaue Lagune – im Prinzip ein Freibad mit blauem Wasser, das von Geothermalkraftwerk stammt. Kieselalgen verleihen im seine blaue Farbe, und das Kassenhäuschen macht es zu etwas exklusivem…

Sie liegt in unmittelbarer Nähe des Flughafens und ist ein entspannender Ausklang für die Reise, wenn auch nicht unbedingt ein notwendiger Punkt für eine Rundreise. Aber was soll’s, im warmen Wasser zurücklehnen und entspannen hat was – wenn wir auf der Tour schon keine Chance hatten, außer einmal im Hot Pod zu relaxen. Die Eintrittskarten mussten allerdings schon in Deutschland vorbestellt werden, sie ist ein wahrer Touristenmagnet.

Der Rest des Abends? Ein Besuch bei Kentucky Fried Chicken (mal keine Burger), dann die Autos abgeben und ab zum Flughafen, wo wir kurz nach Mitternacht mit dem Boarding unseres Fliegers nach Stuttgart beginnen sollten. Dumm nur, dass Deutschland gerade wesentlich schlechteres Wetter hat und der Flieger wegen Starkregen eine Stunde in Stuttgart fest saß. Irgendwann machen auch hier die Läden zu, wobei es am Flughafen mehr Auswahl an Souvenirs gibt als sonst auf unserer Route. Ich kann mein letztes Hartgeld in einen Schokoriegel investieren und habe noch eine Krone übrig. Wert ist sie nichts (naja, 0,7 Cent) und darf als Souvenir bei mir bleiben. Um 1:20 konnten wir dann endlich in den Flieger, wo wir mit Guten Morgen begrüßt wurden – und zum Glück etwas mehr Beinfreiheit als auf dem Hinflug hatten; die Sitze waren halbwegs benutzbar.

Hochwasser bei Bad Wimpfen

Hochwasser bei Bad Wimpfen

Um 5:20 isländischer Zeit bzw. 7:20 Ortszeit dann die Landung in Stuttgart – gerade noch rechtzeitig, um die vorgebuchte Parkzeit nicht zu überziehen. Die Begrüßung in Stuttgart: Gute Nacht. Tja, viel mit erholsam Schlafen war in dem Flieger nicht.

Auf dem Heimweg gab es erst ein wenig Stau bei Stuttgart (ja, wir sind eindeutig wieder zuhause), und dann Umleitungen und überflutete Straßen rund um Bad Friedrichshall. Bei Bad Wimpfen konnte ich dann über den Neckar – zumindest die Altstadt auf dem Berg hatte wohl keine Probleme mit Hochwasser, am Neckarufer sah das schon ganz anders aus.

Da hatten wir in Island doch das bessere Wetter… Schön war’s und wohl auch nicht das letzte Mal, aber das dürfte noch ein wenig dauern, bis ich wieder dahin komme.

Island im Tiefflug, Teil 6

Wolken und Regen werden typisch für diesen Tag

Wolken und Regen sind typisch für diesen Tag

Start- und Endpunkt sind heute identisch, aber das ist kein Grund, nicht doch rund 300 km zurückzulegen und die Halbinsel Snæfellsnes zum umrunden, Länge mal Breite mal Höhe. Vom 1446 Meter hohen Vulkan Snæfellsjökull sehen wir zwar nicht viel, da er sich in den Regenwolken verbirgt, aber dafür gibt es genug Möglichkeiten für Zwischenstopps. Der Blick aus dem Autofenster lohnt sich auch immer wieder, es tauchen einige interessante Krater und Berge unter den Wolken auf. Die Ringstraße lassen wir für diese Tour natürlich abseits liegen, die Halbinsel ist eine eigene Route und im Allgemeinen gut asphaltiert.

Búðarkirkja

Búðarkirkja

Der erste geplante Stop: Eine schwarze Kirche. Die Búðarkirkja ist aber nicht etwa ein Ort, an dem schwarze Messen abgehalten wurden, sondern vielmehr ein Denkmal für Schwarzarbeit. Als die Pfarrei in Búðir 1816 aufgelöst wurde, stieß das auf den Unmut von Steinunn Sveinsdóttir – die Frau wollte gegen den Willen der Landeskirche eine Kirche im Ort und erhielt letztlich die könligliche Erlaubnis zum Kirchenbau. Sie wurde 1848 vollendet und ist jetzt eine der ältesten Holzkirchen Islands.

Der nächste Halt ist ungeplant: Kurz vor Arnarstapi fasziniert die moosüberwucherte wilde Landschaft zu sehr, und es gibt einen Parkplatz am Straßenrand – also nichts wie raus. So eine Landschaft habe ich auch noch nie gesehen…

Der nächste Halt ist die Küste bei Arnarstapi. Hohe Klippen und unterspülte Basaltbögen fesseln den Blick; unzählige Vögel leben hier, ohne von der Brandung weggespült zu werden. Die Wege entlang der Küste bis zum Denkmal für den Halbriesen Bárður Snæfellsás sind noch ganz gut begehbar, verwandeln sich aber schon langsam in Matsch. Zum Ende der Saison dürfte es hier deutlich unangenehmer sein; der erste Reisebus verfolgt uns jetzt schon auf unserer Tour.

Das Denkmal von Bárður Snæfellsás ist weithin sichtbar und aus groben Steinen aufgeschichtet, die dem Regen trotzen – mittlerweile wird das Wetter wieder schlechter und nasser, also zurück zum Auto, auch um etwas Abstand von dem Reisebus zu halten.

20160528-11h-58m-P1130157Der nächste Halt wird kurz: Eine Höhle liegt an der Straße, durch die es auch Führungen gibt, aber wir haben den Einlass knapp verpasst – daher machen wir noch einen kurzen Abstecher an die Küste, bevor es auf den Parkplatz am Djúpalónssandur-Steinstrand geht. Hier war lange Zeit eine Fischereiflotte stationiert. Wer dort arbeiten wollte, musste seine Kraft beweisen, indem er einige der runden Steine dort hoch hob. Die vier Steine tragen je nach Gewicht die passenden Namen: Fullsterkur („Ganzstarker“, 154 kg), Hálfsterkur („Halbstarker, 100 kg), hálfdrættingur („Brauchbarer“, 54 kg) und Amlóði („Schwächling“, 23 kg). Zumindest Brauchbarer musste man auf einen Felsabsatz heben, um einen Platz an Bord zu erhalten.

1948 strandete der Fischtrawler Epine aus Grimsby hier, nur vier oder fünf der 19 Besatzungsmitglieder konnten gerettet werden. Einige Reste des Schiffs liegen immer noch am Strand und stehen unter Denkmalschutz.

Davon, dass der Strand am Fuß des Snæfellsjökull liegen soll, ist aber nicht viel zu sehen. Also auf zum nächsten Halt, dem Krater Saxhóll. Island zeigt sich wieder einmal von seiner windigsten Seite. Eine Eisentreppe führt auf diesen Vulkankrater, aber oben ist es noch ungemütlicher als unten – wer sich nicht noch einmal in den Wind legen will, macht sich rasch wieder an den Abstieg. Von dem eigentlich schönen Panorama ist auch nicht viel zu sehen. Da hilft nur, bei besserem Wetter wiederzukommen und im Windschatten der Autos eine kurze Mittagspause einzulegen, nachdem die Kamera wieder trockengelegt wurde.

Alte Torfhäuser in Hellissandur

Alte Torfhäuser in Hellissandur

The road goes on and on, und nach ein paar Kilometern taucht ein Strich in der Landschaft auf: Der 412 Meter hohe Funkmast war einst das höchste Bauwerk Europas, 1994 wurde er abgeschaltet. Er ist immer noch das höchste Bauwerk Islands, uns aber keinen Stop wert – den gibt’s erst ein paar Meter weiter, am kleinen Museum in Hellissandur. Die Torfhäuser gehören zu einem Seemannsmuseum. Das Wetter hat sich jetzt völlig geändert: Vielleicht sind wir jetzt im Windschatten des unsichtbaren Snæfellsjökull, jedenfalls ist der Wind weg und der Himmel stellenweise sogar blau. Das wäre ein besserer Ort für eine Mittagspause gewesen als der Fuß der Saxhóll…

20160528-14h-03m-P1130213Gegenüber des Museums gibt es dafür eine Sehenswürdigkeit, die uns mittlerweile vertraut ist, auch wenn ich sie viel zu selten fotografiert habe. Zeit, das nachzuholen: Eine Tankstelle. Eine gute Chance, noch einmal die Getränkevorräte aufzufüllen – nutzen wir sie. Tankstellenshops gehören wohl zur Grundversorgung von Island-Reisenden, zumindest auf der Ringstraße.

Kirkjufellsfossi

Kirkjufellsfossi

Apropos Straße: Wir müssen ja weiter. Der nächste Halt ist der Kirkjufellsfossi, trotz des Regenwetters ein hübscher Wasserfall am Straßenrand. Aussteigen lohnt sich: was von der Straße aus regnerisch-trübe aussieht, macht vom Wasserfall selbst aus deutlich mehr her. Der Spitze Berg im Hintergrund ergibt ein sehr schönes Panorama, das bei gutem Wetter noch eindrucksvoller sein müsste. Definitiv einer der schöneren Wasserfälle und einen Stop wert.

Die Straße führt uns dann weiter Richtung Stykkishólmur, immer entlang der Nordküste der Snæfellsness-Halbinsel. Rund 20 km nach Kirkjufellsfossi ist ein unwirtliches Lavafeld, durch das schon zur Landnahmezeit Wege angelegt werden sollten. Dazu heuerten die Einheimischen Berserker aus Norwegen an – die starken Männer sollten zum Lohn isländische Frauen erhalten. Nur die Frauen waren davon weniger begeistert und lockten die Männer in eine Scheune, die sie dann anzündeten. Die Gegen trägt heute den Namen Berserkerjahraun – wir fahren sicherheitshalber durch.

Kirkjufellsfossi

Kirkjufellsfossi

Stykkishólmur

Stykkishólmur

Das schmucke Städtchen Stykkishólmur hat seltsame Kirchenbauten, eine Fährverbindung und auf der Insel Súgandisey einen kleinen Leuchtturm, von dem aus man einen schönen Rundumblick hat. Für einen Drohnenflug war es leider zu windig, aber der Aufstieg über die Treppe lohnt sich allemal. Wann sehen wir über Westisland sonst schon mal blauen Himmel?

Damit haben wir unser Programm für heute auch abgearbeitet. Zeit für ein bisschen Spaß… für den Rückweg könnten wir entweder die Asphaltstraße zurückfahren, oder die Piste quer durch die Halbinsel nehmen. Die Entscheidung fällt leicht, und den Rest der Rückfahrt dürfen andere filmen und fotografieren, während wir durch Staub und Pfützen pflügen. Zum Ausgleich steht danach noch einmal kurz Autoputzen an; zum Glück gibt es an jeder Tankstelle eine kostenlose Waschgelegenheit. Fazit: Gerne jederzeit wieder:-)

Wahre Island-Begeisterung sieht anders aus...

Wahre Island-Begeisterung sieht anders aus…

Was bleibt noch zu tun? Zurück nach Borganes, wo wir im Landnahmezentrum einen Tisch reserviert haben. Es gibt gehobene Küche, wozu – natürlich – auch Burger gehören. Kein Wunder, dass McDonalds und Burger King sich hier nicht durchsetzen können… Ich greife lieber zur gut gewürzten Lasagne und gönne mir ein Skyr zum Nachtisch. Das Restaurant gehört zum Landnahmezentrum, das eine Ausstellung über die Besiedelung Islands zeigt. Von den Wikingern an der Wand wirkt allerdings keiner besonders glücklich… Das Haus gehört zu den ältesten der Stadt und wurde an den Fels erweitert, um mehr Platz zu gewinnen – wir sitzen also direkt an der Felswand, an die Glasfenster und Dach angepasst wurden. Interessanter Baustil.

Abschließend bleibt noch etwas Zeit für einen kleinen Rundgang durch Borganes. So gemütlich die Häuser innen auch sein mögen: Schönheitspreise können nur die wenigsten gewinnen. Auch wenn das Klima rau ist, würde ein wenig Farbe nicht schaden. Aber dafür gibt es auch ausreichend Bauten, die vollständig mit Metall verkleidet sind, oder Betonbunker. Schade eigentlich, aber der einzige Baumarkt, den ich auf der Strecke gesehen habe, war auch weit weg in Reykjavík.

Island im Tiefflug, Teil 5

Goðafoss

Goðafoss

Die drei Bungalows bei Reykjadalur waren hübsch, aber für Durchreisende wie uns fehlt das Frühstücksbuffet – da hilft auch der Grill nichts. Statt Frühstück gibt’s also Kekse im Auto und den zehn Kilometer entfernten Goðafoss. Nachdem das Christentum zur Staatsreligion gewählt wurde, versenkte Þorgeir hier der Überlieferung nach seine alten Götterstatuen, daher der Name Götter(wasser)fall.

Die Wassermassen stürzen in einem weiten Bogen rund 12 Meter in die Tiefe – um den Wasserfall zu überblicken, bietet sich wieder einmal Luftunterstützung an. Wozu hat man eine Drohne dabei? Aber auch vom Erdboden aus macht er einiges her, der Zwischenstop lohnt sich. Um die Uhrzeit sind wir auch alleine an dem Wasserfall.

Die Fram in Akureyri

Die Fram in Akureyri

Nächster Halt: Die Universitätsstadt Akureyri, die mit 18.000 Einwohnern hoffentlich auch eine Frühstücksmöglichkeit bietet. Vorher wird aber erst der Hafen angesteuert: Dort liegt gerade die Fram vor Anker. Trotz Hurtigrutenjacke dürfen wir aber nicht an Bord: Anders als in Norwegen ist hier nichts mit Port Guests, wahrscheinlich wegen der internationalen Fahrtroute, dem ISPS-Gedöns und überhaupt. Jedenfalls bleibt es bei einem Blick von außen auf das Hurtigruten-Expeditionsschiff.

Dann also ab in die Stadt, einen Parkplatz suchen. Neue Erkenntnis: Die Mietwägen haben keine Parkscheibe. Das war jetzt auch das letzte, was ich ins Reisegepäck getan hätte – ein handschriftlicher Zettel mit der Ankunftszeit verschafft uns hoffentlich genug Zeit, um einmal durch die Hauptstraße zu schlendern und zu frühstücken. Ein unscheinbares Gebäude beherbergt ein uriges Restaurant/Cafe, in dem Onkel Steini dran glauben muss – so heißt das nicht-vegetarische Frühstückspaket mit Brot, Wurst und Käse, mit dem ich meinen Bargeldbestand auch noch gut reduzieren kann. Irgendwann gewöhne ich mich noch daran, dass Bargeld in den nordischen Ländern mittlerweile weitestgehend überflüssig ist.

Nach einem Gang durch die Hauptstraße/Altstadt entscheiden wir, alles wichtige gesehen zu haben, und steuern mit den Autos den nächsten Supermarkt und dann die Tankstelle an. Die Tanke nimmt wie üblich nur Karten und quittiert meine mit einem freundlichen Ekki heimilaðt – nicht erlaubt. Anscheinend haben die letzten Tankstellen so viel Geld reserviert, dass ich jetzt schon am Kreditlimit bin. Nächstes Mal nehme ich weniger Bargeld und mehr Kreditkarten nach Island mit… Zum Glück kann ich noch eine Kreditkarte schnorren und die Fahrt fortsetzen.

Entlang der Nordküste

Entlang der Nordküste

Jetzt heißt es wieder Kilometer schrubben – rund zwei Stunden oder 200 Kilometer trennen uns vom nächsten Ziel. Auf der Ringstraße ist in der Nähe von Akureyri überraschend viel Verkehr, und es dauert, bis wir freie Fahrt haben. Die einheimischen Sprinter-Fahrer sind aber ein deutlicher Hinweis darauf, dass hier wohl nicht zu streng kontrolliert wird – oder die Knöllchen für isländische Verhältnisse bezahlbar sind…

Irgendwann verlassen wir die Ringstraße und fahren über Schotterpisten ans Meer. Das Ziel: Der Basaltfelsen Hvítserkur, angeblich ein versteinerter Troll, der heute einsam im Meer steht. Der Legende nach wurde er versteinert, als er das mittlerweile aufgegebene Kloster Þingeyrar mit Steinen bewarf.

Von den hohen Klippen hat man einen schönen Blick herab auf die 15 Meter hohe Formation; der Fußweg zum Ufer sieht dagegen etwas anspruchsvoller aus. Also bleibt es bei Luftaufnahmen ohne Drohne, bevor wir wieder zurück zur Ringstraße brettern. Island möchte ich wirklich nicht mit dem eigenen Auto machen, mit Miet-Allradler (und allen Vollkaskoversicherungen gegen Steinschlag und mehr) macht das mehr Spaß.

Islandponies

Islandponies

Fels und Festung Borgarvirki verpassen oder übersehen wir; wir halten uns lieber an die Nebenstraßen, wo wir sogar echten Isländern begegnen: Eine Herde Ponies versteckt sich in einem Graben und sucht Schutz vor dem Wind. Die Kameras klicken…

Vom nächsten Streckenabschnitt habe ich keine Fotos gemacht: Die Route nannte sich zwar Straße, war aber eindeutig für Allradbetrieb ausgelegt. Von einem Zwischenstop abgesehen hatte ich daher keine Chance, zur Kamera zu greifen. Und auf dem Halt sieht das deutlich mehr nach normalem Feldweg aus als während der Fahrt…

Wahrscheinlich (hoffentlich) war es eine Einbahnstraße, da am Ende ein Seil als Absperrung gespannt war. Dem Wohnmobil daneben würde ich diese Route aber in keiner Richtung empfehlen. Kurz nach der Piste kam schon unser nächstes Ziel: Deildartunguhver, eine sehr wasserreiche heiße Quelle, die zahlreiche Orte in bis zu 60 km Entfernung mit Warmwasser versorgt. Mein Eindruck von Deildartunguhver: Eine Spalte mit Wasser und sehr starkem Wind.

Keine halbe Stunde weiter weg ist der nächste Halt, wo wir auch länger bleiben: Gut eine Stunde gönnen wir uns am Hraunfossar-Gebiet, einer eindrucksvollen Ansammlung von Wasserfällen. Sie sind in Privatbesitz, oder zumindest das Toilettenhäuschen am Parkplatz – so ziemlich der einzige Ort in Island, an dem man wirklich Hartgeld benötigt…

Die Hraunfossar scheinen direkt aus der Lava zu kommen und sind eine breite Wand aus Wasserfällen. Ein paar Meter stromaufwärts ist der Barnafoss, der ganz klassisch zu einem Fluss gehört. Mit Brücken und Wanderwegen ist er gut erschlossen. Früher war das anders: Er verdankt seinen Namen Kinderfall einem Unglück, bei dem zwei Kinder von einem benachbarten Hof dort von einem Lavabogen stürzten und ertranken. Die Mutter ließ den Lavabogen dann zerstören, damit so etwas nicht noch einmal passieren kann.

Borgarnes – Ausblick vom Ferienhaus

Borgarnes – Ausblick vom Ferienhaus

Das letzte Ziel des Tages: Borgarnes an der Westküste Islands, wo wir gleich für zwei Nächte zwei Wohnungen angemietet hatten – wobei die Bäderlogistik wie gehabt war und für zehn Leute anspruchsvoll…Das warme Wasser dort kommt übrigens aus Deildartunguhver, das kalte aus anderen Regionen.

Die Restaurant-Auswahl ist wieder überschaubar, für den ersten Abend landeten wir im Grillhusid, da das Settlement Center ausgebucht war. Um eine Wartezeit kamen wir aber auch diesmal nicht herum, letztlich wurde uns aber sogar eine Tafel für 10 Personen frei gemacht. Die Speisekarte: Burger, und ein paar Steaks. Typisch isländisch halt, und nicht schlecht.

Island im Tiefflug, Teil 4

Kaum zu glauben: Schon ist Halbzeit, und wir sitzen wieder im Auto, fahren durch – gefühlt – die verschneiten Alpen (der Pass zwischen Seyðisfjörður und Egilsstaðir ist immerhin rund 600 Meter hoch) und sind auf der Suche nach etwas zu essen, da in Seyðisfjörður niemand Frühstück anbietet. Immerhin tanken konnten wir noch im Ort, und Auto waschen. Irgendwo hinter Egilsstaðir plündern wir eine Bäckerei, und dann steht Fahrerei an: Bis zum Dettifoss sind es über 300 Kilometer durch den einsamen Nordosten Islands.

Die gut drei Stunden lange Fahrt ist trotzdem abwechslungsreich: Über die gut ausgebaute Ringstraße geht es erst durch grüne oder braune Täler, bis wir an Höhe gewinnen und weiter in das Landesinnere kommen. Näher am Dettifoss wird es dann unangenehm: Starker Wind schüttelt das Auto durch, während das Navi uns über Schotterpisten zu Straßensperrungen lotst. Erst im zweiten Anlauf gelangen wir zum Dettifoss, aber am oberen Parkplatz, nicht wie ursprünglich geplant am Fuß des Wasserfalls.

Auf zu den Wasserfällen

Auf zu den Wasserfällen

Der Wind: Wow. Kein Wunder, dass das Auto gewackelt hat. Der Besuch der Dixi-Klos am Parkplatz war dadurch ein echtes Erlebnis… Eins ist gewiss: Wenn ich nochmal nach Island gehe, kommt ein Windmesser mit. Trotz des Wetters ist der Parkplatz morgens um halb zwölf gut besucht. Der Fußweg zum Wasserfall wird immer wieder neu ausgeschildert, je nachdem, welche Route gerade begehbar ist und welche ins Wasser führt.

Wir gehen zuerst zum Selfoss, etwa einen Kilometer oberhalb des Dettifoss. Die Route hat noch gut Schnee, aber mit Profil an den Schuhen ist sie kein großes Problem – man darf nur nicht zu langsam werden oder über fernöstliche Touristen stolpern, die kein Auge für die Umgebung haben. Durch Schnee und Wasser erreichen die die Weggabelung Dettifoss/Selfoss und dann den Selfoss.

Die meisten strömen wohl direkt zum Dettifoss, daher ist es am Selfoss relativ ruhig. Aus einem gewissen Abstand lässt er sich gut überblicken; das Wasser strömt vom Wind unbeeindruckt über die Basaltklippen – hier ist es aber auch etwas windgeschützter als am höher gelegenen Parkplatz. Beim Rückweg begegnen wir Isländern, die die Wege neu markieren und uns den Rat geben, am besten gleich die Seite zu wechseln – das Wasser wird nicht weniger.

Richtung Parkplatz tauchen auch immer mehr Menschen auf – es ist eindeutig Zeit, zum Dettifoss zu gehen, bevor es zu voll wird. Dort angekommen, bietet eine kleine Plattform einen sicheren Ausblick auf den Wasserfall. Die Ablagerungen im Gestein sind für mich das faszinierendste an ihm.

44 Meter stürzt das Wasser hier in die Tiefe, mit 200 bis 1500 Kubikmeter Wasser pro Sekunde ist er der wasserreichste Wasserfall Europas. Superlativ hin oder her, ein Wasserfall zum Anfassen wie der Gluggarfoss fasziniert mich mehr. Der Dettifoss bleibt irgendwie unbegreifbar, unnnahbar. Aber immerhin war jetzt noch kein Eintrittsgeld fällig, in der Hochsaison ist das mittlerweile anders. Wenn ich mir anschaue, wie viel jetzt schon  los ist, will ich aber auch nicht wissen, wie voll es hier zur Hochsaison ist.

Wie dem auch sei, wir entgehen dem Wind und den Menschenmassen und suchen wieder den Weg zur Ringstraße Richtung Myvatn. Am nächsten Ziel ist es wärmer, dummerweise vergesse ich, das Gebläse vom Auto rechtzeitig auf Umluft zu stellen: Wir fahren zum Krafla-Kraftwerk und den benachbarten Vulkankratern, dementsprechend schwefelgeschwängert ist die Luft. Fast wie früher im Chemielabor… Der Aufstieg zum Kraterrand – wohl der Vití, der 1724 entstand – ist dank Rückenwind easy.

Sich am Kraterrand aufzuhalten ist dagegen weniger leicht, dafür kann man sich gut in den Wind lehnen. Wenn da nicht das Gefühl wäre, sandgestrahlt zu werden… Ein Stück hinter dem Krater dampft es aus einer Spalte hervor, in der Schwefelablagerungen für scheinbar außerweltliche Farbenspiele sorgen.

Der Viti-Krater

Der Viti-Krater

Eine Stunde Fußweg von unserem Parkplatz liegt die Vulkanspalte Leirhnjúkur, die immer noch aktiv sein soll. Genau wie den eigentlichen Krafla schenken wir uns diese Tour jedoch; am Vití im Wind zu stehen macht genug Spaß und stresst die Akkus genug – erst im Auto springt manches Handy wieder an.

Das nächste Ziel liegt tiefer, stinkt aber noch mehr: Bei Hverir wurde noch vor 150 Jahren Schwefel für die Schießpulverherstellung abgebaut. Ein paar Fundamente zeugen noch von der Industrievergangenheit, viel eindrucksvoller sind die mannshohen Steinhaufen, aus denen heiße Gase ausströmen, ebenso die Schlammvulkane, die vor sich hinblubbern – und zum Glück nicht Geysir spielen. Die gefährlichen Gebiete sind mittlerweile abgesperrt, Plattformen erlauben einen sicheren Blick auf die brodelnden Schlammlöcher. Hier ist der starke Wind ein Segen, solange man keine der Wolken abkriegt.

Kein Ort, wo ich länger Urlaub machen wollte, geschweige denn arbeiten. Auch hier ist in der Urlaubszeit ein Eintrittsgeld fällig; für die paar Besucher im Mai zum Glück noch nicht. Fairerweise hätte ein Kiosk oder Restaurant hier aber einen schweren Stand, auch wir suchen rasch das Weite und frische Luft.

Der nächste Stopp war früher eine beliebte Badegelegenheit, heute ist Baden verboten. Dass wir zu spät sind, liegt aber nicht nur an der zunehmenden Bekanntheit, sondern vor allem an der Temperatur: Irgendwann stieg sie auf 60° an, seitdem ist Baden in der Grotte Grjótagjá verboten. Mittlerweile ist die Temperatur wieder gefallen, aber bei den ständig neuen Besuchern ist die Lust auf ein Bad auch eher gering – früher muss es eindrucksvoll gewesen sein, in Ruhe in diesen unterirdischen warmen See zu steigen. Das kristallklare Wasser würde einen regen Badebetrieb aber kaum überstehen, befürchte ich.

Von den Wasserfällen mal abgesehen liegen alle heutigen Tagesziele nah beieinander, im Myvatn-Gebiet. Unser letztes Ziel ist nur drei Kilometer entfernt: Dimmuborgir, die dunklen Burgen. Nur eines ist vorher zu zu überwältigen: Ziegen. Der Fotostop muss sein, wenn man in Island schon mal auf Lebewesen trifft… Neben den Ziegen ragt auch schon dunkle Lava wie eine Mauer auf, und irgendwann stehen wir vor einem Gatter – freilaufende Ziegen gibt es auch in Island nicht.

Wir lassen die ausgeschilderte Pizzeria rechts liegen und steuern stattdessen Dimmuborgir an, die dunklen Burgen – ein ausgedientes Lavafeld, das nicht von dieser Welt zu sein scheint.

Das Umfeld von Dimmuborgir, rechts der Krater Hverfjall

Das Umfeld von Dimmuborgir, rechts der Krater Hverfjall

Eine ganze Reihe von Wanderwegen durchzieht dieses irre Gebiet, bei dem man sich unweigerlich fragt: Wer baut so was? Die Lavaformationen erinnern wirklich an verfallene, urzeitliche Festungen. Statt Orks sollen sich hier aber die Gesellen des Weihnachtsmanns rumtreiben. Es ist nur Zeit für eine Stipvisite eingeplant, aber ausgerechnet die, die nur kurz reinschauen wollen, verlaufen sich und machen die große Runde – wer sich auf den mittellangen Rundweg gemacht hat, hatte daher noch genug Zeit für den Souvenirshop…

Der mächtige Krater Hverfjall, der die Landschaft dominiert, lädt ebenfalls zu einem Besuch ein. Er entstand vor rund 2500 Jahren bei einer Wasserdampfexplosion – Magma traf auf Grundwasser, und das Ergebnis dieser Explosion rieselte senkrecht herunter und formte den mächtigen Tuffring. Es gibt wohl nur wenige vergleichbare Strukturen auf der Welt. Wir kommen ihm allerdings nur auf Sichtweite nahe, für einen Besuch kommt keine Mehrheit zustande. Stattdessen geht es zu den Ferienhäuschen, die wir für die Nacht gebucht haben.

Mini-Häuschen für die Nacht

Mini-Häuschen für die Nacht

Die Häuschen sind ziemlich neu und richtig süß: Ein Zimmer, Schlafzimmer, Kochecke, Bad und Hot Pod. Der Hot Pod wird mit warmem Grundwasser gefüllt und zusätzlich beheizt; ganz so entspannend wie ein norwegisches Bobblebad ist das allerdings nicht. Trotzdem nett.

Da die Umgebung der Häuschen außer Wasserfällen nicht viel zu bieten hat, fahren wir für das Abendessen nach Húsavík. Das Städtchen macht einen hübschen Eindruck: Gepflegte Häuser und weniger ungepflegt oder lieblos gebaut als in anderen Orten, in denen wir bislang waren. Hübsch. Der Hafen ist auch für Tourismus ausgelegt: Einige Boote bieten Walsafaris an, auch auf Segelbooten, teilweise mit regenerativem Zusatzmotor. Auf Touristen ist der Ort trotzdem nur bedingt eingerichtet: Ein Restaurant wird gerade saniert, eines hat über eine Stunde Wartezeit, und das war’s dann eigentlich auch schon so ziemlich für zehn Leute… Wir reservieren einen Platz und nutzen die Wartezeit für einen Gang durch den Ort und um Getränke zu kaufen.

Mit etwas über 2200 Einwohnern ist auch Húsavík überschaubar, sodass wir mehr als rechtzeitig wieder im Restaurant sind. Auf der Speisekarte stehen vor allem Burger, aber zum Glück nicht nur… Der Laden selbst ist urgemütlich, und das Essen schmeckt auch. Dann steht für den Tag nur noch an, zurück zur Unterkunft zu fahren und zu schauen, was der Hot Pod hergibt.